{"id":306,"date":"2022-02-04T12:20:37","date_gmt":"2022-02-04T11:20:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/?page_id=306"},"modified":"2022-02-04T12:23:02","modified_gmt":"2022-02-04T11:23:02","slug":"literarische-stimmen-von-frauen-der-reformationszeit","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/literarische-stimmen-von-frauen-der-reformationszeit\/","title":{"rendered":"Literarische Stimmen von Frauen der Reformationszeit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Gisela Neumeister<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Gisela-Neumeister.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-307\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Gisela-Neumeister.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Gisela-Neumeister-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2022\/02\/Gisela-Neumeister-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Olympia Fulvia Morata (1526-1555), die erste Frau, die an einer deutschen Hochschule lehrte.<br>Bild Wikipedia<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Reformation wirkte sich auf das Leben vieler Frauen aus, griff in ihre bisherigen Daseinswelten ein und er\u00f6ffnete ihnen zum Teil erweiterte Handlungsspielr\u00e4ume.<br>M\u00f6chte man sich heute mit dem Thema \u201eFrauen und Reformation\u201c besch\u00e4ftigen, ist auf der Suche nach Informationen, Aufs\u00e4tzen oder B\u00fccher, so ist die Auswahl fast un\u00fcberschaubar. Noch vor 50 Jahren war das ganz anders. Mit Ausnahme von Katharina von Bora oder Katharina Sch\u00fctz-Zell waren die Frauen dieser Zeit schlicht und einfach wieder mal vergessen worden. Zu sehr standen Luther, andere Reformatoren und die religi\u00f6sen und politischen Entwicklungen des 16. Jahrhunderts im Vordergrund.<br>In mehreren Wellen ab den 1970er Jahren, mit Beginn einer allgemeinen intensivierten Frauenforschung, gibt es nun ausreichend Material. Vieles wurde wiederentdeckt, Einzelschicksale n\u00e4her beleuchtet und der Versuch unternommen, alles in die gro\u00dfen Zusammenh\u00e4nge zu stellen. Wie war der Status der Frau, was sagten die Reformatoren zu den Frauen, was \u00e4nderte sich durch Luthers Schriften. Dies immer wieder mit der Frage verbunden, was die Reformation f\u00fcr die Frauen gebracht oder ihr Leben ver\u00e4ndert hat.<br>Es ist ein gro\u00dfes Thema geworden, so dass im Folgenden nur einiges angerissen und vieles ausgelassen werden muss. Die Frauen der Reformatoren und die F\u00fcrstinnen, die aufgrund ihrer Stellung Einfluss nahmen oder politisch die reformatorische Bewegung unterst\u00fctzten, sind aus diesen Gr\u00fcnden ausgelassen worden.<br>Mit meinen ausgesuchten Beispielen m\u00f6chte ich versuchen, die Bandbreite dieser Frauengeschichten darzustellen, durch bekannte und eher vielleicht unbekannte Pers\u00f6nlichkeiten. Es sind Frauen, die sich in der Fr\u00fchzeit der Reformation in Flug- und Streitschriften ge\u00e4u\u00dfert haben. Allen ist gemein, dass sie gebildet waren, ihre \u00dcberzeugungen kundtun wollten, direkt eingebunden in die religi\u00f6sen Ver\u00e4nderungen waren und meist sehr gute Bibelkenntnisse hatten.<br>Mit seinen Hauptschriften von 1520, besonders durch \u201eVon der Freiheit eines Christenmenschen\u201c, legte Luther die Grundlage f\u00fcr M\u00e4nner und besonders f\u00fcr Frauen, auch von dieser Freiheit Gebrauch zu machen. Der \u201eLaienstand\u201c begann sich in religi\u00f6se Belange einzumischen, die neuen Lehren zu diskutieren, weiter zu verbreiten. Das geschah insbesondere durch das neue Medium des Buchdruckes in Gestalt von Flugschriften, \u00dcberzeugungen konnten einer gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit bekannt gemacht werden. Zwischen 1521 und 1525 erreichte diese Plattform einen H\u00f6chststand. Und in dieser Zeit haben sich die meisten der Frauen \u00f6ffentlich ge\u00e4u\u00dfert. Sei es zu bestimmten Anl\u00e4ssen, zur Verteidigung der neuen Lehren oder als Kritik dagegen. Das stie\u00df oftmals auf Ablehnung, denn eigentlich war es doch eine M\u00e4nnerdom\u00e4ne. Weiterhin entwirft Luther durch seine Schrift \u201eVom ehelichen Leben\u201c (1522) und seinem \u201eTraub\u00fcchlein\u201c von 1529 ein neues Eheverst\u00e4ndnis. Hausfrau und Mutter sein wird das neue Ideal unter der F\u00fchrung des Mannes. F\u00fcr Luther ist die Ehe die \u201eerste Ordnung Gottes\u201c. Gleichzeitig wertete er das monastische Leben ab. Ab den 1520er Jahre gibt es eine Heiratswelle unter den Reformatoren, unter ehemaligen M\u00f6nchen und Priestern, nur Luther l\u00e4sst sich noch etwas Zeit.