{"id":320,"date":"2022-02-04T12:38:16","date_gmt":"2022-02-04T11:38:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=320"},"modified":"2022-02-06T16:13:57","modified_gmt":"2022-02-06T15:13:57","slug":"dem-volk-aufs-maul-geschaut","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/dem-volk-aufs-maul-geschaut\/","title":{"rendered":"Dem Volk aufs Maul geschaut"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Ambivalenzen des Grobianismus im 16. Jahrhundert<\/strong><br><em>von Volker Gall\u00e9<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Beitrag anl\u00e4sslich der Luther-Festspiele 2021<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Volker-Galle.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-321\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Volker-Galle.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Volker-Galle-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Volker-Galle-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Titelblatt des Grobianus von Caspar Scheidt, 1553<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In einer Rede, die Thomas Mann am 29. Mai 1945 in der Forschungsbibliothek des US-Kongresses zum Thema \u201eDeutschland und die Deutschen\u201c in englischer Sprache gehalten hat und deren deutsche \u00dcbersetzung im Oktober des gleichen Jahres in der Zeitschrift \u201eDie neue Rundschau\u201c ver\u00f6ffentlicht wurde, wird Martin Luther als \u201eriesenhafte Inkarnation deutschen Wesens\u201c pr\u00e4sentiert. \u201eUnd das spezifisch Lutherische\u201c sei \u201edas Cholerisch-Grobianische, das Schimpfen, Speien und W\u00fcten, das f\u00fcrchterlich Robuste, verbunden mit zarter Gem\u00fctstiefe und dem massivsten Aberglauben an D\u00e4monen.\u201c (Kaufmann, S. 239\/240) Dieses Bild hat sich bis heute gehalten, wenn beispielsweise Hanns Langbein in der Zeitschrift \u201eKunst und Kirche\u201c fragt, ob Luther \u201eFeingeist oder Grobian\u201c gewesen sei. Im gleichen Jahr ist ein Artikel in der Rhein-Neckar-Zeitung \u00fcber einen Luthervortrag der G\u00f6ttinger Germanistin Anja Lobenstein-Reichmann betitelt mit der Frage \u201eWar Luther Sprachgenie oder Grobian?\u201c Es hat sich seit 1945 insofern etwas ge\u00e4ndert, als die D\u00e4monen offenbar keine Rolle mehr in der Lutherwahrnehmung der Gegenwart spielen und der Grobian eher als unangenehme Seite in die zweite Reihe ger\u00fcckt wird. Immerhin freut es mich, dass wir nicht aus Ambivalenzen und Mehrdeutigkeiten herauskommen. Das macht ein Thema schlie\u00dflich \u00fcberhaupt erst bemerkens- und bedenkenswert. Aber was steckt alles dahinter?<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Barbaren \u2013 Germanen \u2013 Deutsche<\/strong><br>Fremd- und Selbstbilder von menschlichen Kollektiven steuern den Identit\u00e4tsdiskurs auf der ganzen Welt. In Europa ist dieser Diskurs seit der griechischen Antike durch den Barbarenbegriff gepr\u00e4gt. In schriftlichen Quellen findet er sich erstmals in Homers Ilias aus dem 8. Jh. v. Chr. (II, Vers 867). Dort hei\u00dft es: \u201eNastes f\u00fchrte die Karen, ein Volk barbarischer Mundart, welches Miletos umwohnt.\u201c Die Karer werden als Verb\u00fcndete Trojas geschildert und als nicht-griechisch sprechende Bev\u00f6lkerung. Ihr von Homer beschriebenes Hoheitsgebiet lag in der heutigen S\u00fcdwestt\u00fcrkei.<br>Das Wort \u201ebarbaros\u201c soll lautmalend eine unverst\u00e4ndliche Sprache vermitteln, die durch eine H\u00e4ufung des Lauts \u201ebr\u201c f\u00fcr Griechen rau klingt und als stammeln oder stottern empfunden wurde. Fremdsprachigkeit und die Betonung und Deutung von besonders auff\u00e4lligen Merkmalen, ist bis heute ein Kennzeichen f\u00fcr als fremd empfundene Kulturen, Sprache \u00fcberhaupt ist konstitutiv f\u00fcr kollektive Identit\u00e4ten in Fremd- wie Selbstbildern.<br>Im 5. Jh. v. Chr. festigt sich bei Herodot das Selbstbild der Griechen als Hellenen. Nach seiner Definition sind Hellenen gleichen Blutes (homaimos), gleicher Sprache (homoglossos) und verehren die gleichen G\u00f6tter (homotropa).<br>Nach diesen Kriterien werden Menschen als Hellenen oder Barbaren eingestuft.<br>Wenn jemand. Es ist eine Zweiteilung der Welt in eigene und fremde Kultur.<br>Die Perserkriege hatten im so genannten Hellenenbund zu einem B\u00fcndnis der griechischen Stadtstaaten gef\u00fchrt, das nach der Abwehr der Perser nach wenigen Jahrzehnten wieder zerfiel und zu Kriegen zwischen den Stadtstaaten f\u00fchrte. Der mit dem biologischen Bild der Blutsverwandtschaft von der Familie auf einen politischen B\u00fcndnisraum \u00fcbertragene Identit\u00e4tsbegriff war schon damals politische Propaganda, jedenfalls mehr als die Kulturverwandtschaft von Sprache und Religion.