Die Grundformen der Angst im Nibelungenlied

von
Dr. Niklas Gebele
Psychologischer Psychotherapeut
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76185 Karlsruhe
Tel. 0721 – 8317428
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Die Grundformen der Angst im Nibelungenlied

Der psychologische Gehalt des Mythos
Die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann
Das Verhältnis zur Welt: Siegfried vs. Hagen
Siegfried
Hagen
Das Verhältnis zum anderen: Kriemhild vs. Brünhild
Kriemhild
Brünhild
Podcast: Der Nibelungen Psyche
Literatur

Der psychologische Gehalt des Mythos

„Genau wie der Traum bietet auch der Mythos eine Geschichte, die sich in Raum und Zeit abspielt, eine Geschichte, die in symbolischer Sprache religiöse und philosophische Ideen, Erfahrungen der Seele ausdrückt, in denen die wahre Bedeutung des Mythos liegt“ (Fromm, 2001, S. 130).

Erfahrungen der Seele – Sie sind es wohl, die letztlich das Menschsein ausmachen. Liebe, Trauer, Stolz, Neid, Schmerz, Einsamkeit, Hass, Freundschaft und, natürlich, auch Angst. Das breite Spektrum unserer Emotionen erfüllt wichtige, evolutionsbiologisch herausgebildete, überlebenssichernde Funktionen. Das Bindungsbedürfnis, für welches wir eine Vielzahl eher unscharf voneinander abgegrenzter Gefühlsbegriffe haben – Liebe, Freundschaft, Treue, Seelenverwandtschaft usw. – sichert soziale Beziehungen und das emotionale wie physisch lebenswichtige Eingebundensein in soziale Gruppen. Aggression, Wut, Zorn, auch Hass, weisen uns letztlich auf die (drohende) Verletzung für uns wichtiger Bedürfnisse hin und ermöglichen uns, für diese einzutreten, sie zu verteidigen. Dass dies nicht immer konstruktiv und verhältnismäßig geschieht, ändert nichts an der grundsätzlichen Funktionalität auch dieser Emotionskategorie.

Angst schließlich, zeigt uns die Möglichkeit drohender Gefahren an. Unseren prähistorischen Vorfahren legte sie nahe, sich für Kampf oder Flucht bereit zu machen, indem sie Herzschlag, Blutdruck, Muskelspannung unwillkürlich erhöht. Als Homo Sapiens sind wir gefordert, differenziertere, der Komplexität unserer sozialen Lebensverhältnisse angemessene Reaktionsweisen zu entwickeln, zu praktizieren und diese transgenerational weiterzuvermitteln. Diesen Kultur genannten Prozess bewältigen wir, indem wir Geschichten entwerfen, die, um noch einmal auf das Eingangszitat von Erich Fromm (2001, S. 130) zurückzugreifen „in symbolischer Sprache religiöse und philosophische Ideen“, ebenjene „Erfahrungen der Seele“, in intuitiv verständlicher Form beschreiben und auf diese Weise transgenerational vermittelbar und auch jenseits des konkreten sozialen Kontextes universell verstehbar machen. So erfährt und bezieht der Mensch sein emotionales und soziales Erlebens- und Verhaltensrepertoire aus „der Geschichte seiner sozialen Gruppe; zusammen mit der Muttersprache verinnerlicht er die Überzeugungen, Werte, Normen und Ziele seiner Gemeinschaft. Er übernimmt ihre kulturelle Tradition in Form von Erzählungen und Mythen, von Glauben oder Aberglauben. Ihm werden auf diese Weise ebenso Konfliktlösungsstrategien vermittelt, wie Regeln des emotionalen Ausdrucks“ (Rudolf, 2005, S. 8).

Es kann also davon ausgegangen werden, dass es eben jene Geschichten sind, welche die Erfahrungen der Seele über den jeweiligen sozialhistorischen Kontext hinaus universell verständlich auszudrücken vermögen, die schließlich zu die Zeit überdauernden Mythen werden. Zu diesen zählt, ganz ohne Frage, das Nibelungenlied. Und so möchte ich in diesem Text den Versuch unternehmen eine der existenziellsten Erfahrungen der Seele, die Angst, wie sie bereits 1961 von dem Psychoanalytiker Fritz Riemann in seinem bis heute populären und für die Praxis der Persönlichkeitspsychologie und Psychotherapie unverändert relevanten Standardwerk Grundformen der Angst (Riemann, 1999) analysiert und beschrieben wurde, im Nibelungenlied und seinen Protagonistinnen und Protagonisten zu identifizieren und herauszuarbeiten, wie diese die Grundformen der Angst, welche uns allen gemein und unbewusst vertraut sind, symbolisieren und dadurch für uns verstehbar und anschlussfähig werden.

Hierin, also in der universellen psychologischen Anschlussfähigkeit, liegt, so meine These, ein Grund für die, trotz meiner Wahrnehmung nach und zu meinem Bedauern abnehmenden Bekanntheit des Nibelungenliedes, ungebrochene Faszination des Stoffes, wenn man denn einmal mit ihm in Berührung gekommen ist.

Die Grundformen der Angst nach Fritz Riemann

„Angst gehört unvermeidlich zu unserem Leben. In immer neuen Abwandlungen begleitet sie uns von der Geburt bis zum Tode. Die Geschichte der Menschheit lässt immer neue Versuche erkennen, Angst zu bewältigen, zu vermindern, zu überwinden oder zu binden. […] Es bleibt wohl eine unserer Illusionen, zu glauben, ein Leben ohne Angst leben zu können; sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeiten und des Wissens um unsere Sterblichkeit. Wir können nur versuchen, Gegenkräfte gegen sie zu entwickeln: Mut, Vertrauen, Erkenntnis, Macht, Hoffnung, Demut, Glaube und Liebe. Diese können uns helfen, Angst anzunehmen, uns mit ihr auseinanderzusetzen, sie immer wieder neu zu besiegen“ (Riemann, 1999, S. 19).

Angst begegnet uns im Leben in den verschiedensten Ausformungen. Ein akuter Schreck infolge eines lauten Geräuschs, die Angst vor einer fraglichen Bedrohung durch einen sich aggressiv gebärdenden Mitmenschen, vor einer Prüfung, einem Versagen oder einer Schuld. Das grundsätzliche, angstgetriebene Vermeiden von Höhen, engen Räumen oder freien Plätzen. Pathologische Ängste, wie das unablässige sorgenvolle Grübeln ohne erkennbaren Anlass, die Panikattacke mit potentiell bis zur Ohnmacht kulminierenden physiologischen Erregungssymptomen, oder wahnhafte, der Realitätsprüfung gänzlich entzogene Ängste vor allem Möglichen und Unmöglichen. Es scheint – das soll in einem Text über das Nibelungenlied nicht unterschlagen werden – gar eine spezifische German Angst zu geben. Und es gibt und hat immer gegeben, die Angst vor dem eigenen Tod (Yalom, 2010).

Fritz Riemann unternimmt nun den Versuch, diese unzähligen Formen der Angst zu systematisieren, indem er die ihnen zugrundeliegenden Grundformen identifiziert und beschreibt. Riemann zufolge muss sich der Mensch auf zwei grundsätzlichen Dimensionen im Leben verorten und zurechtfinden.

Er muss, das ist die erste Dimension, sein Verhältnis zur Welt erkennen und definieren. Diese dreht sich, und sie dreht sich schnell. Sie befindet sich in stetigem Wandel, panta rhei. Um damit zurecht zu kommen, müssen wir flexibel und selbst wandlungsfähig bleiben. Die Anforderung der Welt an uns besteht darin, „dass wir immer bereit sein sollen, uns zu wandeln, Veränderungen und Entwicklungen zu bejahen, Vertrautes aufzugeben, Traditionen und Gewohnheit hinter uns zu lassen, uns immer wieder vom gerade Erreichten zu lösen und Abschied zu nehmen, alles nur als Durchgang zu erleben. Mit dieser Forderung, uns immer lebendig weiterzuentwickeln, uns nicht aufzuhalten, nicht zu haften, dem Neuen geöffnet und das Unbekannte wagend, ist nun die Angst verbunden, durch Ordnungen, Notwendigkeiten, Regeln und Gesetzte, durch den Sog der Vergangenheit und Gewohnheit festgelegt, festgehalten zu werden, eingeengt, begrenzt zu werden in unseren Möglichkeiten und unserem Freiheitsdrang“ (Riemann, 1991, S. 28). Das grundlegende Motiv der Entwicklung, des persönlichen Wachstums und der inneren Flexibilität geht also notwendigerweise mit der Angst vor Verbindlichkeit, Einschränkung und Stillstand einher.

