{"id":399,"date":"2022-11-22T21:56:17","date_gmt":"2022-11-22T20:56:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=399"},"modified":"2022-11-22T22:10:39","modified_gmt":"2022-11-22T21:10:39","slug":"das-narrativ-vom-koeniginnenstreit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/das-narrativ-vom-koeniginnenstreit\/","title":{"rendered":"Das Narrativ vom K\u00f6niginnenstreit:"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Denkanst\u00f6\u00dfe zu einem unwiderstehlichen Klischee<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Regina Urbach<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Angeregt vom K\u00f6niginnenstreit im Nibelungenlied und durch die Pr\u00e4sentation unserer Nibelungenliedgesellschaft \u201eHerrscherinnen am Rhein\u201c der Jahre 2020 und 2021, wird hier ein historischer \u201eKaiserinnenstreit\u201c genauer unter die Lupe genommen, zwischen den deutschen Kaiserinnen Adelheid und Theophanou im zehnten Jahrhundert.<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-400\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/11\/Narrativ-vom-Koeniginnenstreit_Foto_Marion-Buehrle-2048x1365.jpg 2048w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<div style=\"height:30px\" aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-spacer\"><\/div>\n\n\n\n<p>Kaiser Otto I. war mit einer der eindrucksvollsten Kaiserinnenpers\u00f6nlichkeiten des Mittelalters verheiratet: Adelheid von Burgund. Ihre Machtbasis in Italien trug zum Erfolg von Ottos Griff nach der Kaiserkrone bei. Adelheid taucht in zahlreichen Urkunden an der Seite Ottos I. als Mitregentin beziehungsweise Teilhaberin der Herrschaft- <em>consors regni<\/em>&#8211; auf. Es gelang den Ottonen, eine byzantinische Braut an den Hof zu holen: Theophanou, die Braut f\u00fcr Otto II. Diese Frau hinterlie\u00df- ebenso wie ihre Schwiegermutter Adelheid, einen tiefen Eindruck im Abendland. Zwei Alfa-Kaiserinnen an einem Kaiserhof. Das konnte ja nicht gutgehen. Oder etwa doch?<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den angeblichen Kaiserinnenstreit werden die Ereignisse ab der Hochzeit von Otto II. mit Theophanou im Jahre 972 wichtig. Schon 973 starb Otto der Gro\u00dfe; sein Sohn Otto II. und Theophanou \u00fcbernahmen die Herrschaft. Adelheid blieb noch bis 975 am Hof. 980 wurde Otto III. als Thronfolger geboren. F\u00fcr die Zeit 973 bis 983 wird in vielen Darstellungen ein angeblicher \u201eKleinkrieg\u201c zwischen den Kaiserinnen vermutet. Otto II. verstarb 983. F\u00fcr den dreij\u00e4hrigen, zum K\u00f6nig gesalbten Otto III. \u00fcbernahmen seine Mutter Theophanou und seine Gro\u00dfmutter Adelheid gemeinsam die Regentschaft. Nach dem Tode Theophanous im Jahr 991 verblieb Adelheid als alleinige Regentin bis zur Kr\u00f6nung Ottos III. im Jahr 996. Adelheid verstarb 999, Otto 1002.<\/p>\n\n\n\n<p>Abt Odilo von Cluny begann schon ein Jahr nach Adelheids Tod mit ihrer Heiligenlegende, doch \u00fcberarbeitete er diese noch einmal wesentlich sp\u00e4ter. Bischof Thietmar von Merseburg schrieb seine Chronik etwa 40 Jahre nach dem \u201eKaiserinnenstreit\u201c. Die seit 1008 kontinuierlich berichtenden <em>Annales Quedlinburgenses<\/em> gehen auf die entscheidenden Jahre leider wenig ein. Die Zeit lie\u00df also einigen Spielraum f\u00fcr ein nachtr\u00e4gliches Narrativ.<\/p>\n\n\n\n<p>Schl\u00e4gt man publizistische Darstellungen zum Verh\u00e4ltnis der Kaiserinnen auf, st\u00f6\u00dft man gerade in \u00e4lteren Werken auf eine Wortwahl, die \u00fcber eine d\u00fcrre Sachlichkeit hinausgeht. Nach dem fr\u00fchen Tod Ottos II. im Jahre 983 gelang es Adelheid und Theophanou, sich gegen die Opposition einflussreicher F\u00fcrsten als Regentinnen f\u00fcr den erst dreij\u00e4hrigen Otto III. durchzusetzen. Exemplarisch f\u00fcr das Geschichtsbild vom Schwiegermutterkampf der Kaiserinnen beziehe ich mich auf die Darstellung von Gustav Faber von 1983, \u201eDer Traum vom Reich im S\u00fcden. Die Ottonen und Salier\u201c erschienen bei Bertelsmann und in vielen bildungsb\u00fcrgerlichen Haushalten vertreten. Nach dem Geschichtsstudium bet\u00e4tigte sich Faber als freier Schriftsteller und hatte bereits gut verkaufte Werke \u00fcber Merowinger, Karolinger und die Normannen ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die beiden Kaiserinnen schreibt Faber (S. 137): \u201eSchon das Generationsproblem trennte sie, dann auch die unterschiedliche Herkunft. \u2026Schlie\u00dflich aber musste Adelheid der J\u00fcngeren, der Fremdl\u00e4ndischen Platz machen.