{"id":90,"date":"2019-09-19T01:28:17","date_gmt":"2019-09-18T23:28:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/wordpress\/?page_id=90"},"modified":"2019-09-19T01:28:23","modified_gmt":"2019-09-18T23:28:23","slug":"siegfrieds-tod-in-ausgewaehlten-nibelungenliedern-der-gegenwart","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/siegfrieds-tod-in-ausgewaehlten-nibelungenliedern-der-gegenwart\/","title":{"rendered":"Siegfrieds Tod in ausgew\u00e4hlten Nibelungenliedern der Gegenwart"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><em>Dr.\nNadine Hufnagel, Bayreuth<\/em><\/h3>\n\n\n\n<p>Der\nTod Siegfrieds spielt in der Handlung des <em>Nibelungenliedes<\/em>\neine zentrale Rolle: Vieles im ersten Teil der Handlung bereitet ihn\nvor, im sogenannten zweiten Handlungsteil resultiert daraus\nKriemhilds Rache. Wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler\nherausgearbeitet haben, hat die Art und Weise der Darstellung unter\nanderem die Funktion, das Spannungsfeld von h\u00f6fisch-zivilisierter\nOrdnung und heroischer Aggression in Szene zu setzen. Da\nsich heutige Leserinnen und Leser daf\u00fcr weniger interessieren\nd\u00fcrften, m\u00fcssen Wiedererz\u00e4hlungen des 21. Jahrhunderts Siegfrieds\nTod eine Gestaltung und Funktion verleihen, die nicht identisch mit\ndenjenigen im mittelalterlichen <em>Nibelungenlied<\/em>\nsein k\u00f6nnen. Dem wird im Folgenden anhand der Beispiele <em>Die\nNibelungen nach alten Quellen neu erz\u00e4hlt<\/em>\nvon Baal M\u00fcller (2004), <em>Neidhard von\nSteinach: Nibelungen. Eine sehr originale Geschichte<\/em>\nvon Ralf Nievelstein und Matthias Rummel (2010) und Heinrich\nSteinfests <em>Der Nibelungen Untergang<\/em>\n(2014) nachgegangen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zuvor\nsoll an zwei Ph\u00e4nomene erinnert werden, die neben dem\nmittelalterlichen <em>Nibelungenlied<\/em>\nf\u00fcr die Bewertung einer Gestaltung von Siegfrieds Tod heute\nbesonders wichtig erscheinen: der nationalistisch instrumentalisierte\nMythos vom Heldentod und postmoderne Darstellungen des Heldentodes.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Nadine-Hufnagel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-91\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Nadine-Hufnagel.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Nadine-Hufnagel-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/Nadine-Hufnagel-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>\u201eSiegfrieds Tod\u201c aus: Ralf Nievelstein, Matthias Rummel: Neidhard von Steinach.<br> Nibelungen. Eine sehr originale Geschichte, Worms: Worms Verlag 2010<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Heldentod\u201c\nnationalistisch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bezogen\nauf die Textgattung Heldenepik bezeichnet man als \u201eHeldentod\u201c\n\u00fcblicherweise den Tod eines einzelnen herausragenden Kriegers, der\noft in eher lockerem Kontakt zur Gemeinschaften steht. Als Held nimmt\ner sein eigenes Ableben willentlich in Kauf, um Ruhm zu erwerben.\nSeit Beginn der modernen Kriegsf\u00fchrung verwendet man den Begriff\nhingegen eher im Zusammenhang mit dem Tod eines Soldaten, der gerade\ndeshalb zum Helden wird, weil er als Teil einer Gemeinschaft stirbt,\ndie national oder anderweitig ideologisch \u00fcberh\u00f6ht wird.\nBekanntlich ist auch\nSiegfrieds Tod, in diesem Zusammenhang rezipiert worden: \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWie Siegfried unter dem\nhinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen, so st\u00fcrzte unsere\nermattete Front; vergebens hatte sie versucht, aus dem versiegenden\nQuell der heimatlichen Kraft neues Leben zu trinken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\nDie ber\u00fcchtigte Dolchsto\u00dflegende,\ndie die Niederlage der angeblich im Felde ungeschlagenen deutschen\nSoldaten im ersten Weltkrieg rechtfertigen sollte, wird hier von\nReichspr\u00e4sident Paul von Hindenburg mittels der bekannten Mordszene\naus dem <em>Nibelungenlied\n<\/em>veranschaulicht.\nDie nationalsozialistische Propaganda hat wiederholt daran\nangekn\u00fcpft, um den Mythos des soldatischen Heldentodes zu\nvereinnahmen und weiterzuspinnen. So hei\u00dft es etwa in Adolf Hitlers\n<em>Mein Kampf<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eWer damals nicht mitk\u00e4mpfte,\ndas waren die parlamentarischen Strauchdiebe, dieses gesamte\npolitisierende Parteigesindel. Im Gegenteil, w\u00e4hrend wir k\u00e4mpften\n[\u2026] haben die M\u00e4uler dieser Ephialtesse gegen diesen Sieg so lange\ngehetzt und gew\u00fchlt, bis endlich der k\u00e4mpfende Siegfried dem\nhinterh\u00e4ltigen Dolchsto\u00df erlag.