Nun besteht die Dialektik der menschlichen Existenz in der Welt jedoch darin, dass dem Motiv der Entwicklung und Bewegung ein gegenteiliges, aber ebenso existenzielles, Motiv gegenübersteht: Das Bedürfnis nach Stabilität und Dauer. Absolute Bewusstheit unserer eigenen Vergänglichkeit und jederzeitigen Sterblichkeit würde die meisten Menschen in Verzweiflung und Sinnlosigkeit stürzen, jedwedes Engagement für ein gelingendes Leben vergebens und überflüssig erscheinen lassen. Es ist also die Fokussierung auf Konstanten unseres Lebens, auf für uns universelle Werte, die dem eigenen Dasein Halt und Struktur verleihen, notwendig. Doch „mit dieser Forderung, zu dauern, uns in eine ungewisse Zukunft zu entwerfen, ja, überhaupt eine Zukunft zu haben, als ob wir damit etwas Festes und Sicheres vor uns hätten – mit dieser Forderung sind alle Ängste gegeben, die mit dem Wissen um die Vergänglichkeit, um unsere Abhängigkeiten und um die irrationale Unberechenbarkeit unseres Daseins zusammenhängen: Die Angst vor dem Wagnis des Neuen, vor dem Planen ins Ungewisse, davor, sich dem ewigen Fließen des Lebens zu überlassen, das nie stillsteht und auch uns selbst wandelnd ergreift“ (Riemann, 1991, S. 27f.).

Anhand dieser ersten beiden Grundformen der Angst wird zweierlei deutlich. Erstens, die handlungssteuernde Signalfunktion der Angst. Sie ist, wie alle Affekte, zwingend notwendig, um unser Handeln in Richtung bestimmter existenzieller Motive zu lenken. Die Angst entsteht aus der antizipierten mangelhaften Befriedigung oder der Bedrohtheit existenzieller Bedürfnisse, womit der reflexhafte Bewegungsimpuls von der Angst weg, zum Antrieb der Bewegung hin zu einer ausreichenden Bedürfnisbefriedigung wird.

Zweitens, zeigt sich in diesem ersten Gegensatzpaar von Motiven bzw. Ängsten, die grundsätzliche dialektische Bipolarität der menschlichen Psyche. Die dauerhafte und vollständige Erfüllung des einen Bedürfnisses ist niemals möglich, denn sie hätte den Preis des vollständigen Mangels an dem, worauf das entgegengesetzte Bedürfnis zielt und würde somit mit allgegenwärtiger existenzieller Angst einhergehen. Unsere Aufgabe besteht folglich darin, unser Verhältnis zur Welt in einem, je nach den Gegebenheiten der inneren und äußeren Situation immer wieder zu justierenden, Gleichgewicht zwischen dem Bedürfnis nach Entwicklung (bzw. der Angst vor Stillstand) und dem Bedürfnis nach Stabilität (bzw. der Angst vor Vergänglichkeit) zu halten und auf diesem Kontinuum flexibel und beweglich zu bleiben, im besten Falle ohne zu nahe an die Extrempole, wo die Angst am größten und das Verhaltensrepertoire am einseitigsten ist, zu geraten.

Gleiches gilt neben unserem Verhältnis zur Welt auch für unsere Beziehungen zu anderen Menschen. Hier findet sich nach Riemann das zweite Gegensatzpaar von existenziellen Motiven und Ängsten. Als soziale Wesen müssen wir funktionale Wege finden, mit anderen Menschen Sicherheit und Halt gebende, gegenseitig unterstützende, versorgende und beschützende Bindungen einzugehen und diese stabil aufrechterhalten zu können. Es ist, nach Riemann, die Anforderung, „dass wir uns der Welt, dem Leben und den Mitmenschen vertrauend öffnen, uns einlassen sollen mit dem Nicht-Ich, dem Fremden, in Austausch treten sollen mit dem Außer-uns-Seienden. […] Damit ist aber verbunden alle Angst, unser Ich zu verlieren, abhängig zu werden, uns auszuliefern, unser Eigensein nicht angemessen leben zu können, es anderen opfern und in der geforderten Anpassung zu viel von uns selbst aufgeben zu müssen“ (Riemann, 1991, S. 26f). Und dennoch: „Riskieren wir das nicht, bleiben wir isolierte Einzelwesen ohne Bindung, ohne Zugehörigkeit zu etwas über uns Hinausreichendem, letztlich ohne Geborgenheit und werden so weder uns selbst noch die Welt kennenlernen“ (ebd.).

Die Angst des Ich-Verlustes verweist indes auf das zweite, dem ersten entgegengesetzte existenzielle Motiv in unserer Beziehung zum Anderen, nämlich, „dass wir ein einmaliges Individuum werden sollen, unser Eigensein bejahend und gegen andere abgrenzend, dass wir unverwechselbare Persönlichkeiten werden sollen, kein austauschbarer Massenmensch. Damit ist aber alle Angst gegeben, die uns droht, wenn wir uns von anderen unterschieden und dadurch aus der Geborgenheit des Dazugehörens und der Gemeinsamkeit herausfallen, was Einsamkeit und Isolierung bedeuten würde“ (Riemann, 1991, S. 26).

Diesen zentralen inneren Konflikt des Menschen, der die zweite Dimension der Grundformen der Angst darstellt, hat Schopenhauer (1965) in seiner Stachelschweinparabel so einfach wie treffend illustriert. Eine Herde Stachelschweine rückt an einem kalten Tag immer weiter zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen. Wird die Nähe jedoch zu groß – und damit die Kälte bestmöglich bekämpft – beginnen die Stacheln der Nächsten zunehmend zu schmerzen, was die Stachelschweine dazu bringt, sich wieder voneinander wegzubewegen, bis der Schmerz der Nähe nachlässt, dafür aber die Kälte wieder unaushaltbar wird und eine erneute Bewegung aufeinander zu verursacht, usf.

Auch in der Beziehung des Menschen zu den anderen Menschen finden wir also die grundsätzliche Dialektik des Bedürfnisses nach Nähe und Bindung und desjenigen nach Individualität und Selbstverwirklichung, welche von der Angst vor Einsamkeit und Isolation bzw. vor Ich-Aufgabe und Abhängigkeit motiviert werden.

Wenn es sich nun, wie Riemann überzeugend postuliert, bei diesen Grundformen der Angst um grundsätzliche Erfahrungen der Seele handelt, so sollten wir diese in unseren archetypischen Erzählungen, den Mythen, wiederfinden können. Die einzelnen Figuren im Mythos sind eindimensionaler, stärker durch oft nur eine hervorstechende Eigenschaft charakterisiert, diese in aller Eindeutigkeit ausagierend, als das grundsätzlich dialektisch, bipolar motivierte, mit komplexen inneren Konflikten ringende reale Individuum. Die zugespitzte Darstellung grundlegender Wesenszüge im Mythos dient ebenjener, für den Mythos bezeichnenden, ihn gleichsam definierenden, Vermittlung der „Überzeugungen, Werte, Normen und Ziele seiner Gemeinschaft“ (Rudolf, 2005, S. 8) sowie ihrer „Konfliktlösungsstrategien“ (ebd.) und „Regeln des emotionalen Ausdrucks“ (ebd.).

Die handelnden Charaktere im Mythos können folglich zum einen als Illustration extremer Varianten archetypischer Wesenszüge betrachtet werden, als Abbilder jener realen Personen, bei welchen einzelne Aspekte des menschlichen Erlebens in pathologischer Weise überausgeprägt sind. Riemann beschreibt diese Extremvariationen der Grundformen der Angst in Form von vier pathologischen Persönlichkeitstypen1:

  1. Die hysterische Persönlichkeit, überwertig geprägt von der Angst vor Verbindlichkeit, Stillstand, Endgültigkeit und dem Motiv der Veränderung, Entwicklung, Aktivität und Herausforderung.
  2. Die zwanghafte Persönlichkeit, in extremem Ausmaß getrieben von der Angst vor Vergänglichkeit, Chaos, Instabilität und Überforderung sowie, folglich, dem Streben nach Stabilität, Verlässlichkeit, Konformismus und einem Hang zum Autoritarismus.
  3. Die depressive Persönlichkeit, übermäßig eingenommen von der Angst vor Einsamkeit und Isolation und daher Individualität, Freiheit und Selbstbestimmtheit dem Bedürfnis nach Nähe, Halt, Zugehörigkeit und Liebe unterordnend.
  4. Die schizoide Persönlichkeit, bei der Selbstbestimmung, Individualität und Freiheit, infolge einer übergroßen Angst vor Vereinnahmung und Ich-Verlust, die überwertigen handlungsleitenden Motive darstellen.

Zum anderen bietet sich, gerade wegen der polarisierten Vielfalt der Charaktere und ihrer oft hoch dramatischen Interaktion miteinander, eine zweite Deutungsebene des Mythos an, welche von C. G. Jung (1995) unter dem Begriff Subjektstufe eingeführt wurde. Im Gegensatz zur zuvor beschriebenen Objektstufe, wo die handelnden Charaktere des Mythos als symbolische Äquivalente einzelner, miteinander sozial interagierender Individuen betrachtet werden, wird auf der Subjektstufe der Deutung die Handlung, also das interaktionelle Geschehen, des Mythos als innerer Konflikt gedeutet. Die Protagonisten können somit verstanden werden als verschiedene, sich im Sinne der konflikthaften Bipolarität des Menschen oftmals widerstreitende, Anteile der einen Persönlichkeit eines Individuums und eröffnen somit einen weiteren, mitunter von der Deutung der Objektstufe gänzlich verschiedenen, Deutungsansatz, welcher die ganze Ambivalenz und Zerrissenheit, welche der menschlichen Psyche eigen sind, in der symbolhaften, aber intuitiv verständlichen Bildsprache des Mythos auszudrücken vermag.

