{"id":501,"date":"2023-09-29T11:33:42","date_gmt":"2023-09-29T09:33:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=501"},"modified":"2024-01-04T14:01:22","modified_gmt":"2024-01-04T13:01:22","slug":"befremdung-als-befreiung-ein-anderer-blick-aus-alten-zeiten-auf-brunhild-siegfried-kriemhild-und-gunther","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/befremdung-als-befreiung-ein-anderer-blick-aus-alten-zeiten-auf-brunhild-siegfried-kriemhild-und-gunther\/","title":{"rendered":"Befremdung als Befreiung &#8211; ein anderer Blick aus Alten Zeiten auf Brunhild, Siegfried, Kriemhild und Gunther"},"content":{"rendered":"\n<p>von Volker Gall\u00e9<\/p>\n\n\n\n<p>Statt von einem anderen Blick aus alten Zeiten k\u00f6nnte man auch von einem anderen Blick auf alte Zeiten sprechen. Beide Richtungen des Dialogs sind wesentlich f\u00fcr das Verstehen von Texten, aber auch f\u00fcr das Verstehen \u00fcberhaupt, sei es zwischen Menschen, zwischen Kulturen oder zwischen Menschen und den vielfachen Gegen\u00fcbern in seiner Lebenswelt. Dabei begegnen sich \u00c4hnlichkeiten und Unterschiede in einem situativen Gewebe von Impulsen und Resonanzen, die immer zun\u00e4chst auf&nbsp; Vorwissen zugreifen. Dieses Vorwissen ist, soweit es Menschen betrifft, in Deutungsfeldern gespeichert, die sowohl begrifflich, sprachlich, emotional und k\u00f6rperlich in Mimik und Gestik hinterlegt sind und nach Bedarf erinnert werden. Es geht also nie ohne Vorurteile, aber es sollte auch nie ohne Nachurteile gehen, also ohne Ver\u00e4nderungen, Abf\u00e4rbungen, Mischungen nach Gespr\u00e4ch und Begegnung. Damit das gut gelingt, m\u00fcssen die Begegnungen selbstbestimmt sein in friedlichen R\u00e4umen. In unfriedlichen oder ungleichen Situationen finden diese Prozesse reduziert und verzerrt statt. Die Impulse zum Verstehen sind immer pers\u00f6nlich, ebenso wie die Resonanzen, die Reflexion der Begegnungen erweitert den Horizont des Wissens. Der erste Impuls f\u00fcr diesen Beitrag zur Idee war Ver\u00e4rgerung. Ich war genervt von immer gleichen Deutungsmustern innerhalb der verschiedenen Festspielbearbeitungen des Nibelungenstoffs. Die im Leitbild gew\u00fcnschten neuen Perspektiven reduzierten sich bei genauerem Hinsehen auf Mainstreammuster von Aktualisierung. Da war die Dreiecksbeziehung zwischen Brunhild, Siegfried und Kriemhild als dramaturgischer Krisenmotor f\u00fcr den scheinbar unvermeidlichen Untergang, eine Mischung aus dem Familienroman des b\u00fcrgerlichen Neurotikers und des Kriminalromans als alltagstaugliche Erz\u00e4hlform der Aufkl\u00e4rung. Gunter als Nummer vier \u2013 es war also im Grunde eine Vierecks- oder Quadratbeziehung &#8211; wurde als nicht gleichwertig an den Rand geschoben und immer wieder gern als Schw\u00e4chling belacht, wenn er von Br\u00fcnhild an den Nagel geh\u00e4ngt wurde. Da w\u00e4ren mir die drei anderen Helden dieses Beziehungsgef\u00e4ngnisses lieber gewesen als Witzfiguren, die man vom Sockel holt, ob Mann oder Frau. Geschafft hat das nur Siegfried, der seit dem Oberfl\u00e4chenfeminismus im Mainstreamdenken beider Geschlechter gern als blonder Depp karikiert wird. Und das bleibt er meist auch dann noch, wenn der junge Held divers besetzt wird nach dem Vorbild von Eldrige Cleavers Black-Power-Bild vom schwarzen Knecht, der dem wei\u00dfen Herrn an Kraft, genauer an Potenz \u00fcberlegen ist, sein Siegesticket im Kampf von Herr und Knecht. Das hei\u00dft jetzt nicht, das all diese Narrative falsch w\u00e4ren, sie sind eine M\u00f6glichkeit in der mehrdeutigen Erz\u00e4hlung des Nibelungenstoffs wie in der mehrdeutigen Erz\u00e4hlung unsrer Gegenwart. Aber eben nur eine M\u00f6glichkeit, und dazu eine, die als eine Art unreflektiertes Deutungsdiktat nervt, weil sie andere Optionen der Deutung beiseite dr\u00e4ngt oder gar ver\u00e4chtlich macht, ohne Debatten auf Augenh\u00f6he zuzulassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor ich an solch andere Optionen der vier Figuren herangehe, will ich noch drei allgemeine Reflexionsergebnisse meines Vortragsimpulses thesenartig beschreiben:<\/p>\n\n\n\n<p>1. Alterit\u00e4t, also Anderssein, das zun\u00e4chst oft als Befremdung wahrgenommen wird ,birgt das Potenzial der Erweiterung und Erneuerung, anders als Identit\u00e4t, die sich an Best\u00e4tigung erfreut. Beides ist sowohl m\u00f6glich als auch notwendig, aber ein Zuviel an Befremdung wie an Best\u00e4tigung f\u00fchrt in die Irre, insbesondere wenn