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Um\neine solche ideologische Instrumentalisierung von Siegfrieds Tod zu\nerm\u00f6glichen, bedarf es eines Prozesses des Mythologisierens, bei dem\nein Zeichen (ein Symbol, eine Handlung mit bestimmter Bedeutung o.\u00c4.)\naus den urspr\u00fcnglichen Zusammenh\u00e4ngen herausgel\u00f6st wird, wodurch\nder urspr\u00fcngliche Sinn des Zeichens zur\u00fcckgedr\u00e4ngt wird.\nAnschlie\u00dfend wird das Zeichen im neuen Zusammenhang des Mythos\nwieder mit Bedeutung aufgeladen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nHindenburg wird der Tod Siegfrieds aus der Handlung des\n<em>Nibelungenliedes<\/em>\nherausgeschnitten. Im Kontext der Rechtfertigung der Niederlage der\nWehrmacht wird Siegfried mit den deutschen Soldaten identifiziert und\nHagen genannt, um Verrat zu implizieren. Durch die Kombination mit\ndem Bild der versiegenden Quelle aber ist die klare Identifizierung\nvon Hagen als T\u00e4ter irritiert, stattdessen ger\u00e4t die Heimat als\nverr\u00e4terisch in den Blick. Hitler greift die Identifizierung der\ndeutschen Soldaten mit Siegfried auf, wird bez\u00fcglich des Verrats\njedoch konkreter als Hindenburg. Als Verr\u00e4ter setzt er nun\nunmittelbar die Demokraten ein. Zur Verst\u00e4rkung dessen verkn\u00fcpft er\nParlament und Parteien zus\u00e4tzlich mit dem Namen Ephialtes, der laut\nHerodot die griechischen Truppen an die Perser verraten hatte, und\nersetzt die urspr\u00fcngliche Waffe durch den Dolch, die traditionelle\nWaffe des hinterh\u00e4ltigen Verr\u00e4ters. Aus dem mit Siegfrieds Tod\nverbundenen Spannungsfeld zwischen h\u00f6fisch-zivilisierter Ordnung und\nheroischer Aggression ist das Spannungsfeld zwischen\nsoldatisch\/deutsch und demokratisch\/verr\u00e4terisch geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<strong>Heldentod\u201c\npostmodern<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Popkultur wird der Heldentod h\u00e4ufig postmodern inszeniert. Damit\nist an dieser Stelle eine Darstellungsweise gemeint, die wesentlich\ndamit arbeitet, andere Darstellungen zu zitieren \u2013 mitunter auch\nironisch. Auch dieser postmoderne Umgang mit dem Heldentod hat Einzug\nin die Rezeption des Todes Siegfrieds gefunden, wie Sven Unterwalds\nFilm <em>Siegfried<\/em>\n(2005) mit Tom Gerhardt in der Hauptrolle zeigt. Darin stoppt der\nOvervoice-Erz\u00e4hler den Film, nachdem der Speer Siegfried getroffen\nhat, und spult die Handlung zur\u00fcck, um Siegfrieds Ferkel die Chance\nzu geben, sich \u201eheldenhaft\u201c zwischen den Speer und seinen Freund\nzu werfen. Damit stellt sich auch die Aufgabe, in den ausgew\u00e4hlten\nWiedererz\u00e4hlungen nach\nZitaten Ausschau zu halten und zu fragen, ob und wozu sie eine\nironische Haltung einnehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAusgangsfrage nach der Gestaltung des Todes Siegfrieds in den\nausgew\u00e4hlten Wiedererz\u00e4hlungen des <em>Nibelungenliedes<\/em>\nder Gegenwart l\u00e4sst sich nun also genauer beschreiben als Frage nach\nder spezifischen Darstellung des Todes Siegfrieds vor dem Hintergrund\neines Wissens der Autoren und vielleicht auch der Leserinnen und\nLeser um den ideologischen Missbrauch der Szene sowie nach dem Umgang\nmit Zitaten und Ironie.<\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Die\nNibelungen nach alten Quellen neu erz\u00e4hlt<\/strong><\/em><strong>\nvon Baal M\u00fcller<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eSo sehr sich die beiden Burgunden auch sputeten,\nhatte [Siegfried] sie bald eingeholt und war wie der Sturmwind,\nfreilich mit einem munteren Zuruf, an ihnen vorbeigesaust. [\u2026] [Die\nQuelle] sprudelte recht lustig und voller Verlockung f\u00fcr den\nDarbenden, doch Siegfried bezwang seinen Durst, da es ihm geh\u00f6rig\nschien, den gastgebenden K\u00f6nig den ersten Schluck tun zu lassen. [\u2026]\n\u201aBeim Donar, das war kein schlechter Lauf, Siegfried\u2018, sagte der\nK\u00f6nig, und sein Brustkorb hob und senkte sich keuchend. \u201aSicher\nhast du deinen Durst schon gestillt.\u2018 \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201aDu bist der Herr des Landes, dir geziemt der erste\nTrunk\u2018, antwortete ihm Siegfried h\u00f6flich [\u2026].<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201aJetzt seid Ihr an der Reihe\u2018, sprach Hagen und\nmachte eine ladende Geste. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201aDank Euch, Herr Hagen\u2018, erwiderte der Held, kniete\nebenfalls nieder und beugte sich \u00fcber den Bronnen. [\u2026] [D]ann\nschien die Zeit f\u00fcr einen Augenblick stillezus[t]ehen, etwas zischte\ndurch die Luft, und ein ungl\u00e4ubiger Schrei ert\u00f6nte \u00fcber dem Quell,\nwurde lauter und lauter, erf\u00fcllte klagend die Lichtung und verhallte\nzuletzt in der gr\u00fcnen Einsamkeit. \n<\/p>\n\n\n\n<p>\n[\u2026] In [Siegfrieds] Gesicht war weder Furcht noch\nSchmerz noch Entsetzen zu lesen, nicht einmal ein Vorwurf, sondern\nnur ein gro\u00dfes Nichtverstehen, die stumme Frage des prangenden, noch\nin F\u00fclle stehenden Lebens vor dem ungeahnten, so v\u00f6llig fremden\nEnde. Siegfrieds Augen rollten langsam zwischen seinen M\u00f6rdern hin\nund her. [\u2026] Doch pl\u00f6tzlich schien das schwindende Leben sich noch\neinmal in eine einzige letzte Tat zusammenfassen und verstr\u00f6men zu\nwollen: Siegfried b\u00fcckte sich nach seinem Schilde [\u2026], st\u00fcrzte,\nohne sich noch einmal ganz aufrichten zu k\u00f6nnen, auf Hagen zu und\nri\u00df ihn zu Boden. [\u2026] Mit einem schmerzhaften Ruck wandte er das\nGesicht K\u00f6nig Gunther zu, sah ihn mit verglasenden Augen an, und\nerst jetzt verzerrten sich seine Z\u00fcge langsam zu bitterer Anklage:\n\u201aWarum vergiltst du mir so meine Freundschaft?\u2018 [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>\nNach diesen Worten kippte Siegfrieds Kopf zur Seite,\nseine Augen brachen, und er verschied. Die Blumen um ihn herum auf\nder Waldwiese hatten sich dunkelrot gef\u00e4rbt. [\u2026] Hagen aber sagte\nschwer atmend, doch mit fester Stimme: \u201aLa\u00dft es Euch nicht\ngereuen, mein Herr; seine Herrschaft ist beendet, Ihr seid wieder der\neinzige K\u00f6nig zu Worms.\u2018 [\u2026] Als einige ein Wehklagen anstimmen\nwollten, gebot Hagen mit scharfer Stimme zu schweigen, und der\nSpielmann Volker redete ihm das Wort: \u201aIhr Memmen\u2018, rief er, \u201awas\nflennt ihr um den Niederl\u00e4nder? Hagen hat recht getan \u2013 seid froh,\nda\u00df ihr den Fremden los seid!\u2018<\/p>\n\n\n\n<p>Siegfried\nwird wiederholt als Held bezeichnet, ein Begriff, der in der\nWiedererz\u00e4hlung M\u00fcllers durchaus mit positiver und zugleich\ntragischer Bedeutung belegt ist \u2013 nicht zuletzt, weil Hildebrand\nzum Erz\u00e4hler der Geschichte wird. Dieser berichtet, was er erlebt\nhat, einem alten ein\u00e4ugigen Einsiedler, der stellenweise mit\nWotan\/Odin assoziiert wird. Damit erf\u00e4hrt man die Ereignisse aus dem\nMund einer Figur, die derart konsequent am Heldentum festh\u00e4lt, dass\nsie sogar ihren eigenen Sohn im Kampf t\u00f6tet. Am Ende \u00fcbergibt er\nseinen Sohn ins Totenreich und verschwindet in den Bergen, wo er bis\nheute f\u00fcr seinen Herrn die Grenze verteidige, bis dieser\nwiederkehre.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei\nder Beschreibung von Siegfrieds Tod zeichnet er den Helden vor allem\nals fr\u00f6hlich-\u00fcberm\u00fctig, nicht als aggressiv, seine H\u00f6flichkeit\nwird geradezu in den Vordergrund ger\u00fcckt. Insgesamt wird die Szene\nmit Pathos geschildert; man wird an die Darstellung im\nNibelungen-Stummfilm Fritz Langs erinnert. Eine distanzierende oder\nironische Haltung ist nicht zu erkennen. Bewertet wird Siegfrieds Tod\nvon den Figuren unterschiedlich: als Mord und Verrat auf der einen\nSeite, auf der anderen Seite als notwendige Verteidigung gegen\nFremdherrschaft. Anschlie\u00dfend unterbricht Hildebrand seine\nGeschichte, um Siegfrieds Tod selbst zu kommentieren: Zwar sei er der\nAnfang vom Untergang gewesen, aber alle h\u00e4tten so gehandelt, wie sie\nes nun einmal mussten. Hagen als treuer Gefolgsmann <em>musste<\/em>\ndie Herrschaft Gunthers sichern. Siegfried trage selbst eine gewisse\nMitschuld, dadurch dass er sich durch seine fr\u00fcheren Taten wohl den\nZorn der G\u00f6tter zugezogen habe. Hildebrands Gespr\u00e4chspartner\nwiederum entschuldigt Siegfrieds fr\u00fcheres Handeln. Die Verbindung\nvon Siegfrieds fr\u00fcheren Taten und seiner Ermordung wird von ihm\nnicht im Sinne einer moralischen oder juristischen Schuld\ninterpretiert, sondern mythologisch gedeutet: Junge Helden\ndurchlebten mit ihren ersten Heldentaten eine Art Weihe, w\u00e4hrend der\nsie in Kontakt mit den toten Helden k\u00e4men, die auch bei der Wilden\nJagd in sie fahren w\u00fcrden. Manchmal bleibe dabei etwas von der\n\u201esegenspendenden Kraft\u201c der Toten an ihnen haften, weshalb sie\nbald wieder ganz zu ihnen zur\u00fcckkehren m\u00fcssten. M\u00fcller verweigert\nalso eine endg\u00fcltige Bewertung der Tat. Es l\u00e4sst sich aber eine\nTendenz zur Rechtfertigung von Gewalt und dem Glauben an die\nUnausweichlichkeit des Schicksals feststellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAbbildung hebt au\u00dferdem die k\u00fcnstlerisch-sch\u00f6ne und\ngruselig-faszinierende Seite von Gewalt zus\u00e4tzlich hervor. Dies\nzeigt sich nicht zuletzt in einer gewissen Monstrosit\u00e4t der Natur,\nwie einem Baum, der gleichsam mit Tentakelarmen nach Siegfried\ngreift. Auch der T\u00e4ter erscheint weniger menschlich denn als\nmonstr\u00f6ser Schatten. Die Gestaltung erinnert an M\u00e4rchen-, Fantasy-\noder Horror-Darstellungen. Unverkennbar sind auch hier die\nk\u00fcnstlerischen Anleihen bei Fritz Lang. Die Zitate sind aber\nkeineswegs ironisch oder parodierend.