{"id":311,"date":"2022-02-04T12:29:56","date_gmt":"2022-02-04T11:29:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=311"},"modified":"2022-02-09T14:34:39","modified_gmt":"2022-02-09T13:34:39","slug":"konfessionspolemische-hassrede-im-zeichen-des-tieres","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/konfessionspolemische-hassrede-im-zeichen-des-tieres\/","title":{"rendered":"Konfessionspolemische Hassrede im Zeichen des Tieres"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u201eVon dem gro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c<\/strong><br><em>von Prof. Dr. Tobias Bulang, Universit\u00e4t Heidelberg<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>Beitrag anl\u00e4sslich der Luther-Festspiele 2021<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-312\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Von dem gro\u00dfen Lutherischen Narren, Druckgrafik, Stra\u00dfburg, 1522<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00fcrde man uns heute, mittels einer Zeitmaschine vielleicht, in das Jahr 1521 und die Stadt Stra\u00dfburg versetzen \u2013 so w\u00fcrde das f\u00fcr die meisten von uns keine angenehme Erfahrung sein. Die fr\u00fchneuzeitliche Stadt war zu jener Zeit alles andere als ein idyllischer, f\u00fcr den internationalen Fremdenverkehr herausgeputzter Ort. L\u00e4rm, Schmutz und die Z\u00fcgellosigkeit st\u00e4dtischen Treibens w\u00fcrden uns wohl in k\u00fcrzester Zeit ma\u00dflos \u00fcberfordern und zum Antreten des R\u00fcckwegs veranlassen. Blieben wir l\u00e4nger und w\u00fcrden wir uns mit den Auseinandersetzungen der Zeitgenossen um die Ereignisse befassen, die wir heute unter dem Begriff der Reformation zusammenfassen, w\u00fcrde uns freilich einiges recht vertraut vorkommen: w\u00fcste Beschimpfungen, polemische Invektiven, \u00fcble Nachrede, Schm\u00e4hungen, fake news \u2013 nicht nur im nachbarschaftlichen Umgang, auch in \u00f6ffentlicher Rede und Publizistik, in politischen und religi\u00f6sen Debatten. Besonders auff\u00e4llig ist solche Hassrede in den Auseinandersetzungen der Reformatoren und ihrer Gegner zu beobachten \u2013 und um solche Hassrede geht es mir.<br>Zu den sprachlichen Registern konfessionspolemischer Beschimpfungsroutinen geh\u00f6ren insbesondere die D\u00e4monisierung und Vertierung der jeweiligen Gegner. Besonders eindr\u00fcckliches Exempel daf\u00fcr ist Luthers Papstesel, der auf die Delegitimierung der Kurie zielte und massenmedial Verbreitung fand. Weitere Beispiele w\u00e4ren das anonyme Spottblatt auf Luthers Gegner (um 1521), welches Thomas Murner als Kater zeigt, Hieronymus Emser als Bock, Papst Leo X. als L\u00f6wen, Johannes Eck als Schwein und Jakob Lemp als Hund (Abb. 1). Der Franziskaner Thomas Murner wurde als Kater und als Narr verh\u00f6hnt. Murner ist fr\u00fchneuhochdeutsches Wort f\u00fcr die Katze und den Kater, abgeleitet vom murrenden Ton des Tieres. Aus dem Namen machte man den Murr-Narr, also einen Katzennarren, als den man den Franziskaner in Bildern und Texten verspottete. Dergleichen polemische Invektiven ersch\u00f6pften sich nicht im ad personam gerichteten Schimpfwortgebrauch allein. Sie haben dar\u00fcber hinaus die Implikation des H\u00e4resievorwurfs insofern, als dass sie sich nicht nur gegen die Personen, sondern insbesondere gegen die von ihnen in Predigten und anderen Ver\u00f6ffentlichungen hervorgebrachten Reden richten. Konfessionspolemische Beschimpfungen der Gegner als Tiere richten sich gegen deren Diskurse. Es sind die theologischen oder pastoralen Diskurse solcher als Tiere deklassierten Akteure, die adressiert werden. Denn diese gr\u00fcnden nicht in der gottgegebenen Vernunft und Weisheit, sondern sind im Zeichen des Tieres in der Natur begr\u00fcndet, in Gewalt und Begehren, im Trieb. Durch Tiervergleiche \u2013 und das macht ihre Attraktivit\u00e4t in der Konfessionspolemik aus \u2013 k\u00f6nnen Argumente der Gegner durch Naturalisierung degradiert werden. Denn Diskurse werden so zum Ausdruck tierischen Begehrens, sie betreiben nicht die Wahrheit, sondern stellen vielmehr Fress- und Saufsucht, Hurerei und sinnlose Raserei dar. Sie vertreten keine Wahrheitsanspr\u00fcche, sondern sind vielmehr Indizien, mehr Ger\u00e4usch als Text. Tiervergleiche implizieren einen H\u00e4resievorwurf insofern, als dass sie den Reden der Gegner einen Ursprung in der S\u00fcnde zuweisen.