es als Waffe eingesetzt wird. Ich sch\u00e4tze die Mehrdeutigkeit und lasse die Eindeutigkeit gern als Ruhepunkt hinter mir, um neue Erfahrungen zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>2. Es gilt die Kunstfreiheit, d.h. mein hier vorgeschlagener Weg ist nur ein m\u00f6glicher Weg von vielen. Aber ich halte ihn f\u00fcr interessanter als die Wiederholung von scheinbar gesicherten Allgemeinpl\u00e4tzen. Statt den Geist unentwegt mit einer Mischung aus Galileo, Marx und Freud vom Kopf auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen, k\u00f6nnte man ihn ja mal fliegen lassen, nachdem wir von religi\u00f6sen Doktrinen weitgehend frei geworden sind. Das hei\u00dft also: Mein heutiger Zugang ist eine Auswahl und bleibt darin einseitig, um \u00fcberzeugend erz\u00e4hlt werden\u00a0zu k\u00f6nnen. Ich w\u00fcnsche mir mehr solcher Auswahlen und nicht weniger.<\/p>\n\n\n\n<p>3. Der Kunst, genauer der Theater- und Festspielkunst, w\u00fcrde es gut tun, ihre \u00f6konomisch erzwungene Produktivit\u00e4t zu verlangsamen und dem Schreiben von Texten und deren Inszenierung eine l\u00e4ngere Recherche- und Reflexionsphase vorzuschalten, die auch dialogisch sein kann und Wissenschaft als Korrektiv heranzieht. Nicht, dass Wissenschaft Kunst bevormunden soll, aber sie k\u00f6nnte die k\u00fcnstlerische Arbeit bereichern durch die Vielfalt ihrer Ans\u00e4tze und Quellen und durch die Vielfalt und Vorl\u00e4ufigkeit ihrer Thesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Br\u00fcnhild<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liederedda mit den G\u00f6tter- und den Heldenliedern liegt in einer Verschriftlichung um 1270 vor. Da einzelne Motive sich in bildlichen Darstellungen finden, die im fr\u00fchen 11. Jahrhundert entstanden sind, geht man davon aus, dass es bereits vorher m\u00fcndliche \u00dcberlieferungen gegeben hat, die in der Verschriftlichung gesammelt, bearbeitet und zusammengef\u00fcgt wurden. Zu Beginn der Sigurdlieder steht mit \u201eGripirs Weissagung\u201c ein Text, der eine Zusammenfassung dieser Erz\u00e4hlung gibt. Gripir sagt Sigrud voraus, dass er nach der T\u00f6tung der Br\u00fcder Fafnir und Reginn an den Hof Gjukis gelangen werde. Auf dem Weg dahin werde er an einen Felsen kommen, auf dem dessen Tochter in einer R\u00fcstung liege und schlafe. Sigurd werde die R\u00fcstung zerschlagen und die Braut, deren Name nicht genannt wird, werde zu sprechen beginnen und ihn die Runensprache lehren. Auf seinem weiteren Weg werde Sigurd an den Hof Heimirs gelangen, an dem eine sch\u00f6ne Frau namens Brynhild lebe, die Tochter Budlis. Es werde, neudeutsch gesagt, zu einer Verlobung zwischen Brynhild und Sigurd kommen. Sigurd kehre dann an den Hof Gjukis zur\u00fcck und dessen Frau Grimhild erreiche es durch R\u00e4nke, dass er nicht Brynhild, sondern ihre Tochter Gudrun heirate. Danach folge die Brautwerbung Brynhilds f\u00fcr Gunnar durch Sigurd, also der das folgende Ungl\u00fcck ausl\u00f6sende Betrug.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier liegt also die Dreiecks-, bzw. Vierecksgeschichte vor, die in den meisten Bearbeitungen f\u00fcr die Festspiele genutzt wird. Im rund siebzig Jahre fr\u00fcher verschriftlichten Nibelungenlied allerdings fehlt die Verlobungsvorgeschichte Siegfrieds und Br\u00fcnhilds ebenso wie die Erweckungssage der Tochter Gjukis, die offenbar nicht mit der erst beim zweiten Aufenthalt an Gjukis Hof auftauchenden Gudrun identisch ist, aber auch nicht mit Budlis Tochter Brynhild an Heimris Hof. Von Wallk\u00fcren ist in diesem Text keine Rede. Man k\u00f6nnte Br\u00fcche, Widerspr\u00fcche und L\u00fccken in den Heldenliedern weiter fortsetzen, aber darum geht es mir nicht. Es geht zum einen&nbsp; darum zu zeigen, dass die beliebte Gegenwartsdeutung eines Beziehungsdramas Ergebnis einer vereinseitigten Rezeption ist und dazu noch so etwas wie moderne K\u00fcchen- und\/oder Stammtischpsychologie und zum anderen um die Auswahl eines anderen Pfades, der nicht ins moderne Allerweltsgeschlechterbild passt. Der findet sich in der so genannten Erweckungssage der namenlosen Braut, die Sigurd die Runensprache lehrt. Ausgebreitet wird dieses Motiv in einem anderen Heldenlied, dem Sigrdrifalied. Darin erweckt er eine Frau in R\u00fcstung, die von Odin in Schlaf gelegt worden war. Als Namen nennt sie ihm \u201eSigrdrifa\u201c, Siegtreiberin. Odin habe von ihr verlangt, sich zu verm\u00e4hlen, aber sie habe ein Gel\u00fcbde abgelegt, keinen Mann zu heiraten, der sich f\u00fcrchten k\u00f6nne. Daraufhin bittet Sigurd sie, ihn Weisheit zu lehren, \u201edenn sie wisse Begebenheiten aus allen Welten.