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Nibelungen.\nEine sehr originale Geschichte von Ralf Nievelstein und Matthias\nRummel<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eSiegfried, der viel Wetteifernde, willigte [in den\nWettlauf] ein. Damit es ein gerechtes Kr\u00e4ftemessen w\u00e4re, wollte er\nmit seiner Ausr\u00fcstung antreten. Hagen und Gunther, die viel\nUngetreuen, legten ihre Waffen und R\u00fcstungen ab und los ging es. [\u2026]\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDann schlich der Tronjer wieder zur\u00fcck, ergriff\nSiegfrieds Speer und schleuderte diesen mit aller Kraft in den R\u00fccken\ndes ahnungslosen Helden. Der Meuchelm\u00f6rder traf das Kreuz auf seines\nOpfers Gewand genau.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEin Schwall hellroten Blutes scho\u00df aus der Wunde.\nGunther starrte entsetzt auf den Nibelungen, der da jetzt viel Blut\nspuckte und starb. Wie grauenerregend dieser Anblick f\u00fcr den armen\nBurgunderk\u00f6nig war! Da zuckten die Verschw\u00f6rer zusammen, als der\nTote sich erhob, umdrehte und sie fragend anblickte. K\u00fchnen Auges\nblickte Hagen zur\u00fcck, woran Siegfried seinen M\u00f6rder erkannte. Mit\nzittriger Hand versuchte er, sein Schwert zu ziehen, ertastete aber\nnur noch die leere Scheide. Sein ganzer K\u00f6rper schmerzte ihn, und er\nmerkte, wie seine Kr\u00e4fte mit jedem Herzschlag schwanden. Noch einmal\nb\u00e4umte er sich auf und ergriff seinen Schild. Damit st\u00fcrmte er\nbr\u00fcllend auf Hagen zu und zog ihm das Ding mit solcher Wucht \u00fcber\nden Sch\u00e4del, da\u00df die Edelsteine nur so von den Spangen sprangen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nEdelsteine, sind das die Felsen aus Kriemhilds Traum?<\/p>\n\n\n\n<p>\nGut aufgepa\u00dft. Von diesem Schlag wurde der Tronjer,\nbekanntlich nicht gerade aus weichem Holz geschnitzt, so schwer\ngetroffen, da\u00df er in gef\u00e4hrlicher N\u00e4he zum Drachent\u00f6ter\nstrauchelte. Aber er hatte Gl\u00fcck: Siegfried der viel Leidende, sank\nvon allen guten Kr\u00e4ften verlassen zu Boden und konnte keinem mehr\netwas anhaben. Ein letzter Schmerz durchfuhr seine Glieder, bevor\nsein K\u00f6rper erschlaffte. Sein Wille schwand, seine Kraft verlie\u00df\nihn und der Schild entglitt seinen tauben Fingern. Mit letzter Kraft\nsprach er zu ihnen \u00fcber Pflicht, Vertrauen, Freundschaft und Verrat.\nEr verdammte die Burgunder und ihre ganze Sippe in alle Ewigkeit. Da\u00df\ner damit auch seine Frau und seinen Sohn verfluchte, fiel ihm in\ndiesem Moment gar nicht auf. Schnell sprach Siegfried, langsam starb\ner. Gunther bedauerte jetzt lauthals seinen treuen Freund, den er zu\nermorden half. Der stolze Burgunderk\u00f6nig, er jammerte und bedauerte\nund bedauerte und bedauerte und jammerte so laut, da\u00df Siegfried \u2013\nschon fast im Jenseits angekommen \u2013 sich noch einmal aufraffte und\ndem verr\u00e4terischen Freund die Leviten las. Ausgerechnet sein Mitleid\nbr\u00e4uchte er jetzt wirklich nicht mehr, spuckte er seinem Schwager\nnoch entgegen, und zu sp\u00e4t k\u00e4me es auch, da h\u00e4tte er sein Hirn\nbesser mal vorher eingeschalten. Das waren vorerst seine letzten\nWorte. Von dem Tumult angezogen kamen die ritterlichen J\u00e4ger\nherbeigelaufen. Als sie den sterbenden K\u00f6nig so sahen, beklagten sie\nihn unter Tr\u00e4nen.<\/p>\n\n\n\n<p>\nHagen schritt mit geschwellter Brust um den Siechenden\nherum, der sich nochmal aufb\u00e4umte und ihm mit seinem letzten Atem\neine Verw\u00fcnschung entgegenspie. Von Gunther aber forderte Siegfried,\nsich um Kriemhild zu k\u00fcmmern. Daf\u00fcr war noch ein wenig Luft \u00fcbrig.