<br>Luther spricht von der Gleichwertigkeit von Mann und Frau, von der gemeinsamen Aufgabe, Kinder zu bekommen und sie im rechten Glauben zu erziehen, daher ist auch die Bildung der Frau wichtig. Doch sind Luthers \u00c4u\u00dferungen zu Frauen oft widerspr\u00fcchlich wie diese zwei Beispiel zeigen: \u201eM\u00e4nner haben eine breite Brust und kleine H\u00fcften, darum haben sie auch mehr Verstand, denn die Weiber, welche enge Br\u00fcste haben und breite H\u00fcften und Ges\u00e4\u00df, da sie sollen daheimbleiben. Im Haus sitzen, haushalten, Kinder tragen und ziehen.\u201c<br>\u201eStellt euch vor, es g\u00e4be das weibliche Geschlecht nicht. Das Haus und was zum Haushalt geh\u00f6rt, w\u00fcrde zusammenst\u00fcrzen, die Staaten und die Gemeinden gingen zugrunde. Die Welt kann also ohne Frauen nicht bestehen, sogar wenn die M\u00e4nner die Kinder selbst auf die Welt bringen k\u00f6nnten.\u201c<br>Schon Ende des 15. Jahrhunderts begann in europ\u00e4ischen Gelehrtenkreisen ein Disput \u00fcber den \u201eWert der Frau\u201c. Diese Auseinandersetzungen, an der sich anfangs nur M\u00e4nner und sp\u00e4ter etliche Frauen beteiligten, werden zusammengefasst unter dem Begriff \u201eQuerelle des femmes \u2013 der Streit um die Frauen\u201c, die bis ins 17. und 18. Jahrhundert hinein reichen.<br>Da h\u00f6ren wir viel Lob \u00fcber die Frau von Erasmus von Rotterdam, \u00fcber die F\u00f6rderung von Bildung f\u00fcr sie, aber auch: \u201eDie B\u00fccher trocknen den Weibern das Gehirn aus, und sie haben davon zu wenig\u201c. Der franz\u00f6sische Reformator Theodore de B\u00e8ze schreibt: \u201eSolange sie auf Erden weile, dem Gatten sie zur Hilfe eile\u201c. Der deutsche Humanist Conrad von Nettesheim h\u00e4lt dagegen die Unterdr\u00fcckung der Frau f\u00fcr eine Ungerechtigkeit. Die M\u00e4nner w\u00fcrden nur so handeln, weil sie Angst haben, die Frauen k\u00f6nnten sie geistig \u00fcberfl\u00fcgeln. Die Humanisten sind auf der Suche nach dem Typ der \u201eNeuen Frau\u201c als gleichrangige Gef\u00e4hrtin in einer gelehrten Ehe. (siehe Opitz-Belakhal)<\/p>\n\n\n\n<p>Die erste Frau, die ich ihnen vorstellen m\u00f6chte, entspricht diesem Bild. Sie erf\u00fcllt besonders das humanistische Frauen-Ideal der Zeit, sie ist eine \u201edocta poeta\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Olympia Fulvia Morata, geb. 1526 in Ferrara \u2013 gest. 1555 in Heidelberg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNiemals erfreute das Herz aller Menschen ein und dasselbe,<br>niemals gab gleichen Sinn Zeus allen Menschen zugleich.<br>Rossebez\u00e4hmer war Kastor, im Faustkampf stark Polydeukes<br>Stammten vom selben Schwan beide Helden doch ab!<br>Ich, zwar Frau von Geburt, verlie\u00df doch die Werke der Frauen:<br>K\u00f6rbe und Spulen im Garn, F\u00e4den vom Zettel gespannt.<br>Mir schenken Freude die bl\u00fchenden Auen der Musen,<br>Die Ch\u00f6re auf dem hohen Parna\u00df, der sich zweifach erhebt.<br>Andere Frauen m\u00f6gen an anderen Dingen sich freuen:<br>Dies allein bringt mir Ruhm, dies allein ist mein Gl\u00fcck.\u201c<br>(ca. 1540, von ihr in Griechisch und Latein verfasst, \u00dcbersetzung aus: Olympia, S.51)<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Lesen dieses Gedichtes wird deutlich, was f\u00fcr Olympia wichtig gewesen ist. Ihre Liebe galt der literarischen Welt der Antike und den alten Sprachen. Es war ihr Lebensprogramm und ungew\u00f6hnlich f\u00fcr eine Frau des 16. Jahrhunderts. Mit 15 Jahren hielt sie schon \u00f6ffentliche Vorlesungen \u00fcber antike Politiker, Schriftsteller und Philosophen. Sie war ein Wunderkind, wie Sonja Domr\u00f6se feststellt.<br>Geboren wurde sie 1526 in Italien, in Ferrara. Ihr Vater war Professor f\u00fcr Rhetorik und Poetik, auch Lehrer am Hof des Herzogs. Er bildete seine Tochter ganz im Sinne des Humanismus aus. Einige Jahre verbachte die Familie in anderen St\u00e4dten Oberitaliens und dort lernte ihr Vater den Humanisten und Theologen Celio Secundo Curione kennen, der ihn mit der reformatorischen Lehre bekannt machte. Curione blieb ein Leben lang f\u00fcr Olympia ein v\u00e4terlicher Freund. 