\u201c (Krause, S. 118) Sie lehrt ihn die Bedeutung von Runen, und zwar von&nbsp; Siegrunen, Bierrunen, Geburtsrunen, Brandungsrunen, Astrunen, Rederunen und Weisheitsrunen. Da die Verbindung von Sigurd und Sigrdrifa offensichtlich durch beider Namen deutlich wird und der im Zentrum den Siegesbegriff hat, sei hier die Strophe zu den Siegrunen in \u00dcbersetzung zitiert: \u201eSiegrunen musst du kennen, wenn du Sieg haben willst, und auf den Griff des Schwertes ritzen, einige auf die Spitze, einige auf das Schwertblatt, und nennen musst du zweimal Tyr.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In der Sprachphilosophie gibt es seit der griechischen Antike zwei Richtungen, den Konventionalismus, nach dem Worte aus Gewohnheit und \u00dcbereinkunft entstehen, und den Naturalismus, nachdem Worte zwischen Wort und benanntem Ding einen mimetischen, also nachahmenden Zusammenhang von \u00c4hnlichkeit sehen. Auf dieser naturalistischen Theorie beruhen auch magische Vorstellungen von Beschw\u00f6rung und der Wirksamkeit von Schriftzeichen wie in der oben zitierten Runenlehre. Tyr ist laut Rudolf Simek ein germanischer Himmels-, Kriegs- und Versammlungsgott, dessen Bedeutung in der Edda bereits gegen\u00fcber Odin verblasst ist. Die T-Rune Tiwaz tr\u00e4gt seinen Namen. Nach der Erl\u00e4uterung der Runenemagie gibt Sigrdrifa Sigurd elf Ratschl\u00e4ge f\u00fcr kluges Verhalten in einem gelingenden Leben eines F\u00fcrsten, \u201eder unter den M\u00e4nnern der Erste sein will.\u201c (Krause, S. 126) Sigrdrifa ist also nicht, wie mancherorts behauptet, das vom Prinzen wachgek\u00fcsste Dornr\u00f6schen, sondern eine durch Sigurd erweckte Namens- und Ratgeberin. W\u00e4hrend ihre R\u00fcstung auf eine Walk\u00fcre hinweist, hat ihre Funktion eher etwas von einer Fylgia, einem weiblichen Schutzgeist, der in der nordischen Mythologie einen Menschen durchs Leben begleitet und ihm \u00fcblicherweise erst beim Tod zu Gesicht kommt. Dass Sigurd sie lebend sieht, kann als Einweihungserlebnis verstanden werden, das \u00dcberschreiten der Todesschwelle im Leben, wie es aus vielen Mysterienreligionen der Antike bekannt ist. Im \u201eRunenk\u00e4stchen von Auzon\u201c aus dem 8. Jahrhundert mit angels\u00e4chsischen Runen tritt eine Fylgia als Wasservogel, Schwan oder Gans, auf. Daneben ist ein Schwanenm\u00e4dchen als Begleiterin Wielands zu sehen; die Wielandsage ist neben der Sigurdsage eine weitere Schmiedesage des Nordens. Auf der R\u00fcckseite findet sich mit drei Tierpaaren, vermutlich Pferd, Wolf und Rabe, Hinweise auf Tyr. In der christlichen Mythologie kommt eine solche Figur als Schutzengel&nbsp; oder Schutzheilige\/r vor. Das deutet auf ein Wesen im Menschen hin, das ihm seinen Namen gibt, ihn als Gewissen ber\u00e4t und ihn sch\u00fctzend durch Leben und Tod begleitet. Im Falle Sigurds und Sigrdrifas dreht sich dabei alles um das Siegesmotiv. Dass dabei eine Frau im Mann diese Rolle spielt, gibt den Hinweis darauf, dass ein solches erst zu findendes Selbst bei M\u00e4nnern weiblich gedacht werden kann und bei Frauen m\u00e4nnlich. Eine s\u00e4kularisierte Form davon scheint mir die Idee der hohen Minne im h\u00f6fischen Mittelalter zu sein.&nbsp; Sucht man nach vergleichbaren Motiven in der gegenw\u00e4rtigen Welt, st\u00f6\u00dft man auf die Ethnie der Baule an der Elfenbeink\u00fcste. Dort gibt es die Vorstellung, dass jeder Mensch neben seinem irdischen Ehepartner blolo genannte Ehepartner jeweils anderen Geschlechte in einer geistigen Welt habe, in der Literatur auch Geistehepartner genannt. Das hei\u00dft, dass es in einem Mann weibliche Anteile gibt, mit denen er sich verbindet, bei Frauen umgekehrt. Das geschieht in einer inneren Erfahrung und Haltung neben den irdischen Ehepartnern. Die Geistpartner, Schutzengel und Christusbr\u00e4ute werden zwar in Liebesmetaphern erz\u00e4hlt, aber begegnen ohne k\u00f6rperlichen Kontakt.