\nDann starb der Nibelunge. Endlich und endg\u00fcltig. Hinterh\u00e4ltig von\nfeiger Hand gemeuchelt hauchte der Strahlendste der Helden sein Leben\naus, w\u00e4hrend die Attent\u00e4ter schon dar\u00fcber nachdachten, wie man der\nWelt den Tod dieses Helden am besten erkl\u00e4ren k\u00f6nnte. Nach\ngr\u00fcndlicher \u00dcberlegung einigte man sich auf die Sprachregelung, es\nseien R\u00e4uber gewesen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Wiedererz\u00e4hlung von Nievelstein und Rummel wird immer wieder\nPathos aufgebaut, aber dann wird eine pathetische Lekt\u00fcre umso\ndeutlicher ironisch unterbrochen. Das geschieht beispielsweise durch\nironische Verweise auf die Dauer des Ablebens. Dieses langsame\nSterben erm\u00f6glicht eigentlich gewichtige letzte Worte, die aber\ngerade nicht in direkter Rede wiedergegeben, sondern nur\nzusammengefasst oder ironisch kommentiert werden. Dar\u00fcber hinaus\nwird an einer Stelle eine pathetische Lekt\u00fcre durch eine\nHerausstellung der Erz\u00e4hlsituation unterbrochen. Die\nHandlungswiedergabe wird n\u00e4mlich im gesamten Text als Interview der\nbeiden \u201eHerausgeber\u201c mit dem fiktiven Nachfahren des\nurspr\u00fcnglichen <em>Nibelungenlied-<\/em>Dichters\ninszeniert, in dessen Familie die Geschichte von Generation zu\nGeneration weitergegeben werde. Dass sich die Nachfrage der\nInterviewpartner ausgerechnet auf ein unwichtiges Detail und nicht\nauf den heldenhaften Todeskampf oder bedeutungsvolle letzte Worte\nSiegfrieds richtet, tr\u00e4gt ebenfalls zur St\u00f6rung des Pathos bei.\nDar\u00fcber hinaus macht sich der Text an dieser Stelle dar\u00fcber lustig,\nwie versessen die Gegenwart darauf aus ist, jedes noch so kleine\nDetail des <em>Nibelungenliedes <\/em>mit\nBedeutung zu versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine\nironische Lesart wird auch durch das zugeh\u00f6rige Bild unterst\u00fctzt.\nZum Beispiel l\u00e4sst sich der Hirsch im Hintergrund der Szene als ein\nZitat des Logos der Schnapsmarke J\u00e4germeister verstehen. Dieses\nstellt wiederum ein Zitat mittelalterlicher Darstellungen des\nHeiligen Hubertus dar. Dieses Zitat eines Zitats ist offen f\u00fcr\nunterschiedliche Interpretationen, beispielsweise spielt es mit dem\nVorwissen der Betrachter und Betrachterinnen und beleuchtet ironisch\ndessen Relevanz: J\u00e4germeister ist ein Produkt aus Wolfenb\u00fcttel, wo\nsich auch die Herzog August Bibliothek befindet, die f\u00fcr ihre\nmittelalterlichen Handschriften bekannt ist; Bekanntheit d\u00fcrfte die\nStadt heute aber weniger aufgrund der Bibliothek besitzen, sondern\neben vielmehr als Sitz der Firmenzentrale der international\nerfolgreichsten deutschen Export-Spirituose. Mit Vorwissen \u00fcber\nmittelalterliche Handschriftenillustrationen kann man allerdings die\nseltsame Gestik der Figuren verstehen. Diese verweist auf die Gesten\nund die Richterpose in Handschriften und parodiert diese zugleich als\nbizarre Verrenkungen eines Sterbenden und belehrend erhobene\nZeigefinger.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben\ndem au\u00dfergew\u00f6hnlich langen Sterben Siegfrieds liegt der Fokus der\nSzene im Text weniger auf den T\u00e4ter als auf der Figur Gunther.\nAufgrund der Verwendung der Begriffe \u201eAttent\u00e4ter\u201c und\n\u201eSprachregelung\u201c l\u00e4sst sich dies als satirischer Seitenhieb auf\npolitisch Verantwortliche, die, unmittelbar konfrontiert mit den\ngewaltt\u00e4tigen Folgen ihrer politischen Entscheidungen, einerseits\nfassungslos sind und diese lauthals beklagen, andererseits unter den\nAugen der \u00d6ffentlichkeit sofort in den Modus des Vertuschens\ngeraten, verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\n<strong>Der Nibelungen Untergang von Heinrich Steinfest<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\n\u201eHagen kennt seinen Siegfried. Dieser bietet sofort\neine Demonstration seiner Laufk\u00fcnste an und fordert ein Wettrennen\ngegen Hagen und Gunther. Und weil er wie immer den Weg der\n\u00dcbertreibung sucht, l\u00e4uft er in voller Montur, [\u2026] und h\u00e4tte\nsich wohl gerne auch noch den toten B\u00e4ren auf die Schulter gelegt.\nHagen und Gunther hingegen ziehen sich bis auf ihre Hemden aus. Ihre\nd\u00fcnnen wei\u00dfen M\u00e4nnerbeine legen im k\u00fchlen Wind eine G\u00e4nsehaut\nan. [\u2026] \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nAllerdings st\u00fcrzt [Siegfried] sich nicht sofort auf das\nerl\u00f6sende Nass, sondern wartet geduldig auf seine Kontrahenten.\n(W\u00e4re er nur \u00e4hnlich vornehm bei der Jagd auf den B\u00e4ren gewesen.)<\/p>\n\n\n\n<p>\nAls er da wartet, bemerkt er etwas Buntes neben der\nQuelle im Gras liegen. Er hebt es auf, betrachtet es, ein\nmerkw\u00fcrdiges St\u00fcck Papier, auf dem ein Symbol zu sehen ist, eine\nArt Herzform [\u2026].<\/p>\n\n\n\n<p>\nWas nun Siegfried nicht wissen kann, ist, dass an der\nStelle, an der er sich befindet, sp\u00e4ter einmal einer der sogenannten\nSiegfriedbrunnen stehen wird. Was jetzt noch die pure Idylle ist,\nwird dann ein k\u00fcmmerliches Rasenst\u00fcck sein, ein paar B\u00e4ume samt\ntrockengelegtem Brunnen, Bank und M\u00fclleimer, umrahmt von\nHochh\u00e4usern, einem Einkaufszentrum und dem Fabrikgel\u00e4nde der\nLangnese-Iglo GmbH, bekannt daf\u00fcr, diverse Eissorten herzustellen\nund diese in beschichtete, farbenfrohe Papiere zu wickeln.