\u201c \u00dcber Theophanou fasst Faber zusammen: \u201eobwohl man sie eitel fand, ihr Griechisch nicht verstand und sie nicht f\u00fcr einwandfrei purpurgeboren hielt, respektierte man sie.\u201c An anderer Stelle schreibt Faber: Theophanou \u201eobwohl teilweise armenischer Abstammung, besa\u00df als griechisches Erbteil einen ausgepr\u00e4gten Sinn f\u00fcr Ma\u00df und Wirklichkeit.\u201c Die damals um die 40 Jahre alte Adelheid genie\u00dft bei Faber wenig Sympathie. Er schreibt: Adelheid, die \u201eein Matronenalter erreichte und sp\u00e4ter \u2026 in ma\u00dfloser Bigotterie zu ihrem vermeintlichen Seelenheil K\u00f6nigsgut an die Kirche verschleuderte\u201c(S. 138). Schlie\u00dflich interpretiert Faber die Vollj\u00e4hrigkeit und Amts\u00fcbernahme durch den jungen Otto III. im Jahr 996: \u201eEr empfand es nun als l\u00e4stig, dass die 64-j\u00e4hrige Gro\u00dfmutter ihn weiterhin g\u00e4ngeln wollte\u201c (S. 145). Laut Faber war f\u00fcr die beiden Damen einvernehmliches Handeln eher die Ausnahme. Er formuliert es so: \u201eNachdem sie sich kurzfristig verb\u00fcndet hatten, machte sich bald wieder die alte Rivalit\u00e4t \u2026bemerkbar\u201c (S. 141). Dem Publikum der Achtzigerjahre stie\u00df dies offenbar nicht weiter auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch was, wenn der angebliche Kleinkrieg sich auch ganz anders gewichten und vor allem mit Hilfe von machtpolitischen Hintergr\u00fcnden ausleuchten lie\u00dfe?<\/p>\n\n\n\n<p>2008 erschien bei Beck ein ebenfalls allgemeinverst\u00e4ndliches, doch wissenschaftliches Werk von dem Heidelberger Medi\u00e4visten Stefan Weinfurter: \u201eDas Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500\u201c. Das Leben der beiden Kaiserinnen wird darin kurz gestreift. Bei Weinfurter klingt der Zwist folgenderma\u00dfen: \u201eSeinerzeit war [Theophanou] mit ihrer Schwiegermutter Adelheid in einen heftigen Konflikt um die Vorrangstellung in der Hofgesellschaft geraten. Die junge Griechin setzte sich durch. Die etwa 40-j\u00e4hrige Adelheid musste weichen und sich nach Pavia zur\u00fcckziehen-. Seither wurde zwischen beiden fast zehn Jahre lang ein st\u00e4ndiger Kleinkrieg ausgetragen. Aber gegen Ende des Jahres 983 \u00e4nderte sich die Lage schlagartig. Theophanou (in Rom) \u2026 nahm Kontakt zu ihrer Schwiegermutter auf und eilte noch um die Weihnachtszeit zu ihr nach Pavia. Dort schmiedeten sie eine Koalition der kaiserlichen Frauen. In den folgenden Monaten gingen sie klug und diplomatisch vor\u201c (S. 75).<\/p>\n\n\n\n<p>Auch hier erscheint der Schwerpunkt des Verh\u00e4ltnisses der beiden Kaiserinnen bei ihrem \u201est\u00e4ndigen Kleinkrieg\u201c zu liegen. Ein B\u00fcndnis ist erst durch die Notlage nach dem Tod Ottos II. geboten. Dass die beiden Frauen klug und diplomatisch vorgingen, scheint eher etwas Besonderes zu sein. Nach der Beilegung der F\u00fcrstenopposition befindet Weinfurter: \u201eDie kaiserlichen Frauen waren zufrieden. Durch ihre Sorge, so das Urteil der Annalen von Quedlinburg, seien das Reich und der junge K\u00f6nig in Sicherheit gebracht worden\u201c (S. 76).<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei kam es in der mittelalterlichen Geschichte nicht sehr h\u00e4ufig vor, dass sich eine Kaiserinwitwe gegen m\u00e4nnliche F\u00fcrsten als Regentin durchsetzen konnte. Dass sich hier mehrere Frauen aus der kaiserlichen Familie zusammentaten, k\u00f6nnte man durchaus in spektakul\u00e4reren Worten ausdr\u00fccken. In der knappen Darstellung wird nicht nachvollziehbar erl\u00e4utert, worum es bei dem zehnj\u00e4hrigen \u201eKleinkrieg\u201c der Frauen eigentlich ging.