Wir können somit sagen, dass die Charaktere des Mythos, hier des Nibelungenliedes, die zentralen Erfahrungen der Seele, und somit auch die vier Grundformen der Angst, sowohl als eigenständige Charaktere in der mythischen Narration selbst erleben – oft mit Tendenz zum extremem, pathologisch einseitig akzentuiertem Erleben und Verhlaten – und sie gleichzeitig auch auf der subjektstufigen Deutungsebene archetypisch symbolisieren.

Insbesondere die vier Hauptcharaktere – zumindest, wenn man ihre Funktion für die dramatische Dynamik der Handlung dieser Bewertung zugrunde legt – Siegfried, Hagen, Kriemhild und Brünhild, lassen sich klar als Träger und Symbole der vier Grundformen der Angst verstehen, was die konflikthafte Dynamik zwischen ihnen, die gleichsam unvermeidliche, zerstörerische Kollision zwischen den jeweils grundsätzlich unvereinbaren, ewig widerstreitenden Kräften der menschlichen Ängste, schlüssig zu erklären vermag.

Das Verhältnis zur Welt: Siegfried vs. Hagen

Siegfried

Die hysterische Persönlichkeit ist nach Riemann dadurch gekennzeichnet, dass sie „von Augenblick zu Augenblick lebt, nicht mit festen Plänen und klaren Zielen, sondern immer in der Erwartung von etwas Neuem, auf der Suche nach neuen Reizen, Eindrücken und Abenteuern, ablenkbar daher und verführbar durch den jeweils gerade vorherrschenden Reiz oder Wunsch, der sich außen oder innen anbietet“ (Riemann, 1991, S. 194).

In ebendieser Weise jagt der Held Siegfried von Abenteuer zu Abenteuer. Den frühen Schritt in die Verantwortung des Regierens über sein heimisches Königreich lehnt er ab, stattdessen zieht es ihn hinaus in die weite Welt. Damit kann Siegfrieds Vorgeschichte, bis zur erfolgreichen Eroberung der geliebten Kriemhild, als das klassische mythologische Narrativ der Heldenreise verstanden werden. Ein jeder Mensch muss sich aus der zwar sicheren und vertrauten, aber doch auch die eigene Persönlichkeitsentwicklung und Verselbstständigung begrenzenden Geborgenheit des elterlichen Heimes ablösen und den Weg in die ungewisse, mitunter bedrohliche Außenwelt antreten. Die dort lauernden Gefahren und Prüfungen erfordern vom Helden die Entwicklung und Erprobung bis dato nicht ausgebildeter Fähigkeiten und Fertigkeiten (symbolisiert z.B. durch Tarnkappe, Hornhaut und Schwert), so dass, Abenteuer für Abenteuer, ein persönlicher Reifungsprozess stattfindet, welcher in der Regel mit dem Ankommen in der eigenen Erwachsenenidentität, im Mythos symbolisiert durch das Erwerben eines Schatzes, einer Ehefrau, eines Königreichs, oder, wie auch bei Siegfried, all dessen gleichzeitig, abschließt.

Über diese allgemeine entwicklungspsychologische Deutung hinaus, fällt jedoch Siegfried als ein, auch für einen mythischen Helden, ausgesprochen hysterisch agierender Charakter auf.

Bereits die ersten Schilderungen Siegfrieds im Nibelungenlied, als jugendlicher Prinz der Niederlande, entsprechen dem, was Riemann als typische Kindheitserfahrung später hysterisch akzentuierter Charaktere beschreibt: „Angeborener Charme und oft auch Schönheit bringen es mit sich, dass sie von früh an Sympathie erwecken; sie sind leicht liebzuhaben und es daher gewohnt zu gefallen, einfach weil sie sind, wie sie sind; sie werden als reizend empfunden und spüren das natürlich bald. Dass diese Vorzüge auch ein Danaergeschenk sein können, hängt vor allem damit zusammen, dass sie auf diese Weise die Erfahrung machen, geliebt und bewundert zu werden, ohne etwas dafür leisten zu müssen. Das kann schon sehr früh den Weg dazu bahnen, sich auf seine äußeren Vorzüge zu verlassen, und es weckt die Erwartung, immer und überall selbstverständlich geliebt zu werden“ (Riemann, 1991, S. 213f). „In der Liebe setzt er die früher erwähnte starke Wunschkraft besonders ein […] und erobert die Festung im Sturm, nicht in langer Belagerung“ (Riemann, 1991, S. 202).

So tritt der junge Siegfried vor den Toren von Worms auf: Als stünden ihm Prinzessin und Reich selbstverständlich zu, allein qua seiner persönlichen Vorzüge. Dieser eigentlich hoch aggressive und letztlich unverhältnismäßige Akt (Siegfried wollte ja schon sein Heimatland nicht regieren, und in Worms ursprünglich nur um Kriemhilds Hand anhalten), stellt sich in der nach Riemann für ins Hysterische tendierende Menschen typischen Weise dar: „Spontan, unbekümmert und oft unüberlegt, dafür weniger nachhaltend und nachtragend“ (Riemann, 1991, S. 210). So druckvoll und impulsiv die Forderung nach einem Kräftemessen mit Gunther um Reich und Titel zunächst vorgebracht wird, so einfach lässt sich Siegfried wieder davon abbringen. Hier zeigt sich bereits die ihm später noch zum Verhängnis werdende Manipulierbarkeit Siegfrieds durch seinen Stolz. Er hätte sich, durch eigene spontane Streitlust und selbst durch die Provokation eines seiner eigenen Beurteilung nach kaum satisfaktionsfähigen Ortwin von Metz, ebenso leicht in einen, angesichts seiner überschaubaren Streitmacht von zwölf Mann möglicherweise aussichtslosen, Kampf verwickeln lassen, wie er sich unmittelbar darauf durch erstaunlich wenige beschwichtigende Worte Gernots, davon überzeugen lässt, zugunsten eines rauschenden Festes davon abzulassen. „Er liebt Glanz und Pracht, Feste und Feiern […] und versteht auch, sie zu gestalten, ist auf ihnen meist Mittelpunkt, durch Charm, Temperament, Gewandtheit und Direktheit“ (Riemann, 1991, S. 202f). Bei jeder zu seinen Lebzeiten abgehaltenen Festlichkeit steht Siegfried als schönster Mann und strahlender Held des Ritterspiels im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und des Interesses. Gerade die Kampfspiele sind für Siegfried eine willkommene und gerne genutzte Gelegenheit, seine Überlegenheit zu demonstrieren. Ebenso wie Krieg (gegen Sachsen und Dänen lässt er sich gleich zweimal zum euphorischen Einsatz an vorderster Front begeistern, wenngleich es beim zweiten Mal, wo die vermeintliche Kriegserklärung Teil des Mordkomplotts gegen ihn war, nicht dazu kommt), Jagd (zu der er sich anstelle des kurzfristig abgesagten Krieges, sehr zu seinem eigenen Schaden, bereitwillig überreden lässt) oder die abenteuerliche Brautfahrt nach Island, wo es ihm nichts ausmacht, seinen formalen Stand zu verleugnen indem er sich als Lehensmann Gunthers ausgibt, solange er nur, wenn auch inkognito, Sieger im Wettstreit sein kann. „Je stärker die hysterischen Züge sind, umso mehr wird die Aggression für den Geltungsdrang eingesetzt […] Angeberei, unersättliche Geltungssucht treten dann auf; man schiebt sich immer in den Vordergrund, will die erste Geige spielen; jeder gleichgeschlechtliche Andere ist ein potentieller Rivale, den es auszustechen gilt zur Erhöhung des eigenen Glanzes“ (Riemann, 1991, S. 210).

So können wir Siegfried als einen Getriebenen verstehen. Getrieben vom eigenen Geltungsdrang, der wiederum unablässig gespeist wird aus der existenziellen Angst vor der eigenen Endlichkeit, dem letztlich unvermeidlichen Festgehaltensein im Tode, welches alles Erreichte doch nichtig machen wird.

Doch die heroische Auflehnung gegen das Unvermeidliche hat ihren Preis. Siegfrieds Geltungsdrang macht ihn, entgegen seiner eigenen Wahrnehmung, eben nicht nur beliebt. Es ist zunächst Hagen, der sich – wie ich noch ausführen werde, aus naheliegendem tiefenpsychologischem Grund – an der Zurschaustellung von Stärke, Überlegenheit und Willkür zu stören beginnt und den Herrschaftsanspruch seines Königs bedroht sieht. Während er hiermit zunächst noch alleine steht, bringt Siegfried selbst mit seinem Mangel an Selbstregulation, verkörpert u.a. in der gänzlich unnötigen und taktlosen Prahlerei gegenüber Kriemhild über seine unrühmliche Rolle in Gunthers Hochzeitsnacht, nach und nach auch Brünhild und schließlich Gunther gegen sich auf und macht letzteren erst für Hagen zum Mordkomplott verführbar.

