{"id":415,"date":"2022-11-28T16:29:27","date_gmt":"2022-11-28T15:29:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=415"},"modified":"2022-12-01T15:20:12","modified_gmt":"2022-12-01T14:20:12","slug":"das-bild-kriemhilds-und-brunhilds-in-der-kunst","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/das-bild-kriemhilds-und-brunhilds-in-der-kunst\/","title":{"rendered":"Das Bild Kriemhilds und Brunhilds in der Kunst"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-left\"><strong>von Gunter E. Grimm<br>(2020\/10; erw. 2022\/10)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Konflikt zwischen der burgundischen K\u00f6nigin Brunhild und Siegfrieds Gattin Kriemhilde brach bekanntlich beim langersehnten Wiedersehen aus. Er kulminierte beim Kirchgang in der ber\u00fchmten Szene, als die beiden K\u00f6niginnen um den Vortritt in die Kirche stritten. Es handelt sich dabei um einen nur in einer st\u00e4ndischen Gesellschaft m\u00f6glichen Konflikt, der sich mit dem barocken Begriff \u201eEhrengepr\u00e4ngstreit\u201c umschreiben l\u00e4sst, bei dem es nicht nur um die Einhaltung von Etiketten geht. Anders als heute gab es im Mittelalter eine kasten\u00e4hnliche Standesordnung, die vom Hochadel \u00fcber die in sich differenzierte B\u00fcrgerschaft hinab bis zu den Bauern und dem fahrenden Volk reichte. Innerhalb der Kaste der Adeligen gab es au\u00dferordentlich gro\u00dfe Unterschiede. An der Spitze stand der K\u00f6nig, es folgten die verschiedenen F\u00fcrsten, schlie\u00dflich gab es eine Reihe zwar reicher aber nicht selbst\u00e4ndiger Herren, die ihren Besitz zu Lehen erhalten hatten und infolgedessen Lehnsleute waren \u2013 Vasallen oder, wie es im Nibelungenlied hei\u00dft, \u201eeigenholde\u201c oder \u201eeigene\u201c. Lehnsleute waren zu gewissen Diensten verpflichtet, zu finanziellen Abgaben oder zum Wehrdienst. F\u00fcr Mitglieder des Hochadels war eine Ehe mit solchen Personen ein Tabu.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Konstellation der streitenden Frauen hat archetypischen Charakter. Der Streit ist Ausdruck von Rivalit\u00e4t. Diese kann unterschiedlich motiviert sein; neben pers\u00f6nlichen finden sich auch gesellschaftliche Motive. Im Fall der beiden K\u00f6niginnen scheint dies zun\u00e4chst ein sozialer Grund zu sein: welcher geb\u00fchrt der Vorrang beim Betreten der Kirche. Die \u201aEhre\u2018 ist in einer hierarchisch gegliederten St\u00e4nde-Gesellschaft zugleich Ausweis des h\u00f6heren Ranges. Wem die Ehre des Vortritts zusteht, indiziert den Supremat auf der Stufenfolge der sozialen Leiter. Und doch scheint ein anderes Motiv heimlich durch! In Umkehrung der Maxime \u201echerchez la femme\u201c steht die Frage im Zentrum, welche der Frauen den besseren Mann hat. Sind Siegfried und Gunther ebenb\u00fcrtig? Brunhild beruft sich auf Siegfrieds eigene Worte \u201eer w\u00e6re \u2019sk\u00fcneges man\u201c (XIV, 821,2), er w\u00e4re Lehnsmann des K\u00f6nigs, in weitester Auffassung ein Leibeigener (\u201eeigen man\u201c). Das mittelhochdeutsche Epos nennt als Begr\u00fcndung \u201en\u00edd\u201c, die gesellschaftliche Missgunst (829,4). Aber auch dieser Begr\u00fcndungsebene kommt nur die Qualit\u00e4t des \u201aScheins\u2018 zu. Der eigentliche Ausl\u00f6ser des Dramas enth\u00fcllt sich erst im Streit vor dem M\u00fcnster (839,1). Kriemhild nennt Brunhild \u201emannes kebse\u201c, gemeint ist \u201eeigenmannes\u201c, also \u201eGeliebte eines Leibeigenen\u201c. Damit ist der soziale Zwist auf die pers\u00f6nliche Ebene transponiert, die soziale Herabsetzung mutiert zur pers\u00f6nlichen Beleidigung. Kriemhild enth\u00fcllt \u00f6ffentlich, dass Siegfried Brunhild in der Brautnacht bezwungen und ihr das \u201emagetuom\u201c (die Jungfernschaft) genommen habe. Dabei vermutet Kriemhild, Brunhild habe der Entjungferung durch Siegfried freiwillig zugestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">zwiu lieze du in minnen, s\u00eet er d\u00een eigen ist? (841,2)<br>[\u201eWieso hast du dich von ihm lieben lassen, wenn er dein Leibeigener ist?\u201c]<\/p>\n\n\n\n<p>Im Unterschied zur nordischen Version ist im Nibelungenlied nicht die Rede von einer heimlichen, aus einer fr\u00fcheren Zeit stammenden Liebe zwischen Siegfried und Br\u00fcnnhilde. Vielmehr unterstellt Kriemhild der in Wahrheit betrogenen K\u00f6nigin das Einverst\u00e4ndnis zum Betrug (an Gunther). Damit weist sie nicht nur Brunhilds Argumente zur\u00fcck, sie zeiht sie in aller \u00d6ffentlichkeit der Ehrlosigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Gottesdienst stellt Brunhild nochmals Kriemhild zur Rede und fordert eine Erkl\u00e4rung ihrer ungeheuerlichen Behauptung:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">[\u2026] mich muoz Kriemhilt m\u00eare h\u0153ren l\u00e2n<br>des mich s\u00f4 l\u00fbte z\u00eehet daz wortr\u00e6ze w\u00eep. (845, 2-3)<\/p>\n\n\n\n<p>Sie meint zu wissen, dass Kriemhilds Vorwurf nicht der Tatsachenwahrheit entspricht. Habe Siegfried sich dieser Tat ger\u00fchmt, also in Brunhilds Augen gelogen, m\u00fcsse er mit seinem Leben daf\u00fcr bezahlen. Ring und G\u00fcrtel, die Kriemhild demonstrativ als Beweis f\u00fcr die Richtigkeit ihrer Behauptungen zeigt, werden zu Belegst\u00fccken einer Tatsachenverdrehung, die Kriemhild mit der Absicht vornimmt, ihre Gegnerin gesellschaftlich zu demontieren, ihr die Ehre zu nehmen (849,2).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zwist, vielmehr die Ehren-Beleidigung, soll durch Siegfrieds Aussage, er habe sich nicht des Beischlafs ger\u00fchmt, beendet werden. Wohlweislich verlangt Gunther nicht, dass Siegfried sich zum Tatbestand \u00e4u\u00dfert, er soll lediglich Auskunft geben, ob er sich mit dieser Tat gebr\u00fcstet habe. Siegfried Beteuerung, er habe seiner Frau nichts davon erz\u00e4hlt, ihre Aussage sei eine L\u00fcge, sie selbst Erfinderin eines Ger\u00fcchts, eine L\u00fcgnerin, wird zwar von Gunther akzeptiert. F\u00fcr ihn und Siegfried ist die heikle Angelegenheit damit abgeschlossen. Doch nicht so f\u00fcr Brunhild! F\u00fcr sie bleibt der Vorwurf der Kebse im Raum stehen \u2013 und damit auch die Herabw\u00fcrdigung der K\u00f6nigin. Hagen, der getreue Gefolgsmann, verspricht der weinenden Brunhild Siegfrieds Bestrafung. Intuitiv erkennt er, dass Siegfried der eigentlich Schuldige ist. Offenbar schenkt er Siegfrieds Schwur keinen Glauben: Irgendetwas muss er Kriemhild doch von dem Brautnacht-\u201aHandel\u2018 erz\u00e4hlt haben (867). Soweit die komplexe, der M\u00fcnsterplatz-Szene zugrundeliegende Situation, die durch eine Vermischung sozialer, rechtlicher und pers\u00f6nlicher Motive gepr\u00e4gt ist. Die Protagonisten Siegfried und Gunther verh\u00fcllen die Wahrheit, indem sie den Anschein ihrer Aufdeckung erwecken. Immerhin entlarven sich in dieser Szene die Charaktere: Kriemhild als emotional aber unreflektiert, Brunhild als standesbewusst aber verletzlich, Gunther als bequem aber wankelm\u00fctig, Siegfried als machohaft aber naiv, Hagen als loyal aber bedenkenlos.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-422\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/1-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[1] Julius Schnorr von Carolsfeld: <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Diese Figurationen spiegeln sich in der ikonographischen Rezeptionsgeschichte. Im Fresko des Frauenstreits, wie ihn Julius Schnorr von Carolsfeld in der M\u00fcnchner Residenz Mitte des 19. Jahrhunderts gestaltet hat, \u00e4hnelt das Portal dem eher flach gehaltenen Nordportal des Wormser Doms, dem sogenannten Kaiserportal. Im Vordergrund streiten sich die beiden K\u00f6niginnen, w\u00e4hrend im Hintergrund Siegfried seine Hand zum Schwur erhebt, Gunther dagegen mit seiner rechten Hand abwiegelt. Er will den Konflikt niedrig halten, am liebsten wegwischen. Die Gestik der beiden Streitenden ist auf Effekt angelegt. Schnorr zeichnet Brunhild als zutiefst erschreckte Frau, die vor dem schlagenden Beweisst\u00fcck, dem G\u00fcrtel, zur\u00fcckweicht. Kriemhilds Gestik verr\u00e4t ihren Triumph: Mit ihrer Rechten h\u00e4lt sie l\u00e4ssig den G\u00fcrtel, ihre Linke zeigt demonstrativ darauf. Ihre offenbar um M\u00e4\u00dfigung bem\u00fchte Begleiterin versucht beschwichtigend Kriemhilds Hand niederzudr\u00fccken. Brunhild steht noch eine Stufe oberhalb Kriemhilds; wie der Betrachter wei\u00df, wird Kriemhild in der Folge an Brunhild vorbei ziehen. Schnorrs Kunst besteht auch in einer B\u00fcndelung von zeitlichem Geschehen, die theatralische Szene integriert Vergangenheit und Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-423\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/2-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[2] Frank Kirchbach: <em>Der Streit der K\u00f6niginnen <\/em>(1884)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Gem\u00e4lde <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> von Frank Kirchbach, einem Historienmaler aus der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts, schm\u00fcckt die Ostwand des Nibelungenzimmers in der zwischen 1882 und 1884 im Auftrag des in Paris lebenden Bankiers und B\u00f6rsenspekulanten Baron Stephan von Sarter erbauten Drachenburg. Das 1884 entstandene Bild ist ein typisches Beispiel f\u00fcr dekorative Historienmalerei, pomp\u00f6s und pathetisch in seiner bombastischen Theatralik. Interessant jedenfalls ist die Perspektive. Durch die Sicht von unten erhalten die beiden streitenden K\u00f6niginnen eine raumbeherrschende Dominanz. Dass Kriemhild ein wei\u00dfes Gewand tr\u00e4gt, Brunhild dagegen ein rotes, mag farbsymbolisch auf Unschuld und auf Sinnlichkeit verweisen, kann aber auch ganz anders gedeutet werden. Der Kunsthistoriker Ulrich Schulte-W\u00fclwer erkennt in dem Bild \u201eneben hohlem Pathos der Heroinen und Helden in Fortsetzung der Bem\u00fchungen Schnorr von Carolsfelds ein kleinliches Streben um [sic!] architektonische und kost\u00fcmkundliche Authentizit\u00e4t\u201c.