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>a) <strong>Annales Quedlinburgenses<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Historiker werden nat\u00fcrlich stark von ihren Quellen beeinflusst. Suchen wir also Spuren des Kaiserinnenstreits in den Prim\u00e4rquellen. Wichtig sind hierf\u00fcr die Annalen von Quedlinburg, in der Quellensammlung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monumenta_Germaniae_Historica\">Monumenta Germaniae Historica<\/a> ver\u00f6ffentlicht. Entstanden ist diese Chronik im <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Stift_Quedlinburg\">Frauenstift Quedlinburg<\/a>, das der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liudolfinger\">ottonischen Herrscherfamilie<\/a> nahestand: Schon Ottos I. Mutter <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Mathilde_(Heilige)\">Mathilde<\/a> stand dem Stift 30 Jahre lang vor, sp\u00e4ter seine Schwester Gerberga und hernach seine Tochter Mathilde. Das Stift war ein geistiges Zentrum des Reichs und Treffpunkt f\u00fcr Hof und Familie. Die Motivation f\u00fcr die Abfassung der Chronik stellte dar, eine Erfolgsgeschichte des Christentums festzuhalten. Die Quedlinburger Annalen (wir vergessen dabei nicht, dass Adelheids Tochter Mathilde hier \u00c4btissin war) fokussieren die Erz\u00e4hlung von der Unterwerfung der F\u00fcrstenopposition nach dem Tode Ottos II. und der Durchsetzung der Zwei-Kaiserinnen-Regentschaft auf Adelheid. Adelheid, Theophanou und an ihrer Seite auch die \u00c4btissin Mathilde werden als gemeinsam starke Frauen ins Licht ger\u00fcckt. Doch f\u00fcr die Jahre vor dem Tod Ottos II., 972 bis 983, in denen sich der angebliche \u201eKleinkrieg\u201c der Kaiserinnen abgespielt haben soll, klaffen in der Chronik L\u00fccken.<\/p>\n\n\n\n<p>b) <strong>Thietmar von Merseburg, (* <\/strong><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/25._Juli\"><strong>25. Juli<\/strong><\/a><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/975\"><strong>975<\/strong><\/a><strong>)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Diese L\u00fccken lassen sich teils mithilfe der <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thietmar_von_Merseburg\">Chronik des Thietmar von Merseburg<\/a> schlie\u00dfen. Thietmar entstammte einer Adelsfamilie und wurde erst mit 29 Jahren Priester, dann aber bereits f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter Bischof von Merseburg. Seine Chronik schrieb er als Bischof zwischen 1012 und 1018. Zu diesem Zeitpunkt lag der Beginn der Differenzen zwischen Theophanou und Adelheid mindestens 40 Jahre zur\u00fcck. Im Jahr 975 geboren, kann Thietmar noch kein Zeuge f\u00fcr etwaige Auseinandersetzungen bei Hofe gewesen sein. Thietmars Motiv, eine Chronik abzufassen, ist, das fromme Andenken der Ottonenfamilie zu wahren, noch mehr als das weltliche. Ethische Beurteilungen spielen in seiner Chronik also eine prominente Rolle. Autor Thietmar war nur f\u00fcnf Jahre \u00e4lter als der sp\u00e4tere Kaiser Otto III. Er k\u00f6nnte also Mitglieder der kaiserlichen Familie pers\u00f6nlich gekannt haben. Sicher ist, dass Thietmar Zugriff auf Originalurkunden hatte. F\u00fcr die fr\u00fcheren Jahre seiner Chronik st\u00fctzt er sich auf die Sachsenchronik des Widukind von Corvey.<\/p>\n\n\n\n<p>Lauschen wir Thietmars Urteil \u00fcber Theophanou:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWohl war sie von schwachem Geschlecht, doch besa\u00df sie Ma\u00df und Vertrauensw\u00fcrdigkeit und, was in Griechenland selten ist, einen ausgezeichneten Umgang. Auf diese Weise bewahrte sie mit m\u00e4nnlicher Wachsamkeit die K\u00f6nigsherrschaft ihres Sohnes, in allem freundlich gegen\u00fcber Rechtschaffenen und in furchtgebietender \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber Aufs\u00e4ssigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Thietmar ringt f\u00f6rmlich um Ausgewogenheit. Aus heutiger Sicht erscheint es jedoch bemerkenswert, dass Eigenschaften wie Besonnenheit und Souver\u00e4nit\u00e4t als \u201em\u00e4nnlich\u201c bezeichnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>c) <strong>Odilo von Clunys Epitaphium<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir zu einer weit weniger ausgewogenen Quelle. Im Auftrag von Adelheid verfasste der Abt Odilo von Cluny die Vita der Kaiserin als eine Art Heiligenlegende. Um dies vorwegzunehmen: Viele negative Urteile \u00fcber Theophanou haben hier ihren Ursprung. Auch der \u201eK\u00f6niginnenstreit\u201c ist vermutlich Odilos literarische Leistung. Vieles stellt er personalisiert in emotionalen Konflikten dar. Alle genannten