<br>Gedruckte Bezichtigungen unterbinden argumentative Auseinandersetzungen und stellen mit Vertierung und D\u00e4monisierung radikale Verk\u00fcrzungen diskursiver Wahrheitsfindung dar. Statt argumentativer Er\u00f6rterung werden Appelle an \u00c4ngste, Ekel und Entr\u00fcstungsbereitschaft verbreitet, welche Adressaten zur Einstimmung ermuntern, ehe ihre Zustimmung \u00fcberhaupt erfragt wurde.<br>Thomas Murner, Franziskaner, Jurist und ab 1520 radikaler Gegner Luthers, druckte 1522 beim letzten altgl\u00e4ubigen Stra\u00dfburger Drucker Johannes Gr\u00fcninger die Satire Von dem grossen Lutherischen Narren. Murner steigert die Hassrede enorm, sein literarischer Diskurs ist gemessen an einfachen Bezichtigungsformeln komplex und avanciert, es handelt sich um eine gro\u00df angelegte Satire gegen die Reformation in toto.<br>Murners Satire \u201eVon dem gro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c erschien als Buch mit vielen Holzschnitten als Illustrationen. Der Text beginnt mit einer Vorrede, die aus der vorhergehenden publizistischen Kontroverse heraus begr\u00fcndet, warum Murner 1522 zu den \u00e4u\u00dfersten literarischen Mitteln der Auseinandersetzung mit Luther und seinen Anh\u00e4ngern greift. Er etabliert die Figur der Murrnarr-Katze als Akteur, der sich des Mittels des Exorzismus, der Beschw\u00f6rung, bedienen wird. Sodann wird der Lutherische Narr im Schlitten herumgef\u00fchrt und Murrnarr beginnt mit seiner Beschw\u00f6rung. Der Lutherische Narr, der auf die Beschw\u00f6rungen hin widerwillig \u00fcber sich selbst Auskunft gibt, ist fett, denn er hat in sich alle anderen Narren. Von Kapitel zu Kapitel beschw\u00f6rt nun Murrnarr die kleinen Narren im Leib des gro\u00dfen. So bringt er die Narren im Kopf zum Sprechen, dann die Narren in der Tasche, schlie\u00dflich die Narren im Bauch. Aus dem Bauch kommen die 15 Bundesgenossen (als \u201eBauchgenossen\u201c verh\u00f6hnt) hervor. Bei ihnen handelt es sich um die Redner, die auf Flugschriften der Zeit das neue Gedankengut der Protestanten verbreiteten. Bei Murner geben dieselben Bundesgenossen dagegen auf Murrnarrs Beschw\u00f6rungen hin die niederen Beweggr\u00fcnde hinter ihrer konfessionellen Programmatik preis. Hier nun etabliert sich neben dem Reihenspiel der Beschw\u00f6rungen einzelner Narren ein Handlungsspiel: Denn die heraufbeschworenen Narren stellen sich zum gro\u00dfen Heeresverband auf. Diese erz\u00e4hlerische Entfaltung der Konskription eines Heeres, seiner Aufstellung, der Einsetzung von F\u00fchrern und der Zuordnung von Heeresf\u00e4hnlein folgt bew\u00e4hrten heldenepischen bzw. chronikalen Erz\u00e4hlmustern. Der Hauptmann des Verbandes ist Luther selbst, die F\u00e4hnlein haben die Inschriften: Wahrheit, Freiheit und Evangelium. Innerhalb des Spiels der Perspektiven bietet Murner Intermezzi vereindeutigender Rede, beispielsweise wenn Luther den Bundschuh schmiert und ank\u00fcndigt, dass es ihm um Zerst\u00f6rung, Unordnung und Chaos geht oder in der Klage der einfachen Christen dar\u00fcber, dass die F\u00e4hnlein gestohlen seien, dass also die Wahrheit, das Evangelium und die Freiheit vollumf\u00e4nglich nur durch die alte Kirche umgesetzt waren. Im weiteren Verlauf des Textes wird das Reihenprinzip zunehmend von einem Handlungsprinzip abgel\u00f6st. Das aufgestellte Heer schw\u00f6rt dem Hauptmann zu, l\u00e4sst die Trommeln r\u00fchren und richtet drei Sturmangriffe aus.