<\/p>\n\n\n\n<p>So wird auch das Bild der Jungfr\u00e4ulichkeit, bzw. Jungm\u00e4nnlichkeit verst\u00e4ndlicher. Das findet nicht nur seinen Niederschlag in kl\u00f6sterlichem Leben, sondern auch in Narrativen wie der Jungfrauengeburt Marias. Auch hier gibt es \u00e4hnliche Vorstellungen bei indigenen V\u00f6lkern, so die Idee der Geistkindgeburt bei den Aborigenes, d.h. dass einer sexuellen Zeugung die sprirituelle Suche eines Geistkindes nach seinen zuk\u00fcnftigen Eltern vorausgeht. Auch in den verschiedenen Erz\u00e4hlungen von Br\u00fcnhild finden sich Elemente solcher Jungfr\u00e4ulichkeit. Sowohl die Verweigerung einer Verm\u00e4hlung als auch die Bedingung einer Besiegung im Kampf bei der Brautwerbung verteidigen Jungfr\u00e4ulichkeit als selbstbestimmte und dazu kraftvolle Form weiblicher Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Br\u00fcnhildfigur hat zudem \u00c4hnlichkeit mit Amazonenfiguren. Homer erw\u00e4hnt in der Ilias die Amazonen als ein kriegerisches Frauenvolk, das m\u00e4nnergleich sei. Lysias beschreibt sie als Reiterinnen und als erstes Volk mit Eisenwaffen. Damit schreibt er diesen Frauen die Erfindung des Schmiedehandwerks zu, die Beherrschung von Feuer und Erz. Verortet werden die Amazonen mal in Kleinasien, mal in Nordafrika, jedenfalls als Fremde au\u00dferhalb des griechischen Herrschaftsraums. Diodor erz\u00e4hlt von einem kleinasiatischen Volk, das von Frauen regiert werde und in dem Frauen und M\u00e4nner kriegerisch seien. Das klingt nach einem Gender-Gegenbild zur griechischen Gesellschaft, eine literarisch-ethnologische Methode, die man bis heute kennt. Apollonios von Rhodos erz\u00e4hlt, die Amazonen w\u00fcrden m\u00e4nnliche Kinder nach der Geburt t\u00f6ten. Andere Autoren erz\u00e4hlen, sie lebten ein Jahr lang der Fortpflanzung wegen bei einem Nachbarstamm mit M\u00e4nnern und kehrten nach erfolgter Schwangerschaft in ihre reine Frauengesellschaft zur\u00fcck. Die Erz\u00e4hlungen sind mehrdeutig und stammen alle von m\u00e4nnlichen Autoren. Aus der Ethnologie ist bekannt, dass es Gesellschaften gab und gibt mit anderen Rollenverteilungen von Frauen und M\u00e4nnern in Politik, Arbeits- und Lebenswelt. Die Idee rein m\u00e4nnerloser oder frauenloser Gesellschaften ist aber eher ein Denkmodell oder eine bewusste religi\u00f6se oder tempor\u00e4re Praxis. Dass eine der zw\u00f6lf Arbeiten des Herakles darin besteht, der Amazonenk\u00f6nigin Hippolyta ihren G\u00fcrtel zu entwenden, zeigt eine motivische \u00c4hnlichkeit mit Siegfrieds \u00dcberw\u00e4ltigung Br\u00fcnhilds im Nibelungenlied. Der G\u00fcrtel verlieh der jungfr\u00e4ulichen Kriegerin Kraft. Als Siegfried Br\u00fcnhild im Brautnachkampf \u00fcberw\u00e4ltigt hat, verliert sie Kraft und G\u00fcrtel.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Motiv der Jungfrauenerweckung andrerseits findet sich beim r\u00f6mischen Autor Properz, der erz\u00e4hlt, Achill habe sich in die Amazonenk\u00f6nigin Penthesilea verliebt, als er sie von ihrer R\u00fcstung befreit habe. Im Trojaroman von Benoit de Sainte-Maure aus dem 12. Jahrhundert wird von einer \u201eF\u00e9m\u00e9nie\u201c erz\u00e4hlt, einer Amazonenheimat, die noch nie von einem Mann betreten wurde. Der jungfr\u00e4uliche Charakter der Bewohnerinnen sei der Grund f\u00fcr ihre Tapferkeit gewesen. In Renaissance und Aufkl\u00e4rung wird das Amazonenbild erneut als befremdendes wie befreiendes Gegenbild zur eigenen Gesellschaft genutzt, und zwar unter Bezugnahme auf Reiseberichte in bisher wenig oder unbekannte L\u00e4nder. Und weibliche Stimmen dieser Zeit erl\u00e4utern, wieso ein Frauenleben ohne Mann empfehlenswert ist. So schreibt die in den damaligen Niederlanden viel gelesene, unverheiratete Dichterin Anna Bijns (1493-1575), Frauen sollten sich gut \u00fcberlegen, ob und wen sie heiraten. \u201eAllzu oft schon habe sich der Traumprinz als gewaltt\u00e4tiger Trinker und Spieler entpuppt. Gut sei die Ehe in erster Linie f\u00fcr den Mann, f\u00fcr die Frau bedeute sie ein Sklavendasein&#8230;Am gl\u00fccklichsten sei die Frau ohne Mann.\u201c (Driessen, S. 58)<\/p>\n\n\n\n<p>Motivisch weist das Amazonenbild des Weiteren \u00c4hnlichkeiten mit der griechischen Artemisfigur auf. Ihr Tempel im kleinasiatischen Ephesos soll von der Amazonenk\u00f6nigin Otrere gegr\u00fcndet worden sein. Diese wird als Geliebte von Ares und als Mutter von Penthesilea, aber an anderer Stelle auch von Hippolyta bezeichnet. Eine der Erz\u00e4hlstr\u00e4nge von Artemis ist der einer jungfr\u00e4ulichen J\u00e4gern und Besch\u00fctzerin von wilden Tieren, Kindern und Jugendlichen. Sie verteidigt ihren Jungfrauenstatus, beispielsweise als Aktaion sie nackt beim Baden sah und sie ihn in einen Hirsch verwandelt, der von seinen eigenen Hunden zerrissen wird. Sie hilft Frauen, sich aus Ehen zu l\u00f6sen und als J\u00e4gerin