<a id=\"sdendnote1anc\" href=\"#sdendnote1sym\"><sup>i<\/sup><\/a> Insbesondere die Treppe ist gegen\u00fcber dem Original steiler angelegt, was eine gr\u00f6\u00dfere hierarchische Anordnung zul\u00e4sst, dazu sieht man im linken oberen Bereich den Westturm des heutigen Wormser Doms \u2013 ein Beleg f\u00fcr die um historische Authentizit\u00e4t und Dramatik bem\u00fchte Malweise Kirchbachs. Die Wahl der Farben hat symbolische Bedeutung. Hier steht Kriemhild in \u00fcppigem wei\u00dfem Gewand \u00fcber Br\u00fcnhild; gewisserma\u00dfen den Triumph schon vorwegnehmend. In \u00fcberheblicher Weise streckt sie der Rivalin triumphierend den G\u00fcrtel entgegen. Diese schaut von unten auf das Gezeigte, ihre H\u00e4nde fassungslos nach unten gekehrt. Brunhilds Gewandung ist rot. Will Kirchbach mit der Wahl der Farben auf Unschuld der Einen und auf Sinnlichkeit der anderen hinweisen? Wohl kaum. Es handelt sich eher um reine Dekoration. Allerdings bem\u00fcht der Maler bei der Haarfarbe eine Stereotype, die sich im 19. Jahrhundert herausgebildet hatte: Kriemhild ist blond, Brunhild dunkelhaarig.<\/p>\n\n\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist die Ikonographie deshalb interessant, weil die K\u00fcnstler und Dichter mit dem Aussehen ihrer Protagonist*innen bereits einen Hinweis auf ihr Wesen zu geben versuchen. Das Aussehen hat Signalcharakter. Es vermittelt dem Betrachter bzw. Leser einen ersten Eindruck, der ihm die Gestalt sympathisch oder unsympathisch macht, sein Interesse weckt oder ihn abst\u00f6\u00dft. So hat, wer sich mit dem Thema Nibelungen besch\u00e4ftigt, bereits vor der Lekt\u00fcre eine einigerma\u00dfen deutliche Vorstellung, wie die beiden m\u00e4nnlichen Protagonisten aussahen: der starke oder \u201esnelle\u201c Siegfried und der \u201egrimme\u201c Hagen. Es sind freilich sehr allgemeine Epitheta. Das Nibelungenlied selbst beschreibt seine Helden prinzipiell nicht. Alle diese Vorstellungen gehen auf Rezeptionsmuster des 19. Jahrhunderts zur\u00fcck und sind ideologisch gepr\u00e4gt: Siegfrieds Blondheit deutet auf germanische Herkunft. Hagen wird meist schwarzhaarig portr\u00e4tiert, quasi als Schwarzalbe; wenn der K\u00fcnstler die N\u00e4he zum Verr\u00e4ter Judas herstellen will, auch rothaarig. Bei den beiden K\u00f6niginnen verh\u00e4lt es sich nicht anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Nibelungendichter entwirft das Bild zweier wundersch\u00f6ner Frauen, die \u2013 auch wegen ihrer Sch\u00f6nheit \u2013 in Konkurrenz zueinander treten. Auf die Frage, welche der beiden den Lorbeer als \u201esch\u00f6nste Frau\u201c im Burgunderreich erringen w\u00fcrde, gibt er eine reizvolle Antwort:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-3 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:15%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>D\u00f4 speheten mit den ougen die \u00ea h\u00f4rten jehen,<br>daz si als\u00f4 sch\u0153nes heten niht gesehen<br>s\u00f4 die vrouwen beide: des jach man \u00e2ne l\u00fcge.<br>ouch k\u00f4s man an ir l\u00eebe d\u00e2 deheiner slahte tr\u00fcge. (Str. 592)<\/p>\n\n\n\n<p>Die vrouwen spehen kunden unt minnecl\u00eechen l\u00eep,<br>die lobten durch ir sch\u0153ne daz Guntheres w\u00eep.<br>d\u00f4 spr\u00e2chen d\u00e2 di w\u00eesen, die hetenz baz besehen,<br>man m\u00f6hte Kriemhilden w\u00f3l f\u00fcr Pr\u00fcnhilden jehen. (Str. 593)<a href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-admin\/post.php?post=415&amp;action=edit#sdendnote2sym\"><sup>ii<\/sup><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Kriemhild ist von Anfang bis Ende des Nibelungenlieds pr\u00e4sent; das ganze Epos handelt im Grunde von ihr. Bereits die zweite Strophe gibt eine Beschreibung von ihr:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-6 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:15%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Ez wuohs in B\u00farg\u00f3nden ein vil \u00e9del maged\u00een,<br>Daz in allen landen niht sch\u0153ners mohte s\u00een,<br>Kriemhilt geheizen: si wart ein sc\u0153ne w\u00eep. (Str. 2)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Und die n\u00e4chste Strophe f\u00fchrt weiter aus:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-9 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:15%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p class=\"has-text-align-left\">Der minnecl\u00eechen meide triuten wol gezam. [\u2026]<br>\u00e2ne m\u00e2zen sch\u0153ne s\u00f4 was ir edel l\u00eep.<br>der juncvrouwen tugende zierten \u00e1nd\u00e9riu w\u00eep. (Str. 3)<a href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-admin\/post.php?post=415&amp;action=edit#sdendnote3sym\"><sup>iii<\/sup><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>Allgemeiner geht es wohl kaum: Sch\u00f6n war sie, edel und liebenswert. Sp\u00e4ter, als sich die Liebesgeschichte mit Siegfried anbahnt, gibt es noch einige weitere Hinweise. Siegfried hat sich in den Kopf gesetzt, die Burgunderprinzessin zu heiraten \u201edurch ir unm\u00e2zen sc\u0153ne\u201c (Str. 49); zum Leidwesen seines Vaters Siegmund, der sich wegen Kriemhilds stolzer und hochm\u00fctiger Verwandtschaft sorgt (Str. 53\/54). In der Anfangszeit nennt der Nibelungendichter Kriemhild oft \u201eminnecl\u00eech\u201c, also liebenswert bzw. minnewert; sp\u00e4ter, als Kriemhild sich zu einer immer erbarmungsloseren R\u00e4cherin entwickelt, ist sie allenfalls die \u201esc\u0153ne\u201c. Insgesamt muss man zwischen vier Phasen ihrer Vita und damit vier Erscheinungsweisen unterscheiden:<\/p>\n\n\n\n<p>In der ersten Phase ist Kriemhild die \u201eminnecl\u00eeche meit\u201c, die liebliche sch\u00f6ne herrliche Maid, in der zweiten die liebende und scharfz\u00fcngige Gattin, in der dritten die trauernde Witwe, in der vierten Phase die furchtbare R\u00e4cherin. Am n\u00e4chsten kommt sie uns in ihrer ma\u00dflosen Trauer um den ermordeten Gatten, wenn sie sich auf seine Leiche wirft und ihn wieder aus dem Sarg holen l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>In psychologischer Hinsicht ist es heute schwer nachvollziehbar, dass Kriemhild nach der Ermordung Siegfrieds nicht mit dessen Vater Sigmund in die Niederlande zur\u00fcckkehrte, wo auch ihr kleines Kind lebte und mutterlos aufwachsen musste, sondern dass sie als Witwe ausgerechnet in Worms blieb, wo ihre triumphierende Feindin Brunhild K\u00f6nigin war und ihr Erzfeind Hagen eine dominierende Stelle am Hof einnahm \u2013 der Mann, der ihren Gatten Siegfried gemeuchelt und ihr das Erbe, den Nibelungenhort, geraubt hatte. Dazu muss man sich als moderner Leser vergegenw\u00e4rtigen, dass im Mittelalter der ordo, also die gesellschaftliche Ordnung mit ihren strikten Standeseinteilungen, an denen es nichts zu r\u00fctteln gab, als gottgegeben angesehen wurde. Jedenfalls war die Bewahrung der g\u00f6ttlichen Ordnung das erste Prinzip, dem sich private Emotionen und W\u00fcnsche unterzuordnen hatten. Dieses Bild der letzten Phase, Kriemhild als die unerbittliche erbarmungslose R\u00e4cherin und zugleich Rebellin gegen die M\u00e4nner-dominierte Gesellschaftsordnung, beherrscht die Rezeption der fr\u00fchen Neuzeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gestalt ihrer amazonenhaften<a href=\"#sdendnote4sym\" id=\"sdendnote4anc\"><sup>iv<\/sup><\/a> Gegnerin Brunhild ist im Nibelungenlied wesentlich eindimensionaler gezeichnet. In der nordischen \u00dcberlieferung verh\u00e4lt es sich umgekehrt: Die Walk\u00fcre Br\u00fcnnhilde hat einen Liebespakt mit Siegfried und wird von ihm schn\u00f6de versetzt. Seine Gattin Gutrune bleibt einigerma\u00dfen bl\u00e4sslich. Immerhin haftet auch der deutschen Brunhild ein fremdl\u00e4ndischer Gout an. Sie wohnt im fernen Island und gilt als eine so sch\u00f6ne wie starke Frau \u2013 gewisserma\u00dfen ein Relikt ihrer mythischen Herkunft. Die Epitheta aus dem Nibelungenlied lauten \u201eunm\u00e2zen sch\u0153ne\u201c, \u201emichel ir kraft\u201c, das \u201evil h\u00earliche w\u00eep\u201c, aber auch \u2013 wie Hagen anmerkt \u2013 \u201edes tiuveles w\u00eep\u201c (Str. 438, 3f.). Sp\u00e4ter best\u00e4tigt Gunther gewisserma\u00dfen Hagens Einsch\u00e4tzung, wenn er seine gewaltt\u00e4tige Gattin gegen\u00fcber Siegfried ein \u201evreisl\u00eechez w\u00eep\u201c (Str. 655) nennt, ein f\u00fcrchterliches Weib \u2013 verst\u00e4ndlich angesichts der Tatsache, dass sie ihn in der Hochzeitsnacht an einen Haken an der Wand geh\u00e4ngt hat. Nach ihrer Bezwingung erscheint sie gez\u00e4hmt, sp\u00e4ter bekommt auch sie einen Sohn, erlebt durch Kriemhild eine unverwindbare Dem\u00fctigung und durch Siegfrieds Ermordung einen Triumph \u00fcber die verhasste Rivalin (Str. 1100). Danach verschwindet sie aus dem Gesichtsfeld.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Was haben die K\u00fcnstler, die Maler und Bildhauer, die Dichter und Theaterleute in den darauf folgenden Jahrhunderten aus dieser spannungsreichen Konstellation gemacht? Die Bildkunst entwickelt im 19. Jahrhundert die ikonographischen Stereotypen, die am h\u00e4ufigsten rezipierten Bilder pr\u00e4gen das Bewusstsein der Betrachter oft auf Jahrhunderte.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Beginn der k\u00fcnstlerischen Nibelungenrezeption ist durch Johann Joachim Winckelmanns Klassizismus-Ideal gepr\u00e4gt. Klassizistisch ist auch der Zuschnitt der Literatur. Der Z\u00fcricher Literaturprofessor Johann Jakob Bodmer verwendete in seinem Epos \u201eDie Rache der Schwester\u201c<a href=\"#sdendnote5sym\" id=\"sdendnote5anc\"><sup>v<\/sup><\/a> von 1767 das homerische Versma\u00df, den Hexameter. Das Pendant in der Bildenden Kunst war Bodmers Landsmann Johann Heinrich F\u00fcssli. F\u00fcssli, der 1779 dauerhaft nach London \u00fcbersiedelt war, \u00fcbersetzte die Werke Winckelmanns ins Englische. In Rom, wo er sich in den Jahren 1770-1778 aufhielt, studierte er die antiken Kunstwerke und lernte die klassizistischen Maler Anton Raphael Mengs und Maler Jean-Louis David kennen. Gleichwohl ist sein umfangreiches malerisches und zeichnerisches Werk nicht ausschlie\u00dflich klassizistisch; es enth\u00e4lt starke vorromantische Tendenzen. Diese merkw\u00fcrdige Ambivalenz zeichnet auch seine zwischen 1798 und 1820 entstandenen Nibelungen-Zeichnungen und -Gem\u00e4lde aus.