Noch kurz vor seinem Tode, macht Kriemhild Siegfried, infolge zweier unheilvoller Träume, darauf aufmerksam, dass er sich mit seinem Auftreten Feinde gemacht haben könnte:

»Ich fürchte sehr allerhand Anschläge von denen, die man vielleicht gekränkt hat und die uns mit feindlichem Hass begegnen können. Bleibt, lieber Herr, mit großer Liebe rate ich Euch das.« (16. Aventiure, 919).2

Doch die Realität der eigenen Begrenzung, der eigenen Imperfektion und nicht uneingeschränkten Liebenswürdigkeit, wird vom hysterischen Menschen verdrängt. „Man stellt sie in Frage, man relativiert, bagatellisiert oder übersieht sie, man versucht sie zu sprengen, sich ihr zu entziehen […] So lebt man mehr und mehr in einer Pseudorealität, in einer unwirklichen Wirklichkeit. Aber je mehr man sich von der Realität entfernt, umso mehr bezahlt man seine Scheinfreiheit damit, dass man sich in der wirklichen Wirklichkeit nicht auskennt, mit ihr nicht umgehen kann“ (Riemann, 1991, S. 195).

So ist für Siegfried der Verzicht auf die anstehende Jagd, als eine Möglichkeit, sich zu beweisen, herauszustechen, sich wider das bessere Wissen um die eigene Endlichkeit kraftvoll und lebendig zu fühlen, undenkbarer, als Kriemhilds naheliegende Sorge um die aus Neid, Angst und Kränkung geschmiedeten Ränke gegen ihn:

Er sagte: »Meine geliebte Frau, ich komme nach wenigen Tagen zurück. Ich kenne hier keinen Menschen, der mir auch nur etwas Hass entgegenbringt. Alle Deine Verwandten sind mir wohlgesonnen. Auch habe ich mir bei den Rittern nichts anderes als Zuneigung verdient.« (16. Aventiure, 920).

Siegfried „neigt naiv dazu, zu hoffen, dass vielleicht gerade für ihn die Kausalität und die Folgerichtigkeit von Geschehensabläufen nicht gilt, oder wenigstens nicht in der gerade in Frage stehenden Situation. Er ist so von seinem Wunsch erfüllt, von dem, was er im Augenblick haben, erreichen möchte, dass er sich über die möglichen Konsequenzen hinwegsetzt“ (Riemann, 1991, S. 196).

Und der Wunsch, den Siegfried im Augenblick hegt, ist nun einmal die Jagd mit seinen vermeintlichen Bewunderern und Freunden. Bewusst kann sich der seit jeher Geliebte und Gefeierte nicht vorstellen, dass jemand ihm auch nur etwas Hass entgegenbringt (16. Aventiure, 920) – was, also, soll schon passieren. Die unbewusste, ebenfalls aus der hysterischen Persönlichkeitsstruktur abzuleitende zwingende Motivation, ist mindestens ebenso ausschlaggebend: Gerade wenn letztlich doch der ewige Stillstand, die Vergessenheit, in Form des Todes, droht, darf umso weniger jedwede Gelegenheit zur überkompensierenden Profilierung, zu einem großen Schluck vollen Lebens aus der sich zwingend eines Tages leerenden Karaffe, zu einem illusorischen Hauch von Unsterblichkeit durch die eigene Selbstvergötterung ausgelassen werden. „Jeder Impuls, jeder Wunsch muss möglichst sofort befriedigt werden, weil Warten unerträglich ist. Darin liegt ihre große Verführbarkeit – sie können Versuchungen schwer widerstehen“ (Riemann, 1991, S. 196).

Und so ist es am Ende genau diese, von Riemann beschriebene, Verführbarkeit, die es Hagen und Gunther so verstörend leicht macht, den stärksten aller Helden zu töten. Ein vermeintlich anstehender Krieg gegen Sachsen und Dänen, eine kurzfristig ersatzweise anberaumte Jagdpartie, die darüber hinaus zum müde und durstig machenden Wettstreit erklärt wird, und schließlich der Wettlauf zur Quelle: Auf all diese fadenscheinigen Herausforderungen lässt sich Siegfried ohne rationales Zögern ein – muss er sich einlassen -, was Hagen, der Siegfrieds hysterische Psychodynamik durchschaut und das Komplott entsprechend orchestriert hat, den entscheidenden Sieg über seinen zuvor stets siegreichen Kontrahenten sichert.

Hagen

Dass es nun gerade Hagen ist, der sich am frühesten, am heftigsten, am radikalsten und am unversöhnlichsten gegen Siegfried wendet, wird üblicherweise mit dessen Vasallentreue erklärt: Hagen sieht sich selbst als kompromisslosen Beschützer seines Königs und dessen Herrschaft durch den überlegenen, impulsiven und populären Siegfried bedroht. Allerdings lässt dieser Erklärungsansatz die Frage offen, warum zum Beispiel Gernot, dem Herrschaft und Wohl seines Bruders ebenso am Herzen liegen dürften, oder auch Gunther, der latent Infragegestellte selbst, weit weniger heftig auf die Bedrohung durch Siegfrieds hysterisches Naturell reagieren, warum sie sich von Hagen buchstäblich zum Jagen tragen lassen müssen. Diese offene Frage verweist auf Hagens Charakterzeichnung, in welcher er sich, anders als durch den formalen Stand als Lehensmann, von den übrigen Burgundern abhebt bzw. durch eine stark pointierte Charakterisierung heraussticht.

Hagen verkörpert in der für den Mythos üblichen, archetypisch akzentuierten Weise, Persönlichkeitszüge, welche Riemann der zwanghaften Persönlichkeitsstruktur zuordnet. Diese Menschen empfinden, wie bereits ausgeführt, die Grundangst vor Vergänglichkeit, Chaos, Instabilität und Überforderung am intensivsten und tendieren reaktiv zum Streben nach Stabilität und Verlässlichkeit, zu Konformismus und Autoritarismus.

Das Motiv dieser Menschen zur „Vermeidung der Angst vor Wandel und Vergänglichkeit finden wir wieder im starren Festhalten am Überkommenen, auf allen möglichen Gebieten. Traditionen familiärer, gesellschaftlicher, moralischer, politischer, wissenschaftlicher und religiöser Art führen zum Dogmatismus, Konservatismus, zu Prinzipien, Vorurteilen und zu verschiedenen Formen des Fanatismus. Je starrer man sie vertritt, desto intoleranter wird man jedem gegenüber, der sie angreift oder in Frage stellt“ (Riemann, 1991, S. 137f).

Folglich kann der rastlose, ungestüme, Konventionen und Normen leichtfertig missachtende Siegfried in Hagen gar nichts anderes als die Angst vor dem Wandel und damit Widerstand und abwehrende Aggression auslösen. Siegfrieds Kraft und Herrlichkeit, gepaart mit Impulsivität und Respektlosigkeit gegenüber dem Althergebrachten, stellen nicht nur eine latente Bedrohung für Gunthers Macht dar, sondern für die gesellschaftliche und politische Ordnung an sich. Hagen, der Zwanghafte „wird deshalb versuchen, Veränderungen zu unterbinden, aufzuhalten oder einzuschränken, wenn es geht, zu verhindern und zu bekämpfen.“ (Riemann, 1991, S. 135).

Hagen zählt neben Siegfried und Kriemhild zu den Figuren des Nibelungenliedes, über welche wir, wenn auch in seinem Fall spärliche, biographische Informationen erhalten. Wenngleich wir nichts anderes wissen, als dass er seine Kindheit als Geisel am Hofe des fremden Königs Etzel verbracht hat, so können wir uns eine solche Kindheit, alleine schon aufgrund der Getrenntheit von Eltern, Freunden und der vertrauten sozialen Umgebung als Ganzem, sowie dem Zwang sich an eine fremde Kultur, in welcher man sich nicht als freiwilliger Gast, sondern als Gefangener aufhält, anzupassen, als tendenziell kalt, unfrei und arm an emotionaler Zuwendung vorstellen. Den Glanz im Auge der Eltern, in welchem sich Siegfried tagtäglich sonnen durfte – Hagen musste ihn vollständig entbehren. Wir können wohl davon ausgehen, dass eine solche Kindheit eher von der Angst, durch unangepasstes Verhalten negativ aufzufallen und sanktioniert zu werden, geprägt ist, als von dem Gefühl, willkommen zu sein und eingeladen, ganz man selbst zu werden.

„Bei den später zwanghaften Persönlichkeiten finden wir in ihrer Lebensgeschichte mit großer Regelmäßigkeit, dass in ihrer Kindheit altersmäßig zu früh und zu starr die lebendigen, aggressiven, affektiven, die gestalten und verändern wollenden Impulse, ja oft jede Spontaneität, jede Äußerung gesunden Eigenwillens gedrosselt, gehemmt, bestraft oder unterdrückt wurden“ (Riemann, 1991, S. 166).