<br>Der erste Sturm richtet sich auf die Zerst\u00f6rung der Kirchen und Kl\u00f6ster, der zweite gegen die Schl\u00f6sser. Geschleift werden sollen die kirchlichen und staatlichen Obrigkeiten, beide St\u00fcrme misslingen. Der dritte Sturm richtet sich gegen die mit den frommen Christen in einem Festungsbollwerk verschanzte Klosterkatze Murrnarr selbst. Hier entscheidet sich der Hauptmann zuletzt f\u00fcr Friedensverhandlungen: Murrnarr soll lutherisch werden und daf\u00fcr Luthers Tochter zur Frau bekommen. Murrnarr stimmt begeistert zu. Es folgt nun die Geschichte der Brautwerbung, Hochzeit und Brautnacht der gro\u00dfen Katze mit Luthers Tochter. Hier spielen epische Erz\u00e4hlprinzipien und Konventionen von Schwankm\u00e4re und Tierepos in das hybride Arrangement von Diskursen und literarischen Gattungen hinein. Murrnarr l\u00e4sst sich von Luther unterweisen, hofiert die sch\u00f6ne Tochter und die Hochzeit wird ausgerichtet. Das happy end findet nicht statt: W\u00e4hrend des Hochzeitsmahls w\u00fcrgen die G\u00e4ste an einer in Pfefferbr\u00fche gesottenen Hose (Murners Gegner hatten die Geschichte eines amour\u00f6sen Abenteuers Murners verbreitet und ihn mit der Hose in der Hand dargestellt: Auch hier erfolgt wieder eine Aneignung der Schm\u00e4hungen, die an die Gegner im Bild des Fressens der Hose repliziert werden, das Sieden der Hose in der \u201aPfefferbr\u00fche\u2018 der eigenen, scharfen Rede kann poetologisch gelesen werden). In der Brautkammer schlie\u00dflich entschleiert sich Luthers Tochter. Aufgrund ihres stinkenden Grindes pr\u00fcgelt Murrnarr sie aus dem Brautgemach. Dies zielt nicht nur auf Ehrverletzung Luthers, sondern auf die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche pers\u00f6nliche Verletzung. In der Verm\u00e4hlung von Luthers Tochter mit dem Katzenmonster und der Entehrung der Braut wegen k\u00f6rperlicher Gebrechen sucht Murner seinem Gegner gegen\u00fcber, das maximal Zumutbare weit hinter sich zu lassen. Brautwerbung und Hochzeit enden in Chaos und Tumult, mit der Vertreibung der Braut ist dieser Handlungsstrang abgeschlossen und ein neuer wird er\u00f6ffnet.<br>Es folgen die beiden Geschichten vom Tod Luthers und vom Tod des Lutherischen Narren. Luther sieht sein Ende nahen und bittet die Klosterkatze um Verzeihung, um Trost und Beistand. Eindringlich weist Murrnarr Luther auf die Notwendigkeit von Beichte und Bu\u00dfe sowie jene des Empfangs der Sterbesakramente hin. Weil Luther sich verweigert \u2013 in ausgiebigen Dialogpassagen, die ihn als Apostaten und verstockten S\u00fcnder demaskieren \u2013, wird er zuletzt im Beisein Murrnarrs unter dem Geschrei von Katzen in der Latrine versenkt (Abb. 4). Brutaler und grotesker hat niemand antilutherische Polemik ins Bild gesetzt. Bleibt zuletzt noch die Entsorgung des Lutherischen Narren, des Luthertums in toto also. Der Narr ist durch Murrnarrs Beschw\u00f6rungen schwer erkrankt. Auch den Narren weist Murrnarr auf die Notwendigkeit von Bu\u00dfe und Beichte hin, dieser jedoch f\u00fchrt obsz\u00f6ne Reden und f\u00e4hrt schlie\u00dflich dahin. Es folgt daraufhin mit gro\u00dfem Pomp das feierliche Begr\u00e4bnis. Alle Anh\u00e4nger des gro\u00dfen Narren werden aufgefordert, diesen zu Grabe zu tragen. Zuletzt folgt der Erbstreit um die Narrenkappe. Murrnarr selbst erhebt aufgrund des nun abgeschlossenen Werkes den Anspruch, der gr\u00f6\u00dfte aller Narren zu sein. Hier nun ist die gr\u00f6\u00dfte Narrheit Adelspr\u00e4dikat des virtuosesten Satirikers. Mit der \u00dcbernahme der Narrenkappe betreibt Murner somit gewisserma\u00dfen eine Selbstkr\u00f6nung des Literaten im satirischen Feld.<br>Auf dem Titelbild von Murners Satire ist die Figur des Klosterkaters zu sehen, der Murr-Narr (Abb. 2). Ihn macht der Autor Thomas Murner zum Akteur in seinem komplexen literarischen Spiel. Auf dem Bild zieht die Katze in Franziskanerhabit mittels eines Bandes einem gro\u00dfen Narren kleinere Narren aus dem Mund. Anhand der d\u00e4monisch anmutenden davonfliegenden kleinen Narren verbildlicht sich der Vorgang der \u201aBeschw\u00f6rung\u2018, der hier im Sinne eines Exorzismus zu verstehen ist. Ich m\u00f6chte durch die Beantwortung dreier Fragen den Thematisierungsrahmen der Reformation in dieser Schrift abstecken: Erstens: Wer ist denn dieser Murrnarr und was leistet diese Figur? Zweitens: Was bedeutet im gegebenen Zusammenhang der Vorgang der Beschw\u00f6rung? Und drittens: Wof\u00fcr steht der gro\u00dfe Lutherische Narr?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-01.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-313\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-01.