Chroniken wurden nach dem Tode der beiden Protagonistinnen verfasst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Historischer Hintergrund<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was kann man mittlerweile \u00fcber m\u00f6gliche tats\u00e4chliche Ursachen von Spannungen zwischen den Kaiserinnen sagen? Die Heirat Ottos II. mit Theophanou bedeutete eine St\u00e4rkung des ottonischen Kaisertums, an der auch Adelheid gelegen war. Allein die Existenz der byzantinischen Schwiegertochter stellte also auch aus Adelheids Sicht etwas Positives dar. Nach dem Tode ihres Gemahls Otto I. blieb Adelheid noch etwa zwei Jahre lang am Hof pr\u00e4sent, bevor sie sich nach Italien begab. Es wurde darauf hingewiesen, dass dieser Verbleib au\u00dfergew\u00f6hnlich lang war. So hatte sich etwas Ottos I. Mutter Mathilde sofort nach dem Tod ihres Gemahls zur\u00fcckgezogen. Andere Herrscherwitwen begaben sich unmittelbar in ein Kloster. Adelheid hingegen regierte aktiv weiter &#8211; von ihrer Hausmacht Pavia aus. Die Abreise dahin erscheint bei Odilo als Bruch mit Sohn und Schwiegertochter. Um Adelheid und ihren kaiserlichen Sohn ethisch integer darzustellen, bot sich aus Odilos Sicht ein S\u00fcndenbock f\u00fcr die Verstimmung an. Odilo spricht zun\u00e4chst nur von namenlosen \u201eUrhebern von Zwietracht\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Hintergrund der Differenzen zwischen Otto und seiner Mutter war eine neue B\u00fcndnispolitik des jungen Kaiserpaars innerhalb der ottonischen Gro\u00dffamilie. Adelheid st\u00fctzte sich mehr auf den bayerischen Familienzweig, Otto und Theophanou nun auch auf die Halbgeschwister Ottos II., die Kinder aus der ersten Ehe Ottos des Gro\u00dfen. Im Jahr 980 s\u00f6hnte sich Otto II. jedoch wieder mit seiner Mutter aus, von Odilo dargestellt als dem\u00fctiges Bitten um m\u00fctterliche Verzeihung.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein weiteres Konfliktfeld lag bei Adelheids Unabh\u00e4ngigkeit vom jungen Kaiserpaar. Sie war es gewohnt, nach Gutd\u00fcnken \u00fcber ihre Liegenschaften zu verf\u00fcgen. Von ihrer Herrschaft \u00fcber Burgund und Pavia war sie k\u00f6nigliche Handlungsfreiheit gewohnt. Vieles von ihrem Besitz vermachte sie Kl\u00f6stern \u2013 f\u00fcr ihr Seelenheil, wie es im Mittelalter hie\u00df. Doch damit verringerte sich das K\u00f6nigsgut, das die junge Regentin Theophanou unbedingt zusammenhalten wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Theophanou \u00fcbernahm die Regierungsgesch\u00e4fte n\u00f6rdlich der Alpen und \u00f6stlich des Rheins und verschaffte sich Respekt im Gebiet der s\u00e4chsischen Hausmacht der Ottonen. Dass sie byzantinische Interessen vertreten habe, kann man schwerlich unterstellen. Auch ihr oberstes Interesse galt der Sicherung des Kaisertums f\u00fcr ihren Sohn. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Ausdehnung des ottonischen Reiches und seiner bis nach Paris reichenden Familienpolitik kaum noch handhabbar war. Die Rechnung daf\u00fcr mussten die beiden Kaiserinnen bezahlen, und sie begegneten dieser Aufgabe mit einer Arbeitsteilung.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie fest die beiden Regentinnen ihre Beziehungen ausgebaut hatten, um die Kaiserherrschaft zu sichern, wird auch daran sichtbar, dass Otto III. 996 von einem Papst aus der \u201eFamilie\u201c zum Kaiser gekr\u00f6nt wurde: Gregor V., dem ersten \u201edeutschen\u201c Papst, an der Wormser Domschule ausgebildet. Als das Ziel der gemeinsamen Regentschaft erreicht und Otto III. zum Kaiser gekr\u00f6nt wurde, lebte nur noch seine Gro\u00dfmutter. Seine Mutter Theophanou war bereits tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Beruht das Narrativ vom K\u00f6niginnenstreit also auf einer reinen Erfindung? Im Verh\u00e4ltnis der Kaiserinnen g\u00e4be es also gen\u00fcgend Anhaltspunkte f\u00fcr eine arbeitsteilige, erfolgreiche Zusammenarbeit, also f\u00fcr ein positives Narrativ. Lediglich auf eine einzige Quelle, diejenige des Klosterabts Odilo, geht das Interpretationsschema vom Kleinkrieg zwischen den Kaiserinnen zur\u00fcck. Theophanou habe laut Odilo ge\u00e4u\u00dfert: \u201eWenn ich noch ein Jahr lebe, wird Adelheid auf der ganzen Welt \u00fcber nicht mehr gebieten, als man mit einer Hand umspannen kann.