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcssli kannte auch die nordische Version der Nibelungensage. Das zeigt sich etwa bei seiner Darstellung Siegfrieds, der die Waberlohe durchreitet und auf die mit Helm und Schild bewaffnete Brunhild trifft.<a href=\"#sdendnote6sym\" id=\"sdendnote6anc\"><sup>vi<\/sup><\/a> Ansonsten h\u00e4lt er sich bei seinen Illustrationen an die deutsche Version der Geschichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/3-Johann_Heinrich_Fuessli_-_Brunhilde_Observing_Gunther_Whom_She_Has_Tied_to_the_Ceiling_-_WGA08337-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-427\" width=\"324\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/3-Johann_Heinrich_Fuessli_-_Brunhilde_Observing_Gunther_Whom_She_Has_Tied_to_the_Ceiling_-_WGA08337-648x1024.jpg 648w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/3-Johann_Heinrich_Fuessli_-_Brunhilde_Observing_Gunther_Whom_She_Has_Tied_to_the_Ceiling_-_WGA08337-190x300.jpg 190w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/3-Johann_Heinrich_Fuessli_-_Brunhilde_Observing_Gunther_Whom_She_Has_Tied_to_the_Ceiling_-_WGA08337.jpg 700w\" sizes=\"(max-width: 324px) 100vw, 324px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[3] J. H. F\u00fcssli: <em>Brunhild betrachtet den von ihr gefesselt<\/em> <em>an der Decke aufgeh\u00e4ngten Gunther<\/em> (1807)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bereits in der lavierten Tuschzeichnung <em>Brunhild betrachtet den von ihr gefesselt an der Decke aufgeh\u00e4ngten Gunther<\/em> (1807) bestimmt die \u00e4sthetische Bipolarit\u00e4t F\u00fcsslis Darstellung: einerseits beeinflusst ihn Winckelmanns Ideal der \u201aedlen Einfalt und stillen Gr\u00f6\u00dfe\u2018, andererseits folgt er einem Ideal der \u00dcberzeitlichkeit, das jede \u201eindividuelle Charakterisierung\u201c vermeidet, \u201eum einen allgemein menschlichen Kern der Akteure freizulegen\u201c.<a id=\"sdendnote7anc\" href=\"#sdendnote7sym\"><sup>vii<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im Kontrast zu den antikisch nackten Helden erscheinen die weiblichen Protagonisten in eher zeitgen\u00f6ssischen Gew\u00e4ndern, in Kleidern des Empire \u2013 wie in der Federzeichnung <em>Kriemhild r\u00fchmt vor Brunhild ihren Gemahl Siegfried<\/em> (1805) und der Bleistiftzeichnung <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> (1805)<a href=\"#sdendnote8sym\" id=\"sdendnote8anc\"><sup>viii<\/sup><\/a>, wo Siegfried in der Ferne in antikischer Nacktheit als das Liebesobjekt der beiden spiegelbildlich ihm zugewandten Damen erscheint. Sogar in der Hochzeitsnacht tr\u00e4gt die schamhaft mit einem Schleier bedeckte Brunhild ihre Haare modisch hochgesteckt. Indem F\u00fcssli sich an der gegenw\u00e4rtigen Kleidermode orientiert, \u00fcberstellt er den Konflikt in die Gegenwart. Die Antikisierung der Helden und die Modernit\u00e4t der Frauengew\u00e4nder dienen gleicherweise dazu, die zeitlose Aktualit\u00e4t der Konstellation zu demonstrieren.<a href=\"#sdendnote9sym\" id=\"sdendnote9anc\"><sup>ix<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/4-Fuessli_-_Siegfried_und_Kriemhild_von_Hagen_ueberrascht_SZ_Fuessli_16-e1669746489700.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-428\" width=\"328\" height=\"401\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/4-Fuessli_-_Siegfried_und_Kriemhild_von_Hagen_ueberrascht_SZ_Fuessli_16-e1669746489700.jpg 656w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/4-Fuessli_-_Siegfried_und_Kriemhild_von_Hagen_ueberrascht_SZ_Fuessli_16-e1669746489700-246x300.jpg 246w\" sizes=\"(max-width: 328px) 100vw, 328px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[4] J. H. F\u00fcssli: <em>Siegfried, insgeheim mit Kriemhild verheiratet, durch Hagen bei seinem ersten Stelldichein mit ihr nach dem Sieg \u00fcber die Sachsen \u00fcberrascht<\/em> (1817).<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Noch deutlicher wird diese geradezu schizophrene Geschlechterspezifit\u00e4t in der Bleistiftzeichnung <em>Siegfried vor Kriemhilde kniend <\/em>(1807)<a id=\"sdendnote10anc\" href=\"#sdendnote10sym\"><sup>x<\/sup><\/a> und der Bleistift- und Tuschezeichnung der \u2013 von F\u00fcssli frei erfundenen \u2013 Szene <em>Siegfried, insgeheim mit Kriemhild verheiratet, durch Hagen bei seinem ersten Stelldichein mit ihr nach dem Sieg \u00fcber die Sachsen \u00fcberrascht<\/em> (1817).<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcsslis besondere Anteilnahme gilt der Gestalt der Kriemhilde, die er von der liebenden Jungfrau \u00fcber die trauernde und anklagende Witwe bis zur grausamen Rachefurie portr\u00e4tiert.<a href=\"#sdendnote11sym\" id=\"sdendnote11anc\"><sup>xi<\/sup><\/a> In seiner alk\u00e4ischen Ode \u201eChremhilds Klage um Sivrit\u201c reflektiert Kriemhilde \u00fcber die Motive Brunhilds, Siegfried ermorden zu lassen:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-12 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:15%\"><\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\" style=\"flex-basis:66.66%\">\n<p>Nicht da\u00df du ihr den G\u00fcrtel gel\u00f6set, hat<br>Sie deinen Mord gebr\u00fctet; dein Geist entfloh,<br>Weil du an Chremhilds Brust ihn bandest<br>Und mit dem Ringe dich mir verm\u00e4hltest!<a href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-admin\/post.php?post=415&amp;action=edit#sdendnote12sym\"><sup>xii<\/sup><\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcssli verleiht ihrem Charakter eine psychologische Dimension, die im Nibelungenlied nur indirekt zu erschlie\u00dfen ist. Im Nibelungenlied erkennt Kriemhild zwar, dass ihr leichtfertiges Vertrauen in den verr\u00e4terischen Hagen zum Tod Siegfrieds gef\u00fchrt hat. Aber ihre Gewissensqualen und vor allem ihre Selbstbezichtigungen sind F\u00fcsslis eigene Erfindung.<a href=\"#sdendnote13sym\" id=\"sdendnote13anc\"><sup>xiii<\/sup><\/a> Man k\u00f6nnte sie als heimliches Eingest\u00e4ndnis ihrer Schuld an Siegfrieds Tod deuten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044-1024x813.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-433\" width=\"512\" height=\"407\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044-1024x813.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044-300x238.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044-768x609.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044-1536x1219.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Johann_Heinrich_Fuessli_044.jpg 2024w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[5] J. H. F\u00fcssli: <em>Kriemhild sieht im Traum den toten Siegfried, <\/em>Entwurfszeichnung (1805)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Davon zeugt das (in mehrfacher Variation vorhandene) Tusche-Bild <em>Kriemhild sieht im Traum den toten Siegfried<\/em> (1805)<a id=\"sdendnote14anc\" href=\"#sdendnote14sym\"><sup>xiv<\/sup><\/a>. Wie der F\u00fcssli-Experte Gert Schiff darlegt, l\u00e4sst F\u00fcssli \u201ein der Entwurfszeichnung den Gatten verst\u00e4ndnislos auf die von dem Unheilstraum Geplagte blicken, w\u00e4hrend sie, grell herausgehoben, verzweifelnd zugleich nach der Erscheinung des Toten und nach dem Lebenden ausstreckt\u201c, wogegen \u201ein der aschfarbenen Gem\u00e4ldefassung\u201c Siegfried \u201ewie zum Zeichen des unvermeidlichen Schicksals von ihr abgewandt\u201c steht.<a id=\"sdendnote15anc\" href=\"#sdendnote15sym\"><sup>xv<\/sup><\/a> Von den Schuldvorstellungen zeugt auch das Bild <em>Kriemhild bei der Totenwache f\u00fcr Siegfried von Verk\u00f6rperungen ihrer Selbstankla\u00adgen heimgesucht (1805)<\/em>,<a id=\"sdendnote16anc\" href=\"#sdendnote16sym\"><sup>xvi<\/sup><\/a> wo F\u00fcssli die Geister in einer Dreierreihung anordnet, \u00e4hnlich wie in seinen Hexen-Illustrationen zu Shakespeares \u201eMacbeth\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/6-Fuessli_-_Kriemhild_Mourns_Siegfried.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-435\" width=\"450\" height=\"338\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/6-Fuessli_-_Kriemhild_Mourns_Siegfried.jpg 600w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/6-Fuessli_-_Kriemhild_Mourns_Siegfried-300x226.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[6] J. H. F\u00fcssli: <em>Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried <\/em>(1817)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihre geradezu wilde Trauer zeigt sich besonders in den Bildern <em>Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried <\/em>(1817)und<em> Kriemhild h\u00e4lt Totenwache f\u00fcr Siegfried <\/em>(1805)<a href=\"#sdendnote17sym\" id=\"sdendnote17anc\"><sup>xvii<\/sup><\/a>. F\u00fcssli hat den Schock Kriemhilds, wie sie den toten Siegfried vor ihrer T\u00fcre findet, mehrfach gestaltet.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Recht hat Gert Schiff bei der Darstellung von <em>Kriemhilds Totenwache<\/em> auf \u201eden Adel der Erfindung\u201c hingewiesen und sie den klassischen Darstellungen der Piet\u00e0 und der Adonisklage an die Seite gestellt.<a href=\"#sdendnote18sym\" id=\"sdendnote18anc\"><sup>xviii<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-1024x638.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-436\" width=\"512\" height=\"319\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-1024x638.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-768x479.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-1536x957.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/7-Storch-135-Kriemhild-klagt-Hagen-an-2048x1276.