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-01-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-01-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Wer ist der Murrnarr? \u00dcber die aggressive Aneignung des Diskurses der Gegner<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Anlass der Schrift waren Stra\u00dfburger Querelen um Murner, die weit \u00fcber die Region hinaus ausstrahlten. Im Jahr 1520 hatte Murner erstmals mit f\u00fcnf Streitschriften explizit kritisch zu Lehrinhalten Luthers Stellung genommen. Obgleich anonym erschienen, war die Verfasserschaft Murners in Stra\u00dfburg und dar\u00fcber hinaus bekannt; ebenso Murners Versicherung, er habe 32 Traktate gegen Luther verfasst. In Stra\u00dfburg wurde Murner so zum exponiertesten publizistischen Gegner der Reformation und er wurde sehr genau beobachtet. Als Luther am 10.12.1520 zusammen mit der Bannandrohungsbulle die Dekretalien des kanonischen Rechts verbrannte und damit endg\u00fcltig den Bruch mit Rom vollzog, positionierte sich der Jurist Murner noch deutlicher gegen den Reformator. Anh\u00e4nger Luthers reagierten innerhalb nur eines Jahres mit einer beispiellosen Publikationsoffensive gegen Murner. Antimurnersche Flugschriften, wie der Karsthans oder der Murnerus Leviathan kursierten ebenso wie das bereits erw\u00e4hnte Spottblatt \u00fcber Luthers Gegner mit Murners Karikatur. Zum Teil wurde Murner dabei als Klosterkatze, als \u201aMurrnarr\u2018, ins Bild gesetzt oder als Monstrum mit Katzenkopf und Drachenschwanz. In der Weise beliebter Schwankerz\u00e4hlungen wurden amour\u00f6se Abenteuer \u201aMurrnarrs\u2018 kolportiert; Karikaturen der Klosterkatze waren beliebt, wurden vielfach nachgebildet, ja an Stra\u00dfburger H\u00e4usern \u00f6ffentlich aufgeh\u00e4ngt. Im sogenannten Liederkrieg zwischen Murner und Michael Stiefel wurde auf das von Murner gedichtete Lied Vom untergang des christlichen Glaubens mit Spottliedern geantwortet, in welchen Murner wiederum als Kater verh\u00f6hnt wurde. Schlie\u00dflich greift Martin Luther selbst in diese Situation ein. In seiner Schrift Auf das \u00fcberchristlich, \u00fcbergeistlich und \u00fcberk\u00fcnstlich Buch Bock Emsers zu Leipzig Antwort 1521 findet sich ein 10-seitiger Zusatz An den Murnarr. Luther gibt hier ein den Murrnarr verspottendes Gedicht bei, dass ihm vom Rhein zugekommen sei. Man muss sich vergegenw\u00e4rtigen, dass all diese Aktivit\u00e4ten gegen Murner \u2013 und nur diejenigen sind uns \u00fcberliefert, die in Text und Bild erhalten geblieben sind \u2013 innerhalb von weniger als anderthalb Jahren erfolgten.<br>Zu ber\u00fccksichtigen ist dabei auch, dass es sich bei besagtem Zeitraum um eine Krisenzeit handelt, in welcher sich die Ereignisse zuspitzten. Nach dem Ausgeben der Bannandrohungsbulle gegen Luther (Juli 1520) ver\u00f6ffentlichte dieser in rascher Folge die Adelsschrift, die Schrift von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche und die Schrift von der Freiheit des Christenmenschen. (An dieser Stelle sei erw\u00e4hnt, dass Murner die Schrift von der Babylonischen Gefangenschaft ins Deutsche \u00fcbersetzte und publizierte, um vor Luther zu warnen und ihn blo\u00dfzustellen.) Ende September beginnt die Kampagne gegen Luther durch den p\u00e4pstlichen Sonder-Nuntius Girolamo Aleandro in den Niederlanden, bald darauf brennen Luthers B\u00fccher. Am 28. November fordert Kaiser Karl V. vom s\u00e4chsischen Kurf\u00fcrsten, Luther solle zum Reichstag nach Worms gebracht werden. Am 10. Dezember verbrennt Luther die Bannandrohungsbulle und die Schriften des kanonischen Rechts; am 2. Januar 1521 wird der Bann endg\u00fcltig verh\u00e4ngt. Es folgen die Ereignisse des Wormser Reichstags, die zum Vernichtungsedikt Kaiser Karls gegen Luther f\u00fchren. Die mit \u00e4u\u00dferster Heftigkeit um und von Murner gef\u00fchrte Auseinandersetzung ereignet sich also in einer Zeit, da der Ausgang der Reformation alles andere als entschieden war; vielmehr schien das baldige Ende Luthers und der Sieg von alter Kirche und Kaiser absehbar. Fr\u00fchneuzeitliche Briefwechsel von Akteuren und Beobachtern der Stra\u00dfburger Situation bezeugen die