In der Folge hat der zwanghafte Mensch „Schwierigkeiten mit seinen Aggressionen und Affekten. Er hat es zu früh lernen müssen, sich zu kontrollieren und zu beherrschen; […] Äußerungen von Wut, Hass, Trotz und Feindseligkeit usf. musste er von der Kindheit an unterdrücken, sie wurden bestraft oder waren von Liebesentzug gefolgt. Aber im Leben sind sie unvermeidlich – was also mit ihnen tun?“ (Riemann, 1991, S. 155). Eine „Möglichkeit für zwanghafte Menschen in jenem Dilemma ist es, nach gleichsam legitimen Möglichkeiten für ihre Aggressionen zu suchen, nach Anlässen und Gelegenheiten, die ihnen Aggressionsäußerungen nicht nur erlauben, sondern sogar noch als einen Wert erscheinen lassen – was ja in manchen Berufen möglich ist. Dann bekämpfen sie all das, was sie sich selbst verbieten musste, nun überall, wo sie darauf stoßen“ (Riemann, 1991, S. 156). All das, was Hagen sich seit seiner Kindheit als Geisel in fremden Landen und später als geborener Vasall eines wankelmütigen Königs, verbieten musste – Stolz, Übermut, Leichtfertigkeit und Egozentrismus -, findet er in Siegfried verkörpert und muss es, als Symbol der unerträglichen Unbeständigkeit des Seins selbst, in diesem bekämpfen. Dabei ist es gerade seine Vasallentreue, eigentlich ein Quell seiner eigenen Unfreiheit, die ihm als Legitimation dient. Männer wie Hagen intrigieren und morden „mit gutem Gewissen, weil sie überzeugt sind, damit etwas Notwendiges zu tun. […] Das erlaubt ihnen sogar massivste Aggressionen, die durch den Zweck nun geheiligt werden können“ (Riemann, 1991, S. 156f).

Die tiefenpsychologische Sichtweise Hagens, lässt diesen, entgegen anderer Deutungen (vgl. z. B. Reemtsma, 2003), nicht als den kühlen Strategen, als die personifizierte „Staatsraison“ (Reemtsma, 2003, S.37) erscheinen, sondern als einen zwanghaften Menschen – zwanghaft in seinem Handeln, menschlich in seiner Ängstlichkeit und Fehlbarkeit. Letztlich lässt sich auch nur so Hagens Agieren im zweiten Teil des Nibelungenliedes schlüssig erklären, in welchem er den Konflikt mit Kriemhild immer weiter eskaliert und, unnachgiebig und gegen jede Ratio, seine Könige mit all ihren Mannen in den eigentlich vermeidbaren Tod führt. Der Verweis auf ein Wertesystem von Ehre und Treue greift hier als Erklärung zu kurz, da die Mehrheit seiner Zeitgenossen, trotz vergleichbarer Sozialisation, sehr wohl zu Diplomatie und Deeskalation fähig ist, wie das Zögern der Burgunderkönige vor den immer neuen Grausamkeiten gegenüber Kriemhild, und die Vermittlungsversuche Etzels, Rüdigers und Dietrichs gegenüber den wütenden, sich hinter Hagen scharenden Nibelungen zeigen. Unterstellt man demnach Hagen ein Wertesystem, so ist es allenfalls ein radikales und bereits überholtes. Nach Riemann (1991, S. 139) „steht hinter jeder Gewohnheit, hinter jedem Dogma und jedem Fanatismus immer auch eine Angst, die Angst vor der Wandlung und der Vergänglichkeit, letztlich die Angst vor dem Tod. Deshalb können sich zwanghafte Menschen schwer damit abfinden, dass etwas oder jemand sich ihrer Macht entzieht, ihrem Willen nicht untersteht. Sie möchten alle und alles dazu zwingen, so zu sein, wie es ihrer Meinung nach sein sollte. Aber gerade dadurch scheitern sie immer wieder am Leben, und wie ein Bumerang kommt auf sie selbst als Zwang zurück, was sie zwingen wollten: Wenn man Lebendiges zwingen will, wenn man nicht mit sich geschehen lassen kann, weil man alles selbst bestimmen möchte, ist man mehr und mehr gezwungen, schließlich nur noch darauf achten zu müssen, dass sich nichts ändert und dem eigenen Willen entzieht. So wird mit einer eindrucksvollen Konsequenz der Zwingenwollende zum Gezwungenen, worin wir wieder die Einseitigkeiten ausgleichende Kraft des Lebens glauben erkennen zu können.“ (Riemann, 1991, S. 139).

Hagen wird, zunächst durch Siegfried, dann durch die Macht Kriemhilds (immerhin der kleinen Schwester seines Königs) und schließlich durch den fast schon humanistisch und in Ansätzen demokratisch zu nennenden Vielvölkerstaat Etzels, mit der Vergänglichkeit des ihm vertrauten, ihn der Richtigkeit seiner Gefühle versichernden Wertesystems konfrontiert. Einer Welt, die sich so schnell dreht, dass nichts auf Dauer Gültigkeit hat, kann man, wenn man unfähig ist, diese stetige Progression als Chance auch für die eigene Entwicklung zu begreifen, letztlich nur entkommen, indem man sich ihr gänzlich entzieht. Hagens Schicksal, welches zwar durch die Meerfrauen geweissagt, jedoch durch seine eigene Psychodynamik determiniert wird, ist es, eher nach seinen eigenen, unflexiblen Regeln unterzugehen, als sich in einer neuen, sich stetig verändernden Welt, selbst zu verändern. Somit tritt uns Hagen, besonders im zweiten Teil des Nibelungenliedes, nicht nur als Archetyp des Zwanghaften, sondern zugleich auch als Personifizierung des Freud´schen (1920) Todestriebes entgegen: Der Tod als letzte und endgültige Regressionsmöglichkeit, als absolutes Zum-Erliegen-kommen jedweder Entwicklung, bietet paradoxerweise die einzige Zuflucht vor der Angst vor Vergänglichkeit durch Wandel und der Anforderung ständiger Progression.

Mit sich selbst zieht Hagen die Burgunder, und mit ihnen wiederum die alte Ordnung der blinden „Nibelungentreue“, in den Abgrund. Was zu bleiben scheint, ist das mehr ethisch, als heroisch geprägte Selbstbild Etzels und Dietrichs, demgegenüber sowohl der rigide Dogmatismus Hagens, als auch der egozentrische Heroismus Siegfrieds, als unreife Bewältigungsmuster erscheinen – die „ausgleichende Kraft des Lebens“ (Riemann, 1991, S. 139) hat sich manifestiert.

Das Verhältnis zum anderen: Kriemhild vs. Brünhild

Ebenjene ausgleichende Kraft des Lebens bildet sich auch im zweiten Gegensatzpaar der existenziellen menschlichen Bedürfnisse bzw. der Grundformen der Angst ab: Dem Bedürfnis nach Nähe und Verbundenheit mit der Angst vor Einsamkeit und Verlust auf der einen, dem Bedürfnis nach Individualität und Freiheit mit der Angst vor Vereinnahmung und Abhängigkeit auf der anderen Seite. „Wir alle haben den Wunsch, ein unverwechselbares Individuum zu sein. […] Wir wollen nicht beliebig austauschbar sein; wir wollen das Bewusstsein unserer Einmaligkeit als Individuum haben. Das Bestreben, uns von anderen zu unterscheiden, ist uns ebenso mitgegeben wie das dazu gegensätzliche, als soziale Wesen zu Gruppen oder Kollektiven dazuzugehören. Wir wollen sowohl unsere persönlichen Interessen leben dürfen, als wir auch in partnerschaftlicher Verbundenheit und mitmenschlicher Bezogenheit und Verantwortung stehen möchten.“ (Riemann, 1991, S. 34)

Riemann bezeichnet die jeweiligen Extreme als depressive bzw. schizoide Persönlichkeit: „Bedeutet dem Depressiven Nähe: Sicherheit und Geborgenheit, so dem Schizoiden: Bedrohung und Einschränkung seiner Autarkie; bedeutet dem Schizoiden Distanz: Sicherheit und Unabhängigkeit, so dem Depressiven Bedrohung und Alleingelassenwerden“ (Riemann, 1991, S. 82)“.