<br>Die Idee der Zweiteilung wurde immer weitergesponnen und ausdifferenziert. Das Apollonheiligtum in Delphi kannte einen Kultstein mit dem Namen \u201eOmphalos\u201c (Nabel) und markierte den Mittelpunkt der griechischen Welt. Von der Mitte aus gedacht ist auch der griechische Windmythos mit dem Westwind Zephyros (Fr\u00fchling), dem S\u00fcdwind Notos (Sommer), dem Ostwind Euros (Herbst) und dem kalten Nordwind Boreas (Winter). Im 4. Jahrhundert verbindet Aristoteles in seiner Klimatheorie die Himmelsrichtungen mit den Charakteren der jeweils dort lebenden V\u00f6lker: \u201eDie V\u00f6lker der kalten Regionen und jene in Europa sind von tapferem Charakter, stehen aber in Intelligenz und in Kunstfertigkeit zur\u00fcck; also sind sie vorzugsweise frei, aber ohne staatliche Organisation und ohne \u00fcber Menschen herrschen zu k\u00f6nnen. Die V\u00f6lker Asiens dagegen sind intelligent und k\u00fcnstlerisch begabt, aber kraftlos, und leben deshalb als Untertanen und knechtisch. Das griechische Volk wohnt gewisserma\u00dfen in der Mitte zwischen beiden und hat deshalb an beiden Charakteren Anteil, denn es ist energisch und intelligent.\u201c (von See, S. 38) Diese Theorie der Mitte ist zwar eine Dominanztheorie, aber auch eine der Steigerung durch Mischung, die Beobachtungen des Fremden ins Selbstbild einbezieht. Fr\u00fch gibt es aber auch die Vorstellung von H\u00f6herentwicklung. Das Barbarische wird dann zu einer Vorstufe, die dem Tier nah ist. Hier beginnen dann bereits im 4. Jh. v. Chr. die Ambivalenzen, wenn die Kyniker die Natur zum Ideal eines urspr\u00fcnglichen Lebens wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die fr\u00fche Neuzeit<\/strong><br>F\u00fcr die Urteile \u00fcber die Germanen wird die um 100 n. Chr. entstandene \u201eGermania\u201c des Tacitus von Bedeutung. Die Schrift wurde allerdings vergessen und erst im 15. Jahrhundert wiederentdeckt. Die deutschen Humanisten wie Wimpfeling, Celtis und von Hutten nutzten sie zur Begr\u00fcndung eines Deutschenbildes mit dem Schwerpunkt der Libertas, der Freiheit. Diese Freiheit war bei Tacitus ambivalent und blieb es im europ\u00e4ischen Diskurs seit der fr\u00fchen Neuzeit. Ganz wie bei Aristoteles bedeutete diese zum Kontinuum erkl\u00e4rte kollektive Eigenschaft von Germanen und Deutschen, dass sie sich nicht beherrschen lie\u00dfen, aber dass sie auch nicht zu herrschen in der Lage waren und dass sie sich nicht beherrschen konnten. Freiheit konnte also ebenso Mut zur Selbstbehauptung bedeuten wie Z\u00fcgellosigkeit in politischer und pers\u00f6nlicher Hinsicht. Freiheit konnte als edel bewundert, aber auch als roh und wild abgelehnt werden. Der Norden aus Sicht des Mittelmeers konnte sowohl als Vorbild republikanischer Tugend wie als barbarischer Schrecken, als \u201efuror teutonicus\u201c verstanden und mit Erfahrungen belegt werden. Die mildere Form dessen war die der Zivilisationskritik, die h\u00e4rtere Form die des kriegerischen Feindbildes.<br>All diese narrativen Begriffswelten mit ihren Varianten und Ambivalenzen stand dem 16. Jahrhundert in Europa als Arsenal zur Verf\u00fcgung. Dass Libertas\/Freiheit ein wesentlicher Bestandteil der fr\u00fchen Nationenbildung im deutschsprachigen Raum war zeigt sich auch in der Reformation, beispielsweise an Luthers Fr\u00fchschrift \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c<br>Die relevanten Fremdbilder f\u00fcr die Deutschen wurden zu diesem Zeitpunkt in Frankreich und Italien erz\u00e4hlt. Es entstand der Topos vom Gegensatz des Romanischen und des Germanischen.<br>Ber\u00fccksichtigen muss man dabei die Konstellation der damals bedeutenden drei Machtzentren in Europa, des Papstes in Rom, des Habsburgerreiches mit der Kaiserkrone und des franz\u00f6sischen K\u00f6nigs, konkret zur Zeit Luthers die P\u00e4pste Leo X. und Clemens VII., Kaiser Karl V. Und K\u00f6nig Franz I. Im r\u00f6mischen Reich deutscher Nationen gab es seitens der Territorialf\u00fcrsten sowohl antir\u00f6mische Tendenzen als auch Bestrebungen, die Macht des Kaisers einzuhegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutschlandbilder in Frankreich \u2013 Mittelalter und fr\u00fche Neuzeit<\/strong><br>In einer Dissertation von 1910 hat Karl-Ludwig Zimmermann das Deutschlandbild in der franz\u00f6sischen Literatur des Mittelalters untersucht und festgestellt, man habe sie \u00fcberwiegend als B\u00fcndnispartner gesehen und ihren \u201eKampfesmut, ihre K\u00fchnheit und Ausdauer hervorgehoben, ferner ihre Treue und ihre Sch\u00f6nheit (Gr\u00f6\u00dfe und blondes Haar).\u201c (Zimmermann, S. 241 Anmerkungen) Tacitus spielte zu dieser Zeit noch keine Rolle. Man orientierte sich an den Sichtweisen des noch nicht geteilten Karolingerreiches. Negative Urteile habe es gegen\u00fcber Sachsen, Friesen und Vandalen als Gegnern in kriegerischen Auseinandersetzungen gegeben. Es hie\u00df in einem Sprichwort, \u201efaire une querelle d&#8217;Allemand\u201c f\u00fcr \u201eeinen Streit vom Zaun brechen wie ein Deutscher\u201c. Diese Beobachtung h\u00e4lt auch Montaigne Ende des 16. Jahrhunderts im Nachgang zu einer B\u00e4derreise fest, die ihn auch in den deutschen S\u00fcdwesten, nach Bayern und in die Schweiz f\u00fchrte. Er spricht von deutscher Freiheit (Libert\u00e9) und meint \u201eLa Libert\u00e9 de se quereller, pour un rien. Se quereller a l&#8217;Allemande\u201c, die Freiheit, sich wegen nichts zu zanken. Sich auf deutsche Art zu zanken.