enorme Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung, die ihr galt. Gemessen an den traditionellen Adressierungen der S\u00fcnder in Bu\u00dfpredigt, des H\u00f6flings in h\u00f6fischfazeter Herabw\u00fcrdigung durch Konkurrenten um die Gunst des F\u00fcrsten, des S\u00e4ngers in den S\u00e4ngerfehden und des Mitmenschen in st\u00e4dtischen L\u00e4stereien gegen deviante B\u00fcrger ist eine solche kollektiv vorangetriebene, multimedial (in Text, Bild und Musik) ausgetragene, im \u00fcberregionalen Druckmedium erfolgende, personal adressierte Herabw\u00fcrdigung eine bis dato unerh\u00f6rte Ehrverletzung. Wie sich die affektive Betroffenheit in die sprachliche Wucht des Gegenangriffs, die Flucht nach vorn entl\u00e4dt, ist im Grossen Lutherischen Narren auf jeder Seite sp\u00fcrbar. Murner holt zum Gegenschlag aus, bedient sich dazu der Mittel von Text- und Bildpublizistik und \u00fcberbietet alles, was seine Gegner gegen ihn vorbringen konnten in einer einzigartigen Amalgamierung von Sprechweisen und Textsorten.<br>Murner hat die Verh\u00f6hnung seines Namens als Katze Murrnarr in Text und Bild aufgenommen und sie sich offensiv angeeignet. Murner tritt als Katzennarr in Szene und bedient sich dieser Figur zur Entlarvung der Reformation in toto. Mit dieser radikalen Identifikation interveniert Murner in die polemische Praxis der Findung herabw\u00fcrdigender Tiervergleiche f\u00fcr konfessionelle Gegner im Rahmen zeitgen\u00f6ssischer Publizistik und \u00fcberbietet seine Gegner dabei in einem literarisch-bildnerischen Wettstreit.<br>Als monstr\u00f6ser Kater bedr\u00e4ngt Murner exorzistisch das Luthertum, wird am Ende Luthers Tochter heiraten, sie aber wegen ihres stinkenden Grindes (d.i. scabies, Kr\u00e4tze) aus dem Brautbett jagen, die Bestattung Luthers in der Kloake unter Katzengeschrei veranlassen und \u00fcbertrifft damit alles, was irgendeinem Feind noch zum Thema Murner und Katzen einfallen k\u00f6nnte. Die \u00dcbernahme der Verh\u00f6hnung als n\u00e4rrische Katze zielt auf die Annexion der polemischen Deutungs- und Sprachmacht, auf die Dominierung eines Diskurses von dem Murner zwischenzeitlich dominiert wurde und ver\u00e4ndert somit grunds\u00e4tzlich sein Verh\u00e4ltnis zum Diskurs der Anderen. Die Hassrede, die auf die Tilgung von Murners Diskurs zielte, wird angeeignet. Als Antwort auf die vertierende Polemik etabliert sich Murner selbst als \u00dcbertier, als Monster und als Bestie, die der Reformation entgegentritt und \u2013 auch angeregt durch die zeitgen\u00f6ssische Tierepik \u2013 in wilden Streichen die Gegner vorf\u00fchrt. Dabei adressiert Murner seine Gegner nicht seinerseits als Tiere; anstatt ihre Diskurse zu tilgen, macht er nun genau diese zum Gegenstand satirischer Entlarvung. Die kreative Anverwandlung der Fremdzuschreibungen wird besonders sinnf\u00e4llig in den epischen Passagen der Satire ins Bild gesetzt. Im dritten gro\u00dfen Sturm versucht das gro\u00dfe lutherische Bundschuh-Heer, niemand Geringeren als den Murrnarr selbst zu erst\u00fcrmen, der sich mit den treuen Christen verschanzt hat und den der Holzschnitt als gigantische Franziskanerkatze im Verteidigungsgem\u00e4uer einer Festung zeigt (Abb. 3). Und dabei geht es um alles, denn Murner legt seinen Feinden folgende Verse in den Mund:<\/p>\n\n\n\n<p>K\u00fcnnen wir in nit bezwingen<br>So w\u00fcrt vn\u00df nimer me gelingen<br>Er hindert vn\u00df in allen dingen<\/p>\n\n\n\n<p>Murner eignet sich also die von seinen Gegnern ins Spiel gebrachte Murrnarr-Rolle an und nutzt sie zur Abwehr und Aggression gegen seine Gegner.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"431\" height=\"594\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-02.