\u201c Dass Theophanou ein Jahr sp\u00e4ter selbst tot war, ist f\u00fcr Odilo eine Strafe Gottes f\u00fcr ihre Hoffahrt. Odilo hat Adelheid immerhin in ihren letzten Jahren noch pers\u00f6nlich kennengelernt und k\u00f6nnte dies aus ihrer Erz\u00e4hlung so erfahren haben. Odilos Ziel, Adelheids Leben zur Heiligenlegende zu stilisieren, f\u00fchrt jedoch von einer ausgewogenen Darstellung weg: Adelheid erscheint stets als moralisch \u00fcberlegen, geduldig, verzeihend.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Einseitigkeit steht ein v\u00f6llig umgekehrtes Urteil aus dem 20. Jahrhundert beim erw\u00e4hnten Autor Faber entgegen. Aus der heiligen Adelheid wird die bigotte Matrone. Beides sind Stereotype. Ob die 64-J\u00e4hrige \u201ekaiserlichste aller Kaiserinnen\u201c (Odilo) und \u201emater regnorum\u201c (\u201eMutter der K\u00f6nigreiche\u201c), die fast 50 Jahre lang halb Europa regierte, dem 16-j\u00e4hrigen Enkel wirklich \u201el\u00e4stig\u201c gewesen sein kann, in Fabers Worten? Zu dieser Sichtweise passt auch nicht die Dankesurkunde Ottos III. an Adelheid f\u00fcr ihren Beitrag zu seiner Kaiserkr\u00f6nung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Positivere, ausgewogene W\u00fcrdigung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Otto III. konnte auf der gemeinsamen Leistung von Mutter und Gro\u00dfmutter und auch der \u00c4btissin Mathilde aufbauen. In der Sammelpublikation \u201eDie Kaiserinnen des Mittelalters\u201c von 2011, herausgegeben von der Medi\u00e4vistin Amalie F\u00f6\u00dfel, liegt der Fokus eher auf der Kooperation der beiden Kaiserinnen. F\u00f6\u00dfel w\u00fcrdigt, wie Adelheid auch der Mitregentschaft nach ihr folgender K\u00f6niginnen und Kaiserinnen den Weg geebnet hat. Sie war es, die daf\u00fcr ihre urkundlich belegte Intervention bei Stiftungen und Gunsterweisen zur Institution werden lie\u00df. Damit geht Adelheids politische Bedeutung f\u00fcr alle sp\u00e4teren Kaiserinnen \u00fcber ihre eigene Machtf\u00fclle hinaus. In erster Linie kam dies ihrer Schwiegertochter Theophanou zugute, die ja als \u201eFremde\u201c erst einmal einen schwierigeren Stand hatte. Theophanou setzte mit ihrem Wissen um m\u00e4chtige byzantinische Kaiserinnen noch einmal eine Portion St\u00e4rke darauf. Laut F\u00f6\u00dfel haben beide Kaiserinnen dem Status der Kaiserin im Abendland eine gr\u00f6\u00dfere Bedeutung verliehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein solches Narrativ empfinden wir heute als \u201ezeitgem\u00e4\u00dfer\u201c, nicht wahr? Hier kann exemplarisch gezeigt werden, wie Geschichtsdarstellung von subjektiven Faktoren beeinflusst wird. Was fasziniert dann Historiker und Autoren so am K\u00f6niginnenstreit, so dass sich dieser geradezu als Topos in so manche Deutungsversuche einschleicht?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schillers Drama \u201eMaria Stuart\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht zu untersch\u00e4tzen ist bei diesem Sujet der literarische Meilenstein, den Schillers Drama \u201eMaria Stuart\u201c gesetzt hat. Uraufgef\u00fchrt wurde es im Jahre 1800, noch unter dem Eindruck der Hinrichtung der franz\u00f6sischen K\u00f6nigin Marie Antoinette. Inhalt sind die letzten Tage vor der Hinrichtung der abgesetzten schottischen K\u00f6nigin Maria Stuart auf Veranlassung der englischen K\u00f6nigin Elizabeth Tudor, ihrer Gro\u00dfkusine. Bekanntlich wandte sich Maria Stuart an Elisabeth um Hilfe, weil sie hoffte, ihren Thron in Schottland zur\u00fcck zu erobern. Stattdessen wurde sie von Elisabeth als Sicherheitsrisiko und Rivalin um den englischen Thron eingesch\u00e4tzt und 19 Jahre lang in Haft gehalten. 1587 schlie\u00dflich rang sich Elisabeth dazu durch, Maria hinrichten zu lassen. Der Stoff enth\u00e4lt bereits viel \u201enaturgegebene\u201c Tragik, wie Schiller begeistert vermerkte. In seinem Drama verlieh Schiller der politischen Auseinandersetzung zwischen zwei K\u00f6niginnen zus\u00e4tzliche Sch\u00e4rfe \u00fcber eine Rivalit\u00e4t als Frauen. Bei Schiller l\u00e4sst sich die sonst besonnene Elisabeth hinrei\u00dfen zum Hinrichtungsbefehl. Ausgel\u00f6st wird dieser Impuls durch die pers\u00f6nliche Begegnung, der Elisabeth jahrelang aus dem Weg gegangen war. Und bei dieser Begegnung, f\u00fcr die es historisch keinen Beleg gibt, putzt die \u201es\u00fcndige\u201c Maria die puritanische Jungfrau Elisabeth moralisch herunter.