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[7] J. H. F\u00fcssli: <em>Kriemhild klagt an der Leiche Siegfrieds im Dom zu Worms Gunther und Hagen des Mordes an <\/em>(1805)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine andere psychische Facette der trauernden Gattin zeigt das Bild <em>Kriemhild klagt an der Leiche <\/em><em>Siegfrieds im Dom zu Worms Gunther und Hagen des Mordes an <\/em>(1805). Auch hier pr\u00e4sentieren Gunther und Hagen sich in blanker Nacktheit, die Heroine dagegen in einem Schleppengewand. Kriemhild steht wie eine Hohepriesterin der Rache vor den M\u00e4nnern, ihre Linke weist auf sie als die M\u00f6rder ihres Gatten, ihre Rechte zeigt nach oben, zu Gott, als der Instanz, der sie zu diesem Zeitpunkt (noch) die Rache anvertraut.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/8-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_047-1-794x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-437\" width=\"397\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/8-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_047-1-794x1024.jpg 794w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/8-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_047-1-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/8-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_047-1-768x991.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/8-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_047-1.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 397px) 100vw, 397px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[8] J. H. F\u00fcssli: <em>Kriemhild, von zwei<\/em> <em>hunnischen Dienern begleitet, zeigt<\/em> <em>Hagen den Nibelungenring <\/em>(1807)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/9-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_048-791x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-438\" width=\"396\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/9-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_048-791x1024.jpg 791w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/9-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_048-232x300.jpg 232w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/9-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_048-768x995.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/9-800px-Johann_Heinrich_Fuessli_048.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 396px) 100vw, 396px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[9] J. H. F\u00fcssli: <em>Kriemhild zeigt<\/em> <em>Hagen das Haupt Gunthers <\/em>(1805)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Epos rei\u00dft Kriemhild gewisserma\u00dfen den Part des alttestamentarischen Gottes an sich und nimmt die ausgleichende Rache in ihre eigene Hand. Als unerbittliche und heroische R\u00e4cherin tritt sie auf in den Bl\u00e4ttern <em>Kriemhild, von zwei hunnischen Dienern begleitet, zeigt Hagen den Nibelungenring <\/em>(1807) und <em>Kriemhild zeigt Hagen das Haupt Gunthers <\/em>(1805)<em>. <\/em>Die Ringszene ist F\u00fcsslis freie Erfindung, die Szene der triumphierenden Kriemhild mit dem abgeschlagenen Kopf entspricht dem Schluss des Nibelungenliedes. Die Darstellung orientiert sich aber an der antiken Perseus-Sage, wenn Kriemhild dem gefesselten Hagen Gunthers Haupt als hypnotisierendes Medusenhaupt entgegen streckt. Vorbild ist Benvenuto Cellinis ber\u00fchmte Bronzestatue des Perseus (1554) vor der Loggia dei Lanzi in Florenz. In beiden Szenen f\u00e4llt wieder die abstrakte Dichotomie zwischen dem nackten (leidenden) Hagen und der akkurat ausstaffierten, die Kleidermode und Haartracht von 1805 spiegelnden Kriemhild auf. Sollte dieser Gegensatz neben der \u00dcberzeitlichkeit auch auf den Geschlechterunterschied hinweisen?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, um 1850, herrscht in der Malerei der Historismus in seinen verschiedenen Spielarten. Viel st\u00e4rker als F\u00fcsslis Bilder hat ein anderes Werk die Ikonographie der Nibelungendarstellung gepr\u00e4gt: n\u00e4mlich die monumentalen Fresken, die Julius Schnorr von Carolsfeld im Auftrag des bairischen K\u00f6nigs Ludwig I. in der M\u00fcnchner Residenz zwischen 1831 und 1867 ausgef\u00fchrt hat bzw. seine Entw\u00fcrfe von Gehilfen hat ausf\u00fchren lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Schnorrs Entw\u00fcrfe wurden sp\u00e4ter auch als Illustrationen in verschiedenen Editionen des Nibelungenlieds verwendet und haben so einen breiten Eingang in die b\u00fcrgerlichen B\u00fcchersammlungen erhalten. Carolsfeld geh\u00f6rte zur Gruppe der Nazarener, einer Malergruppe, die christliche und vaterl\u00e4ndische Themen in einer historisierenden Manier bearbeiteten. Einerseits bem\u00fchten sich die Nazarener um idealisierende Darstellung, andererseits versuchten sie, den geschichtlichen Kontext einzufangen, also mittelalterliche Gew\u00e4nder, Waffen und Haartracht historisch getreu nachzubilden. Siegfried erscheint hier nicht mehr in antikischer Nacktheit, sondern als h\u00f6fischer Ritter, die Damen pr\u00e4sentieren sich in historischen wallenden Gew\u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu geh\u00f6rt es auch, dass Schnorr seinen Figuren Individualit\u00e4t verleiht. Bei Kriemhild scheint er sich \u2013 wen wundert dies bei einem Nazarener? \u2013 an der christlichen Marien-Ikonographie zu orientieren. Das wird im gro\u00dfen Wandgem\u00e4lde <em>Ankunft Brunhilds in Worms<\/em> deutlich, wo Kriemhild als lieblich-sanfte Gestalt mit liebensw\u00fcrdiger Gestik gezeigt wird, wohingegen Brunhild mit deutlich herberen Z\u00fcgen ausgestattet ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-439\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/10-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[10] Julius Schnorr von Carolsfeld: <em>Ankunft Brunhilds in Worms<\/em> (Ausschnitt)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-440\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/11-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[11] Julius Schnorr von Carolsfeld: <em>Siegfried schenkt Kriemhild den G\u00fcrtel<\/em> <em>Brunhilds<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Offizi\u00f6sen Charakter hat die Pr\u00e4sentation der Einzelfiguren bzw. Paare im ersten Saal, mit sprechender Gestik: Brunhild wendet sich von Gunther ab, ihre Miene verr\u00e4t grimmige Entschlossenheit, Kriemhild schmiegt sich an Siegfried an, allerdings mit sorgenvollem Ausdruck \u2013 offenbar erinnert der Falke auf ihrer Schulter sie an ihren omin\u00f6sen Traum. Anders als beim Hochzeitsbild, wo sie \u201emarienhaft\u201c zart wirkt, erscheint sie im Fresko <em>Siegfried schenkt Kriemhild den G\u00fcrtel Brunhilds<\/em> wohlgen\u00e4hrt und fast matronenhaft \u2013 was sich boshafterweise als Folge des guten Ehelebens deuten lie\u00dfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Vergleich mit F\u00fcsslis fast expressionistischem Ausdruck sind die Arrangements Schnorrs statisch und aufgesetzt theatralisch. Das zeigt sich besonders in den emotionalen Extrem-Szenen, wenn sich die schmerzerf\u00fcllte Kriemhild \u00fcber den toten Siegfried wirft \u2013 hier ist ihre Haltung den Mariendarstellungen nachempfunden \u2013 oder wenn sie, bei der Aufbahrung des toten Siegfried, hochdramatisch Hagen als den M\u00f6rder ihres Mannes outet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-441\" width=\"384\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-768x1024.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-225x300.jpg 225w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/12-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 384px) 100vw, 384px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[12] Julius Schnorr von Carolsfeld: <em>Kriemhild wirft sich \u00fcber den toten Siegfried Aufbahrung des toten Siegfried<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-442\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/13-2048x1536.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[13] Julius Schnorr von Carolsfeld: <em>Aufbahrung des toten Siegfried<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcssli gestaltet das Innen, die psychische Verfasstheit der von tiefem Schmerz Betroffenen, Schnorr das Au\u00dfen, die Inszenierung ihres Schmerzes. Das zeigt sich an der geziert gespreizten Haltung der Finger und an der unnat\u00fcrlichen Gestik der Frauengestalten um Kriemhild. Auch bereits bei der intimeren Szene <em>Abschied Siegfrieds<a id=\"sdendnote19anc\" href=\"#sdendnote19sym\"><sup>xix<\/sup><\/a><\/em> f\u00e4llt auf, dass die Gestik weniger ein bewegtes Inneres ausdr\u00fcckt als auf krude Wirkung zielt. Schnorr orientiert sich in seiner Darstellung an der fr\u00fcheren Gestaltung dieser Szene durch Peter Cornelius.<a id=\"sdendnote20anc\" href=\"#sdendnote20sym\"><sup>xx<\/sup><\/a> Zu Recht bescheinigt Schulte-W\u00fclwer dem Zyklus einen \u201eb\u00fchnenm\u00e4\u00dfigen Charakter\u201c.