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-314\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-02.jpg 431w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-02-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Frage: Was hei\u00dft Narrenbeschw\u00f6rung? Ermittlung der S\u00fcnden am Grunde der reformatorischen Reden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1512 erschien Murners ber\u00fchmte Narrenbeschw\u00f6rung. Eng an Sebastian Brants ber\u00fchmtes Narrenschiff angelehnt, hatte auch er die verschiedenen Narren vorgef\u00fchrt und ihnen mittels eines Exorzismus die Narrheiten ausgetrieben. Mit diesem Element hat Murner, wie insbesondere Barbara K\u00f6nneker entfaltete, dem Brantschen Narren eine d\u00e4monisch-diabolische Dimension hinzugef\u00fcgt. Dabei ist f\u00fcr den \u201eGro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c wichtig, dass der Exorzismus nicht nur auf die Befreiung des Besessenen zielt, sondern vorab auf den Beweis seiner Besessenheit. Beschworen wird dabei ein Mensch, dessen \u00c4u\u00dferungen und dessen Verhalten deviant aber auch ambivalent und schwer zu deuten sind. Im Zuge des Exorzismus wird der D\u00e4mon oder Teufel, der hinter den ambivalenten Eindr\u00fccken agiert, zur Kundgabe gezwungen: Er muss seine Identit\u00e4t und mithin die wahre Ursache hinter den mehrdeutigen Erscheinungen zeigen und nennen. In diesem Sinne ist der Exorzismus \u2013 ehe er als Befreiungsverfahren wirkt \u2013 zun\u00e4chst ein Instrument der Wahrheitsfindung. Und in diesem Sinne fungiert er im \u201eGro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c. Murners Beschw\u00f6rungen zielen auf die wahre Identit\u00e4t und die wahren Beweggr\u00fcnde des Lutherischen Narren. Murrnarr beschw\u00f6rt ihn mit dem Kauderwelsch narragonischer Barbarolexis:<\/p>\n\n\n\n<p>Jch sprach in nomine domine<br>Coram nobis iudex curie<br>Hen\u00dflin\/ grettus \/ constitutus<br>Emit\/ vendit beck fututus<br>Jpse est bonorum specificatio<br>Jn narribus narratio<\/p>\n\n\n\n<p>So geht es munter weiter, bis der gro\u00dfe Lutherische Narr sich windet, worauf der Murrnarr ihn packt und die Beschw\u00f6rung mit folgenden Worten fortsetzt:<\/p>\n\n\n\n<p>Stant stil vnd reck kein ader nit<br>Du mu\u0366st mich hie bescheiden mit<br>Vnd nit hie weichen von der stat<br>Mir sagen wer dich gemachet hat<br>Wer dein vatter \/ dein mu\u0366ter ist<br>Vnd warumb du gemacht bist<br>Auch warumb du bist also gro\u00df<br>Das selb du mich bald wissen lo\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>In Murners Beschw\u00f6rungen geht es also in einem ganz philosophischen Sinne um die Erkenntnis des wahren Wesens des Lutherischen Narrens, mithin um die Demaskierung von T\u00e4uschungen und Illusionen. So betrachtet sind Murners Beschw\u00f6rungen als fr\u00fche Form sowohl einer Ideologiekritik als auch einer satirischen Entlarvung zu verstehen. Weiterhin aber geht es auch um Beschw\u00f6rung im Sinne von Bannung: Der gro\u00dfe Narr soll vertrieben werden. Hinzu kommt Beschw\u00f6rung im Sinne von eindringlicher Bitte, etwas zu tun oder zu unterlassen, so werden beispielsweise die Eidgenossen beschworen, im alten Glauben zu verharren (was sie dann bereits kurze Zeit nach der Publikation des gro\u00dfen Narren doch nicht taten). Um nun aber pr\u00e4zisieren zu k\u00f6nnen, wie genau Murner mittels seiner neuen Kunst der Beschw\u00f6rung operiert, ist jene Personifikation genauer zu umrei\u00dfen, die von Murrnarr beschworen wird: der Lutherische Narr. Wof\u00fcr steht er eigentlich?<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"431\" height=\"594\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-03.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-315\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-03.jpg 431w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-03-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><strong>Frage Wer ist der gro\u00dfe Lutherische Narr? Die Reformation als Diskurs<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Lutherische Narr ist nicht Martin Luther. Martin Luther selbst tritt in den epischen Passagen der Murnerschen Satire erst ab Vers 2113 des fast 5000 Verse umfassenden satirischen Versepos als der Hauptmann des gro\u00dfen Lutherischen Heeres auf. Au\u00dferdem wird Luthers Tod und seine Bestattung in der Latrine vor und separat von Tod und Bestattung des Lutherischen Narren erz\u00e4hlt. Der Text endet mit dem Streit um das Erbe des Lutherischen Narren.