1539 kehrte die Familie nach Ferrara zur\u00fcck. Ihr Vater wurde Erzieher der S\u00f6hne von Herzog Ercole II. Als Gesellschafterin der Tochter Anna d\u2018Este wurde Olympia weiter ausgebildet. Besonders freundschaftlich verbunden war sie mit der calvinistisch gesinnten Herzogin Renata, die Glaubensfl\u00fcchtlingen Zuflucht und Unterst\u00fctzung gew\u00e4hrte. Noch herrschte in Ferrara ein religions-liberales Klima, doch das \u00e4nderte sich in dieser Zeit. Olympias Vater erkrankte und starb 1548. Sie wurde vom Hof ausgeschlossen, die genauen Gr\u00fcnde kennt man nicht. R\u00fcckblickend schreibt sie:<br>\u201eGott hat sich n\u00e4mlich in unserem Ungl\u00fcck gn\u00e4dig gezeigt, ja, ich bin sogar froh, dass mir das alles widerfahren ist; denn wenn ich l\u00e4nger am Hof geblieben w\u00e4re, w\u00e4re es um mich und mein Heil geschehen gewesen. Niemals n\u00e4mlich konnte ich, solange ich dort lebte, etwas Hohem und G\u00f6ttlichem Verehrung entgegenbringen noch die B\u00fccher des Alten und Neuen Testaments lesen. .. diese kurzlebigen, fl\u00fcchtigen und hinf\u00e4lligen Dinge (haben) kein so gro\u00dfes Verlangen in mir geweckt, sondern Gott hat in mir die Sehnsucht entz\u00fcndet, in jenem himmlischen Hause zu wohnen, in dem nur einen einzigen Tag zu verweilen k\u00f6stlicher ist als tausend Jahre an diesen F\u00fcrstenh\u00f6fen. Und so habe ich mich ganz theologischen Studien zugewendet.\u201c (Domr\u00f6se, S.162)<br>Um 1550 heiratete sie den deutschen Mediziner Andreas Grundler und da sich f\u00fcr evangelisch Gesinnte das Klima zunehmend verschlechterte, gingen sie nach Deutschland. Ihren Bruder Emilio nahm sie mit, ihre Mutter und Schwestern blieben in Italien.<br>Grundler erhielt eine Stelle als Stadtarzt in seiner Heimatstadt Schweinfurt. Dort intensivierte sie ihre religi\u00f6sen Studien, schrieb Bearbeitungen von Psalmen, stand in regem Austausch mit deutschen Humanisten, unterrichtete ihren Bruder und weitere Sch\u00fcler.<br>So sprachbegabt wie sie war, das Erlernen des Deutschen fiel ihr sehr schwer, literarisch arbeitete sie weiterhin in Griechisch und Latein.<br>Es waren unruhige Zeiten, kriegerische Auseinandersetzungen durchzogen das Land, auch die Stadt Schweinfurt wurde Schauplatz und die Eheleute flohen kurz vor der Zerst\u00f6rung der Stadt. Dadurch hatten sie alles verloren, der Verlust der meisten ihre Schriften war besonders schmerzlich. Die Flucht f\u00fchrte sie \u00fcber mehrere Stationen nach Heidelberg. Ihrem Mann wurde dort 1554 ein Lehrstuhl f\u00fcr Medizin angeboten.<br>In der Literatur ist man sich immer noch uneins, ob auch ihr ein Lehrstuhl f\u00fcr Griechisch an der Universit\u00e4t in Aussicht gestellt worden ist. Es w\u00e4re schon revolution\u00e4r gewesen f\u00fcr diese Zeit. Der Chronist und kurf\u00fcrstliche Sekret\u00e4r Hubert Thomas Leodius schreibt: \u201eBeide wurden sie von unserem F\u00fcrsten hierher aufgenommen zur Zierde f\u00fcr unsere Universit\u00e4t, er, um sich der Medizin zu widmen, sie, damit sie den Umgang mit griechischen Texten lehre. Dies hat sie bis jetzt hinausgeschoben, da sie von Krankheit befallen ist.\u201c (Domr\u00f6se, S.170)<br>Von dieser erw\u00e4hnten Krankheit erholte sie sich nicht, die wohl auf die vorangegangenen Strapazen der Flucht zur\u00fcck zu f\u00fchren ist. Olympia Fulvia Morata stirbt 1555 mit 29 Jahren. Ein Epitaph befindet sich in der sogenannten Universit\u00e4tskapelle der Peterskirche in Heidelberg. Ihr Mann und ihr Bruder Emilio starben kurze Zeit sp\u00e4ter an der Pest.<br>Eine erste Sammlung ihrer Werke und Briefe gab ihr v\u00e4terlicher Freund Curione bereits 1558 in Basel heraus. Einer der sp\u00e4teren Sammlungen ist ein Gedenkblatt vorangestellt, dort hei\u00dft es: \u201eDer Olympia Fulvia Morata Gruntlera, die einst, von Gestalt ein Weib, an Geist gr\u00f6\u00dfer als ein Mann, mit einem Herzen, das allein Christus fassen wollte, die ganze Welt verschm\u00e4hte.\u201c (Domr\u00f6se, S. 173)<\/p>\n\n\n\n<p>Als Briefeschreiberin wird sie bezeichnet:<br><strong>Argula von Grumbach, geb. von Stauff, 1490 \u2013 1554<\/strong><br>Argula wurde 1490 in der N\u00e4he von Regensburg geboren, ihre Familie geh\u00f6rte dem Hochadel an, ein bildungsfreundliches und frommes Elternhaus. Mit 16 Jahren kam sie als Hofdame nach M\u00fcnchen, zur Herzogin Kunigunde, wo sie mit deren T\u00f6chtern unterrichtet wurde. In dieser Zeit starben beide Eltern an der Pest.<br>1510 heiratete sie Friedrich von Grumbach, einen hohen Beamten in Diensten des bayerischen Herzogs, aus einer einflussreichen Familie in Franken stammend. Sie f\u00fchrten ein gutsituiertes und reges gesellschaftliches Leben, 4 Kinder wurden geboren.