<\/p>\n\n\n\n<p>\nEs ist also eine Wassereisverpackung, die Siegfried da\nentdeckt hat, die vielleicht ein Zeitreisender hier achtlos wegwarf.\nOder auch ganz bewusst an dieser \u201ahistorischen Stelle\u2018\ndeponierte. [\u2026] \n<\/p>\n\n\n\n<p>\nDoch er wirft das Papier einfach weg und ist nun ganz\njovialer Triumphator, als da Gunther und Hagen mit gro\u00dfem Abstand\neintreffen. [\u2026] [Hagen von Tronje] wirft mit aller Kraft. Und er\nwirft gut. Der Spie\u00df bohrt sich durch den K\u00f6rper des Helden. Das\nBlut spritzt, es spritzt derart, dass es Hagens Gesicht und seine\nnackten Beine benetzt. Der Tronjer sp\u00fcrt, wie es brennt. Eine Weile\n\u00fcberlegt er sogar, ob nicht f\u00fcr dieses Blut dasselbe gelten k\u00f6nnte\nwie im Falle des Drachen und es sich also lohnen w\u00fcrde, darin zu\nbaden. Doch noch widersteht Siegfried dem Tod und richtet sich\nbr\u00fcllend auf. [\u2026] Jeder andere h\u00e4tte sofort zu atmen aufgeh\u00f6rt,\nder todwunde Held aber ballt seine F\u00e4uste und h\u00e4lt Ausschau nach\nseinen Waffen. Keine M\u00f6glichkeit f\u00fcr Hagen, sich im Blut zu baden,\nstattdessen ergreift er die Flucht. [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>\nSiegfried stirbt. Er geht in die Knie. [\u2026] Noch\nbesitzt er so viel Stimme, um den Verrat zu beklagen, Hagens\nHinterh\u00e4ltigkeit, Gunthers Heuchelei. [\u2026]<\/p>\n\n\n\n<p>\nEin letzter Atemzug. F\u00fcr manche ist es so, als verwelke\ndie ganze Welt. (Man stelle sich aber vor, wie Siegfried nun im\nJenseits all jenen begegnet, Tieren und Menschen, denen er einst das\nLeben nahm. Heerscharen, die auf ihn zurasen.)<\/p>\n\n\n\n<p>\nDa Siegfried jetzt wirklich tot ist, legt man einen\nSchild von rotem Gold \u00fcber ihn, wie um ihn nicht betrachten zu\nm\u00fcssen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen\nund Gunther, die neben dem Helden blass und l\u00e4cherlich aussehen,\ndienen bei Steinfest deutlich als Kontrastfolie zu dessen\nAu\u00dfergew\u00f6hnlichkeit. Hagen spielt zwar mit dem Gedanken, in die\nFu\u00dfstapfen des Helden zu treten, er ist aber nicht in der Lage dazu.\nDer Darstellung liegt viel daran, die Besonderheit eines Helden\nherauszustellen, aber ohne Bewunderung daf\u00fcr aufkommen zu lassen.\nSt\u00e4ndig unter Beweis stellen zu m\u00fcssen, wie au\u00dfergew\u00f6hnlich er\nist, macht den Helden vorhersehbar und geradezu manipulierbar.\nHeldenhaftigkeit basiert auf einem Hang zur \u00dcbertreibung und\nProfilierungssucht und \u00e4u\u00dfert sich im Wesentlichen durch\nAggression. Eine potentielle Glorifizierung findet ihren H\u00f6hepunkt,\nwenn der Tod des Helden als das Ende der Welt wahrgenommen wird. Dazu\npasst auch, dass sein toter K\u00f6rper mit einem Goldschild bedeckt\nwird. Aber der Erz\u00e4hler entlarvt Glorifizierung als lediglich eine\nM\u00f6glichkeit der Wahrnehmung unter anderen und das Vergolden bewertet\ner als Verweigerung eines genauen Hinsehens sowie einer kritischen\nAuseinandersetzung. Er selbst lenkt den Blick statt auf den Schmerz\ndes Helden oder dessen Ruhm auf dessen Opfer. Dass Siegfried nun f\u00fcr\nseine Taten b\u00fc\u00dfen muss, ist ebenfalls eine M\u00f6glichkeit der\nWahrnehmung. Der Erz\u00e4hler greift au\u00dferdem wiederholt die\nvorangegangene T\u00f6tung eines B\u00e4ren durch Siegfried auf. Dies ist\neinerseits Teil der Thematisierung von \u00dcbermut und\nProfilierungssucht, andererseits der Problematisierung des Umgangs\ndes Menschen mit der Umwelt. Nicht umsonst z\u00e4hlt der Erz\u00e4hler zu\nden Heerscharen, die im Jenseits auf Siegfried vermutlich zurasen,\nnicht nur Menschen, sondern \u2013 an erster Stelle \u2013 auch Tiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders\nals der Begriff Storyboard es impliziert, visualisieren die Bilder,\ndie das untere Drittel der Doppelseite einnehmen, nicht die Szene,\nwie sie beschrieben ist, sondern abweichend vom Text stehen hier\nHagen und seine Emotionen im Fokus. Statt eines kaltbl\u00fctigen\nMeuchelm\u00f6rders sieht man einen versehrten Mann, der mit der Tat, die\ner begeht, ringt. Und der im Text als \u00dcbermensch dargestellte Held\nist, statt sich wie beschrieben zu wehren und zu fluchen, passiv und\nbewegungslos. Damit bieten die Bilder eine weitere eigenst\u00e4ndige\nBedeutungsebene an. <em>Der Nibelungen Untergang<\/em>\nmacht durch diese unterschiedliche Pr\u00e4sentation der Szene in Wort\nund