\u201c (Leiner, S. 33) Streitsucht und J\u00e4hzorn als Charaktereigenschaften erinnern an Volkers j\u00e4hen Streit mit einem Hunnen im Nibelungenlied. Zimmermann weiter: \u201eIn sp\u00e4terer Zeit (auch in der Zeit um 1500, der Verf.) werden auch die deutschen Umgangsformen ger\u00fcgt: T\u00f6lpelhaftigkeit, Einfalt, Unsauberkeit, Trunksucht und Sittenlosigkeit. Die deutsche Sprache gilt als rauer Kauderwelsch. Die Streitigkeiten der deutschen F\u00fcrsten mit dem Papst trugen dem deutschen Reich, dem Kaiser (bes. Maximilian) und den F\u00fcrsten ebenfalls abf\u00e4llige \u00c4u\u00dferungen ein.\u201c (nach: Leiner, S. 241\/242) Die h\u00f6fische Kultur in Deutschland orientierte sich im Mittelalter an franz\u00f6sischen Vorbildern. Die fremde Sprache als Kauderwelsch ist ein generelles Merkmal des Barbarentopos. Im Zentrum der ambivalenten Beschreibungen steht aber stets der Freiheitsbegriff, mal positiv, mal negativ konnotiert, eben die Freiheit, sich nicht beherrschen zu lassen, aber auch sich selbst nicht beherrschen zu k\u00f6nnen mit dem Ergebnis, nicht herrschen zu k\u00f6nnen im Sinn von politischer Ordnung und Vormacht. Insgesamt beruht das franz\u00f6sische Deutschlandbild des 16. Jahrhunderts trotz der Anleihen aus dem Begriffsfundus der Antike st\u00e4rker auf den aktuellen politischen Erfahrungen und Konstellationen des 15. und 16. Jahrhunderts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Deutschlandbilder in Italien<\/strong><br>Die Romanistin Vittoria Bors\u00f2 hat das Grundmuster, \u201emit dem sich Italiener die Deutschen vorstellen\u201c (Bors\u00f2, S. 207) 2003 als \u201eimagin\u00e4re Topographie\u201c beschrieben, \u201edie auf der Opposition zwischen dem kalten, wilden, unzivilisierten Norden im Verh\u00e4ltnis zur amoenitas des lateinischen S\u00fcdens basiert.\u201c (ebenda, S. 208) Die Alpen \u201eerscheinen den italienischen V\u00f6lkern\u201c des Mittelmeerraums \u201eals nat\u00fcrliche Barriere, die die Kultur der Antike vom Raum der Barbaren trennt.\u201c (ebenda, S. 208) Dazu geh\u00f6rt die \u201eVorstellung ihrer kulturellen \u00dcberlegenheit trotz politischen Machtverlusts.\u201c (ebenda, S. 208) Die Deutschen sind identisch mit den Barbaren, die das r\u00f6mische Imperium in der sp\u00e4t antike zu Fall bringen, aber gleichzeitig auch die \u201eromanisierten und christianisierten, milit\u00e4risch und verwaltungstechnisch m\u00e4chtige Ordnung\u201c, die ein \u201eGegengewicht gegen die Macht der P\u00e4pste\u201c darstellt. Die italienischen Stadtstaaten des Mittelalters und der fr\u00fchen Neuzeit gingen wechselnde B\u00fcndnisse mit dem Papst, dem r\u00f6misch-deutschen Kaiser sowie dem franz\u00f6sischen K\u00f6nig ein.<br>Das den Deutschen zugeschriebene \u201emartialische Wesen\u201c r\u00fchre von traumatischen Erfahrungen her wie der Zerst\u00f6rung Mailands im Jahr 1162 durch die Truppen des Staufers Barbarossa sowie der Pl\u00fcnderung Roms durch deutsche, spanische und italienische S\u00f6ldnertruppen Karls V. im Mai 1527, als \u201eSacco di Roma\u201c bekannt. Zu Beginn der Renaissance formuliert der Dichter und Geschichtsschreiber Francesco Petrarca Mitte des 14. Jh. den neuzeitlichen Gegensatz von Latinit\u00e4t und Barbarei des Nordens in der Canzone \u201eAi Signori d&#8217;Italia\u201c mit Verweis auf Lukans Begriff des \u201efuror teutonicus\u201c, der sich auf die kriegerischen Auseinandersetzungen der R\u00f6mer mit den Kimbern und Teutonen zwischen 113 und 101 v. Chr, bezieht. Andrerseits gibt es Reiseberichte Petrarcas, die rheinische St\u00e4dte wie K\u00f6ln sehr positiv darstellen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Luthers und Rom<\/strong><br>Auf dem Hintergrund von Reformdebatten innerhalb der Augustiner-Eremiten wurde Luther im November 1510 zu Gespr\u00e4chen mit dem Ordensgeneral nach Rom geschickt. Im Januar 1511 fanden diese Gespr\u00e4che statt. W\u00e4hrend seines Aufenthalts bem\u00fchte er sich \u201emit Wallfahrt, Fasten, Bu\u00df\u00fcbungen und Lesen von Messen alles angebotene Heil zu erwerben.\u201c (Schilling, S. 107) Er tat alles das, was er sp\u00e4ter an der kirchlichen Fr\u00f6mmigkeit kritisierte. F\u00fcr die aufstrebende Renaissancestadt, ihr Alltagsleben und ihren Bauboom interessierte er sich nicht. Es gibt keine zeitnahen Selbstzeugnisse zu seinem Aufenthalt. Sp\u00e4tere Urteile von Rom als Babylon in Briefen und Tischreden atmen bereits den Geist der polemischen Auseinandersetzungen zwischen Luther und dem Papsttum nach dem Thesenanschlag von 1517.