<br>Argula nahm gro\u00dfen Anteil an den Ver\u00e4nderungen der Zeit und der beginnenden reformatorischen Bewegung. Sie hatte Briefkontakt mit vielen Gleichgesinnten, auch mit Spalatin und Luther, sie las alle seine Schriften. Ihr Mann hingegen war daran nicht interessiert. Gerade solche Briefkontakte ergaben ein Netzwerk zur Verbreitung des reformatorischen Gedankengutes und zum Austausch untereinander.<br>Im Herbst 1523 h\u00f6rte sie von der Situation des Theologen Arsacius Seehofer, der an der Universit\u00e4t von Ingolstadt in seine Vorlesungen lutherische Auslegungen der Bibel mit eingebracht hatte. Nach dem Religionsmandat des bayerischen Herzogs von 1522 war es verboten, Lehren und Schriften Luthers zu verbreiten und zu diskutieren. Seehofer wurde zum Widerruf gezwungen und in ein Kloster verbannt.<br>Dieses konkrete Ereignis emp\u00f6rte Argula, denn niemand hatte sich bisher f\u00fcr Seehofer eingesetzt. Sie schrieb einen Brief an die Universit\u00e4t (Johann Eck) und an den Herzog von Bayern, sp\u00e4ter ebenso an den Rat von Ingolstadt. Und es waren keine Bittschreiben, sondern eher Streitpapiere. Sie mischte sich ein in Politik, kritisierte das Vorgehen der Universit\u00e4t, argumentierte geschickt und mit biblischen Bez\u00fcgen und Belegen \u2013 und das als Frau!<br>Sie berief sich auf die Heilige Schrift und ihr Gewissen, setzte das Sola-Scriptura- Prinzip und Luthers Lehre vom allgemeinen Priestertum um: M\u00e4nner und Frauen k\u00f6nnen \u00f6ffentlich f\u00fcr ihren Glauben eintreten. Sie forderte die Gelehrten auf, sich mit ihr theologisch auseinanderzusetzten, allerdings bitte auf Deutsch, Latein k\u00f6nne sie nicht.<br>\u201eWie eyn Christliche fraw des adels, in Beyern durch iren, in Gotlicher schrift, wolgegr\u00fcndten Sendtbrieffe, die Hohenschul zu Ingoldstat, vmb das sie aynen Evangelischen Jungling, zu widersprechung des wort Gottes betrangt haben, straffet.\u201c<br>Ihr Schreiben beginnt mit dem Zitat aus Joh. 12, 46 \u2013\u201eIch bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.\u201c Und f\u00e4hrt fort: \u201eSolche Wort, von Gott selbs gerededt, sind mir allezeit vor Augen; denn es werden weder Frauen noch Mann darinnen ausgeschlossen. Aus diesem werde ich gedrungen euch zu schreiben\u2026\u201c Zum konkreten Fall des Theologen Seehofer schreibt sie: \u201cZeiget mir, wo es stehet? Ihr hohen Meister, ich finde es an keinem Ort der Bibel, da\u00df Christus noch seine Apostel oder Propheten gekerckert, gebennet noch gemordet haben, oder das Land verboten.\u201c Sie beendet ihren Brief mit: \u201eIch habe euch kein Frauengeschw\u00e4tz geschrieben, sondern das Wort Gottes als Glied der christlichen Kirche.\u201c<br>Sie sparte nicht mit Kritik an den Missst\u00e4nden in der Kirche, den ungebildeten Pfaffen und den wirtschaftlichen Privilegien der Geistlichkeit. Diese Sendbriefe wurden im September verschickt und schon im Oktober als Flugschriften gedruckt, in N\u00fcrnberg, Basel, Augsburg und Stra\u00dfburg. Das geschah ohne ihr Zutun. Die Schriften stie\u00dfen bei den Zeitgenossen auf gro\u00dfe Resonanz und wurden zu \u201eVerkaufsschlagern\u201c.<br>Sie schrieb eine weitere Reihe von Flugschriften 1523 und 1524 zur Verteidigung der lutherischen Lehre und ver\u00f6ffentlichte sie unter ihrem M\u00e4dchennamen Argula von Stauff.<br>Darin schreibt sie u.a.: \u201eAuch wenn es dazu kommen sollte, wovor Gott sei, dass Luther widerruft, so soll es mir nichts zu schaffen machen. Ich baue nicht auf sein, mein oder sonst eines Menschen Verstand, sondern allein auf den wahren Felsen Christus selber.\u201c<br>Die folgenden Zahlen stammen aus dem Buch von Dorothee Kommer \u201eReformatorische Flugschriften von Frauen\u201c aus dem Jahr 2013: Ihre insgesamt 8 Flugschriften hatten 29 Auflagen mit ca. 29000 Druckexemplaren. Davon alleine 15 Auflagen ihres Schreibens an die Universit\u00e4t. Bereits 1524 erschien eine Sammelschrift ihrer 5 ersten Flugschriften. Diese Zahlen sind schon fast vergleichbar mit Luthers Ver\u00f6ffentlichungen in diesem Zeitraum. Vielleicht erzielte sie auch deshalb diese gro\u00dfe Wirkung, da die Schrift aus der Hand einer Frau kam?<br>Einige Flugschriften erhielten einen Holzschnitt \u2013 eine einfache Frau mit der Bibel in der Hand steht mehreren Gelehrten gegen\u00fcber. Der Fehdehandschuh ist ausgezogen.<br>Sie war Anfeindungen ausgesetzt, aber auf ihre Streitschriften geantwortet hat ihr niemand. Nur ein anonymes Spottgedicht war die einzige Reaktion, dort hei\u00dft es am Anfang:<br>\u201eFrau Argel, arg ist euer Nam, viel \u00e4rger, dass ihr ohne Scham, und alle weiblich Zucht vergessen, so frevel seid und so vermessen, dass ihr euren F\u00fcrsten und Herren, erst wollt einen neuen Glauben lehren. Und euch daneben untersteht, ein ganze Universit\u00e4t zu strafen und zu schimpfieren mit eurem n\u00e4rrischen Allegieren.