Bild sichtbar, dass es unterschiedliche Perspektiven gibt, und\nregt zum kritischen Nachdenken \u00fcber unterschiedliche Darstellungs-\nund Deutungsm\u00f6glichkeiten ein und desselben Geschehens an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Geschichte\nund Gegenwart<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nVerflechtung der Zeitebenen in dieser Wiedererz\u00e4hlung\nveranschaulicht, dass die Gegenwart mit der Vergangenheit nicht nur\nin Verbindung steht, weil sie aus ihr hervorgegangen ist. Auch die\nGeschichte wird von der Gegenwart hervorgebracht. Dies wird schon\nallein dadurch deutlich, dass das Geschehen nicht \u2013 wie im ersten\nTextbeispiel \u2013 durch einen Augenzeugen, sondern durch einen\nErz\u00e4hler pr\u00e4sentiert wird, der deutlich zu unserer Gegenwart\ngeh\u00f6rt. In der Mordszene ist das sichtbare Zeichen daf\u00fcr das\nzeitgereiste Eispapier. Aber auch die Bezeichnung des Tatorts als\n\u201ahistorische Stelle\u2018 mit Anf\u00fchrungszeichen weist darauf hin. Der\nHinweis auf das vielleicht absichtliche Deponieren des Eispapiers\nzeigt, dass die Konstruktion der Geschichte durch die Gegenwart\ndurchaus auch manipulativ erfolgen kann. <em>Nibelungen.\nEine sehr originale Geschichte<\/em>\ninszeniert \u00fcber die Gestaltung der\nErz\u00e4hlsituation als Interview mit dem Nachfahren des\nNibelungendichters die Geschichte wesentlich als ein weitergetragenes\nErbe und benutzt dieses \u2013 nicht zuletzt in der Bebilderung \u2013 als\nSpielmaterial. <em>Die\nNibelungen<\/em> von\nM\u00fcller kennzeichnen die Geschichte durch die Gestaltung als\nAugenzeugenbericht aus der V\u00f6lkerwanderungszeit einerseits als\nvergangen, andererseits als mythische Erz\u00e4hlung von zeitenthobener\nBedeutung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nerwartet spielt die Spannung zwischen h\u00f6fisch-zivilisierter Ordnung\nund heroischer Aggression in keinem der drei Texte bei der\nDarstellung der Szene eine Rolle. Aber auch der nationalistische\nMythos vom soldatischen Heldentod ist im Zusammenhang mit Siegfrieds\nTod nicht explizit thematisiert. Die Erz\u00e4hlungen scheinen vielmehr\nzu zeigen, dass, wenn eine alte Geschichte auch eine Zukunft haben\nsoll, man beim Wiedererz\u00e4hlen aktuelle Themen integrieren muss,\nwobei die Texte keineswegs so unpolitisch sind, wie es auf den ersten\nBlick scheinen mag. Beispielsweise kann man sie in Hinblick auf ihre\nVerwendung von Zeichen und Zitaten politisch lesen: Steinfest f\u00fchrt\nin der Gestaltung der Mordszene die Zuweisung von Bedeutung an\nZeichen vor und damit den Prozess des Mythologisierens. Er regt\ndar\u00fcber hinaus zum kritischen Nachdenken \u00fcber den Umgang des\nMenschen mit nat\u00fcrlichen und kulturellen Ressourcen an. Die\nErz\u00e4hlung zeigt mit ihrer zitatreichen Text-Bild-Kombination\nau\u00dferdem, dass es verschiedene Perspektiven auf ein und dasselbe\nGeschehen gibt. Auch die Gemachtheit und Manipulierbarkeit der\nGeschichte durch die Gegenwart geraten in den Blick. Nievelstein und\nRummel gehen ironisch mit Zeichen um und setzen vor allem auf Parodie\nund Satire. Anders als diese beiden Wiedererz\u00e4hlungen, die die\nErz\u00e4hlsituation in der Gegenwart verorten und sich sowohl von\nHeldenverehrung als auch von einer pathetischen Darstellung des\nHeldentodes distanzieren, nimmt M\u00fcller keine eindeutig kritisch-\noder ironisch-distanzierende Haltung gegen\u00fcber dem Umgang mit\nGeschichte ein. Stattdessen pr\u00e4sentiert er einen\nheidnisch-mythologischen Zusammenhang. Der Heldentod ist in diesem\nKontext tragisch, weil er die Konsequenz dessen ist, was die Helden\nvor allen anderen Menschen auszeichnet; er ist ihr unausweichliches\nSchicksal. Wenn Hagens Tat bei M\u00fcller damit gerechtfertigt wird,\ndass er Burgund vor Fremdherrschaft bewahrt habe, und erz\u00e4hlt wird,\ndass Hildebrand bis heute die Grenze von Dietrichs Reich verteidige,\nwerden der Kampf gegen das Fremde und Grenzsicherung als die Zeiten\n\u00fcberdauernde Heldentat hervorgehoben.<\/p>\n\n\n\n<p>An\ndieser Stelle lohnt es sich, noch einen Seitenblick auf einige\n\u00f6ffentlichen \u00c4u\u00dferungen M\u00fcllers zu werfen, denn der Autor trat\nzuletzt wiederholt bei Pegida als Redner auf. In dieser Funktion\nkritisierte er in Dresden im Mai 2017 die Fl\u00fcchtlingspolitik Angela\nMerkels. Er konstatierte, ein friedliches Zusammenleben von Kulturen\nsei nur innerhalb fester Grenzen zwischen den Kulturen m\u00f6glich;\nGrenzen zu sichern sei die wichtigste Voraussetzung f\u00fcr Schutz und\nSicherheit. Vor diesem Hintergrund sind die Rezeption und die\nNeudeutungen nationalistischer Mythen ein aktuelles Thema, das in\nk\u00fcnftigen Wiedererz\u00e4hlungen des <em>Nibelungenliedes\n<\/em>vielleicht wieder eine prominentere Rolle\nspielen wird. Aus meiner Sicht w\u00e4re w\u00fcnschenswert, dass es dabei\nnicht in die politische Richtung M\u00fcllers geht und, dass man auch\n\u00fcber eine ironische Distanzierung hinaus geht. Wir brauchen einen\nverantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit der kulturellen\nRessource, die das <em>Nibelungenlied<\/em>\nund seine Rezeptionsgeschichte darstellen, einen Umgang, der bei\naller Multiperspektivit\u00e4t doch eine klare Position bezieht.