<br>Die p\u00e4pstliche Seite \u00fcbernahm gegen\u00fcber Luther die vorhandenen Topoi des Barbarenbildes. Der Neuzeithistoriker Volker Reinhardt von der Uni Fribourg schreibt 2016 in seinem Buch \u201eLuther der Ketzer\u201c: \u201eF\u00fcr Rom und das Papsttum war Luther der h\u00e4ssliche Deutsche schlechthin: trunks\u00fcchtig, j\u00e4hzornig, ungebildet, von Hochmut gebl\u00e4ht, ein Liebhaber der F\u00e4kalsprache, der sich durch seine irrsinnigen Angriffe gegen die segensreiche F\u00fchrung der Kirche durch die P\u00e4pste bei den M\u00e4chtigen Deutschlands lieb Kind machen und so Ruhm und Reichtum erwerben wollte.\u201c (Reinhardt, S. 10) Von Ambivalenz keine Rede, Feindbilder und Propaganda auf beiden Seiten. Ob Luther oder Karl V., f\u00fcr Rom waren und blieben die Deutschen Barbaren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein polemisches Jahrhundert<\/strong><br>Die m\u00fcndliche Erz\u00e4hltradition des mittelalterlichen Schwanks entwickelt sich in der Literatur des 16. Jahrhunderts in die Ambivalenz des Grobianismus. Es entstehen in der Folge von Sebastian Brants Narrenschiff von 1494, der die Figur des Sankt Grobian eingef\u00fchrt hat, zum einen ein Narrengenre, das fehlende Tischsitten satirisch thematisiert und damit einen Zivilisierungsauftrag erf\u00fcllen will. Kai Bremer stellt 2008 in \u201eLiteratur der Fr\u00fchen Neuzeit\u201c fest: \u201eDas wiederum erzeugt parodistischen Widerstand. Der Grobian des 16. Jahrhunderts wurde zu einer Gegen-Figur von Brants Narren. Mit dem Grobian fand die F\u00e4kalsprache Eingang in die deutsche Literatur. Auch wurde zum Grobianismus geradezu aufgefordert\u2026Der Leser verb\u00fcndet, ja solidarisiert sich f\u00fcr die Zeit der Lekt\u00fcre mit Grobian. Das Lachen \u00fcber sein Verhalten setzt jedoch das Wissen \u00fcber die Verhaltensformen voraus, so dass gleichzeitig eine Distanznahme zu diesem absonderlichen Helden eintritt.\u201c (Bremer, S.89\/90) Der vom Wormser Humanisten Kaspar Scheidt 1551 ins Deutsche \u00fcbersetzte lateinische \u201eGrobianus\u201c von Friedrich Dedekind erlebt zahlreiche Neuauflagen im Laufe des 16. Jahrhunderts. Er gibt dem Lesepublikum sowohl die M\u00f6glichkeit, den eigenen Grobianismus zu genie\u00dfen als auch sich von ihm zu distanzieren. Es ist ein gebildetes Publikum, das sich in den St\u00e4dten \u00fcber kommunale Schulgr\u00fcndungen immer mehr in die b\u00fcrgerliche Gesellschaft erweitert und daf\u00fcr das volkssprachliche Material nutzt und literarisiert.<br>Durch die technische M\u00f6glichkeit, im Buchdruck Flugschriften in relativ hoher Auflage herzustellen, erweitern sich Diskursm\u00f6glichkeiten. K\u00fcrze und Bebilderung spitzen die jeweiligen Botschaften zu und polarisieren den Meinungsmarkt. Es beginnt ein durch und durch polemisches Jahrhundert, dem sich die Politik nicht mehr oder nur noch durch Gewaltma\u00dfnahmen gewachsen zeigt.<br>Die fr\u00fchen Massenmedien verzeichnen \u201eim Streit zwischen lutherischen und altkirchlichen Kontrahenten einen explosionsartigen Zuwachs.\u201c (Krau\u00df, S.7) Von Luther sind \u00fcber 200 Flugschriften im Umfang von bis zu sechs Seiten bekannt. Um 1550 umfassen sie ein F\u00fcnftel der Gesamtauflage dieses Genres. Das Gros der Flugschriften ist volkssprachlich. Von Umfang und Art sind sie geeignet, auch im \u00f6ffentlichen Raum, z.B. auf M\u00e4rkten leseunkundigem Publikum vorgelesen zu werden. Luthers antir\u00f6mische Flugschriften haben bereits im 15. Jh. Vorl\u00e4ufer wie die \u201ereformatio Sigismundi\u201c im Jahr 1439. Mit Blick auf das Konstanzer Konzil und die Hinrichtung von Hus schreibt Luther 1545 in der Schrift \u201cWider das Bapsttum zu Rom, vom Teufel gestifft\u201c: \u201eDiese drey wort: Frey, Christlich, Deutsch, sind dem Bapst und R\u00f6mischem hofe nichts denn eitel gifft, tod, teuffel, und die helle, er kann sie nicht leiden, weder sehen noch h\u00f6ren\u2026Des ist dis die ursach: Anno 1415. Jar ist in Deutschen Landen ein Concilium\u2026gehalten, darinnen Johannes Hus\u2026gemardert.\u201c (Krau\u00df, S. 107) Luther hat nicht nur seine altkirchlichen Gegner verspottet, sondern auch seine Gegner innerhalb der Reformation wie Karlstadt, Franck, M\u00fcntzer und Zwingli sowie Erasmus, seinen Kontrahenten in der Debatte um den freien Willen. An dieser Stelle aber sollen die Polemiken Luthers und Roms einander gegen\u00fcbergestellt werden. So nennt Luther den Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg u.a. \u201eunser b\u00f6ser Wurm zu Halle\u201c, Henker und Stadtschreiber, Schei\u00dfbischof und einen h\u00f6llischen Kardinal. Seinen Debattengegner Johann Eck nennt er \u201eDoktor Sau, porcus Ingolstadtiensis (ingolst\u00e4dtisches Schwein) sowie einen Schlemmerei und Demmer. Papst Julius II. Nennt er einen Bluts\u00e4ufer und Eisenfresser, Papst Leo X. \u201eteuffels Apostell und Endchrist\u201c, Papst Clemens VII. einen Erzb\u00f6sewicht und Papst Paul III. \u201eEuer H\u00f6llischkeit\u201c. Die r\u00f6mische Seite wiederum nennt Luther \u201eeine zu verurteilende Sau, ein wildgewordenes Eberschwein, einen falschen schwarzen Kater, einen Judas und einen Narren, den Minotaurus von Wittenberg, den fleischgewordenen Teufel, einen Seelenm\u00f6rder und arianischen Wiedehopf. Man kann sich vorstellen, wie das jeweilige Publikum beim Vorlesen auf M\u00e4rkten gejohlt hat. Die Bildsatire steht der Wortpolemik in diesem Streit in nichts nach. W\u00e4hrend in der Wittenberger Cranachwerkstatt 1523 der Holzschnitt \u201eDer Bapstesel zu Rom\u201c entsteht, entwirft Erhard Sch\u00f6n um 1530 in einem kolorierten Holzschnitt Luther als des Teufels Sackpfeifer.