Kriemhild

Nähe und Verbundenheit werden im Nibelungenlied, in Form des kulturell gängigsten Narrativs romantischer Liebe, am deutlichsten durch Kriemhild verkörpert. Ihre Reaktion auf den Traum, in welchem ihr Falke durch zwei Adler gerissen wird, und die Deutung der Mutter, dass es sich bei ersterem um ihren dereinstigen Geliebten handle, fällt nicht etwa deshalb so rigide aus

(»Was redet Ihr mir von einem Mann, liebste Mutter? Auf die Liebe eines Recken will ich immer verzichten. Ich will so schön bis an meinen Tod bleiben, so dass ich von der Liebe eines Mannes niemals Leid erfahren werde.« (1. Aventiure, 13),

weil sie in dem Moment tatsächlich die Hoffnung auf Liebe aufgegeben hätte, sondern, im Gegenteil, aus dem Schrecken, den allein der Gedanke an den Verlust eines noch unbekannten Seelenverwandten auslöst, wie ihre weise Mutter Ute gleich erkennt, und entsprechend die Entscheidung der Tochter (wohl auch im Einklang mit dem zeitgenössischen Geschlechtsrollenstereotyp) als jugendliche Verirrung abtut:

»Nun widersprich nur nicht zu heftig«, antwortete ihre Mutter da. »Wenn Du jemals auf der Welt sehr glücklich wirst, so geschieht dies allein durch die Liebe eines Mannes. Du wirst eine schöne Frau, wenn Dir Gott einen vorzüglichen Ritter zum Mann bestimmt.« (1. Aventiure, 14).

Letztendlich behalten beide Recht: Kriemhilds Widerstand gegen das Sich-verlieben hält nur kurz: Später wurde sie ehrenvoll die Frau eines sehr tapferen Recken (1. Aventiure, 16), wie es die erfahrene Mutter bereits vorausgesehen hat. Dennoch erfüllt sich auch der Traum und Kriemhild wird nur kurz glücklich verheiratet sein, bevor sie erwartungsgemäß erfährt, wie schließlich Liebe mit Leid belohnt wird (1. Aventiure, 15).

So steht die Kriemhild des ersten Teils des Nibelungenliedes in ihrer Sehnsucht nach und dem Genuss von exklusiver romantischer Liebe für die uns allen eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit, ebenso wie jene des zweiten Teils in ihrer jahrzehntelangen, absoluten Trauer und Rachsucht, für die Überwertigkeit ebenjener Bedürfnisse steht, welche Riemann als depressive Persönlichkeitsstruktur bezeichnet.

„Bei depressiven Persönlichkeiten ist die Verlustangst die dominierende, in ihren verschiedenen Ausformungen als Angst vor isolierender Distanz, vor Trennung, Ungeborgenheit und Einsamkeit, vor dem Verlassenwerden“ (Riemann, 1991, S. 82).

Der in diesem Sinne depressiv strukturierte Mensch erlebt „jede Distanz, jede Entfernung und Trennung von einem Partner mit Angst und wird versuchen, es nicht dazu kommen zu lassen. Für ihn bedeutet Ferne: Alleingelassenwerden, Verlassenwerden, und das kann ihn in tiefe Depressionen bis zur Verzweiflung führen“ (Riemann, 1991, S. 81).

In eine solche stürzt Siegfrieds Tod die arme, zu diesem Zeitpunkt von ihm sich gänzlich abhängig fühlende Kriemhild:

Sehr oft suchte sie voll Trauer das Grab ihres geliebten Mannes auf. Sie bat den gütigen Gott, sich seiner Seele anzunehmen. Immer wieder wurde der Ritter in großer Treue beweint.

Ute und ihre Dienerschaft trösteten sie stets. Aber ihr Herz war so tief verwundet, weshalb nichts half, was man ihr an Trost auch entgegenbrachte. Sie hatte die schmerzlichste Sehnsucht nach ihrem geliebten Freund, wie sie keine Frau jemals stärker nach ihrem Mann empfunden hat. Man konnte daran gut ihre große Charakterstärke erkennen, sie hat, solange sie lebte, bis an ihr Ende getrauert. Später nahm die Frau des tapferen Siegfried mit aller Kraft ihre Rache. (19. Aventiure, 1100-1102)

Bis an ihr Ende (19. Aventiure, 1102) wird Kriemhild fortan die Leidgebeugte (17. Aventiure, 1028) bleiben:

»Wie könnte ich jemals wieder das Verlangen haben, die Frau eines Helden werden zu wollen? Mir hat der Tod eines Mannes so tiefes Leid zugefügt, dass ich bis an mein Ende nicht mehr froh sein kann.« (20. Aventiure, 1235).

Die zu erwartende und nachvollziehbare intensive Trauerreaktion auf den Tod eines geliebten Menschen wird hier zur alles für immer überschattenden, ja gänzlich sinnlos machenden existenziellen Verzweiflung und Verbitterung. Dass sich die Depression mit der Zeit in eine ebenso existenzielle Rachebesessenheit wandelt, ist das Gegenteil eines Neuanfangs. Es ist die Realisierung und Übertragung der eigenen inneren Leere und Verzweiflung auf die Außenwelt. Sie stellt Gerechtigkeit weniger im juristischen Sinne her, sondern vielmehr dadurch, dass alle anderen gezwungen werden sollen, die Welt so zu erkennen, wie Kriemhild sie schon lange sieht: Sinnlos, freudlos, hoffnungslos.

Konstitutionell für eine spätere depressive Entwicklung prädestiniert können, laut Riemann, Menschen sein, die „von Natur friedfertig, gutartig und wenig kämpferisch“ (Riemann, 1991, S. 98) sind, was „sie mehr angewiesen sein lässt auf Beschütztwerden und Gestütztwerden, wodurch sie leicht eine Bevaterung oder Bemutterung unbewusst herausfordern“ (ebd.). Diese im Riemann´schen Sinne depressiogene Veranlagung wird im Nibelungenlied weniger als tatsächliche Charaktereigenschaft der jungen Kriemhild, wohl aber symbolisch in Form der Umstände ihres Aufwachsens beschrieben:

Sie beschützten drei edle und mächtige Könige: Gunther und Gernot, hoch angesehene Recken, und der junge Giselher, ein ausgezeichneter Ritter. Kriemhild war ihre Schwester; die Fürsten hatten sie in ihrem fürsorglichen Schutz. (1. Aventiure, 2).

Kriemhild, die junge Prinzessin, ist Zierde, zu beschützender Reichtum, potentiell willfähriges politisches Heiratspfand. Eine Äußerung von Eigenwillen oder dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung, wie z. B. die zuvor zitierte Überlegung jungfräulich zu bleiben, wird auch von der eigenen Mutter nicht ernst genommen, scheint demnach für Kriemhild nicht vorgesehen.

Neben einem eher passiven Naturell, nennt Riemann als häufige prägende biographische Erfahrungen späterer depressiver Charaktere „Verwöhnung und Versagung“ (Riemann, 1991, S. 100). Diese liegen, etwas kontraintuitiv, oftmals nahe beieinander. Die Versagung finden wir im beschriebenen Erziehungsstil von Mutter und Brüdern, die „das Kind nach einem starren Schema […] erziehen, ohne Rücksicht auf seine individuellen Bedürfnisse“ (Riemann, 1991, S. 105). Jedoch liegt gerade in dieser Versagung auch eine spezifische Art infantiler Verwöhnung. Die Verunmöglichung von Individuationsbestrebungen und Eigenverantwortung erlaubt dem betroffenen Menschen, dass er „passiv und anpassungsbereit [bleibt], mit Erwartungen an das Leben als einer weiterhin verwöhnenden Mutterinstanz. Natürlich sind so Enttäuschungen unvermeidlich, und sie pflegen zum Ausbruch der bisher latenten, schleichenden Depression zu führen“ (Riemann, 1991, S. 100).

Die internalisierten Beziehungserfahrungen mit den primären Bezugspersonen, welche geprägt sind von allumfassender Versorgung um den Preis vollständiger Unterwerfung, werden demnach auf künftige Beziehungspartner übertragen. Dies kann dazu führen, dass „der jeweilige Partner einen Überwert bekommt“ (Riemann, 1991, S. 81). „Überanpassung und Unterordnung bis zur Selbstaufgabe, im Extrem bis zu masochistisch-hörigen Verhaltensweisen“ (Riemann, 1991, S. 84) können die Folge sein. So können selbst offenbar schwere körperliche Misshandlungen durch Siegfried, als Strafe dafür, dass Kriemhild Brünhild beleidigt und damit sowohl Gunther als auch Siegfried die Laune verdorben hat, die Idealisierung ihres Ehemannes nicht schmälern:

»All das hat mir inzwischen sehr leid getan«, sagte die edle Frau. »Auch hat Siegfried mich seshalb verprügelt, dass ich jemals geredet und Brünhild tief beleidigt habe. Das hat der tapfere Held sehr streng bestraft.« (15. Aventiure, 891)

Idealisierung und passive Unterwerfung jedoch führen nicht nur mit höherer Wahrscheinlichkeit zu Enttäuschung, sondern vor allem auch zu existenzieller Abhängigkeit. „Je weniger wir gelernt haben, unser Eigen-Sein, unsere Selbstständigkeit zu entwickeln, umso mehr brauchen wir andere. So stellt sich die Verlustangst heraus als die Kehrseite der Ich-Schwäche. […] Wer sein Ich nicht stark entwickelt, braucht ein stärkeres Ich draußen als Halt, von dem er immer abhängiger wird, je schwächer er selbst bleibt“ (Riemann, 1991, S. 83). „Bewusst ist ihm dabei höchstens die Verlustangst; die Angst vor Individuation, die das eigentliche Problem ist, bleibt weitgehend unbewusst“ (Riemann, 1991, S. 82).