\u201c<br>Der Autor erinnert sie an das Schweigen der Frau in der Kirche, sie solle nicht \u201emit gottes wortten Stolzieren vnd die Menner leren\u201c , sondern solle \u201ehandarbeiten und wie Magdalena zuh\u00f6ren\u201c und die M\u00e4nner ehren \u201ein Furcht, Gehorsam, Zucht und Scham\u201c.<br>Dem Gedicht entsprechend antwortete sie in Reimform, obwohl sie meinte, dies w\u00e4re dem Anlass nicht angemessen und schrieb am Schluss:<br>\u201eWan es damit were au\u00dfgericht \/ K\u00f6ndt machen baldt ayn solch gedicht \/ hab nit vil Poeterey gelesen \/ auff hoch schulen auch nit gwesen \/ Doch mich nach ewern sytten gericht \/ Gleich yetzt gemacht mein erst gedicht\u2026\u201c<br>1530 traf Argula Martin Luther auf der Veste Coburg und besuchte den Reichstag in Augsburg. Ihr Auftreten hatte f\u00fcr die Familie Folgen, ihr Mann wurde vom Herzog entlassen, man hatte finanzielle Schwierigkeiten. Von ihr erschienen nach 1524 keine Schriften mehr. Nach dem Tod ihres Mannes heiratete sie erneut, einen evangelischen Grafen. Wir wissen noch vom Tod dreier ihrer Kinder und danach scheint sie recht zur\u00fcckgezogen gelebt zu haben und stirbt 1554.<br>In der Literatur wird sie als erfolgreichste Flugschriftenautorin bezeichnet und als erste Frau, die \u00f6ffentlich Partei ergriff f\u00fcr die Reformation. Die Gemeinde Lenting, in der sie lange Zeit lebte, hat ihr 2017 ein Denkmal gesetzt.<br>(Zitate aus: Kommer, Domr\u00f6se, Becker-Cantarino)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Marie Denti\u00e8re, 1490\/95 -1561<\/strong><br>Im Jahr 2002 erhielt sie eine W\u00fcrdigung als erste Theologin der franz\u00f6sisch-sprachlichen Reformation. Ihr Name wurde dem Reformationsdenkmal in Genf hinzugef\u00fcgt, als einzige Frau.<br>Marie Denti\u00e8re wurde geboren in Tournai im heutigen Belgien, war adeliger Abstammung und trat jung in einen Augustinnerinnen-Konvent ein, in dem sie sp\u00e4ter Priorin wurde.<br>Sie kam in Kontakt mit Schriften der Reformation und verlie\u00df um 1520 das Kloster. Sp\u00e4ter ging sie nach Stra\u00dfburg, heiratete dort 1524 den Prediger und fr\u00fcheren Priester Simon Robert, 1528 verzogen sie in die Schweiz. Nach seinem Tod heiratete sie Antoine Froment, ebenfalls Prediger und Mitarbeiter von Gauillaume Farel. Sie siedelten 1535 nach Genf. Es waren die unruhigen Zeiten des Umbruchs, bevor die Stadt ein Jahr sp\u00e4ter die unabh\u00e4ngige Republik Genf ausrief und die Reformation einf\u00fchrte.<br>Ihr Mann war Mit-Akteur der Umgestaltung, und sie unterst\u00fctzte aktiv das Geschehen.<br>\u00dcberliefert ist, dass sie \u00f6rtliche Ordensschwestern aufforderte, die Kl\u00f6ster zu verlassen und zu heiraten. In der Chronik der Genfer Klarisse Jeanne de Jussie wird ihr Auftreten wenig schmeichelhaft geschildert:<br>\u201cIn dieser Gesellschaft befand sich eine Nonne, eine \u00c4btissin, eine falsche hutzelige Teufelszunge, die Ehemann und Kinder hatte, namens Marie Denti\u00e8re aus der Picardie, die sich in das Predigtamt eindr\u00e4ngte und fromme Leute zum Abfall brachte.\u201c<br>Austausch und briefliche Kontakte pflegte sie mit verschiedenen Reformatoren. 1536 verfasste sie das Buch \u201eKrieg und Befreiung der Stadt Genf\u201c. Darin schilderte sie die Verh\u00e4ltnisse und Ver\u00e4nderungen der letzten 30 Jahre, von den politischen und religi\u00f6sen K\u00e4mpfen vor der Zeit Calvins. Dieser Bericht erschien allerdings anonym und wurde erst im nachherein ihr zugeschrieben.<br>1539 ver\u00f6ffentlichte sie, jetzt unter ihren Namen, eine Schrift in Form eines Briefes an die K\u00f6nigin von Navarra \u201eEpistre tr\u00e8s utile \u2013 H\u00f6chst dienliches Schreiben\u201c. Darin enthalten ist der Abschnitt \u201eVerteidigung der Frauen\u201c, in dem sie sich f\u00fcr die aktive Teilnahme der Frauen am Leben in der Gesellschaft und besonders der Kirche einsetzt. In dem Werk stellt sie u.a. das paulinische Schweigegebot f\u00fcr Frauen infrage und fordert das Recht ein, zumindest von Frau zu Frau, das Wort zu ergreifen, denn der Gabe zur Verk\u00fcndigung der Frohen Botschaft als Gnade Gottes d\u00fcrfe sich niemand entziehen. \u201eWeil das, was Gott euch gegeben hat, und was er uns Frauen offenbart hat, wir ebenso wenig wie die M\u00e4nner verbergen und in die Erde begraben d\u00fcrfen.