<br>Im Februar 1521 berichtet der p\u00e4pstliche Gesandte Aleander in einem Brief an Eck \u00fcber die heftigen Angriffe der Lutheraner gegen ihn und nennt die deutschen F\u00fcrsten und St\u00e4nde, die das p\u00e4pstliche Bannverfahren behinderten, \u201eSchweinepriester\u201c. Ganz im Stil der Inquisition fordert er: \u201eDie H\u00e4retiker sollen mit eisernem Besen und mit Feuer gez\u00fcchtigt werden, wo sie sich widerborstig verhalten; nicht nur sie selbst s\u00fcndigen, sondern sie rei\u00dfen andere Ungl\u00fcckliche mit sich in den Abgrund der Vernichtung. So sollen sie an ihren Leib den Tod erleiden, damit ihre Seele gerettet wird.\u201c (www.ivv7srv15.uni-muenster.de\/mnkg\/pfnuer\/Eckbriefe\/N137.html) Das ist die grobianische Gewalt autorit\u00e4rer Herrschaft im v\u00e4terlichen Ton wohlwollender Z\u00fcchtigung zum Tode, r\u00f6mischer Humanismus eben. Luther dagegen versteht sich als grobianischer Autor, der mit Worten in den Krieg zieht: \u201eIch bin dazu geboren, das ich mit den rotten und teuffeln mus kriegen und zu felde ligen, darumb meiner b\u00fccher viel st\u00fcrmisch und kriegerisch sind. Ich mus die kl\u00f6tze und stemme ausrotten, dornen und hecken weghawen, die pf\u00fctzen ausf\u00fcllen und bin der grobe waldrechter (Holzf\u00e4ller), der die ban brechen und zurichten mus.\u201c (Krau\u00df, S.155) Das \u201eL\u00e4uten mit der Sauglocke\u201c, so nennt Egon Friedell in seiner zwischen 1927 und 1931 erschienenen \u201eKulturgeschichte der Neuzeit\u201c den Stil des polemischen 16. Jahrhunderts, war \u201e zeitgem\u00e4\u00df und bei fast allen Schriftstellern gang und g\u00e4be.\u201c (Krau\u00df, S. 158)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Sprache des Volkes<\/strong><br>Die Idee des Volks als Souver\u00e4n hat erst um 1800 begonnen, sich in Europa durchzusetzen. \u00c4lter und nach wie vor wirksam sind die Ideen des Volks als Ethnie und des Volks im Gegensatz zu Eliten. Das Deutsche hat da eine besondere Geschichte. Zum kommt das Wort von ahd. diutisk (zum Volk geh\u00f6rig) und bezeichnete fr\u00fch die aus dem Germanischen entwickelte Sprache der Bev\u00f6lkerung im ehemals ostfr\u00e4nkischen Raum, die nicht nur anders war als die aus dem Romanischen entwickelte Sprache der Bev\u00f6lkerung im ehemals westfr\u00e4nkischen und italienischen Raum, sondern auch anders als das Latein als europ\u00e4ische Verkehrssprache der Bildungseliten. Insofern konnte die Volkssprache in Deutschland immer auch als Sprache des dritten Standes verstanden werden und nicht von ungef\u00e4hr orientierte sich im r\u00f6misch-deutschen Reich die mittelalterliche Kirche lateinisch und der mittelalterliche Adel an franz\u00f6sischen Vorbildern.<br>Das 16. Jahrhundert verschiebt die sprachlichen Gewichte. Vor allem \u00fcber den Buchdruck und mehr noch \u00fcber die Flugschriften setzt sich die Volkssprache durch. Den Beigeschmack des Barbarischen wird sie dabei sowohl in Fremd- wie in Selbstbildern nicht los, auch wenn sie weiter literarisiert, also im situativen Gebrauch erweitert wird und auch in ihren basalen Formen begrifflich wie emotional vielf\u00e4ltig ist, wenn auch vielleicht in anderen Bereichen als im Umgang der Eliten. Im \u00dcbrigen gab es immer auch eine grobianische Variante lateinischer wie romanischer Literaturen, wenn man an die r\u00f6mischen Satiren von Lucillus oder Seneca denkt oder an die altfranz\u00f6ssichen Fatrasien.<br>F\u00fcr Luthers volkssprachliche Offensive gilt also \u2013 ungeachtet seines Bildes als Grobian in der Rezeption und seiner bewussten Polemik \u2013 eine sprachliche Vielfalt, die durch zahlreiche Wortneusch\u00f6pfungen sogar noch gesteigert ist.<br>H\u00e4ufig wird f\u00fcr den Grobianismus Luthers und seiner deutschen Sprache sein \u201eSendbrief vom Dolmetschen\u201c aus dem Jahr 1530 zitiert, in dem es hei\u00dfe, man m\u00fcsse dem Volk aufs Maul schauen. Wie so oft in der Lutherrezeption, ist das eine Verk\u00fcrzung des Originalzitats. Im Original hei\u00dft es mit Blick auf eine gute \u00dcbersetzung in die deutsche Sprache: \u201eman mus die mutter ihm hause\/die kinder auff der gassen\/den gemeinen ma auf dem markt drumb fragen\/un den selbige auff das maul sehen\/wie sie reden\/und darnach dolmetschen\/so verstehen sie es den\/un merken\/das man Deutsch mit in redet.