<br>Der gro\u00dfe Lutherische Narr, der zu Beginn des Textes vorgef\u00fchrt wird, ist ein Kollektivsubjekt reformatorischer Publizistik und ihrer Akteure. Mitunter nutzt Murner konkrete Intertexte, die er invertierend aufruft. Dabei generiert sich die n\u00e4rrische Rede aus rezenter Publizistik. Einschl\u00e4giges Beispiel sind die 15 Bundesgenossen, die der Murrnarr beschw\u00f6rt. Aus Luthers Leib kommen sie heraus und stellen sich vor. Sie entstammen einer Folge von 15 Druckschriften, die Eberlin von G\u00fcnzburg 1521 ver\u00f6ffentlichte. Eberlin, urspr\u00fcnglich Franziskaner wie Murner, schloss sich Luther an und positionierte sich mit diesen Schriften in den Kontroversthemen. Ich vergegenw\u00e4rtige das nur kurz am dritten Bundgenossen. Bei Eberlin von G\u00fcnzburg gilt dessen Rede den jungen Ordensschwestern in Kl\u00f6stern. Er fordert Barmherzigkeit f\u00fcr die gefangengesetzten Frauen, adressiert insbesondere die M\u00fctter, die ihre T\u00f6chter ins Kloster senden, und weist auf die vielf\u00e4ltigen Gefahren des Klosterlebens f\u00fcr das Seelenheil hin. Murners Bundgenosse hingegen \u00e4u\u00dfert sich zum Thema wie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p>Jch bin selber hie do\u0364rfft euch nit segen<br>Von aller klosterfrawen wegen<br>Dan das herumb bucken th.uot<br>Me dan ein iunckfreuwlicher m.uot<br>Was sollen si gefangen ligen<br>Als die saw in einer stigen<br>Jn eignem schmaltz also verderben<br>Vil besser wer es man lie\u00df sie gerben.<\/p>\n\n\n\n<p>So wie hier in obsz\u00f6ner Rede wird in allen Bundesgenossen die Programmatik Luthers und seiner Anh\u00e4nger invertiert, indem hinter den Berufungen auf die Freiheit \u201aeigentliche\u2018 Beweggr\u00fcnde dargeboten werden. So wie im Falle der Klosterfrauen die Wollust den Sprecher reitet, so sind es in anderen Streitfragen die V\u00f6llerei, die Trunksucht, die Besitzgier. Murners Narrenbeschw\u00f6rung \u201aentlarvt\u2018 so hinter der Programmatik der Gegner die eigentlichen Motive, welche mit den Tods\u00fcnden in Eins gesetzt werden. Dass die Bundesgenossen Eberlins von G\u00fcnzburg dabei als \u201eBauchgenossen\u201c verballhornt werden, liegt in der Fluchtlinie dieser polemischen Strategie: Es sind Affekte und s\u00fcndhafte Gier, welche ihre Reden begr\u00fcnden \u2013 nicht die Vernunft diktiert sie ihnen sondern vielmehr der gierige Bauch. Die vielen Narren, die aus Ohren, Taschen, Stiefeln und Wanst des gro\u00dfen Narren heraustreten, entfalten so eine Redevielfalt reformatorischer Positionen in satirisch-polemischer Gegenrede. Hier hat sich seit Brants Narrenschiff und Murners Narrenbeschw\u00f6rung grunds\u00e4tzlich etwas ge\u00e4ndert. Adressiert werden im \u201eGro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c weder Laster noch Vergehen der Menschen in bu\u00dfpredigthafter Manier. Durch Murners Exorzismen wird vielmehr die Reformation als diskursive Formation besprochen, als Gesamtheit der Propositionen, der Medien, welche diese verbreiten, und der Machtstrukturen, die den Diskurs organisieren. Dieses Konstrukt wird im \u201eGro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c allegorisch verk\u00f6rpert, beschworen und am Ende (in der Bestattung des Narren) aus der Welt geschafft.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich komme zum Schluss. Wir konnten sehen, wie Murner mit dem \u201eGro\u00dfen Lutherischen Narren\u201c an Brants Narrenschiff und die eigene Narrenbeschw\u00f6rung von 1512 ankn\u00fcpft. Er hatte seinerzeit Brants Narrenparade um eine exorzistische Figur erg\u00e4nzt, die nun mit Blick auf den Diskurs der Reformation als solchen neu funktionalisiert wird. Murner entfaltet seine satirische Rede diskursiv aus Programmatik und konfessionspolemischer Publizistik Luthers und seiner Anh\u00e4nger. Dabei rekurriert er medien\u00fcbergreifend auch auf alle in j\u00fcngster Zeit erschienenen Ver\u00f6ffentlichungen, die sich gegen ihn positionierten: Karsthans, Murnerus Leviathan, Flugbl\u00e4tter und Karikaturen, Schw\u00e4nke \u00fcber Murner und Bruder Stiefels Lied. Auch Eberlins von G\u00fcnzburg Bundesgenossen enthielten Anspielungen auf Murner. Aus all diesen Elementen formt er einen Diskurs, den er in exorzistischer Verkehrung, in mutwilliger Inversion