<\/p>\n\n\n\n<p>\n(Diese gek\u00fcrzte Version meines\nVortrags f\u00fcr die Nibelungenfestspiele 2018 basiert auf meinem\nBeitrag f\u00fcr den Sammelband zur Tagung <em>altiu\nm\u00e6re<\/em> heute. Die\nNibelungen und ihre Rezeption im 21. Jahrhundert. Bamberg\n09.-11.11.2017, hg. von Ingrid Bennewitz und Detlef Goller.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Verwendete\nund zitierte Literatur:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\nM\u00fcller, Baal: Die Nibelungen nach\nalten Quellen neu erz\u00e4hlt mit Illustrationen von Linde Gerwin.\nUhlst\u00e4dt-Kirchhasel 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>\nNibelungen. Eine sehr originale\nGeschichte, hg. von Ralf Nievelstein und Matthias Rummel. Worms 2010.<\/p>\n\n\n\n<p>\nSteinfest, Heinrich: Der\nNibelungen Untergang. Storyboard von Robert de Rijn. Stuttgart 2014.<\/p>\n\n\n\n<p>\nvon Hindenburg, Paul: Aus meinem\nLeben. 12. Aufl. Leipzig 1920.<\/p>\n\n\n\n<p>\nHitler, Adolf: Mein Kampf. Eine\nkritische Edition. Band II. Im Auftrag des Instituts f\u00fcr\nZeitgeschichte. M\u00fcnchen, Berlin 2016.<\/p>\n\n\n\n<p>\nBarthes, Roland: Mythen des\nAlltags. Vollst\u00e4ndige Ausgabe. Aus dem Franz\u00f6sischen von Horst\nBr\u00fchmann. Frankfurt am Main 2012 (suhrkamp taschenbuch 4338).<\/p>\n\n\n\n<p>\nBehrenbeck, Sabine: Der Kult um\ndie toten Helden. Nationalsozialistische Mythen, Riten und Symbole\n1923 bis 1945. Greifswald 1996 (K\u00f6lner Beitr\u00e4ge zu Nationsforschung\n2).<\/p>\n\n\n\n<p>\nBrackert, Helmut: Nibelungenlied\nund Nationalgedanke. Zur Geschichte einer deutschen Ideologie. In:\nMediaevalia litteraria. Festschrift f\u00fcr Helmut de Boor zum 80.\nGeburtstag, hg. von Ursula Hennig und Herbert Kolb. M\u00fcnchen 1971, S.\n343-364.<\/p>\n\n\n\n<p>\nFasbender, Christoph: Siegfrieds\nWald-Tod. Versuch \u00fcber die Semantik von R\u00e4umen im Nibelungenlied.\nIn: Au\u00dfen und Innen. R\u00e4ume und ihre Symbolik im Mittelalter, hg.\nvon Nikolaus Staubach, Vera Johanterwage. Frankfurt u.a. 2007\n(Tradition \u2013 Reform \u2013 Innovation 14).<\/p>\n\n\n\n<p>\nLienert, Elisabeth:\nMittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einf\u00fchrung. Berlin 2015\n(Grundlagen der Germanistik 58).<\/p>\n\n\n\n<p>\nLuckscheiter, Roman: Zwischen\nPathos, Politik und Parodie \u2013 Die Rezeption des Nibelungenlieds in\nRomanen des 19. und 20. Jahrhunderts. In: Die Nibelungen in der\nModerne. Dokumentation des 5. Symposiums der\nNibelungenliedgesellschaft Worms e.V. am 17. August 2003, hg. von\nGerold B\u00f6nnen und Volker Gall\u00e9. Worms 2004 (Schriftenreihe der\nNibelungenliedgesellschaft Worms e.V. 4), S. 43-63.<\/p>\n\n\n\n<p>\nM\u00fcller, Jan-Dirk: Spielregeln f\u00fcr\nden Untergang. Die Welt des Nibelungenliedes. T\u00fcbingen 1998.<\/p>\n\n\n\n<p>\nM\u00fcnkler, Herfried; Storch,\nWolfgang: Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos. Berlin\n1988.<\/p>\n\n\n\n<p>\nM\u00fcnkler, Herfried: Siegfrieden \u2013\nPolitische Mythen um das Nibelungenlied. In: Ein Lied von gestern?\nZur Rezeptionsgeschichte des Nibelungenliedes. Dokumentation des 1.\nwissenschaftlichen Symposiums der Nibelungenliedgesellschaft Worms\ne.V. und der Stadt Worms vom 5. bis 6. Oktober 1998, hg. von Gerold\nB\u00f6nnen und Volker Gall\u00e9. 2. Aufl. Worms 2009, S. 141-157.<\/p>\n\n\n\n<p>\nvon See, Klaus: Held und\nKollektiv. In: Ders.: Europa und der Norden im Mittelalter.\nHeidelberg 1999, S. 145-181.<\/p>\n\n\n\n<p>\nvon See, Klaus: Die politische\nRezeption der Siegfriedfigur im 19. und 20. Jahrhundert. In:\nSiegfried. Schmied und Drachent\u00f6ter, hg. von Volker Gall\u00e9 im\nAuftrag des Nibelungenmuseums Worms. Worms 2005 (Nibelungenedition\n1), S. 138-155.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. Nadine Hufnagel, Bayreuth Der Tod Siegfrieds spielt in der Handlung des Nibelungenliedes eine zentrale Rolle: Vieles im ersten Teil der Handlung bereitet ihn vor, im sogenannten zweiten Handlungsteil resultiert daraus Kriemhilds Rache. 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