zu leben, so bei Prokuis. In Ovids Metamorphosen wiederholt sich dieses Motiv und wird erg\u00e4nzt durch die Schutzfunktion f\u00fcr treue Liebe. In der Rezeption bis heute vermischen sich \u00e4ltere Erz\u00e4hlstr\u00e4nge zu einer ambivalenten Figur, die Artemis\/Diana und Aphrodite vermischt, damit auch Jungfr\u00e4ulichkeit und Sexualit\u00e4t und so verschiedene Ebenen erotischer Identit\u00e4t schafft. Diese k\u00f6nnen auch wechselhaft eingenommen werden. Maria Moog-Gr\u00fcnewald schreibt im Artemisartikel des Bandes Mythenrezeption (Mythenrezeption, S. 157): \u201eDie Vermischung vormals distinkter Z\u00fcge unterschiedlicher Mythenstr\u00e4nge ist \u00fcberhaupt eines der Kennzeichen der Artemisrezeption in der orphischen Philosophie des 16. Jahrhunderts, deren Denken um proteushafte Wandlungsf\u00e4higkeit und Ineins-Setzen des Gegens\u00e4tzlichen kreist: Diana und Venus (Aphrodite), Keuschheit und Liebe verschmelzen zu einer Figur.\u201c Vermischungen, bzw. Deutungsanpassungen an die jeweilige Zeit gibt es auch schon zu r\u00f6mischer Zeit, wenn man \u00c4hnlichkeit und Unterschied zwischen Mysterienreligion und deren mythischen Quellen vergleicht.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Br\u00fcnhildfigur kann man dieses Verfahren in der nordischen wie in der rheinischen \u00dcberlieferung finden. Dabei ist es auf Grund der Quellenlage schwierig festzustellen, welche Deutungsstr\u00e4nge \u00e4lter und j\u00fcnger sind und in welchen Zusammenh\u00e4ngen sie urspr\u00fcnglich einmal erz\u00e4hlt wurden. Es kann also nicht um Deutungshoheit gehen, sondern nur um die Ausbreitung eines Deutungshorizonts. Und da scheinen mir gerade die uns heute fremden Zuschreibungen anregend und erholsam zu sein gegen\u00fcber der vereinfacht in das Alltagsbewusstsein gesunkenen Dogmatik von aufkl\u00e4rerischen Theorien wie der Religionskritik, des Marxismus und der Psychoanalyse. G\u00f6tter und Mythen seien ausschlie\u00dflich menschliche Projektionen, Menschen handelten ausschlie\u00dflich aus \u00f6konomischem Interesse, bzw. aus sexuellem Interesse, geistert da durch unsre K\u00f6pfe und Medien. Ich pl\u00e4diere demgegen\u00fcber f\u00fcr einen offenen Zugang zu Deutungen, der in der Selbstbeobachtung wie im Dialog zun\u00e4chst von den Ph\u00e4nomenen ausgeht, die Figuren und ihre Narrative in uns ausl\u00f6sen und ihre Wirksamkeit verfolgt und m\u00f6glichst dicht beschreibt, und zwar als eine M\u00f6glichkeit von vielen. Gerade das Widerst\u00e4ndige gegen\u00fcber dem heutigen Mainstresambewusstsein scheint mir dabei interessant f\u00fcr das k\u00fcnstlerische Spiel zu sein. Kurz und gut: Es stellt sich die Frage, ob M\u00e4nner weibliche und Frauen m\u00e4nnliche Vorbilder brauchen, um ihren Weg zu finden \u2013 Sigrdrifa als Sigurds Schutzengel \u2013 und ob Jungfr\u00e4ulichkeit wie auch Jungm\u00e4nnlichkeit ein kraftvoller Zustand ist, dessen Verteidigung &#8211; zumindest auf Zeit \u2013 mehr Sinn macht als die Unterwerfung unter eine wie auch immer geartete Paarbeziehung?<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild<\/p>\n\n\n\n<p>Und damit sind wir mitten in der Deutungsfrage zu Kriemhilds Falkentraum. In der 13. Strophe der 1. Aventiure des Nibelungenlieds tr\u00e4umt Kriemhild, wie sie einen sch\u00f6nen, starken und wilden Falken abrichtet, den ihr pl\u00f6tzlich zwei Adler schlagen und zerfleischen. Ihre Mutter Ute erkl\u00e4rt ihr, der Falke sei ein Krieger von Adel, den sie besch\u00fctzen m\u00fcsse, wenn sie ihn nicht verlieren wolle. Daraufhin folgert Kriemhild, es sei besser, auf Liebe zu verzichten, um nicht aus Liebe zu einem Mann Leid zu erfahren. Die Mutter widerspricht und sagt, sie werde nur gl\u00fccklich durch die Liebe eines guten Ritters werden. Dass Kriemhild ihren Liebsten besch\u00fctzen muss, um ihn nicht zu verlieren, ist nicht nur die Vorlage f\u00fcr die sp\u00e4tere Szene der Kreuzstickerei in H\u00f6he von Siegfrieds verletzlicher Stelle, sondern scheint mir auch eine in die romantische Liebe hineingeholte Variante der Schutzgeisterz\u00e4hlung zu sein, wie sie bei Sigrdrifa-Br\u00fcnhild und Sigurd vorkommt. In vielen Bearbeitungen aber gehen die Deuter von heutzutage noch einen Schritt weiter und unterstellen Kriemhild, sie habe das Kreuz aus Rach- und Eifersucht bewusst gestickt, um Hagen die M\u00f6glichkeit zu geben, Siegfried zu t\u00f6ten. Da sind wir dann bei einer Dekonstruktion der romantischen Liebe in der \u00fcbersexualisierten Beziehungskiste der Gegenwart, bei der Liebe nicht in Leid, sondern in Hass umschl\u00e4gt, sobald sie gekr\u00e4nkt wird. Pathologischer Narzissmus, wenn man so will, der uns heutzutage sowohl privat als auch politisch in den Untergang f\u00fchren kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch der Liebesverzicht oder sagen wir die Jungfrauenverweigerung macht Kriemhild mit Br\u00fcnhild verwandt. Beide verweigern die sexuelle Beziehung zu einem Mann und die daraus folgenden Leiden und ziehen die Selbstbestimmung vor. So haben es im Mittelalter auch Nonnen und Beginen gemacht, um aus der Falle des dominanten Patriarchats zu entkommen. Deren Liebesmystik (Braut Christi) ist der Schutzgeisterz\u00e4hlung in ihrer weiblichen Variante verwandt. Man kann nat\u00fcrlich dar\u00fcber diskutieren, ob der Verzicht auf geschlechtliche Liebe, in welcher Form auch immer, eine Flucht vor Erfahrung ist, die letztlich ungl\u00fccklich macht, weil ihr eine besondere Form von Begegnung fehlt, oder ob dem nicht so ist, weil dadurch sonst nach au\u00dfen verlagerte seelische Potenziale im eigenen Selbst \u00fcberhaupt erst entwickelt werden k\u00f6nnen. Im Falle Kriemhilds w\u00e4re das der Falke in ihr, das Kriegerische in ihr. Jedenfalls w\u00e4re es eine spannende Frage, was w\u00e4re denn, wenn Kriemhild bei ihrer Verweigerung bleiben w\u00fcrde? Welche Erz\u00e4hlung k\u00f6nnte sich daraus entwickeln? Gerade in der heutigen Zeit mit ihren vielf\u00e4ltigen Optionen geschlechtlicher Orientierung k\u00f6nnte da eine ganz neue k\u00fcnstlerische Spielwiese entstehen, die auf den scheinbar naheliegenden Spott \u00fcber die Jungfrauengeburt verzichten kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther<\/p>\n\n\n\n<p>Damit w\u00e4ren wir bei der n\u00e4chsten beliebten Spottszene, in der Br\u00fcnhild Gunter in der Brautnacht an einen Haken h\u00e4ngt. In der 10. Aventiure (Strophe 637) wird berichtet: \u201eSie band ihm die F\u00fc\u00dfe und auch die H\u00e4nde zusammen; dann trug sie ihn zu einem Haken und h\u00e4ngte ihn an die Wand.\u201c Nicht dass man nicht lachen d\u00fcrfte, wenn eine starke Frau einen schw\u00e4cheren Mann im Kampf \u00fcberw\u00e4ltigt und an einen Haken h\u00e4ngt. Aber andrerseits blendet eine solche Einlassung die Situation des \u00dcberw\u00e4ltigten aus. Man k\u00f6nnte sich immerhin fragen, warum er sich hat \u00fcberw\u00e4ltigen lassen. In Thomas Melles Festspielst\u00fcck \u201e\u00dcberw\u00e4ltigung\u201c (2019) findet sich dazu ein lohnenswerter Deutungsansatz, wenn K\u00f6nig Gunther in der zweiten Szene des ersten Aktes nach der Integration des Fremden Siegfried in den bugundischen Hof \u00fcber sich selbst reflektiert: \u201eIch erkenn mich in ihm, dem Fremden. Denn was an mir selbst w\u00e4re nicht fremd? Wer redet da, wer herrscht? Keine Hand ist mir fremder als meine. Doch darf ich niemandem davon erz\u00e4hlen, sonst w\u00e4re&#8230; ich nicht ich, der K\u00f6nig, hie\u00dfe es, und also nicht mehr handlungsf\u00e4hig.        So w\u00fcrden sie sagen und machten einen Tumult. Ja, denn fremd bin ich mir am n\u00e4chsten, mit dem geliehenen Blick der anderen, der aber nur soweit der ihre ist, als ich ihn mir als den ihren denke. Und    so ist, was ich mir als ihres denke, eigentlich noch immer meins und doppelt fremd.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dass Gunther sich selbst fremd ist, ist die moderne Variante einer mittelalterlichen Doppelrolle von K\u00f6nigen, einmal als unsterblicher Amtstr\u00e4ger, der das Volk verk\u00f6rpert, und einmal als sterbliche Person, die sich selbst davon unterscheidet. Der Medi\u00e4vist Ernst Kantorowicz hat das in seinem 1957 im amerikanischen Exil erschienenen Buch die \u201eZwei K\u00f6rper des K\u00f6nigs\u201c genannt. In dem von Albrecht Koschorke u.a. herausgegebenen Buch \u201eDer fiktive Staat\u201c (2007) werden organizistische Staatsmodelle von der Antike bis in die Neuzeit verfolgt. Zur Souver\u00e4nit\u00e4t des K\u00f6nigs im Mittelalter hei\u00dft es: \u201eDas Basisparadox besteht darin, da\u00df der Regent als ein, wenn auch herausgehobener, Teil der Gesellschaft in seiner Person die Einheit derselben Gesellschaft verk\u00f6rpert. Diese doppelte Existenzform ist die Quelle f\u00fcr alle Mystik des personalen Herrschertums. Empirisch ein Mensch unter Menschen, st\u00e4ndisch ein Inhaber bestimmter Privilegien, die seiner Zugeh\u00f6rigkeit zum Adel entspringen, ist der Monarch in seinen politischen Handlungen nichts Geringeres als der personifizierte Staat.