Kriemhild muss folglich jeden Angriff auf ihren Siegfried als existenzielle Bedrohung auf alles erleben, was sie selbst ausmacht, alles, das sie hat, auf ihre ganze Welt als solche. So lässt sich der Streit der Königinnen, seine Heftigkeit, seine Unversöhnlichkeit erklären: Brünhilds Beharren auf Siegfrieds vermeintlich geringerem Status – für diese wiederum, wie wir noch sehen werden, eine Form des Haderns mit dem Verlust ihrer eigenen Unabhängigkeit – kratzt an Kriemhilds Idealisierung des Göttergatten, was sie, die doch eigentlich zufrieden sein könnte – immerhin hat sie, im Gegensatz zur Brünhild, eine glückliche Ehe und die Gewissheit, bzgl. Siegfrieds wahren Status´ und Brünhilds Hochzeitsnacht, die Wahrheit zu kennen – zur Stabilisierung ihres eigenen, passiv von Siegfried und dessen Strahlkraft abhängigen Selbstwert- und Sicherheitsgefühls, nicht zulassen kann.

Dass Kriemhild sich tatsächlich keineswegs hinreichend zu einer autonomen, eigenverantwortlichen Persönlichkeit entwickeln konnte, zeigt sich nach Siegfrieds Tod. „Wer aber so abhängig wird, muss eine immerwährende Angst haben, diesen Halt zu verlieren – hat er doch alles auf den anderen gesetzt, an ihn so viel delegiert, dass er ohne ihn nicht lebensfähig zu sein glaubt, weil seine Existenz ganz im anderen ruht“ (Riemann, 1991, S. 83). Kriemhild glaubt das nicht nur, sie wird tatsächlich ohne Siegfried nie mehr lebensfähig – im Sinne der reifen Fähigkeit, das eigene Leben, die eigene Persönlichkeit und wichtige soziale Beziehungen kreativ und selbstbestimmt entsprechend emotionaler Bedürfnisse und Entwicklungspotenziale auszurichten und befriedigend zu gestalten – sein.

Brünhild wird also durch ihre Infragestellung Siegfrieds zu Kriemhilds Feindin. Doch auch auf einer zweiten, noch unbewussteren Ebene muss es gleichsam zum Konflikt der Königinnen kommen: Brünhild steht – wie noch ausgeführt werden wird – im Nibelungenlied für die entgegengesetzte Grundangst vor Vereinnahmung und Unfreiheit und somit für den Impuls der Individualität und Selbstbestimmung, also genau die Bedürfnisse, welche von Kriemhild aus überwertiger Verlustangst heraus verdrängt werden und ungelebt bleiben. In einem so einseitigen Erlebens- und Verhaltensmodus, wie Kriemhilds depressiv-abhängiger Struktur, „kann es zu einer gefährlichen Selbsttäuschung kommen: Indem [sie] aus diesen Verhaltensweisen eine Ideologie macht, verbirgt [sie] nicht nur deren Motivierung aus der Verlustangst vor sich selbst, sondern [sie] kann sich auch noch moralisch überlegen vorkommen gegenüber denen, die weniger bescheiden, friedfertig usf. sind“ (Riemann, 1991, S. 84). Es ist damit gemeint, dass eine so rigide Verdrängung des eigenen Individuationsimpulses ständig aufzubrechen droht und somit kontinuierlich gefestigt werden muss, was unter anderem durch die Projektion des abgewehrten Impulses auf andere und deren Abwertung oder Bekämpfung an seiner statt erfolgen kann. Brünhild, die Unbeugsame, die sich mit der Rolle als Ehefrau des Königs nicht zufriedengeben kann und somit, selbst als Gebrochene, noch den hadernden Finger in die Wunde der Unvollkommenheit des Kriemhild´schen Lebensentwurfs legt, darf in Kriemhilds innerer Welt ebenso wenig existieren, wie Siegfried in Hagens. Ebenso, wie ein Mensch nie gleichzeitig die Motive der Verbundenheit und der Individuation in Reinform leben kann, können Kriemhild und Brünhild nicht dauerhaft miteinander leben. Deshalb müssen sich die Königinnen gegenseitig verletzten und letztlich einander alles nehmen.

Brünhild

Wie bereits beschrieben, steht Brünhild symbolisch für die vierte Grundform der Angst: Jene vor Vereinnahmung, Abhängigkeit und Unfreiheit und somit für den Impuls der Individualität, Freiheit und Selbstbestimmung. Wird letzterer, wie im Falle Brünhilds, in unverhältnismäßiger Weise weitgehend allein erlebens- und verhaltensleitend, so spricht Riemann von einer schizoiden Persönlichkeitsstruktur.

Das Streben des schizoid strukturierten Menschen „wird vor allem dahin gehen, so unabhängig und autark wie möglich zu werden. Auf niemanden angewiesen zu sein, niemanden zu brauchen, niemandem verpflichtet zu sein, ist ihm entscheidend wichtig. Deshalb distanziert er sich von den Mitmenschen, braucht er Abstand zu ihnen, lässt er sie sich nicht zu nahe kommen, lässt er sich nur begrenzt mit ihnen ein. Wird diese Distanz überschritten, empfindet er das als Bedrohung seines Lebensraumes, als Gefährdung seines Unabhängigkeitsbedürfnisses, seiner Integrität, und wehrt sich schroff dagegen. So entwickelt er die für ihn typische Angst vor mitmenschlicher Nähe. Nun lässt sich aber Nähe im Leben nicht vermeiden und daher sucht er nach Schutzhaltungen, hinter denen er sich gegen sie abschirmen kann. Er wird dann vor allem persönlich-nahe Kontakte vermeiden, niemanden im Intimen an sich heranlassen“ (Riemann, 1991, S. 34f).

Diese Charakterisierung der schizoiden Struktur können wir in mythisch-symbolisierter Weise in der unbeugsamen Kriegerkönigin Brünhild erkennen, die, voll und ganz im Widerspruch mit der zeitgenössischen Frauenrolle, zumindest der des Burgunderhofes, ihre Unabhängigkeit und Freiheit – symbolisiert auch, wie bereits in Kriemhilds anfänglichen Keuschheitsüberlegungen, durch die Jungfräulichkeit – zu bewahren strebt, koste es was es wolle:

Den Stein warf sie weit und sprang ihm ebenso weit nach. Jeder, der um ihre Liebe warb, musste die hochgeborene Herrin in drei Kampfspielen eindeutig besiegen. Wenn er auch nur einmal versagte, hatte er seinen Kopf verloren. (6. Aventiure, 325)

Schon allein durch diese Drohung hält Brünhild wohl manchen Freier fern. Selbst die stolzen Burgunder können sich nur zögerlich dazu durchringen, Gunthers Leben für die schöne, aber streitlustige Maid zu riskieren. Die von schizoid strukturierten Menschen ausgehende Gefahr von Zurückweisung wird im Mythos als manifeste Gefahr für Leben und Leib des Freiers symbolisiert: „Auf die Umwelt wirken solche Menschen fern, kühl, distanziert, schwer ansprechbar, unpersönlich bis kalt […] oft mit grundlos erscheinender Aggression oder Feindseligkeit, die verletzend für uns ist“ (Riemann, 1991, S. 35). Der Schizoide zeigt mitunter eine „sofortige, rücksichtslose Aggression, die nur bedacht ist auf das Beseitigen der Angst bzw. des Angstauslösers, auf die Entlastung seiner Befindlichkeit […] Man kann sich wohl vorstellen, wie gefährlich diese archaischen schizoiden Aggressionen werden können, die aus dem Gefühl der existenziellen Bedrohtheit bei Menschen stammen, die kaum Bindungen kennen“ (Riemann, 1991, S. 48).

Selbst der starke und stolze Hagen, dem der gar nicht geschlechtsrollenkonforme Selbstbestimmungsanspruch Brünhilds, aus Gründen seiner bereits beschriebenen eigenen Psychodynamik, ein besonderer Dorn im Auge sein dürfte, erzittert hörbar vor Brünhilds Entschlossenheit und Kampfeskraft:

Als der starke Hagen sah, wie man den Schild dorthin trug, fragte der Held von Tronje bissig: »Wo sind wir bloß hingeraten, König Gunther, wie verlieren wir da Leben? Die Ihr da lieben wollt, die ist die Frau des Teufels.« (7. Aventiure, 436)

und verlangt panisch die zuvor abgelegten Waffen und Rüstungen zurück, während Brünhild ihrerseits die Manneskraft der Helden nicht fürchtet. Eine Niederlage, ein Aufgeben und sich der Konvention Unterwerfen, scheint jenseits ihrer Vorstellung zu liegen:

Sie blickte lächelnd über die Schulter: »Wenn Hagen sich nun für so tapfer hält, so bringt ihnen ihre Rüstung, gebt den Recken ihre scharfen Waffen zurück.« (7. Aventiure, 445).