\u201c<br>Wert und Wesen der Frau belegt sie mit zahlreichen Beispielen ber\u00fchmter Frauengestalten aus der Bibel: \u201eGab es eine gr\u00f6\u00dfere Predigerin als die Samaritherin, die sich nicht scheute, Jesum und sein Wort zu predigen, sich offen vor aller Welt zu ihm zu bekennen, sobald sie ihn hatte sagen h\u00f6ren, dass wir Gott in Geist und Wort verehren sollen?\u201c Und in anderem Zusammenhang fragt sie: \u201eHaben wir zwei Evangelien? Eines f\u00fcr M\u00e4nner, und ein anderes f\u00fcr Frauen?\u201c Sie fordert die Frauen auf, die Bibel zu lesen und sich aktiv einzumischen. Nat\u00fcrlich sparte sie auch nicht an Polemik gegen die Dogmen der Katholischen Kirche. Diese schon fast feministisch formulierten Feststellungen, die darin ebenfalls enthaltene Kritik an den derzeitigen Kirchenoberen (die Reformatoren Farel und Calvin waren zwischen 1535 \u2013 1541 der Stadt verwiesen worden) und die Tatsache, dass die Schrift von einer Frau verfasst worden war, hatten ein Eingreifen des Genfer Stadtrates zur Folge. Ihre Schriften wurden eingezogen und verbrannt, der Verleger zeitweise inhaftiert.<br>Nur noch einmal findet sich etwas Schriftliches von ihr, \u00fcber 20 Jahre sp\u00e4ter. Sie schreibt ein Vorwort zu einer Predigt von Calvin \u00fcber die \u201eSchicklichkeit der reformierten Kleidung\u201c.<br>Das Verh\u00e4ltnis Calvin \u2013 Denti\u00e8re war allerdings nicht das Beste, da sie sich nicht mit der Rolle einer Pfarrfrau begn\u00fcgte und so weiterhin \u00f6ffentlich gepredigt haben soll. Calvin bezeichnete sie als \u201eaufs\u00e4ssige Frau\u201c, die \u201e\u2026in allen Kraml\u00e4den, auf allen Stra\u00dfen predigt\u201c.<br>\u00dcber ihr weiteres Leben wissen wir wenig. Ihr Mann \u00fcbernahm eine Pfarrstelle s\u00fcdlich des Genfer Sees und zusammen er\u00f6ffneten sie ein kleines Pensionat mit einer Bildungsm\u00f6glichkeit f\u00fcr junge M\u00e4dchen. Sie stirbt 1561.<br>Eine Rolle als Frau im religi\u00f6sen Leben im reformierten Genf hatte Marie Denti\u00e8re erhofft und wurde entt\u00e4uscht. Ihre Schriften wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts wiederentdeckt.<br>(nach Christina L. Griffiths, Zitate ebenda)<\/p>\n\n\n\n<p>Die Kehrseite der Medaille:<br><strong>Barbara\/Caritas Pirckheimer, 1467 &#8211; 1532<\/strong><br>Sie war die Tochter des Juristen und Diplomaten Johannes Pirckheimer und seiner Frau Barbara. Die Familie geh\u00f6rte zur Oberschicht der Patrizier in N\u00fcrnberg und besa\u00df eines der gr\u00f6\u00dften Handelsh\u00e4user der Zeit. Die Kinder, auch die T\u00f6chter, erhielten eine sehr gute Ausbildung \u201eim Geiste des Humanismus\u201c. Mit 12 Jahren kam sie zur weiteren Erziehung in die Klosterschule der Klarissen, 4 Jahre sp\u00e4ter trat sie dem Orden bei und \u00e4nderte ihren Namen in Caritas.<br>Fr\u00fch unterhielt sie regen Kontakt mit vielen Gelehrten, unter anderem mit dem Humanisten und Dichter Konrad Celtis, der 1502 den Briefwechsel mit ihr publizierte. Dadurch wurde sie bekannt und immer wieder ger\u00fchmt f\u00fcr ihre Klugheit. Mit 36 Jahren wurde sie \u00c4btissin.<br>Die Stadt N\u00fcrnberg war 1525 eine der ersten St\u00e4dte, die per Ratsbeschluss die Reformation einf\u00fchrte. Daraufhin sollten die Kl\u00f6ster aufgel\u00f6st werden, aber nicht durch Gewalt, sondern durch \u00dcberzeugungsarbeit \u2013 wie man es ausdr\u00fcckte. Die bereits um 1520 einsetzende Kritik am Leben der Frauen im Kloster, stie\u00df bei ihr auf v\u00f6lliges Unverst\u00e4ndnis.<br>In N\u00fcrnberg durften fortan keine M\u00f6nche mehr in den Frauenkl\u00f6stern predigen, keine Beichte abnehmen. Sie wurden ersetzt durch evangelische Pfarrer. In ihrem Kloster ignorierten die Nonnen deren Predigten, ein innerer Widerstand begann. Sie entwickelten eigene Rituale, l\u00e4uteten trotz Verbotes die Glocken zum Stundengebet. Caritas schrieb viele Bittgesuche an den N\u00fcrnberger Rat, das Kloster nicht aufzul\u00f6sen und ihnen ihre Lebensweise weiterhin zu gestatten. Dies geschah immer in Absprache mit ihren Mitschwestern, von denen keine das Kloster verlassen wollte. Es kam vermehrt zu Auflagen und sogar zu \u00dcbergriffen. Eltern wollten ihre T\u00f6chter gewaltsam aus dem Kloster holen. In weiteren Beschl\u00fcssen des Rates wurde u.a. vorgeschrieben, dass die Schwestern weltliche Kleidung tragen und die \u00c4btissin sie von ihren Gel\u00fcbden entbinden sollte.