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben es hier mit einem K\u00f6niginnenstreit ganz anderer Motive zu tun als bei Adelheid und Theophanou. Schiller modelliert Maria als erotisches \u201eHei\u00dfblut\u201c und Elisabeth als angeblich enthaltsame, sich \u201em\u00e4nnlich\u201c gebende Herrscherin. Dieser k\u00fcnstliche Gegensatz setzt voraus, dass weibliche Identit\u00e4t f\u00fcr die F\u00e4higkeit, besonnen zu regieren, eine Belastung darstellt. Nach Schiller kann K\u00f6nigin Elisabeth nicht richtig Frau sein. Auf der anderen Seite verliert K\u00f6nigin Maria durch ihr Frausein, das hei\u00dft durch ihre Liebesheiraten, ihr K\u00f6nigtum. Letztlich wird beiden K\u00f6niginnen also ihr Geschlecht, ihr Frausein zum Verh\u00e4ngnis. Die K\u00f6nigin wird im patriarchalischen Streit-Narrativ zuvorderst \u00fcber ihre Weiblichkeit definiert. Im Vergleich zu einem m\u00e4nnlichen K\u00f6nig macht sie dies unterlegen. Man kann den Topos K\u00f6niginnenstreit also im Sinne einer herrscherinnenskeptischen, ja frauenskeptischen Weltsicht deuten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die gesamte Liebes- und Verf\u00fchrungsdynamik im Drama <em>Maria Stuart<\/em> ist Schillers kreative Eigenleistung. Der zentrale Dialog der K\u00f6niginnen ger\u00e4t erstaunlich kurz und \u201edeftig\u201c. Vielfach wurde das \u201eFischweib\u201c-Niveau dieser Auseinandersetzung ger\u00fcgt. Eine Kostprobe will ich Ihnen nicht vorenthalten:<\/p>\n\n\n\n<p>Elisabeth:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left\">\u201eJa, es ist aus, Lady Maria. Ihr verf\u00fchrt<br>Mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen.<br>Es l\u00fcstet keinen, Euer \u2013 vierter Mann<br>Zu werden, denn Ihr t\u00f6tet Eure Freier<br>Wie Eure M\u00e4nner.<br>(\u2026)<br>Das also sind die Reizungen, Lord Leicester,<br>Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben<br>Kein andres Weib sich wagen darf zu stellen!<br>F\u00fcrwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen,<br>Es kostet nichts, die allgemeine Sch\u00f6nheit<br>Zu sein, als die gemeine sein f\u00fcr alle!<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>(3. Aufz. 4. Auftritt, 2407-2418)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Maria:<br>Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt,<br>Die Macht verf\u00fchrte mich, ich hab es nicht<br>Verheimlicht und verborgen, falschen Schein<br>Hab ich verschm\u00e4ht, mit k\u00f6niglichem Freimut.<br>Das \u00e4rgste wei\u00df die Welt von mir und ich<br>Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf.<br>Weh Euch, wenn sie von Euren Taten einst<br>Den Ehrenmantel zieht, womit Ihr glei\u00dfend<br>Die wilde Glut verstohlner L\u00fcste deckt.<br>Nicht Ehrbarkeit habt Ihr von Eurer Mutter<br>Geerbt, man wei\u00df, um welcher Tugend willen<br>Anna von Boleyn das Schafott bestiegen.<br>(\u2026)<br>Der Thron von England ist durch einen Bastard<br>Entweiht, der Briten edelherzig Volk<br>Durch eine list\u2019ge Gauklerin betrogen.<br>Regierte Recht, so l\u00e4get Ihr vor mir<br>Im Staube jetzt, denn ich bin Euer K\u00f6nig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>(3. Aufz. 4. Auftritt, 2422-2432, beides Ausg. Reclam 2001, S. 83)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Damit macht Maria Elisabeth sprachlos. Maria hat Elisabeth als Frau und als Herrscherin moralisch vernichtet. Die regierende K\u00f6nigin Elisabeth flieht vor ihrer Gefangenen Maria. Nat\u00fcrlich gr\u00e4bt sich Maria dadurch ihr eigenes Grab. Eine t\u00f6dlich getroffene Frau kennt bekanntlich keine Gnade. Das kommt uns aus dem Nibelungenlied bekannt vor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Qualit\u00e4ts-Falle Klischee<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und damit zeigt sich, dass im Topos K\u00f6niginnenstreit eine Falle f\u00fcr die literarische Qualit\u00e4t lauert. Gestatten Sie mir die folgenden Denkanst\u00f6\u00dfe. Mit Elisabeths anf\u00e4nglicher H\u00e4me \u00fcber Marias \u201eallgemeine Sch\u00f6nheit\u201c verh\u00e4lt sich die kluge