<a id=\"sdendnote21anc\" href=\"#sdendnote21sym\"><sup>xxi<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Teil des Nibelungenlieds agiert Kriemhild im Hintergrund. G\u00e4nzlich passiv erscheint sie in der Szene mit Hagen und Volker, die ihr den Gru\u00df verweigern, ebenso in der Szene, in der Dietrich von Bern die gefesselten Gunther und Hagen vor sie bringt. Vor allem in diesem Bild erstarrt Kriemhild zur Pose \u2013 eine Figur zwischen trauernder Piet\u00e0 und reflektierender Melancholia. Ob die \u201eCharakterbilder\u201c eine \u201eversittlichende Kraft\u201c auf den Betrachter aus\u00fcbten,<a href=\"#sdendnote22sym\" id=\"sdendnote22anc\"><sup>xxii<\/sup><\/a> wie Schnorr erhoffte, l\u00e4sst sich gewiss nicht feststellen. F\u00fcr Schnorr selbst war es allerdings ein pers\u00f6nliches Dilemma, dass er, als eigentlich b\u00fcrgerlich-liberal gesonnener K\u00fcnstler, mit diesem Werk die feudalistischen Interessen eines r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten k\u00f6niglichen Kunstliebhabers bedienen musste. Auch dies mag ein Grund sein, dass seine Bilder \u201ah\u00f6fischen\u2018 Charakter haben: Die Figuren zeigen sich so, wie die Etikette von ihnen verlangt, und gen\u00fcgen damit den h\u00f6fischen Verhaltensregeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Die nationalistischen Ankl\u00e4nge sowie der un\u00fcbersehbare Hang zu Monumentalisierung und Heroisierung verst\u00e4rkten sich in den Jahren nach der Reichsgr\u00fcndung und insbesondere in der wilhelminischen \u00c4ra. In der Literatur stehen daf\u00fcr das Nibelungenepos \u201eNibelunge\u201c von Wilhelm Jordan und die Germanen-Romane von Felix Dahn, in der Bildenden Kunst die Historienmaler. Ein Beispiel war das Bild <em>Streit der K\u00f6niginnen<\/em> von Frank Kirchbach. Ein anderes Bild desselben heroisch-monumentalen Historienstils ist die <em>Bahrprobe<\/em> von Emil Laufferaus dem Jahre 1879. Kriemhild steht hier diametral Hagen gegen\u00fcber: der M\u00f6rder und die R\u00e4cherin. Finster blickt der h\u00fcnenhafte Hagen aus den Augenwinkeln nach Kriemhilde, die, mit einem riesigen perlengeschm\u00fcckten Zopf ausgestattet, ebenso finster blickend auf ihn zeigt. Am Kopfende der Bahre sitzt die braunhaarige Brunhild. Die Gewandung der Lichtgestalten Siegfried und Kriemhild ist hell, die Hagens und seiner \u201aAuftraggeberin\u2018 braunrot.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/14-Emil_Lauffer_-_Kriemhilds_Complaint-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-443\" width=\"512\" height=\"384\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/14-Emil_Lauffer_-_Kriemhilds_Complaint-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/14-Emil_Lauffer_-_Kriemhilds_Complaint-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/14-Emil_Lauffer_-_Kriemhilds_Complaint-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/14-Emil_Lauffer_-_Kriemhilds_Complaint.jpg 1280w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[14] Emil Lauffer: <em>Die Bahrprobe <\/em>(1878)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Jugendstil, der um die Jahrhundertwende aufkam, war auch ein Gegenentwurf zur akademischen Historienmalerei. Der Buchk\u00fcnstler Joseph Sattler schuf f\u00fcr den anl\u00e4sslich der Pariser Weltausstellung von 1900 in der Reichsdruckerei erschienenen Prachtband \u201eDie Nibelungen\u201c farbige Illustrationen mit dekorativ-statischem Charakter.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Figuren stehen fast beziehungslos nebeneinander.<a id=\"sdendnote23anc\" href=\"#sdendnote23sym\"><sup>xxiii<\/sup><\/a> Gesichter und Ausdruck der streitenden K\u00f6niginnen sind auswechselbar. Sie unterscheiden sich lediglich durch die Gewandung: Kriemhild in blau, Brunhild in rot. Vielleicht wirkt Brunhilds Gesichtsausdruck etwas strenger, w\u00e4hrend bei Kriemhild die Emotion unmittelbarer zu sein scheint \u2013 ein Eindruck, der durch die unterschiedlichen Haartrachten verst\u00e4rkt werden k\u00f6nnte. Brunhild tr\u00e4gt ihr Haar hochgebunden, bei Kriemhild f\u00e4llt das blonde Haar frei \u00fcber die Schulter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589-761x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-445\" width=\"381\" height=\"512\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589-761x1024.jpg 761w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589-223x300.jpg 223w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589-768x1034.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589-1141x1536.jpg 1141w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/106_1-Sattler-scaled-e1669747316589.jpg 1312w\" sizes=\"(max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[15] Joseph Sattler: <em>Begr\u00fc\u00dfung<\/em> <em>von Brunhild und Kriemhild <\/em>(1900)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Carl Otto Czeschkas Illustrationen zu Franz Keims Nacherz\u00e4hlung des Nibelungenlieds<a id=\"sdendnote24anc\" href=\"#sdendnote24sym\"><sup>xxiv<\/sup><\/a> von 1908 haben einen extrem ornamentalen Duktus, auch seine Figuren sind ohne Individualit\u00e4t. Das gilt sowohl f\u00fcr die junge Kriemhild bei ihrem Falkentraum, als auch f\u00fcr den Streit der K\u00f6niginnen, wo die Frauen \u201ein der Kostbarkeit ihrer Gew\u00e4nder und der Gemessenheit ihrer Gesten\u201c verharren, \u201ewie entr\u00fcckt, als posierten sie zu einem Geschehen, das sie eigentlich nichts angeht.\u201c<a id=\"sdendnote25anc\" href=\"#sdendnote25sym\"><sup>xxv<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12-908x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-446\" width=\"227\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12-908x1024.jpeg 908w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12-266x300.jpeg 266w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12-768x866.jpeg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12-1362x1536.jpeg 1362w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/16-Czeschka-12.jpeg 1537w\" sizes=\"(max-width: 227px) 100vw, 227px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[16] C. O. Czeschka: <em>Kriemhilds Falkentraum<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17a-Czeschka-42.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-448\" width=\"277\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17a-Czeschka-42.jpg 369w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17a-Czeschka-42-266x300.jpg 266w\" sizes=\"(max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17b-Czeschka-43.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-449\" width=\"277\" height=\"312\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17b-Czeschka-43.jpg 369w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/17b-Czeschka-43-266x300.jpg 266w\" sizes=\"(max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[17] C. O. Czeschka: <em>Streit der K\u00f6niginnen <\/em>(1908)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im \u00dcbrigen haben Czeschkas Illustrationen stark eingewirkt auf den monumentalen dreist\u00fcndigen Nibelungen-Stummfilm, den Fritz Lang 1924 gedreht hat. Die Stummheit des Films bringt es mit sich, dass Lang auf das dekorative und das mimisch-gestische Moment gro\u00dfen Wert gelegt hat.<\/p>\n\n\n\n<table><tr><td><figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-252-rotated.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-453\" width=\"179\" height=\"254\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-252-rotated.jpg 717w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-252-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 179px) 100vw, 179px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Die junge Kriemhild<\/em><\/figcaption><\/figure><\/td><td width=\"20\"><\/td><td><figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-253.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-454\" width=\"168\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-253.jpg 670w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Kriemhild-Storch-253-201x300.jpg 201w\" sizes=\"(max-width: 168px) 100vw, 168px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"><em>Kriemhild die R\u00e4cherin<\/em><\/figcaption><\/figure><\/td><\/tr><\/table>\n\n\n\n<p>[18] Standbilder aus Fritz Langs Verfilmung<em> Die Nibelungen <\/em>(1924)<\/p>\n\n\n\n<p>Der prim\u00e4re Ansatz von Lang war eindeutig politisch-ideologisch. Deutschland hatte den Ersten Weltkrieg verloren. Langs Intention war, die Katastrophe des verlorenen Krieges zu erkl\u00e4ren, indem er eine Analogie zum schicksalhaften Geschehen der Nibelungensage herstellte. Er versuchte mit seinem Film aus den schwierigen Anf\u00e4ngen der Weimarer Republik dem deutschen Volk seine heldischen Traditionen wieder ins Ged\u00e4chtnis zu rufen und dadurch zum Wiederaufbau der Nachkriegsgesellschaft beizutragen. Kein Wunder, dass Goebbels und Hitler den Film sch\u00e4tzten.<a href=\"#sdendnote26sym\" id=\"sdendnote26anc\"><sup>xxvi<\/sup><\/a> Lang wollte Helden zeigen, \u00fcberm\u00e4chtige Gestalten, die sich dem simplen Gut-B\u00f6se-Schema f\u00fcgten und zu einf\u00e4ltig-grandioser Monumentalit\u00e4t aufwuchsen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-1024x769.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-455\" width=\"512\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-1024x769.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-768x577.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-1536x1153.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/19-Empfang-Brunhilds-in-Worms-Storch-215-2048x1537.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[19] Karl Schmoll (genannt Eisenwerth): <em>Brunhilds Empfang in Worms<\/em> (1912\/1913)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Monumentalit\u00e4t zeichnet auch die Fresken aus, die Karl Schmoll (genannt Eisenwerth) f\u00fcr das (im Zweiten Weltkrieg zerst\u00f6rte) Wormser Cornelianum entworfen hat. Im Fresko <em>Brunhilds Empfang in Worms<\/em> (1912\/1913) stehen auf der linken Seite die blondhaarigen Siegfried und Kriemhild, auf der rechten Seite die dunkelhaarige Brunhild, vermutlich mit Gunther (oder Hagen?). Brunhild tr\u00e4gt hier noch den omin\u00f6sen G\u00fcrtel. Schmolls wuchtige Bilder haben etwas Monumentales, Pathetisches und Heroisches, unbek\u00fcmmert um historische Authentizit\u00e4t der Gew\u00e4nder und Waffen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20-Buehler-Schulte-Wuelwer-177-1024x572.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-456\" width=\"512\" height=\"286\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20-Buehler-Schulte-Wuelwer-177-1024x572.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20-Buehler-Schulte-Wuelwer-177-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20-Buehler-Schulte-Wuelwer-177-768x429.