\u201c (ww.zeno.org\/Literatur\/M\/Luther+Martin\/Traktate\/Ein+Sendbrief+vom+Dolmetschen) Es geht also in erster Linie um Verst\u00e4ndigung und nicht um Grobheit, wiewohl Luther \u2013 das zeigen andere Stellen in seiner \u00dcbersetzung \u2013 der Unterschied zwischen Maul und Mund bewusst war. Im Sinne seiner \u00dcbersetzungstheorie stehen daher auch andere, heute als poetisch empfundene Wort und Wortbilder, die sich durchgesetzt haben: sein Licht leuchten lassen, Stein des Ansto\u00dfes, Morgenland, friedfertig, gastfrei, mit Engelszungen reden. Im \u00dcberblick nutzt er sowohl poetische wie polemische Metaphern. Allerdings ist auch bei diesem Urteil Vorsicht geboten, so beim Herzbegriff des 16. Jahrhunderts. Aus der \u00dcbersetzung des Lukasevangeliums (6,45) ist das Sprichwort entstanden: \u201eWes das Herz voll ist, des geht der Mund \u00fcber.\u201c Seit dem 18. Jahrhundert steht im deutschen Sprachraum der Herzbegriff f\u00fcr Gef\u00fchl, und so wird auch das Flie\u00dfende als Gegensatz zur Reflexion des Denkens verstanden. Nach der stark biblisch gepr\u00e4gten Anthropologie des 16. Jahrhunderts wird das Herz aber \u201eals geistiges Erkenntnisorgan des Menschen\u201c verstanden, als \u201edas innerste, \u00e4u\u00dferem Zugriff entzogene und nur gott einsichtige Zentrum seiner Pers\u00f6nlichkeit\u201c, so Birgit Stolt in ihrem Buch \u201eMartin Luthers Rhetorik des Herzens\u201c von 2000 (Stolt, S. 50) Das Herz ist das Organ der Verst\u00e4ndigung und umfasst die pers\u00f6nliche Seite von Geist, Verstand, Gef\u00fchl, Wille, Urteilsverm\u00f6gen und Ged\u00e4chtnis. \u201eHeute liegt das Missverst\u00e4ndnis nahe, biblische Ausdr\u00fccke mit \u201eHerz\u201c zu sentimentalisieren oder zu poetisieren. Beides liegt fern von Luthers Vorstellungswelt. Er w\u00e4re nie auf den Gedanken gekommen, Gef\u00fchl und Verstand gegeneinander auszuspielen.\u201c (Stolt, S. 51) Das bedeutet auch, dass die sprachliche Alterit\u00e4t des 16. Jahrhunderts nahelegt, dass manches, was heute als ambivalent und mehrdeutig empfunden wird, als zusammengeh\u00f6rig verstanden werden muss. Differenzierungen bestehen eher im Gegensatz von Tradition und Person als von Gef\u00fchl und Verstand. Die Person sieht sich als Individuum durch Gott und sein Wort erleuchtet und verteidigt sich heftig gegen \u00dcbergriffe institutionalisierter Tradition.<br>Die vom Papst bei seinem Hoftheologen Silvestro Mazzolini genannt Prierias in Auftrag gegebene \u201eRespositio\u201c auf Luthers Thesen, so Volker Reinhardt, nehme Luther nicht ernst, \u201esondern belehrt ihn wie ein unwissendes Kind.\u201c Er stelle die p\u00e4pstliche Autorit\u00e4t in Frage, weil er die kirchliche Lehre nicht kenne. Luther ist ein Ketzer und ein Barbar zugleich, mithin aus r\u00f6mischer Sicht ungebildet. Luther kennt diese Angriffe und wehrt sich dagegen, so in seinem \u201eSendbrief vom Dolmetschen\u201c: \u201eSie sind Doktores? Ich auch! Sie sind gelehrt? Ich auch! Sie sind Prediger? Ich auch! Sie sind Theologen? Ich auch! Sie sind Disputatoren? Ich auch! Sie sind Philosophen? Ich auch! Sie sind Dialektiker? Ich auch! \u2026Sie schreiben B\u00fccher? Ich auch!\u2026Ich rede jetzt nicht zu viel, denn ich bin durch ihre Kunst alle erzogen und erfahren von Jugend auf.\u201c (www.hessler-uebersetzungen.de\/wp-content\/uploads\/pdf\/Luthers Sendbrief vom Dolmetschen.pdf). Im Katalog der Wartburgausstellung zu Flugschriften der Lutherzeit schreibt Jutta Krau\u00df, Luther habe die \u201ehohe Kunst der Rhetorik\u201c beherrscht. Das zeige sich beispielsweise an seinem Schlagabtausch mit dem Theologen und Bibel\u00fcbersetzer Hieronymus Emser. Beide argumentieren mit Metaphern des Begriffs \u201eWortgefecht\u201c. Krau\u00df schriebt: \u201eLuther verstand es demnach, die Argumente des Widersachers mit bewundernswerter Geschicklichkeit und Ironie gegen selbigen auszunutzen, und das auch ohne grob und ausf\u00e4llig zu werden.\u201c (Krau\u00df, S. 158)<br>Dass Luther die poetische Sprache beherrschte, zeigen seine Liederdichtungen, angefangen vom weihnachtlichen Kinderlied \u201eVom Himmel hoch, da komm ich her\u201c \u00fcber \u201eAus tiefster Not schrei ich zu Dir\u201c, \u201eEin feste Burg ist unser Gott\u201c, und \u201eVerleih uns Frieden gn\u00e4diglich\u201c bis zu \u201eDie beste Zeit im Jahr ist mein\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>Die beste Zeit im Jahr ist mein<br>Da singen alle V\u00f6gelein<br>Himmel und Erde ist der voll<br>Viel gut Gesang der lautet wohl<\/p>\n\n\n\n<p>Voran die liebe Nachtigall<br>Macht alles fr\u00f6hlich \u00fcberall<br>Mit ihrem lieblichen Gesang<br>Des mu\u00df sie haben immer Dank<\/p>\n\n\n\n<p>Viel mehr der liebe Herre Gott,<br>Der sie also geschaffen hat<br>Zu sein die rechte S\u00e4ngerin,<br>Der Musica ein Meisterin<\/p>\n\n\n\n<p>Dem singt und springt sie Tag und Nacht<br>Sein\u00b4s Lobes sie nicht m\u00fcde macht<br>Den ehrt und lobt auch mein Gesang<br>Und sagt ihm ein ewigen Dank.