K\u00f6nigin eher wie ein Fischweib. Bertold Brecht hat dies \u00fcbrigens tats\u00e4chlich als Marktweiberstreit umgedichtet \u2013 als \u00dcbung f\u00fcr Schauspielerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Dramatisierung des Stoffs war die pers\u00f6nliche Begegnung der beiden K\u00f6niginnen unabdingbar. Doch h\u00e4tte man sie nicht auch eher als besonnene, l\u00e4ngere Auseinandersetzung ausgestalten k\u00f6nnen, mit Potenzial f\u00fcr Tragik oder R\u00fchrung? Mit mehr Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Zwickm\u00fchle, in der sich Elisabeth befand? Dies h\u00e4tte die tragische Qualit\u00e4t des St\u00fccks erh\u00f6ht, kritisierte schon Madame de Stael im 19. Jahrhundert.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr beide Figuren erweist sich der K\u00f6niginnenstreit als nachteilig und verh\u00e4ngnisvoll. Elisabeth verbaut sich jegliche L\u00f6sung durch bew\u00e4hrtes Aussitzen. Stattdessen wird sie von verletzten Gef\u00fchlen ins Unterschreiben des Vollstreckungsurteils getrieben. Damit vergisst eine als klug und besonnen bekannte K\u00f6nigin ihre Souver\u00e4nit\u00e4t. Auf der anderen Seite verbaut sich die lebenshungrige Maria ihre letzte Chance. 19 Jahre lang hatte sie sich von der Begegnung mit Elisabeth ihre Begnadigung erhofft.<\/p>\n\n\n\n<p>Man erkennt in Schillers Darstellung der Begegnung kein noch so winziges Momentum, in dem es auch h\u00e4tte gut ausgehen k\u00f6nnen. Keine Tragik also, in der es kippen k\u00f6nnte. Von Anfang bis Ende fliegen nur Vorw\u00fcrfe. Eigentlich erstaunlich bei Schiller, der so am Wesen der Tragik interessiert war. Der sich an Aristoteles ma\u00df und mit Goethe das tragische Potenzial des Stoffes mehrfach diskutiert hatte. Schiller erlag eher der Versuchung, Maria als reuige Maria Magdalena dem Publikum sympathisch zu machen. Die differenziertere schauspielerische Leistung sah er bei Elisabeth. Zu Recht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schlussbetrachtung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist ihr Streit, der den K\u00f6niginnen ihre W\u00fcrde nimmt. Gnadenlosigkeit, Vernichtung, Verlust der k\u00f6niglichen Souver\u00e4nit\u00e4t: Im K\u00f6niginnenstreit zeigt sich, dass eine Frau nur so lange halbwegs k\u00f6niglich sein kann, wie sie nicht mit weiblicher Konkurrenz zu tun hat. Irgendwann kommt es im Leben jeder K\u00f6nigin zu einem solchen Konflikt: Streit um denselben Mann, weibliche Konkurrenz oder Schwiegermutter-Konstellation. Mancher Autor, der der Versuchung zum K\u00f6niginnenstreit auf dem Leim gegangen ist, bietet da die Schlussfolgerung an, dass eine Frau \u201eeben doch\u201c nicht so souver\u00e4n herrschen k\u00f6nne wie ein Mann. K\u00f6niginnen fehlt es eher an Souver\u00e4nit\u00e4t, an Distanz zu ihrem Gef\u00fchlsleben, an der Unabh\u00e4ngigkeit von ihrem Wert im Blick des Mannes. Schillers Elisabeth passt so \u00fcberhaupt nicht zur historischen Wirkung und Beliebtheit der K\u00f6nigin, die doch England zu Frieden, Macht und Wohlstand f\u00fchrte wie wenige m\u00e4nnliche Kollegen vor oder nach ihr.<\/p>\n\n\n\n<p>Lassen Sie mich zum Schluss noch das Augenmerk auf eine scheinbare Nebens\u00e4chlichkeit lenken, eine Stilfrage. Oft haftet der Darstellung des Streits zwischen K\u00f6niginnen etwas L\u00e4cherliches an. Dabei geht es f\u00fcr die Protagonistinnen um nicht weniger als ihre Existenz, um Leben und Tod. Im Nibelungenlied wird gemahnt, von zutiefst verletzten Frauen gehe h\u00f6chste Gefahr aus. Auch das diesj\u00e4hrige Festspielst\u00fcck feixt nicht \u00fcber streitende K\u00f6niginnen. Sondern r\u00fcckt auch ein schwesterliches Moment in den Blick.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie verf\u00fchrerisch der Griff zum Klischee K\u00f6niginnenstreit auch f\u00fcr Geschichtsnarrative sein kann, haben diese Ausf\u00fchrungen exemplarisch gezeigt. Behalten wir uns also vor, ab und zu ein wenig an dem zu zweifeln, was uns als stimmige Deutung vorgesetzt wird. Und unsere eigenen Fragen an die Figuren der Geschichte und der Literatur zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Quellen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Thietmar von Merseburg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><em>Dresdener Handschrift<\/em>, hrsg. von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_Schmidt_(Historiker)\">Ludwig Schmidt<\/a> (mit der Edition von <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Holtzmann\">Robert Holtzmann<\/a> von 1935). <a href=\"http:\/\/www.mgh-bibliothek.de\/digilib\/thietmar.html\">Digitalisat<\/a><\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<ul>\n<li>Editio princeps: <em>Chronici Ditmari Episcopi Mersepurgii, libri VII: nunc primum in lucem editi&#8230;<\/em>, Frankfurt 1580. <a href=\"http:\/\/reader.