\u201c (Koschorke, S. 114)<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dieser Doppelrolle leidet Gunther nicht nur bei Melle, sondern schon im Nibelungenlied. Er wird von der Rolle des unsterblichen K\u00f6nigsamts, das ihn qua Amt zum unverwundbaren Helden macht, um die Dauer der Gemeinschaft zu garantieren, er wird von dieser Rolle \u00fcberw\u00e4ltigt. Daher kommt es auch zum Heiratswunsch mit Br\u00fcnhild, der mystischen K\u00f6nigin, die ebenfalls eine Doppelrolle verk\u00f6rpert und sie nur durch \u00dcberw\u00e4ltigung verlieren kann. Der Autor f\u00fchrt gegen\u00fcber den erst durch Kampf, List und Betrug zu vermenschlichenden Halbg\u00f6ttern Br\u00fcnhild und Siegfried mit dem Burgunderhof die reale Welt der empirischen Personen ein, die ihrem Amtsauftrag nicht gerecht werden, weil sie Menschen mit begrenzten F\u00e4higkeiten sind. Das ist seine Modernit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit Blick auf die Schutzgeistdeutung von Sigrdrifa und Sigurd k\u00f6nnte man aber auch sagen, Gunther hat sich die falsche Frau in den Kopf gesetzt. Wenn wir bei den Hinweisen der Namens\u00e4hnlichkeit bleiben, h\u00e4tte er, der den Sippennamen der Bur-Gunder\u00a0&#8211; und als Leitsilbe bedeutet ahd. Kampf &#8211; eher eine Radegunde gebraucht, einen Schutzgeist, der im Kampf Rat gibt. \u00dcbrigens gab es eine fr\u00e4nkische K\u00f6nigin dieses Namens, die sp\u00e4ter heilig gesprochen wurde, im 6. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Daraus ergeben sich zwei alternative Erz\u00e4hlm\u00f6glichkeiten zum bekannten K\u00f6nigsspott, einmal auf der Spur Thomas Melles eine Auseinandersetzung mit dem vom Amt \u00fcberforderten K\u00f6nig Gunther, der zwischen bezweifeltem Anspruch und vergeblichem Privatisierungsversuch schwankt und daran scheitert, zum anderen ein aus der Amtsrolle ausbrechender K\u00f6nig Gunther, der sich eine Frau sucht, die ihm guten Rat gibt, um das Scheitern zu vermeiden. Ob ihm das gelingen k\u00f6nnte?<\/p>\n\n\n\n<p>Siegfried<\/p>\n\n\n\n<p>Auch junge M\u00e4nner waren und sind mehrdeutige Figuren. Als Helden und Heilige sind sie Hoffnungstr\u00e4ger, als Rebellen k\u00f6nnen sie sich politisch links wie rechts verorten, ohne Aufgabe, also auf dem Weg in eine gesellschaftlich anerkannte Position in Beruf, Familie, Gemeinschaft, werden sie zu Problemf\u00e4llen, die sich oder andere verletzen. Bei Siegfried dominiert das Bild des jungen Helden, der sich f\u00fcr unverwundbar h\u00e4lt und dessen dennoch verwundbare Stelle von seinen Gegnern gesucht und gefunden werden muss.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie die junge Frau Artemis ist er ein Fr\u00fchlingsmensch, ein Mensch des Aufbruchs in neue Zeiten. So wurde er auch im Vorm\u00e4rz des 19. Jahrhunderts rezipiert, beispielsweise von Friedrich Engels als T\u00f6ter des feudalistischen Drachen. J\u00fcrgen Lodemann kn\u00fcpft in seinem Siegfriedroman daran an und betont eine meist vergessene Seite von Siegfried im Nibelungenlied, n\u00e4mlich die des Diplomaten. In der 5. Aventiure schlagen die D\u00e4nen und Sachsen, die Siegfried und die Burgunder nach der Schlacht gefangen genommen und nach Worms gebracht hatten, K\u00f6nig Gunther eine Entsch\u00e4digung in Gold und eine Abmachung f\u00fcr die Zukunft vor. Gunther fragt Siegfried, was er vertraglich regeln solle. Der antwortet: \u201eIhr sollt Ihnen die Freiheit geben unter der Bedingung, da\u00df die edlen K\u00e4mpfer in Zukunft unterlassen, feindlich in Euer Land einzufallen.\u201c (Strophe 315) Der Historiker Gerd Althoff beschreibt das Nibelungenlied auf dem Hintergrund der Stauferzeit mit einem Schwerpunkt auf die diplomatischen Elemente im Text, zu denen auch Siegfried beitr\u00e4gt: \u201eEs wird in den vielen Interpretationen des Nibelungenlieds h\u00e4ufig \u00fcbersehen, wie viele Aktivit\u00e4ten der handelnden Personen darauf gerichtet waren, die Eskalation der bewaffneten Auseinandersetzungen durch g\u00fctliche Einigung, durch Genugtuung und S\u00fchne, durch Vermittlung eines Ausgleichs zu verhindern. Auf diesem Felde vermittelt das Nibelungenlied sehr direkt Praktiken mittelalterlicher Konfliktf\u00fchrung.