<\/p>\n\n\n\n<p>Luther war allerdings auch ein Hassredner. So forderte er 1543 in seiner Schrift \u201eVon den Juden und ihren L\u00fcgen\u201c, in der sich die bekannten antij\u00fcdischen L\u00fcgengeschichten von Brunnenvergiftung bis Kindsraub und -zerst\u00fcckelung finden \u201eihre Synagogen niederzubrennen, ihre H\u00e4user zu zerst\u00f6ren und sie wie Zigeuner in St\u00e4llen und Scheunen wohnen zu lassen, ihnen ihre Gebetb\u00fccher und Talmudim wegzunehmen, die ohnehin nur Abg\u00f6tterei lehrten, ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe zu verbieten, ihren H\u00e4ndlern das freie Geleit und Wegerecht zu entziehen, ihnen das \u201eWuchern\u201c (Geldgesch\u00e4ft) zu verbieten, all ihr Bargeld und ihren Schmuck einzuziehen und zu verwahren, den jungen kr\u00e4ftigen Juden Werkzeuge f\u00fcr k\u00f6rperliche Arbeit zu geben und sie ihr Brot verdienen zu lassen.\u201c (https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Martin_Luther_und_die_Juden, abgerufen am 2.8.2021) Das waren nicht nur Grobheiten, sondern gezielte Hassreden mit konkreten Handlungsanleitungen f\u00fcr den Staat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zivilisation und Affektkontrolle<\/strong><br>1939 erschien das Hauptwerk von Norbert Elias \u201e\u00dcber den Proze\u00df der Zivilisation\u201c in der Schweiz. Da wirkte der Autor bereits im Londoner Exil. Um gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen in der Alltagspraxis der europ\u00e4ischen Kultur zu beschreiben, hatte er Benimmb\u00fccher vom 13. bis 18. Jahrhundert ausgewertet. Diese Anstandslehren nahmen ihren Ausgang in der h\u00f6fischen Oberschicht des Mittelalters. Es ging darum, die Affekte Einzelner sozial zu kontrollieren, um Herrschaft aus\u00fcben zu k\u00f6nnen durch rituelle Inszenierungen. Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. Jahrhundert fanden solche Lehren im deutschen Sprachraum in Form der Narren- und Grobianiusliteratur eine breite \u00d6ffentlichkeit, richteten sich auch an den dritten Stand, vor allem an Stadtb\u00fcrger. Hintergrund war die Ausdifferenzierung der \u00d6ffentlichkeit, vor allem im r\u00f6misch-deutschen Reich: Kirche und Staat nahmen st\u00e4rkeren Abstand voneinander, die r\u00f6mische Kirche musste verketzerte Reformationsbewegungen als eigenst\u00e4ndige Konfessionen hinnehmen, das Bildungswesen wurde st\u00e4rker volkssprachlich, die Territorialherren gewannen an politischem Einfluss gegen\u00fcber dem Monarchen. Man k\u00f6nnte sagen: Die mittelalterliche St\u00e4ndegesellschaft begann, au\u00dfer Kontrolle zu geraten. Die polemischen Debatten und ihre Reichweiten sind daf\u00fcr ebenso ein Indiz wie die Zunahme an Autobiografien, Tageb\u00fcchern, Briefwechseln und Portraitgem\u00e4lden. Das Indviduum forderte zunehmend Rechte ein. Es gab neuen Regelungsbedarf zwischen den zunehmend Verschiedenen. Richard van D\u00fclmen schreibt 1997 in \u201eDie Entdeckung des Individuum\u201c: \u201eSicherlich wurde der mittelalterliche Kollektivismus nicht so gehandhabt, wie die Theorie, das christliche Selbstverst\u00e4ndnis der Zeit es bestimmte, aber Arbeit zum eigenen Gewinn war, wie individuelles Handeln \u00fcberhaupt, nicht das angestrebte Ideal\u2026Eine erste \u00c4nderung des Habitus vollzog sich im 15.\/16.Jahrhundert unter der beginnenden weltlichen Begr\u00fcndung des Staates und der Entsakralisierung der Gesellschaft. Sie f\u00fchrten zwar nicht zu einer individualisierten Weltsicht, aber der neue, aus reformatorischen und territorialstaatlichen Quellen gespeiste Kollektivismus schuf einige entscheidende Grundlagen hierf\u00fcr. Im staatlichen Bereich vollzog sich eine Emanzipation von kirchlicher Vorherrschaft\u2026Der Staat wie auch das Recht begannen sich als bewu\u00dfte Sch\u00f6pfungen der Vernunft zu begreifen.\u201c (van D\u00fclmen, S. 126)<br>Damit wurde aber auch ein Appell an den Einzelnen m\u00f6glich, sich f\u00fcr richtiges oder falsches Verhalten zu entscheiden. Die Narren- und Grobianusliteratur f\u00fchrte beispielhaft vor, wie man es nicht machen sollte. Das tat sie allerdings mit so viel Engagement und Detailreichtum, dass das Lesepublikum nicht nur erkennen konnte, dass es all das offensichtlich gab, sondern auch seine mehr oder weniger stille Freude darin finden konnte.<br><br><strong>Grobianismus als deutsches Charaktermerkmal<\/strong><br>Obwohl es sich sowohl beim Thema Zivilisierung als auch bei der Ausdifferenzierung der St\u00e4ndegesellschaft um ein europ\u00e4isches Ph\u00e4nomen handelt und auch das literarische Narrenmotiv durch alle Sprachkulturen wanderte, blieb der grobianische Charakter doch dauerhaft an Fremd- und Selbstbild des Deutschen haften. Nochmal Thomas Mann zum Lutherisch-Deutschen: \u201eDas Deutsche in Reinkultur, das Separatistisch-Antir\u00f6mische, Anti-Europ\u00e4ische befremdet und \u00e4ngstigt mich, auch wenn es als evangelische Freiheit und geistliche Emanzipation erscheint.