Selbst als Brünhild zum ersten Mal durch Siegfrieds List und übernatürliche Stärke überwunden wird, fügt sie sich zwar formal in ihr Schicksal, i.e. die Ehe, führt ihren Kampf um Selbstbestimmung und Freiheit jedoch auf anderer Ebene weiter, indem sie Gunther den Vollzug derselben vorenthält und ihn, in der wohl lustigsten Szene – vielleicht der einzig lustigen – des Nibelungenliedes, im Schlafgemach mit dem Gürtel bindet und kurzerhand an die Wand hängt:

Da kämpfte er um ihre Liebe und zerriss ihr dabei das Kleid. Da griff das stolze Mädchen nach einem Gürtel. Das war eine feste Borte, die sie um die Hüfte trug. Sie fügte dem König unermessliches Leid zu:

Die Füße und auch die Hände band sie zusammen. Sie trug ihn zu einem Nagel und hängte ihn an die Wand. Weil er sie beim Schlafen störte, hatte sie ihm die Liebe verweigert. Ja, er hätte durch ihre ungewöhnlichen Kräfte beinahe den Tod erlitten. (10. Aventiure, 633-634).

Vielleicht noch direkter als die stärker metaphorische Wettkampfszene, zeigt diese Sequenz symbolisch die schizoide Persönlichkeitsstruktur, für die Brünhild steht. Die Angst des schizoiden Menschen wird, mach Riemann, „besonders da konstelliert, wo jemand ihm oder wo er jemandem zu nahe kommt. Da Gefühle der Zuneigung, der Sympathie, der Zärtlichkeit und Liebe uns einander am nächsten kommen lassen, erlebt er sie als besonders gefährlich. Das erklärt, warum er gerade in solchen Situationen abweisend, ja feindlich wird, den anderen abrupt zurückstößt: Er schaltet plötzlich ab, bricht den Kontakt ab, zieht sich auf sich selbst zurück und ist nicht mehr zu erreichen“ (Riemann, 1991, S. 35). „Seine mitmenschliche Ungeborgenheit und Bindungslosigkeit, sowie das aus ihnen resultierende Misstrauen, lassen den schizoiden Menschen die Annäherung eines anderen als Bedrohung erleben, die er zuerst mit Angst, der sofort die Aggression folgt, beantwortet […]. [Diese] kann bis zur Gewalttätigkeit gehen, die einen anderen wie ein lästiges Insekt beseitigt, wenn man sich durch ihn bedrängt fühlt.“ (Riemann, 1991, S. 49).

Erst die erneute listige Überwältigung durch Siegfried, erneut mittels Tarnkappe, aber dieses Mal im königlichen Schlafgemach, bricht Brünhilds Widerstand. Oder scheint ihn zu brechen, insofern als sie sich nun – mit der aus moderner psychologischer Perspektive verständlichen, resignativen Hilflosigkeit eines Opfers wiederholter sexueller häuslicher Gewalt – in die Rolle der gehorsamen Ehefrau fügt:

Da war auch sie nicht stärker als eine andere Frau. Er liebte zärtlich ihren wunderschönen Körper. Wenn sie auch weiterhin versucht hätte, Widerstand zu leisten, was hätte das nützen können? Das hatte ihr alles Gunther mit seiner Liebe getan. (10. Aventiure, 679).

Jedoch bleibt, wenngleich Brünhild ihre aktive Gegenwehr aufgeben muss, ein Rest der Weigerung bzw. der Unfähigkeit vertrauensvolle, haltgebende und für den eigenen Identitätsentwurf positiv bedeutsame Beziehungen einzugehen, darin erkennbar, dass sie auch als Königin mit großem Hofstaat einsam und emotional isoliert bleibt. Sie spürt offenbar, dass sie nicht aufrichtig behandelt wird, z. B. was ihre Hochzeitsnacht oder Siegfrieds Status angeht, und verharrt in Misstrauen und Unzufriedenheit, was Riemanns Schilderung des schizoiden Menschen entspricht: „Zwischen ihm und der Umwelt klafft dadurch eine breite Kontaktlücke, die mit den Jahren immer breiter wird und ihn mehr und mehr isoliert. Das hat nun immer problematischere Folgen: Durch die Ferne zur mitmenschlichen Umwelt weiß er zu wenig von anderen; es entstehen zunehmend Lücken in der Erfahrung über sie, und darauf Unsicherheiten im mitmenschlichen Umgang.“ (Riemann, 1991, S. 35). „Man kann sich vorstellen, wie quälend und zutiefst beunruhigend es sein muss, wenn diese Unsicherheit ein Dauerzustand ist, vor allem, weil man sie ja gerade wegen des erwähnten Mangels an Nahkontakt nicht korrigieren kann“ (Riemann, 1991, S. 37).

Und so erklärt sich schließlich auch aus Brünhilds Psychodynamik die Unausweichlichkeit und Unversöhnlichkeit des Streits der Königinnen. Sie, die so sehr darunter leidet, ihrer Freiheit und Selbstbestimmtheit beraubt worden zu sein, kann es nicht ertragen, dass Kriemhild mit solcher Leidenschaft und Seligkeit in der deindividualisierten Rolle als schmückendes, aber willenloses Beiwerk eines stolzen Königs aufgeht, voll naiver Bewunderung ihres Herren Siegfried. Diesen zu diskreditieren, auf seinen vermeintlichen Platz zu verweisen, ist weniger ein Angriff Brünhilds auf ihn, oder ein Zeichen übergroßer Identifikation mit der höfischen Hierarchie, sondern vielmehr eine frustrierte und destruktive Attacke auf das ihr selbst nicht zugängliche Glück in der Liebe, welches Kriemhild, mit ihrer Bindungs- und Liebesfähigkeit, archetypisch verkörpert.

Poesie, Heldensage, Untergangsdrama, Nationalepos – das Nibelungenlied ist und mag vieles sein. Eine große mythische Erzählung ist es in jedem Fall und als solche berichtet es eben nicht nur von berühmten Helden, großer Mühsal, von glücklichen Tagen und Festen, von Tränen und Klagen und vom Kampf tapferer Recken (1. Aventiure, C1), sondern auch und vielleicht vor allem von universellen, existenziellen Erfahrungen der Seele über alle Zeiten hinweg. Zu diesen zählen die Grundformen der Angst, welche durch die vier Protagonistinnen und Protagonisten verkörpert, durch diese für uns erlebbar werden. Die grundsätzliche Unvereinbarkeit widerstrebender und doch untrennbarer Bedürfnisse und Ängste, das innere Ringen um gangbare Lösungswege, das zwangsläufige Scheitern absoluter Ideologien – sie werden für uns im Nibelungenlied nicht nur kognitiv, sondern auch emotional erfahrbar, welches dadurch zur zeitlosen Erzählung über das Menschsein wird.

Podcast: Der Nibelungen Psyche

Ausführliche psychologische Reflektionen zum Nibelungenlied können Sie im regelmäßig erscheinenden Podcast Der Nibelungen Psyche bei Spotify, Apple Podcasts, in Ihrem Podcatcher oder hier verfolgen

Literatur

Freud, S. (1920). Jenseits des Lustprinzips. Gesammelte Werke, 13, 1-69.

Fromm, E. (2001 [1951]). Märchen, Mythen, Träume. Eine Einführung in das Verständnis einer vergessenen Sprache. 17. Auflage. Reinbeck: Rohwolt.

Grosse, S. (2011) in U. Schulze: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Stuttgart: Reclam.

Jung, C. G. (1995 [1921]). Psychologische Typen. Gesammelte Werke, Band 6. Düsseldorf: Walter-Verlag.

Reemtsma, J. P. (2003). Warum Hagen Jung-Ortlieb erschlug: Unzeitgemäßes über Krieg und Tod. München: C. H. Beck.

Riemann, F. (1991 [1961]). Grundformen der Angst: Eine tiefenpsychologische Studie. 32. Auflage. München, Basel: Ernst Reinhardt.

Rudolf, G. (2005). Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik. Ein einführendes Lehrbuch auf psychodynamischer Grundlage. 5. Auflage. Stuttgart: Thieme.

Schopenhauer, A. (1965 [1851]). Parerga und Paralipomena. In: W. v. Löhneysen (Hrsg.): Arthur Schopenhauer: Sämtliche Werke, Bd. 5. Stuttgart: Cotta.

Yalom, I. D. (2010). In die Sonne schauen: Wie man die Angst vor dem Tod überwindet. München: btb Verlag.

1 Die Begriffe hysterisch, zwanghaft, depressiv, schizoid werden in diesem Text im Sinne der von Riemann definierten Persönlichkeitstypen gebraucht und sind nicht bedeutungsgleich mit den gleichlautenden Begriffen in anderen historischen oder aktuellen Klassifikationen. Insbesondere ist die Bedeutung der Begriffe nach Riemann zu unterscheiden von den entsprechenden Persönlichkeitsstörungen nach ICD 10 und DSM V.

2 Alle wörtlichen Zitate aus dem Nibelungenlied nach Grosse (2011)