<br>\u00dcber diese Vorg\u00e4nge sind wir nicht nur \u00fcber ihre zahlreichen Schreiben an den Rat informiert, sondern Caritas verfasste zwischen 1524 &#8211; 1528 eine \u201eDenkschrift\u201c, eine interne Chronik der Ereignisse. Darin berichtet sie \u00fcber den Alltag der Nonnen und \u00fcber die beginnenden Repressalien. Zur Ver\u00f6ffentlichung war das nicht gedacht, f\u00fcr uns heute ein Zeitdokument. Die Chronik ist handschriftlich erhalten und wird als eine der ersten deutschen autobiographischen Schriften bezeichnet.<br>Durch die Vermittlung ihres Bruders Willibald fand ein Gespr\u00e4ch zwischen ihr und Philipp Melanchthon statt, sie berichtet: \u201cEr war bescheidener mit seiner Rede wie ich noch keinen lutherischen geh\u00f6rt habe\u2026 Er schied mit guter Freundschaft von uns.\u201c Es war ein verst\u00e4ndnisvolles Gespr\u00e4ch, auf Augenh\u00f6he, allein in der Frage des Gel\u00fcbdes, f\u00fcr sie unaufl\u00f6sbar, da man Gott gegebene Versprechen halten m\u00fcsse, standen sie auf verschiedenen Seiten. (nach Domr\u00f6se S.111)<br>Melanchthon setzte sich aber beim Rat der Stadt f\u00fcr den Erhalt des Klosters ein und hatte begrenzten Erfolg. Allerdings durften keine neuen Nonnen mehr aufgenommen werden, auch die geistliche Betreuung durch Priester blieb verwehrt.<br>Caritas starb 1532. Bis 1596 blieb das Kloster bestehen.<br>Bei diesem Treffen, in ihren Briefen und in der Denkschrift berief sie sich stets auf die freie Entscheidung ihres Gewissens, dass sie zum Ma\u00dfstab ihres Handels und Denkens machte. Zur \u201eFreiheit eines Christenmenschen\u201c geh\u00f6rte f\u00fcr sie auch, im Kloster bleiben zu d\u00fcrfen. Sie empfand ihr Leben dort als Freiraum. Dazu Anne Conrad:<br>\u201eDem Argument der Reformatoren, die das Kloster als Gef\u00e4ngnis brandmarken, aus dem die Klosterinsassen zu befreien seien, und die die Ordensgel\u00fcbde angesichts der christlichen Freiheit als nichtig ansahen, begegnet sie mit dem Verweis auf Freiheit im doppelten Sinn: Zum einen sei f\u00fcr Frauen im Kloster mehr Freiheit als in der Ehe gegeben, zum anderen sei es eine Sache der Freiheit des Gewissens, sich f\u00fcr eine bestimmte Lebensform zu entscheiden.\u201c<br>Ihre Schriften geben einen pers\u00f6nlichen Einblick in ein Frauenleben im Kloster, einer Alternative zum b\u00fcrgerlichen Leben. Sie zeigen die Problematik auf, die f\u00fcr diese Frauen mit der Aufl\u00f6sung ihrer Lebensgestaltung verbunden war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Elisabeth Cruciger, geb. von Meseritz, um 1504 \u2013 1535<\/strong><br>Ihr Leben ist nur punktuell nachvollziehbar, doch erhalten ist von ihr das Lied \u201eHerr Christ, der einig Gotts Sohn\u201c. Heute noch im Evangelischen Gesangbuch zu finden, als Melodie verwendete sie ein ihr bekanntes Marienlied, sp\u00e4ter komponierte Johann Sebastian Bach dazu eine Kantate.<\/p>\n\n\n\n<p>Herr Christ, der einig Gotts Sohn<br>Vaters in Ewigkeit,<br>aus seim Herzen entsprossen,<br>gleichwie geschrieben steht,<br>er ist der Morgensterne,<br>sein Gl\u00e4nzen streckt er ferne<br>vor andern Sternen klar;<br>f\u00fcr uns ein Mensch geboren<br>im letzten Teil der Zeit,<br>da\u00df wir nicht w\u00e4rn verloren<br>vor Gott in Ewigkeit,<br>den Tod f\u00fcr uns zerbrochen,<br>den Himmel aufgeschlossen,<br>das Leben wiederbracht:<\/p>\n\n\n\n<p>Ihr Geburtsdatum und Ort sind nicht genau \u00fcberliefert. Wohl um 1504 kam sie im \u00f6stlichen Pommern zur Welt. Ihre Familie geh\u00f6rte zum niederen Adel, sie kam in ein Kloster in der N\u00e4he von Treptow, vielleicht als Versorgungsst\u00e4tte. Hier erhielt sie eine gute Ausbildung, sie war theologisch gebildet und fr\u00fch soll sich ihr musikalisches Talent, ihre Liebe zur Musik gezeigt haben.<br>Johannes Bugenhagen, sp\u00e4ter ein enger Freund und Mitarbeiter Luthers und der als Begr\u00fcnder des lutherischen Kirchenwesens in Norddeutschland und D\u00e4nemark gilt, war zwischen 1504 und ca. 1520 der Rektor der Stadtschule in Treptow, damals schon bekannt f\u00fcr seine Bibelauslegungen. Er kam zum Unterricht in ihr Kloster und brachte die Ideen der reformatorischen Anf\u00e4nge mit. Dadurch f\u00fchlte sie sich angesprochen und das beeinflusste ihr weiteres Leben. Mit 18 Jahren verlie\u00df sie das Kloster und ging nach Wittenberg. Dort fand sie Aufnahme in der Familie von Bugenhagen, der Stadtpfarrer geworden war und an der Universit\u00e4t lehrte. Hier lernte sie den Theologen Caspar Cruciger kennen, Freund und pers\u00f6nlicher Schreiber von Luther. Er selbst traut das Paar 1524.