\u201c (Kaufmann, S. 239) Das war 1945, noch im amerikanischen Exil, nach den Erfahrungen mit den Verbrechen der NS-Diktatur, der sich auch gro\u00dfe Teile des Nationalprotestantismus ge\u00f6ffnet hatten. Vom dominierenden preu\u00dfischen Milit\u00e4rstaat seit den 1860er Jahren bis dahin geht mit einer kurzen demokratischen Pause der Weimarer Republik eine v\u00f6lkisch-nationale Linie deutscher Selbsterz\u00e4hlung, die einen in der Tat \u00e4ngstigen kann. Aber es gibt eben auch eine demokratische Linie, in der z.B. Redner des Hambacher Festes von 1832 wie Johann Georg August Wirth die schon von Montesquieu diagnostizierte deutsche Freiheit republikanisch verstanden und mit Luthers Kulturimpuls verbunden haben. Dieser Mann des 16. Jahrhunderts war eine ambivalente Figur, in seiner Zeit wie in der Rezeption, und ist es bis heute geblieben. All diese Beurteilungen geschahen und geschehen auf dem Hintergrund der Differenz zwischen dem, was als romanisch und als germanisch beeinflusste Kultur wahrgenommen wird. So schrieb der polnische Lyriker Adam Zagajewski in den 1990er Jahren in seinen Erinnerungsbildern, Europa bestehe \u201eaus dem lateinischen S\u00fcden und dem barbarischen Norden.\u201c (Zagajewski, S. 193) Und da w\u00e4re sie dann auch wieder, die antike Klimatheorie mit der Variante der Zweiteilung in eigene und fremde Kultur.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Lob von Ambivalenz und Mehrdeutigkeit, das sich mit gutem Recht derzeit in der Kulturwissenschaft ausbreitet und Anerkennung und Anwendung im \u00f6ffentlichen und privaten Diskurs fordert, findet seine Grenze da, wo Hassrede und Hetze zur Gewalt auffordern und keinen Raum f\u00fcr Gegenreden lassen wollen. Polemik dagegen ist Teil einer demokratischen Debattenkultur, wenn sie denn in reinen Wortgefechten Positionen zuspitzt, und sich nicht selbst verliebt als Weisheit letzter Schluss versteht, sondern besser als provokanter T\u00fcr\u00f6ffner f\u00fcr nachdenklichere R\u00e4ume. Der in social media geh\u00e4ufte affirmative, also lediglich das Eigene best\u00e4tigende Meinungsverk\u00fcrzung, fehlt leider allzu oft \u2013 \u00e4hnlich den Flugbl\u00e4ttern und Flugschriften des 16. Jahrhunderts &#8211; das Dialogische, der Disput, das in die Augen sehen und die Entschleunigung ins tiefere Wasser der Verunsicherung. Auch das hat es im 16. Jahrhundert gegeben, leider in der Rezeption allzu oft unbemerkt, weil gr\u00f6\u00dfere Anstrengung im Verstehen erfordernd. \u00dcbersetzen ist da eine gute \u00dcbung, das Verstehen fremder Sprachen. Dazu geh\u00f6rt nicht nur das Sprechen , sondern auch das Zuh\u00f6ren, ein Wechselspiel eben.<br>Und Lachen wird dann besonders wertvoll, wenn es kein Auslachen ist, sondern Selbstironie oder gar Humor, der bekanntlich trotzdem lacht, also auch dann, wenn es gar nichts zu lachen gibt und Schmerz \u00fcberwunden sein will.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturen<\/strong><br><em>Manfred Bechtel, War Luther Sprachgenie oder Grobian?, in: Rhein-Neckar-Zeitung vom 30.5.2017<br>Vittoria Bors\u00f2, Italien, in: Klaus Stierstorfer (Hrsg.), Deutschlandbilder. Im Spiegel anderer Nationen, Reinbek, 2003, S. 207-228<br>Kai Bremer, Literatur der fr\u00fchen Neuzeit, Paderborn, 2008<br>Richard van D\u00fclmen, Die Entdeckung des Individuums, Frankfurt, 1997<br>Norbert Elias, \u00dcber den Prozess der Zivilisation, Band 1 und Band 2, Frankfurt, 4. Auflage, 1977<br>Hartmut G\u00fcnther, Mit Feuereifer und Herzenslust \u2013 Wie Luther unsere Sprache pr\u00e4gte, Berlin, 2017<br>Thomas Kaufmann (Hrsg.), Luther und die Deutschen, Stuttgart, 2017<br>Jutta Krau\u00df, Hilmar Schwarz, Beitr\u00e4ge in: Beyssig sein ist nutz und not \u2013 Flugschriften zur Lutherzeit, Eisenach, 2010<br>Hanns Langbein, Vorwort, in: Kunst und Kirche, Marburg, 2\/2017<br>Wolfgang Leiner, Das Deutschlandbild in der franz\u00f6sischen Literatur, Darmstadt, 1991<br>Heinz-G\u00fcnther Nesselrath, Fremde Kulturen in griechischen Augen \u2013<br>Herodot und die \u2018Barbaren\u2019, in: Gymnasium 116, 2009, S. 307-330<br>Volker Reinhardt, Luther der Ketzer \u2013 Rom und die Reformation, M\u00fcnchen, 2016<br>Heinz Schilling, Martin Luther \u2013 Rebell in einer Zeit des Umbruchs, M\u00fcnchen, 2012<br>Klaus von See, Barbar, Germane, Arier \u2013 Die Suche nach der Identit\u00e4t der Deutschen, Heidelberg, 1994<br>Birgit Stolt, Martin Luthers Rhetorik des Herzens, T\u00fcbingen, 2000<br>Philipp Wagenf\u00fchr, Herodot, der \u201eBarbarenbegriff\u201c und seine Sicht von Hellenikon und \u201eBarbarenwelt\u201c , 2011, M\u00fcnchen, GRIN Verlag, https:\/\/www.grin.com\/document\/274150<br>Adam Zagajewski, Ich schwebe \u00fcber Krakau, M\u00fcnchen, 2000<br>Karl-Ludwig Zimmermann, Die Beurteilung der Deutschen in der franz\u00f6sischen Literatur des Mittelalters unter der besonderen Ber\u00fccksichtigung der Volksepen, M\u00fcnster, 1910<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ambivalenzen des Grobianismus im 16. Jahrhundertvon Volker Gall\u00e9 Beitrag anl\u00e4sslich der Luther-Festspiele 2021 In einer Rede, die Thomas Mann am 29. 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