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb10937962_00005.html\">Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek<\/a><\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Heinrich_Pertz\">Georg Heinrich Pertz<\/a> u.&nbsp;a. (Hrsg.): <em>Scriptores (in Folio) 3: Annales, chronica et historiae aevi Saxonici.<\/em> Hannover 1839, S. 723\u2013871 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monumenta_Germaniae_Historica\">Monumenta Germaniae Historica<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_SS_3_S.723\">Digitalisat<\/a>) Brauchbare Ausgabe<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robert_Holtzmann\">Robert Holtzmann<\/a> (Hrsg.): <em>Scriptores rerum Germanicarum, Nova series 9: Die Chronik des Bischofs Thietmar von Merseburg und ihre Korveier \u00dcberarbeitung (Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon)<\/em> Berlin 1935 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monumenta_Germaniae_Historica\">Monumenta Germaniae Historica<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_SS_rer._Germ._N.S._9\">Digitalisat<\/a>)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Annales Quedlinburgenses<\/strong>:<\/p>\n\n\n\n<ul>\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martina_Giese\">Martina Giese<\/a> (Hrsg.): <em>Scriptores rerum Germanicarum in usum scholarum separatim editi 72: Die Annales Quedlinburgenses.<\/em> Hannover 2004 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monumenta_Germaniae_Historica\">Monumenta Germaniae Historica<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_SS_rer._Germ_72\">Digitalisat<\/a>) (= ma\u00dfgebliche Edition)<\/li>\n\n\n\n<li><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Georg_Heinrich_Pertz\">Georg Heinrich Pertz<\/a> u.a. (Hg.): <em>Scriptores (in Folio) 3: Annales, chronica et historiae aevi Saxonici.<\/em> Hannover 1839, S. 22\u201390 (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Monumenta_Germaniae_Historica\">Monumenta Germaniae Historica<\/a>, <a href=\"http:\/\/www.mgh.de\/dmgh\/resolving\/MGH_SS_3_S.22\">Digitalisat<\/a>)<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p><strong>Epitaphium Adelheide Auguste<\/strong> (einschl. der Miracula), in: Die Lebensbeschreibung der Kaiserin Adelheid von Abt Odilo von Cluny, bearbeitet von Herbert Paulhart, MI\u00d6G Erg\u00e4nzungsband XX, ii, Graz und K\u00f6ln 1962.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Erw\u00e4hnte Sekund\u00e4rdarstellungen:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eickhoff, Eckehard: Theophanou und der K\u00f6nig. Otto III. und seine Welt. Klett-Cotta 1996<\/p>\n\n\n\n<p>Faber, Gustav: Der Traum vom Reich im S\u00fcden. Die Ottonen und Salier. Beck 1983<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00f6\u00dfel, Amalie (Hg.): Die Kaiserinnen des Mittelalters. Friedrich Pustet 2011<\/p>\n\n\n\n<p>Schiller, Friedrich: Maria Stuart. Ein Trauerspiel. Reclam durchgesehene Ausgabe 2001<\/p>\n\n\n\n<p>Weinfurter, Stefan: Das Reich im Mittelalter. Kleine deutsche Geschichte von 500 bis 1500, C.H. Beck 2008<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dr. Regina Urbach am 20.7.2022<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denkanst\u00f6\u00dfe zu einem unwiderstehlichen Klischee Dr. Regina Urbach Angeregt vom K\u00f6niginnenstreit im Nibelungenlied und durch die Pr\u00e4sentation unserer Nibelungenliedgesellschaft \u201eHerrscherinnen am Rhein\u201c der Jahre 2020 und 2021, wird hier ein historischer \u201eKaiserinnenstreit\u201c genauer unter die Lupe genommen, zwischen den deutschen Kaiserinnen Adelheid und Theophanou im zehnten Jahrhundert. 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