\u201c (Althoff, Das Nibelungenlied, S.89) Das gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr Hagen, der lange Zeit versucht, durch Verhandlungen politische Ergebnisse zum Vorteil des Burgunderhofes zu erzielen, z.B. als Siegfried den K\u00f6nigssitz mit Gewalt \u00fcbernehmen will. Da r\u00e4t Hagen zu Freundschaftsgesten und einer Einbindung des ungest\u00fcmen jungen Wilden.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Einbindungen machen diesen andrerseits abh\u00e4ngig, in erster Linie, als er sich in Kriemhild verliebt und zur Heirat auf die Zustimmung des Burgunderclans angewiesen ist. Aber man k\u00f6nnte auch einen Schritt weitergehen und die Bilder jungfr\u00e4ulicher Abwehr von andersgeschlechtlichen Beziehungen Br\u00fcnhilds und Kriemhilds auf Siegfried \u00fcbertragen. Seine Verletzlichkeit wird sichtbar, nachdem er sich in Kriemhild verliebt, die Liebe ist sein Lindenblatt, seine Schwachstelle gegen\u00fcber dem Drachenblutpanzer. In einer Rinkeinszenierung spielte G\u00f6tz Schubert den Helden mit Glatze und Ledermantel, der durch sein Verliebtsein unbeholfen beginnt zu dichten und zu t\u00e4nzeln. Er ger\u00e4t aus dem Rhythmus des Kampfes. Auch hier w\u00e4re ein anderer Denkansatz m\u00f6glich. Was, wenn er sich gegen die Liebe und das daraus entstehbare Leid wehren w\u00fcrde? Wie k\u00f6nnte seine Geschichte dann weitergehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Schlusswort<\/p>\n\n\n\n<p>Was soll mit diesem Vortrag bezweckt werden? Was bedeutet Befremdung als Befreiung? Das, was im ersten Blick, im Vorurteil, befremdet, kann befreiend sein, wenn es als Impuls zugelassen wird und Zeit bekommt, seine gedankliche Wirkung im Dialog, auch im Widerspruch zu entfalten. Das gilt insbesondere dann, wenn Mainstreamdogmen auf diese Art und Weise befragt werden k\u00f6nnen. Ob das Befremden aus jeweils anderen Kulturen kommt oder aus historischen Denk- und Lebensweisen spielt dabei keine Rolle. Gebraucht wird daf\u00fcr ein friedlicher und offener Dialograum, in dem jeder Teilnehmende freiwillig beitritt und seine Position auch vorl\u00e4ufig formulieren kann ohne jede Rechthaberei, gleich von welcher Seite. Das gilt selbstverst\u00e4ndlich auch f\u00fcr die eigene Position, die auf Best\u00e4tigung oder zumindest Interesse hoffen, aber dies nicht verlangen kann, wohl aber einen respektvollen Umgang, au\u00dfer es kommt Gewalt ins Spiel. Soweit es um befremdende historische Denk- und Lebensweisen geht, ist damit nicht die Restauration alter Dogmen gemeint, sondern nur eine Infragestellung gegenw\u00e4rtiger Dogmen, die sich oft unausgesprochen&nbsp; in der Moderne durch Meinungswiederholung ausgebreitet haben. Wenn man seine eigenen Gedanken und Gef\u00fchle als Ausgangspunkt von Forschung nimmt, auch in Kontakt mit Texten, \u00f6ffnet sich meist eine verwirrende Welt von M\u00f6glichkeiten, die einen bereichert, wenn man ihren mehrdeutigen und ambivalenten Spuren folgt. Und das ist es doch, was nicht nur die Freude am Leben, sondern auch die Freude an Literatur ausmacht.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Literaturgeschichte<\/p>\n\n\n\n<p>Gerd Althoff, Das Nibelungenlied und die Spielregeln der Gesellschaft im 12. Jahrhundert, in: Gerold B\u00f6nnen\/Volker Gall\u00e9, Der Mord und die Klage \u2013 das Nibelungenlied und die Kulturen der Gewalt, Worms 2003<\/p>\n\n\n\n<p>Gerd Althoff, Frieden stiften. Vermittlung und Konfliktl\u00f6sung vom Mittelalter bis heute, Darmstadt 2011<\/p>\n\n\n\n<p>Klaus B\u00f6dl, G\u00f6tter und Mythen des Nordens. Ein Handbuch, M\u00fcnchen 2013<\/p>\n\n\n\n<p>Manuel Braun (Hg.), Wie anders war das Mittelalter? Fragen an das Konzept der Alterit\u00e4t, G\u00f6ttingen 2013<\/p>\n\n\n\n<p>Christoph Driessen, Geschichte Belgiens. Die gespaltene Nation, Regensburg 2023<\/p>\n\n\n\n<p>Alexander Koch u.a. (Hrsg.), Amazonen. Geheimnisvolle Kriegerinnen, Speyer 2010<\/p>\n\n\n\n<p>Albrecht Koschorke u.a. (Hrsg.), Der fiktive Staat. Konstruktionen des politischen K\u00f6rpers in der Geschichte Europas, Frankfurt 2007<\/p>\n\n\n\n<p>Arnulf Krause (\u00dcbersetzer und Herausgeber), Die Heldenlieder der \u00c4lteren Edda, Stuttgart 2021<\/p>\n\n\n\n<p>Maria Moog-Gr\u00fcnewald, Artemis, in:&nbsp;Mythenrezeption, Der neue Pauly, Supplement 5, Stuttgart 2008<\/p>\n\n\n\n<p>Rudolf Simek, Lexikon der germanischen Mythologie, Stuttgart 2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Volker Gall\u00e9 Statt von einem anderen Blick aus alten Zeiten k\u00f6nnte man auch von einem anderen Blick auf alte Zeiten sprechen. 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