vorf\u00fchrt. Die reformatorische Rhetorik von Freiheit, Evangelium und Wahrheit denunziert er als allein auf Umsturz und Chaos gerichtete s\u00fcndhafte Verblendung. Er entfaltet mithin gezielt einen Gegendiskurs zur Reformation. Er funktionalisiert daf\u00fcr nicht nur die verschiedenen Rederegister, sondern bedient sich aus den Ressourcen literarischer Formen, indem er heldenepische und chronikale Erz\u00e4hlmuster, Schwankm\u00e4ren und Fastnachtspiele, groteske, grobianische und burleske Elemente integriert. Konfessionspolemische Replik und literarischer Wettstreit mit seinen Gegnern kommen dabei \u00fcberein. Dem literarischen Sieg \u00fcber die Gegner entsprach kein Triumph \u00fcber Luther und die Reformation in der Wirklichkeit. 1521 konnte Murner noch nicht ahnen, dass sich seine Erwartung von Luthers Endes nicht erf\u00fcllen w\u00fcrde. Machtvoll setzte sich die Reformation des Glaubens in vielen Regionen durch und pr\u00e4gte weiterhin nicht nur die deutschsprachigen L\u00e4nder.<br>Noch ein letztes Wort zum aggressiven Ton des Textes. Der \u00e4thiopische Prinz Asfa-Wossen Asserate, der der breiten \u00d6ffentlichkeit durch sein erfolgreiches Buch \u00fcber Manieren bekannt ist, berichtete in einem Interview \u00fcber einen bleibenden Eindruck, den ihm Deutschland vermittelte. Er erlebte, wie Gegner sich \u00f6ffentlich in politischen Auseinandersetzungen bek\u00e4mpften und hinterher friedlich ein Bier zusammen tranken. Diese Vorstellung des politischen Gegners \u00fcberraschte ihn. In Afrika, berichtete er, habe man keine Gegner, sondern Feinde und das Ziel sei ihre totale Vernichtung. Zweifellos waren Luther und Murner so betrachtet keine Gegner, sie waren ultimative Feinde. In unseren Tagen nun scheint es so, als ob der zivilisatorische Gewinn, der mit politischer Gegnerschaft erreicht ist, leichtfertig aufgegeben wird, um durch Hassrede und Invektiven eine Kultur der Feindschaft zu befestigen. Heute fasziniert an konfessions-polemischer Hassrede des 16. Jahrhunderts vielleicht ihre Originalit\u00e4t und ihre rhetorische Wucht. Der furor der Vernichtung jedoch, der sich auch in ihr \u00e4u\u00dfert, sollte uns befremden und uns veranlassen, hin und wieder ein gelassenes Gespr\u00e4ch mit unseren Gegnern zu f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"431\" height=\"594\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-04.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-316\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-04.jpg 431w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Tobias-Bulang-04-218x300.jpg 218w\" sizes=\"(max-width: 431px) 100vw, 431px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Tobias Bulang: Tomas Murnrs konfessionspolemische Medienstrategien und ihre literarischen Traditionen. Von dem gro\u00dfen Lutherischen Narren, in: Massimiliano De Villa, Barbara Sasse (Hg.), Reformation des Glaubens, Reformation der K\u00fcnste. Riforma della fede, riforma delle arti, Rom 2021, 63\u201379.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eVon dem gro\u00dfen Lutherischen Narren\u201cvon Prof. Dr. Tobias Bulang, Universit\u00e4t Heidelberg Beitrag anl\u00e4sslich der Luther-Festspiele 2021 W\u00fcrde man uns heute, mittels einer Zeitmaschine vielleicht, in das Jahr 1521 und die Stadt Stra\u00dfburg versetzen \u2013 so w\u00fcrde das f\u00fcr die meisten von uns keine angenehme Erfahrung sein. Die fr\u00fchneuzeitliche Stadt war zu jener Zeit alles andere &#8230; <span class=\"more\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/konfessionspolemische-hassrede-im-zeichen-des-tieres\/\">[Read more&#8230;]<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":18,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/311"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=311"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/311\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":339,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/311\/revisions\/339"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/18"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=311"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}