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/20-Buehler-Schulte-Wuelwer-177.jpg 1279w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[20] Hans Adolf B\u00fchler: <em>Die Nibelungen <\/em>(1907\/08)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bereits 1907\/08 zeigte Hans Adolf B\u00fchler, ein Sch\u00fcler des beliebten Malers Hans Thoma, in seinem Bild <em>Die Nibelungen<\/em> die Figuren Brunhild, Siegfried und Kriemhilde einigerma\u00dfen befremdlich als pseudoantike Nackt-Akte.<a id=\"sdendnote27anc\" href=\"#sdendnote27sym\"><sup>xxvii<\/sup><\/a> Kriemhild erscheint als die Zarte und Innige, Inbild germanischer Blondheit und Tr\u00e4umerin, w\u00e4hrend Brunhild als dunkelhaariges Kampfweib dargestellt ist. Wo die Sympathien des Malers liegen, ist kein Geheimnis. B\u00fchler war Mitglied des v\u00f6lkischen, antisemitischen Kampfbunds f\u00fcr deutsche Kultur. Als Direktor der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Staatliche_Akademie_der_Bildenden_K%C3%BCnste_Karlsruhe\">Karlsruher Badischen Landeskunstschule<\/a> und der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Staatliche_Kunsthalle_Karlsruhe\">Badischen Kunsthalle<\/a> engagierte er sich f\u00fcr das offizielle Kunstprogramm des Dritten Reiches.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem ungleich bekannteren Maler und Illustrator Franz Stassen. Hitler nahm ihn, der seit 1930 Mitglied der NSDAP war, sogar noch 1944 in die Liste der Gottbegnadeten auf. Stassen verfertigte f\u00fcr die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reichskanzlei\">Reichskanzlei<\/a> vier Wandteppiche mit Motiven aus dem Sagenkreis der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Edda\">Edda<\/a>. Er geh\u00f6rte zum Bayreuther Kreis um Siegfried Wagner und illustrierte mehrfach die Werke Richard Wagners, darunter auch den \u201eRing des Nibelungen\u201c, wobei er Traditionen des Historismus, des Jugendstils und der neuen monumentalistischen Tendenz vermischte. Un\u00fcbersehbar sind v\u00f6lkische bzw. rassistische Elemente, das Resultat war ein sonderbares Gemenge aus germanischen Religionsmythen und spiritistischem Christentum.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/21-Stassen-Herzog-32.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-457\" width=\"322\" height=\"450\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/21-Stassen-Herzog-32.png 429w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/21-Stassen-Herzog-32-215x300.png 215w\" sizes=\"(max-width: 322px) 100vw, 322px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[21] Franz Stassen: <em>Der Wettkampf<\/em> (1912)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/22-Stassen-Wolzogen-19-1024x1003.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-458\" width=\"256\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/22-Stassen-Wolzogen-19-1024x1003.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/22-Stassen-Wolzogen-19-300x294.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/22-Stassen-Wolzogen-19-768x753.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/22-Stassen-Wolzogen-19.jpg 1047w\" sizes=\"(max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[22] Franz Stassen: <em>Siegfried begegnet Kriemhilde <\/em>(1920)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Stassen hat zwei Nibelungen-B\u00fccher illustriert: 1912 Rudolf Herzogs Nacherz\u00e4hlung des Nibelungenlieds und 1920 Hans von Wolzogens Nacherz\u00e4hlung \u201eDer Nibelungen Not\u201c.<a id=\"sdendnote28anc\" href=\"#sdendnote28sym\"><sup>xxviii<\/sup><\/a> In beiden Versionen erscheint Brunhild als d\u00e4monisches und schwarzhaariges Kraftweib \u2013 was umso befremdlicher ist, weil sie in der nordischen Tradition eine germanische Walk\u00fcre war, in der deutschen Version eine K\u00f6nigin von Island. In Stassens sp\u00e4terer Gestaltung von 1920 erscheint Siegfried als h\u00f6fischer Gentleman, Kriemhild als sch\u00f6ne nordische Blondine, Brunhild wieder als dunkles und wenig attraktives Kraftweib. Beim Streit der K\u00f6niginnen stehen sich die schwarzhaarige Fremde und die blonde Burgunderin gegen\u00fcber. In ihren Gew\u00e4ndern spiegelt sich ihr Wesen: Dunkel Brunhild, hell Kriemhilde. Im Schlussbild steht Kriemhild mit dem Schwert in der einen, dem abgeschlagenen Kopf Gunthers in der anderen Hand, vor dem gefesselten Hagen, ein furioser Racheengel, mitleidlos und entmenscht. W\u00e4hrend Brunhild ein eindimensionaler Charakter ist, macht Kriemhild eine erschreckende Metamorphose durch.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/23-Stassen-Herzog-45.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-459\" width=\"375\" height=\"250\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/23-Stassen-Herzog-45.png 500w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/23-Stassen-Herzog-45-300x200.png 300w\" sizes=\"(max-width: 375px) 100vw, 375px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[23] Franz Stassen: <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> (1912)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/24-Stassen-Wolzogen-25.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-460\" width=\"241\" height=\"248\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/24-Stassen-Wolzogen-25.jpg 963w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/24-Stassen-Wolzogen-25-292x300.jpg 292w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/24-Stassen-Wolzogen-25-768x790.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 241px) 100vw, 241px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[24] Franz Stassen: <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> (1920)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch in der Weimarer Republik gab es antiheroische Tendenzen, etwa bei Josef Hegenbarth und Ernst Barlach. Barlach hat 1922 den zweiten Teil des Nibelungenlieds mit Kohlestift-Zeichnungen illustriert.<a id=\"sdendnote29anc\" href=\"#sdendnote29sym\"><sup>xxix<\/sup><\/a> Barlach vermeidet jeglichen heroischen Impetus und stellt die Grausamkeit des Vorgangs ungemildert vor Augen. \u00dcbrigens wurden die 1935 publizierten Zeichnungen umgehend durch die Bairische Politische Polizei beschlagnahmt, angeblich weil ihr Inhalt geeignet sei, \u201edie \u00f6ffentliche Sicherheit und Ordnung zu gef\u00e4hrden.\u201c<a id=\"sdendnote30anc\" href=\"#sdendnote30sym\"><sup>xxx<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-795x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-462\" width=\"199\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-795x1024.jpg 795w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-233x300.jpg 233w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-768x989.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-1193x1536.jpg 1193w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-1590x2048.jpg 1590w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/25-Beckmann-Max_Kampf-der-Koeniginnen-Storch-275-scaled.jpg 1988w\" sizes=\"(max-width: 199px) 100vw, 199px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[25] Max Beckmann: <em>Kampf der K\u00f6niginnen<\/em> (1949)<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die totale Ern\u00fcchterung, die nach dem verlorenen Zweiten Weltkrieg alles Heroische diskreditierte, insbesondere die Heroisierung des Untergangs, machte auch vor den beiden Protagonistinnen nicht Halt. Max Beckmann, der bedeutende expressionistische Maler, war dezidierter Gegner des Nazi-Regimes. W\u00e4hrend des Kriegs hielt er sich in Amsterdam auf, erst 1947 wurde sein Visumantrag von den USA bewilligt. Das Bild <em>Kampf der K\u00f6niginnen<\/em>, eine Federzeichnung \u00fcber schwarzer Kreide, entstand 1949 in New York.<a id=\"sdendnote31anc\" href=\"#sdendnote31sym\"><sup>xxxi<\/sup><\/a> Das heroische Duell der beiden K\u00f6niginnen ist zu einem w\u00fcsten handgreiflichen Streit entartet, von k\u00f6niglicher Haltung findet sich keine Spur. Es sind eher zwei vulg\u00e4re Waschweiber, die sich hier in die Haare geraten. Die eine schl\u00e4gt, die andre w\u00fcrgt. Das Heroische hat ausgedient.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Streit der K\u00f6niginnen<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/26-Kutzer-Sammelbild.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-463\" width=\"254\" height=\"375\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/26-Kutzer-Sammelbild.jpg 338w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/26-Kutzer-Sammelbild-203x300.jpg 203w\" sizes=\"(max-width: 254px) 100vw, 254px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[26] Ernst Kutzer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/27-Aick_Heldensagen-13-graustufe-hk-1024x944.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-464\" width=\"256\" height=\"236\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/27-Aick_Heldensagen-13-graustufe-hk-1024x944.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/27-Aick_Heldensagen-13-graustufe-hk-300x277.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/27-Aick_Heldensagen-13-graustufe-hk-768x708.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/27-Aick_Heldensagen-13-graustufe-hk.jpg 1300w\" sizes=\"(max-width: 256px) 100vw, 256px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[27] Willy Widmann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die bei Beckmann nachklingende Hell-Dunkel-Dichotomie begegnet auch in popul\u00e4rer Kunst, etwa im Sammelbild <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> des einst bekannten Jugend- und Kinderbuchillustrators Ernst Kutzer<a id=\"sdendnote32anc\" href=\"#sdendnote32sym\"><sup>xxxii<\/sup><\/a>, oder noch 1966 in einer Illustration Willy Widmanns zu Gerhard Aicks beliebtem Sagenbuch \u201eDeutsche Heldensagen<a id=\"sdendnote33anc\" href=\"#sdendnote33sym\"><sup>xxxiii<\/sup><\/a>.  <\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-center\">* * *<\/p>\n\n\n\n<p>Das Nibelungenlied demonstriert im ersten Teil die \u201eZ\u00e4hmung der Frau\u201c auf ziemlich brutale Weise: zun\u00e4chst wird Brunhild gef\u00fcgig gemacht, sp\u00e4ter wird Kriemhild zur R\u00e4son gepr\u00fcgelt. Im zweiten Teil kehrt sich das Verh\u00e4ltnis um: Kriemhild instrumentalisiert die M\u00e4nner f\u00fcr ihre gnadenlosen Zwecke. Die bildnerische Darstellung der K\u00f6niginnen orientiert sich an der Version, auf die sie sich bezieht: entweder die nordische oder die deutsche Version. Nordisch ist die \u00fcbermenschliche Walk\u00fcre Br\u00fcnnhilde, deutsch das amazonenhafte Kraftweib Brunhild. Die Maler, die sich auf das Nibelungenlied beziehen, stellen Brunhild, obwohl sie aus Island kommt, \u00fcberwiegend schwarzhaarig dar. Schwarzhaarig erscheint sie auch in einigen Dichtungen wie etwa Friedrich Hebbels Nibelungentrilogie. In der Farbsymbolik, die sich mit der Bedeutung der Farben besch\u00e4ftigt, gibt es eine Tradition von Zuweisungen. Danach symbolisiert die Farbe schwarz zun\u00e4chst Tod und Trauer, dann das D\u00e4monische und Hexisch-Zauberhafte, das Unheimliche und Gef\u00e4hrliche, das Fremde, das \u201aMigrantische\u2018 und das Illegale \u2013 Stichwort \u201eSchwarzarbeit, Schwarzgeld, Schwarzmarkt\u201c \u2013 gewisserma\u00dfen alles, was sich im Dunkeln abspielt. D i e Maler hingegen, die Richard Wagners nordische Version bebildern, zeichnen \u00fcberwiegend eine blonde Br\u00fcnnhilde. Brunhild ist eher negativ besetzt, eine unheimliche Mannfrau; die nordische Br\u00fcnnhilde positiv, quasi eine Lichtgestalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild macht \u2013 im Unterschied zur eher statischen Brunhild \u2013 eine psychische Entwicklung durch. Das spiegelt sich auch in der Bildkunst. Anfangs wird sie als die Sanfte und Blondgelockte dargestellt, ihre Imago changiert zwischen Rauschgoldengel und christlicher Piet\u00e0. Sp\u00e4ter mutiert sie zur erbarmungslosen R\u00e4cherin, von ihrem Erzfeind Hagen als Teufelin \u2013 \u201ev\u00e2landinne\u201c \u2013 denunziert (Str. 2431,4). Ihr Seelenleben ist ungleich facettenreicher als das ihrer Rivalin.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei den Bildkunstwerken ist im Verlauf des Historismus ein Hang zum Monumentalen unverkennbar, mit dem eine Tendenz zur Heroisierung Hand in Hand geht. Nicht von ungef\u00e4hr haben sich Bildkunst und Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg von diesen Tendenzen g\u00e4nzlich verabschiedet. Die in den letzten Jahren bei den Nibelungenfestspielen in Worms aufgef\u00fchrten Schauspiele zeigen das in aller Deutlichkeit. Sie demontieren Pathos und Heroik, greifen burleske und Slapstick-Elemente auf, b\u00fcrsten die tradierte Geschichte gleichsam \u201egegen den Strich\u201c und setzen zuweilen Komik an die Stelle von Tragik. Ebendiese Tendenz ist auch in der Bildenden Kunst festzustellen, etwa in den Comics des deutsch-japanischen Karikaturisten und Illustrators Heiko Sakurai<a id=\"sdendnote34anc\" href=\"#sdendnote34sym\"><sup>xxxiv<\/sup><\/a>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"281\" height=\"273\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/29.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-465\"\/><figcaption class=\"wp-element-caption\">[28] Heiko Sakurai<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Deutlich wird: Das Parodistische unterl\u00e4uft jeglichen Heroenkult. Wenn Sakurai das Klischee der blonden Kriemhild und der schwarzen Brunhild aufgreift, so ist dies einerseits ein unverkennbares Zeichen, dass die Stereotypen sich von ihrer Entstehungszeit abgekoppelt haben und ein Eigenleben beginnen, andererseits werden durch die parodistische Absicht die traditionellen Stereotypen konterkariert. Zwischen diesen Polen \u2013 Konvention, Protest, Kontrafaktur und Parodie \u2013 wird sich die k\u00fcnftige Nibelungen-Rezeption vermutlich weiter bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Bildnachweise<\/strong><br>[1] Schnorr, Foto: G. Grimm.<br>[2] Kirchbach, Foto: G. Grimm.<br>[3] F\u00fcssli, Wikimedia commons: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Drawings_by_Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_-_Brunhilde_Observing_Gunther,_Whom_She_Has_Tied_to_the_Ceiling_-_WGA08337.jpg\">Johann Heinrich F\u00fcssli &#8211; Brunhilde Observing Gunther, Whom She Has Tied to the Ceiling &#8211; WGA08337 &#8211; Category:Drawings by Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>[4] F\u00fcssli, Wikimedia commons: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Drawings_by_Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:F%C3%BCssli_-_Siegfried_und_Kriemhild_von_Hagen_%C3%BCberrascht,_SZ_F%C3%BCssli_16.jpg\">F\u00fcssli &#8211; Siegfried und Kriemhild von Hagen \u00fcberrascht, SZ F\u00fcssli 16 &#8211; Category:Drawings by Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>[5] F\u00fcssli, Wikimedia commons: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_044.jpg?uselang=de\">File:Johann Heinrich F\u00fcssli 044.jpg \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>The Yorck Project (2002)&nbsp;<em>10.000 Meisterwerke der Malerei<\/em>&nbsp;(DVD-ROM), distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH.<br>[6] F\u00fcssli, Wikimedia commons: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:F%C3%BCssli_-_Kriemhild_Mourns_Siegfried.jpg\">F\u00fcssli &#8211; Kriemhild Mourns Siegfried &#8211; Category:Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>[7] F\u00fcssli, Storch, Die Nibelungen, S. 7.<br>[8] F\u00fcssli, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_047.jpg\">Johann Heinrich F\u00fcssli 047 &#8211; Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>[9] F\u00fcssli, <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_048.jpg\">Johann Heinrich F\u00fcssli 048 &#8211; Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a><br>[10] Schnorr, Foto: G. Grimm.<br>[11] Schnorr, Foto: G. Grimm.<br>[12] Schnorr, Foto: G. Grimm.<br>[13] Schnorr, Foto: G. Grimm.<br>[14] Lauffer, Wikimedia commons: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Emil_Lauffer?uselang=de#\/media\/File:Emil_Lauffer_-_Kriemhild's_Complaint.jpg\">Emil Lauffer \u2013 Kriemhild\u2018s Complaint &#8211; Category:Emil Lauffer \u2013 Wikimedia Commons<\/a>; Urheber: <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Emil_Lauffer_-_Kriemhild%27s_Complaint.jpg\">Ablakok<\/a>,&nbsp;<a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\">CC BY-SA 4.0<\/a>, via Wikimedia Commons.<br>[15] Die Nibelunge. Nach der Ausgabe von Karl Lachmann; illustriert von Joseph Sattler.<br>Berlin: Stargardt, 1898-1904. Prachtausgabe mit 15 Illustrationen und Buchschmuck. S. 104. Digitalisat der UB Heidelberg. <a href=\"http:\/\/digi.ub.uni-heidelberg.de\/diglit\/sattler1904\/0106\">http:\/\/digi.ub.uni-heidelberg.de\/diglit\/sattler1904\/0106<\/a><br>[16] Die Nibelungen dem deutschen Volke wiedererz\u00e4hlt von Franz Keim. Bilder und Ausstattung von C.O. Czeschka. Verlag Gerlach und Wiedling. Wien, Leipzig o.J. [1908], S. 8.<br>[17] Czeschka, ebd., S. 38, 39.<br>[18] Standbilder aus Fritz Langs Film \u201eDie Nibelungen\u201c, Storch, Die Nibelungen, S. 252, 253.<br>[19] Schmoll, Storch, Die Nibelungen, S. 215.<br>[20] B\u00fchler, Schulte-W\u00fclwer, Das Nibelungenlied, S. 177.<br>[21] Illustrationen zu Rudolf Herzogs Jugendbuch \u201eSiegfried der Held\u201c.Berlin: Ullstein 1912, 2. Aufl. 1920, S. 32.<br>[22] Stassen, Wolzogen, S. 19.<br>[23] Stassen, Herzog, S. 45.<br>[24] Stassen, Wolzogen, S. 25.<br>[25] Beckmann, zit. nach Storch, Die Nibelungen, S. 275.<br>[26] Ernst Kutzer: Streit der K\u00f6niginnen. Sammelbild.<br>[27] Gerhard Aick: Deutsche Heldensagen. Mit Zeichnungen von Willy Widmann. Wien, S. 113.<br>[28] Heiko Sakurai: <a href=\"https:\/\/www.burg-prunn.de\/deutsch\/kinder\/hoeren\/comic\/comic.pdf\">comic (burg-prunn.de)<\/a><\/p>\n\n\n\n<div style=\"height:100px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote1anc\" id=\"sdendnote1sym\">i<\/a> Ulrich Schulte-W\u00fclwer: Das Nibelungenlied in der deutschen Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts. Gie\u00dfen 1980, S. 160.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote2anc\" id=\"sdendnote2sym\">ii<\/a> Zitiert wird nach der Ausgabe: Das Nibelungenlied. Nach der Ausgabe von Karl Bartsch hrsg. von Helmut de Boor. 18. Aufl. Wiesbaden 1965. Die \u00dcbersetzung stammt von Karl Simrock, der von Auflage zu Auflage \u00c4nderungen vorgenommen hat. Das Nibelungenlied. \u00dcbersetzt von Karl Simrock. Neunzehnte, verbe\u00dferte Auflage. Stuttgart 1868. \u201eDa sp\u00e4hten mit den Augen, die oft geh\u00f6rt vorher, \/ Da\u00df man also Sch\u00f6nes gesehen nimmermehr \/ Als die Frauen beide: das fand man ohne Lug. \/ Man sah an ihrer Sch\u00f6ne auch nicht den mindesten Trug. \/\/<\/p>\n\n\n\n<p>Wer Frauen sch\u00e4tzen konnte und minniglichen Leib, \/ Der lobt\u02bc um ihre Sch\u00f6ne K\u00f6nig Gunthers Weib; \/ Doch sprachen da die Weisen die es recht besehn, \/ Man m\u00fc\u00dfe vor Brunhilden den Preis Kriemhilden zugestehn.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote3anc\" id=\"sdendnote3sym\">iii<\/a> \u201eEs wuchs in Burgonden solch edel M\u00e4gdelein, \/ Da\u00df in allen Landen nichts sch\u00f6ners mochte sein. \/ Kriemhild war sie gehei\u00dfen, und ward ein sch\u00f6nes Weib [\u2026].\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Minnigliche lieben brachte keinem Scham; [\u2026] \/ Sch\u00f6n war ohne Ma\u00dfen ihr edler Leib zu schaun; \/ Die Tugenden der Jungfrau zierten wohl alle Fraun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote4anc\" id=\"sdendnote4sym\">iv<\/a> Ursula Schulze: Amazonen und Teufelinnen. Darstellungsmodelle f\u00fcr Br\u00fcnhild und Kriemhild im Nibelungenlied. In: Leonore = Fidelio. Die Frau als K\u00e4mpferin, Retterin und Erl\u00f6serin im (Musik-)Theater: Hrsg. von Silvia Kronberger und Ulrich M\u00fcller. Salzburg 2004, S. 104-116. Schulze betont das D\u00e4monische und Zerst\u00f6rerische im Frauenbild des Nibelungenlieds.