<br>Schon im gleichen Jahr schrieb Elizabeth das Lied, das von ihren Bibelkenntnissen zeugt und ein gef\u00fchlvolles Glaubensbekenntnis ist. Sie gilt somit als erste Lieddichterin der Evangelischen Kirche. Vielleicht hat sie noch weitere geschrieben, doch nur dieses ist erhalten geblieben. Das mag daran liegen, dass es durch Luther in eines der ersten Wittenberger Gesangb\u00fccher aufgenommen wurde, allerdings zun\u00e4chst ohne sie als Autorin zu nennen. In einigen Briefen zwischen Luther, Cruciger und anderen Reformatoren und den Tischreden von Luther wird sie erw\u00e4hnt, so z.B. in einem Einladungsbrief zu ihrer Hochzeit. Bugenhagen, der die Hochzeit ausrichtete, schrieb an Georg Spalatin, mit der Bitte, doch etwas Wildbrett zur Ausrichtung der Feier zu schicken. Man erf\u00e4hrt weiterhin daraus, dass die Wittenberger Reformatorenfrauen sich freundschaftlich verbunden waren, Katharina und Elisabeth tauschten Geschenke aus. Elisabeths Tochter heiratete sp\u00e4ter in zweiter Ehe den Sohn Hans des Ehepaares Luther. Weitere Einzelheiten gibt es nicht. Cruciger selbst ist voller Trauer, als sie schon fr\u00fch 1535 stirbt.<br>Was bleibt ist ihr Lied. \u201eSinget dem Herrn ein neues Lied\u201c so Luther, Bildung und der gemeinsame Gesang im Gottesdienst sind bei ihm wichtige Elemente der Vermittlung von Glaubensinhalten. Dazu hat Elisabeth Cruciger schon sehr fr\u00fch beigetragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Auswahl der vorgestellten Frauen sollte die M\u00f6glichkeiten und die konkreten Anl\u00e4sse aufzeigen, wie sie sich gerade in der Fr\u00fchzeit der Reformation ausdr\u00fccken konnten. Einzelne wurden einer breiten \u00d6ffentlichkeit bekannt und wurden geh\u00f6rt, manche nur auf begrenzt lokaler Ebene. Sie durchbrachen f\u00fcr eine kurze Zeit ihr festgelegtes Rollenbild und alle hatten sich f\u00fcr ihre Lebenswelt mehr erhofft. Aber die Frauen waren erst am Anfang \u201esich auszudr\u00fccken\u201c. Die Festlegung der Ehe als Ideal wertet sie zwar in gewissem Rahmen auf, f\u00fchrte aber gleichzeitig zu einer Stagnation. Der neu entstandene \u201eBeruf\u201c der Pfarrfrau k\u00f6nnte dabei als eine Ausnahme angesehen werden. Die Frauen der Reformatoren waren nicht nur zuhause \u201eaktiv\u201c, sondern hatten in ihrem direkten Umfeld die M\u00f6glichkeit, theologisch und auf sozialer Ebene mitzuwirken, als Beispiel sei auf Katharina Zell in Stra\u00dfburg hingewiesen. F\u00fcr das Leben von Frauen jenseits vom Ehestand, f\u00fcr andere Lebenswege, bot die Reformation keine Alternativen, keine L\u00f6sungen an. Durch die Aufl\u00f6sung von Kl\u00f6stern war vorerst ein \u201eFreiraum\u201c f\u00fcr Frauen verloren gegangen, besonders in Bezug auf Bildung. Wie so oft gibt es die zwei Seiten der Medaille. Es ist ein umfangreiches und sehr interessantes Thema und es gibt noch viele besondere Frauen aus dieser Zeit zu entdecken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literaturangaben:<\/strong><br><em>-Becker-Cantarino, Barbara: Der lange Weg zur M\u00fcndigkeit. Frauen und Literatur von 1500 bis 1800. M\u00fcnchen 1989.<br>-Brinker-Gabler, Gisela (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Bd.1. M\u00fcnchen 1988.<br>-Domr\u00f6se, Sonja: Frauen der Reformationszeit. 4., erweiterte Auflage. G\u00f6ttingen 2017.<br>-Gender- und Gleichstellungsstelle der Evangelischen Kirche im Rheinland (Hg.): Reformatorinnen seit 1517 (Ausstellungskatalog). D\u00fcsseldorf 2017.<br>-Giselbrecht, Rebecca A.\/ Scheuter, Sabine (Hg.): \u201eH\u00f6r nicht auf zu singen\u201c Zeuginnen der Schweizer Reformation. Z\u00fcrich 2016.<br>-Olympia Fulvia Morata. Stationen ihres Lebens: Ferrara-Schweinfurt-Heidelberg. Katalog zur Ausstellung im Universit\u00e4tsmuseum Heidelberg 26. M\u00e4rz \u2013 8. Mai 1998. Ubstadt-Weiher.<br>-Opitz-Belakhal, Claudia: Streit um die Frauen und andere Studien zur fr\u00fchneuzeitlichen \u201eQuerelle des femmes\u201c. Ro\u00dfdorf bei Darmstadt 2020.<br>-Schattkowsky, Martina (Hg.): Frauen und Reformation. Leipzig 2016.<br>-www.frauen-und-reformation.de (gro\u00dfe Sammlung zum Thema von 1500-2000, dort zu finden: Griffiths, Christina L.: Marie Denti\u00e8re. \u201eVor aller Welt das Wort verk\u00fcnden\u201c.)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gisela Neumeister Die Reformation wirkte sich auf das Leben vieler Frauen aus, griff in ihre bisherigen Daseinswelten ein und er\u00f6ffnete ihnen zum Teil erweiterte Handlungsspielr\u00e4ume.M\u00f6chte man sich heute mit dem Thema \u201eFrauen und Reformation\u201c besch\u00e4ftigen, ist auf der Suche nach Informationen, Aufs\u00e4tzen oder B\u00fccher, so ist die Auswahl fast un\u00fcberschaubar. 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