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote5anc\" id=\"sdendnote5sym\">v<\/a> Johann Jakob Bodmer: \u201eDie Rache der Schwester\u201c. In: Calliope Bd. 2, 1767, S. 309-372.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote6anc\" id=\"sdendnote6sym\">vi<\/a> Abbildung bei Wolfgang Storch (Hrsg.): Die Nibelungen. Bilder von Liebe, Verrat und Untergang. M\u00fcnchen 1987, S. 129.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote7anc\" id=\"sdendnote7sym\">vii<\/a> Schulte-W\u00fclwer, Das Nibelungenlied, S. 14.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote8anc\" id=\"sdendnote8sym\">viii<\/a> Federzeichnung <em>Kriemhild r\u00fchmt vor Brunhild ihren Gemahl Siegfried<\/em> (1805) und Bleistiftzeichnung <em>Der Streit der K\u00f6niginnen<\/em> (1805), Storch, S. 131.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote9anc\" id=\"sdendnote9sym\">ix<\/a> Zur Kleidermode vgl. Gert Schiff: F\u00fcssli: \u201eSivrit, ein be\u00dfrer Achilleus\u201c. In: Storch, Die Nibelungen, S. 125-139, hier S. 128-130. \u201eEntscheidend ist die unerh\u00f6rte Vertiefung und Verdichtung, die F\u00fcssli Kriemhilds Schmerz und Rache zu geben vermag; au\u00dfer\u00addem, da\u00df es ihm in diesen, den wichtigsten Bl\u00e4ttern der Folge gelingt, eine Welt zu schaf\u00adfen, die zwar dem Zeitgeist und Zeitgewand der Nibelungen auch nicht im mindesten Rechnung tr\u00e4gt, daf\u00fcr aber in sich vollkom\u00admen schl\u00fcssig und von hohem, die Phantasie bezwingendem Reiz ist. Anders ausgedr\u00fcckt: F\u00fcssli erzielt hier mit nur ihm eigenen Mitteln eine bruchlose Einheit des Stils. [\u2026] Die Kammerfrauen der K\u00f6niginnen tragen wie diese selbst die hochgeg\u00fcrteten Tuniken der Empirezeit mit den in England im Zuge des &gt;Gothic Revival&lt; aufgekommenen, elisabethanischen ge\u00adschlitzten Schulterpuffen; in den Haartrach\u00adten folgen sie mit hochgebundenen Knoten und in die Stirn fallenden Lockenrollen der letzten Mode von 1805. Ja, in dem bizarrsten Blatt der Folge tr\u00e4gt Kriemhild gar ein Gewand, das mit dem frack\u00e4hnlichen Caraco und dem \u00e0 la polonaise gerafften \u00dcberkleid auf die siebziger und achtziger Jahre zur\u00fcckgreift, sich mit dem Fichu mit Halskrause und der genialischen Windsto\u00df\u00adfrisur aber wiederum auf der H\u00f6he der modi\u00adschen Neuerungen des Entstehungsjahrs 1807 h\u00e4lt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote10anc\" id=\"sdendnote10sym\">x<\/a> <em>Siegfried vor Kriemhilde kniend <\/em>(um 1807), abgebildet bei Christoph Becker: Johann Heinrich F\u00fcssli. Das verlorene Paradies. Stuttgart 1997, S. 116.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote11anc\" id=\"sdendnote11sym\">xi<\/a> Ebd., S. 131-134.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote12anc\" id=\"sdendnote12sym\">xii<\/a> Johann Heinrich F\u00fcssli: S\u00e4mtliche Gedichte. Hrsg. von Martin Bircher und Karl S. Guthke. Z\u00fcrich 1973, S. 95.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote13anc\" id=\"sdendnote13sym\">xiii<\/a> Schulte-W\u00fclwer, Das Nibelungenlied, S. 14.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote14anc\" id=\"sdendnote14sym\">xiv<\/a> Storch, Die Nibelungen, S. 132.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote15anc\" id=\"sdendnote15sym\">xv<\/a> Ebd.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote16anc\" id=\"sdendnote16sym\">xvi<\/a> <em>Kriemhild bei der Totenwache f\u00fcr Siegfried von Verk\u00f6rperungen ihrer Selbstankla\u00adgen heimgesucht <\/em>(1805)<em>,<\/em><a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_045.jpg\">Johann Heinrich F\u00fcssli 045 &#8211; Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a>. Abbildung auch bei Storch, Die Nibelungen, S. 136.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote17anc\" id=\"sdendnote17sym\">xvii<\/a> <em>Kriemhild wirft sich auf den toten Siegfried <\/em>(1817): <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:Johann_Heinrich_F%C3%BCssli_046.jpg\">Johann Heinrich F\u00fcssli 046 &#8211; Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a>; <em>Kriemhild h\u00e4lt Totenwache f\u00fcr Siegfried <\/em>(1805): <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Drawings_by_Johann_Heinrich_F%C3%BCssli?uselang=de#\/media\/File:F%C3%BCssli_-_Kriemhild_h%C3%A4lt_Totenwache_f%C3%BCr_Siegfried,_SZ_F%C3%BCssli_19.jpg\">F\u00fcssli &#8211; Kriemhild h\u00e4lt Totenwache f\u00fcr Siegfried, SZ F\u00fcssli 19 &#8211; Category:Drawings by Johann Heinrich F\u00fcssli \u2013 Wikimedia Commons<\/a>. Abbildung auch bei Storch, Die Nibelungen, S. 134.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote18anc\" id=\"sdendnote18sym\">xviii<\/a> Gert Schiff, F\u00fcssli, in: Storch, Die Nibelungen, S. 132.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote19anc\" id=\"sdendnote19sym\">xix<\/a> <em>Siegfrieds Abschied <\/em>(1843), <a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/Category:Paintings_by_Julius_Schnorr_von_Carolsfeld#\/media\/File:Siegfrieds_Abschied.jpg\">Siegfrieds Abschied &#8211; Category:Paintings by Julius Schnorr von Carolsfeld &#8211; Wikimedia Commons<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote20anc\" id=\"sdendnote20sym\">xx<\/a> Abbildung bei Storch, Die Nibelungen, S. 147.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote21anc\" id=\"sdendnote21sym\">xxi<\/a> Schulte-W\u00fclwer, Das Nibelungenlied, S. 96.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote22anc\" id=\"sdendnote22sym\">xxii<\/a> Ebd., S. 96.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote23anc\" id=\"sdendnote23sym\">xxiii<\/a> Ebd., S. 162. Die Originalausgabe: Die Nibelunge. Illustriert von Joseph Sattler. Berlin 1898-1904. Text der Hohenems-M\u00fcnchener Handschrift A des Nibelungenliedes, nach der Ausgabe von Karl Lachmann. Schrift, Vollbilder und Buchschmuck von Joseph Sattler. Vgl. den Reprint Leipzig 2012, S. 59.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote24anc\" id=\"sdendnote24sym\">xxiv<\/a> Die Nibelungen dem deutschen Volke wiedererz\u00e4hlt von Franz Keim. Bilder und Ausstattung von C.O. Czeschka. Verlag Gerlach und Wiedling. Wien, Leipzig o.J. [1908].<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote25anc\" id=\"sdendnote25sym\">xxv<\/a> Schulte-W\u00fclwer, Das Nibelungenlied, S. 164-166.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote26anc\" id=\"sdendnote26sym\">xxvi<\/a> Ebd., S. 174.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote27anc\" id=\"sdendnote27sym\">xxvii<\/a> Ebd., S. 176.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote28anc\" id=\"sdendnote28sym\">xxviii<\/a> Die Nibelungen. Des Heldenliedes beide Teile neu erz\u00e4hlt von Rudolf Herzog. Mit Bildern von Franz Stassen. Berlin, Wien 1913. Hier: Siegfried, der Held. Der deutschen Jugend erz\u00e4hlt. Mit Bildern von Franz Stassen. Berlin 1912; Der Nibelungen Not von Hans von Wolzogen mit Federzeichnungen von Franz Stassen. Berlin 1920.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote29anc\" id=\"sdendnote29sym\">xxix<\/a> Das Nibelungenlied. Aus dem Mittelhochdeutschen \u00fcbertragen von G\u00fcnter Kramer. Mit 33 Zeichnungen von Ernst Barlach. Verlag der Nation, Berlin 1982, 2. Aufl. Verlag Werner Dausien, Hanau 1985.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote30anc\" id=\"sdendnote30sym\">xxx<\/a> Ernst Piper: Ernst Barlach und die nationalsozialistische Kunstpolitik. M\u00fcnchen 1983, S. 129ff.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote31anc\" id=\"sdendnote31sym\">xxxi<\/a> Max Beckmann: Kampf der K\u00f6niginnen. Dazu Storch, Die Nibelungen, S. 275.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote32anc\" id=\"sdendnote32sym\">xxxii<\/a> Ernst Kutzer: Streit der K\u00f6niginnen am Tor des Wormser Doms. K\u00fcnstlerpostkarte. Wien: Katholischer Schulverein f\u00fcr \u00d6sterreich, [1916]. Online-Ausgabe: Karlsruhe: Badische Landesbibliothek, 2021 Digitale Sammlungen der Badischen Landesbibliothek. Graphiken. Link: <a href=\"https:\/\/digital.blb-karlsruhe.de\/blbihd\/content\/titleinfo\/6634382\">Inhouse-Digitalisierung \/ Streit der K\u00f6niginnen am Tor des Wormser Doms (blb-karlsruhe.de)<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote33anc\" id=\"sdendnote33sym\">xxxiii<\/a> Gerhard Aick: Deutsche Heldensagen. Mit vielen Zeichnungen von Willy Widmann. Wien, S. 113.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote34anc\" id=\"sdendnote34sym\">xxxiv<\/a> Heiko Sakurai: <a href=\"https:\/\/www.burg-prunn.de\/deutsch\/kinder\/hoeren\/comic\/comic.pdf\">comic (burg-prunn.de)<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Gunter E. Grimm(2020\/10; erw. 2022\/10) Der Konflikt zwischen der burgundischen K\u00f6nigin Brunhild und Siegfrieds Gattin Kriemhilde brach bekanntlich beim langersehnten Wiedersehen aus. Er kulminierte beim Kirchgang in der ber\u00fchmten Szene, als die beiden K\u00f6niginnen um den Vortritt in die Kirche stritten. Es handelt sich dabei um einen nur in einer st\u00e4ndischen Gesellschaft m\u00f6glichen Konflikt, &#8230; <span class=\"more\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/das-bild-kriemhilds-und-brunhilds-in-der-kunst\/\">[Read more&#8230;]<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":18,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/415"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=415"}],"version-history":[{"count":25,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/415\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":479,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/415\/revisions\/479"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/18"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=415"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}