{"id":150,"date":"2019-12-04T02:48:35","date_gmt":"2019-12-04T01:48:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/wordpress\/?page_id=150"},"modified":"2019-12-04T02:48:35","modified_gmt":"2019-12-04T01:48:35","slug":"der-aufhaltsame-untergang-alternative-wendungen-zur-dramaturgie-des-nibelungenstoffes","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/der-aufhaltsame-untergang-alternative-wendungen-zur-dramaturgie-des-nibelungenstoffes\/","title":{"rendered":"Der aufhaltsame Untergang &#8211; Alternative Wendungen zur Dramaturgie des Nibelungenstoffes"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>von Volker Gall\u00e9<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Idee zu diesem\nText ist \u00fcber Jahre der Besch\u00e4ftigung mit den Inszenierungen der\nNibelungenfestspiele gereift, der Entschluss zum Vortrag wurde im\nSommer 2018 gefasst und er wurde geschrieben, ohne das Festspielst\u00fcck\nvon Thomas Melle von 2019 zu kennen. Dem Untergang zu widersprechen\nwar schon immer \u2013 auch bei der intensiven Besch\u00e4ftigung mit\nanderen literarischen Texten, z.B. mit Franz Kafka \u2013 mein Impuls.\nEs reizte mich schon immer, der analytischen Maschine Sand ins\nGetriebe zu streuen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Volker-Galle.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-151\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Volker-Galle.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Volker-Galle-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Volker-Galle-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Inszenierung Nibelungen-Festspiele, 2018, Foto: David Baltzer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><strong>Drei gute Gr\u00fcnde<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>1. Ambivalenzen sind im Narrativ\nangelegt und damit sind Weggabelungen m\u00f6glich<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Qualit\u00e4t von Texten liegt in ihrer\nMehrdeutigkeit. Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer hat den Verlust\nvon \u201eMehrdeutigkeit und Vielfalt\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote1sym\"><sup>1<\/sup><\/a><\/sup>\nals Problem der von Europa dominierten Moderne diagnostiziert und\ndarauf verwiesen, dass die Welt im Grunde uneindeutig sei: \u201eMenschen\nsind  st\u00e4ndig Eindr\u00fccken ausgesetzt, die unterschiedliche\nInterpretationen zulassen, unklar erscheinen, keinen eindeutigen Sinn\nergeben, sich zu widersprechen scheinen, widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle\nausl\u00f6sen, widerspr\u00fcchliche Handlungen nahezulegen scheinen. Kurz:\nDie Welt ist voll von Ambiguit\u00e4t.\u201c<sup><a href=\"#sdfootnote2sym\"><sup>2<\/sup><\/a><\/sup>\nSein Befund kollektiver Pr\u00e4dispositionen scheint mir zwar\nzutreffend, aber auch einseitig, denn insbesondere die Kunst weckt\nbis heute unser besonderes Interesse, wenn sie Widerspr\u00fcche zul\u00e4sst,\nthematisiert, offene Fragen mancherorts stehen l\u00e4sst. \n<\/p>\n\n\n\n<p>So ist auch der ganze Nibelungenstoff\nvoll von Widerhaken gegen eindeutige Lesungen, die dem\nHandlungsverlauf eine von seinem ende her innewohnende Logik\neinschreiben wollen. Das gibt die M\u00f6glichkeit, ihn anders fort\nzuschreiben als es der anonyme Autor um 1200 getan hat, und es\nsch\u00fctzt ihn zudem vor propagandistischer Vereinfachung, indem es den\nText selbst auf l\u00e4ngere Sicht \u00fcber die Propagandamaschine lachen\nl\u00e4sst. \n<\/p>\n\n\n\n<p>So r\u00fchrt das Changieren\nzwischen Siegfried und Hagen im politischen Mythos ab 1871, also\nzwischen Sieg, Treue und Dolchsto\u00df, aus der Reduktion des\nNibelungen-Narrativs auf ein dramaturgisch unverbundenes\nNebeneinander politisch nutzbarer Eigenschaften. Das aber \u00fcbersieht\ndie Subversivit\u00e4t des Narrativs in Mythos und Epos. Herfried M\u00fcnkler\nschreibt: \u201eDer Leser des Epos wu\u00dfte noch: Siegfried und\/oder Hagen\nzu folgen, f\u00fchrte in Tod und Untergang \u2013 aber der enthusiasmierte\nB\u00fcrger des neuen Reiches sah in Hagen und Siegfried nur Symbole\neiner strahlenden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft&#8230;Was den\npolitischen Mythos vom Epos ebenso unterscheidet wie vom historischen\nEreignis, ist der v\u00f6llige Verzicht auf Stringenz und Konsequenz der\nErz\u00e4hlung.\u201c <sup><a href=\"#sdfootnote3sym\"><sup>3<\/sup><\/a><\/sup><\/p>\n\n\n\n<p>Daher entsteht auch die Lust am anders\nErz\u00e4hlen, ja auch die Notwendigkeit anderen Erz\u00e4hlens.<\/p>\n\n\n\n<p>Epos und Autor:<\/p>\n\n\n\n<p>In der vorletzten Strophe der 39.\nAventiure  wird die Tendenz des anonymen Autors zum Leidenspol des\nNarrativs ausgesprochen:<\/p>\n\n\n\n<p>mit leide was verendet des k\u00fcniges hohgezit,<br>als ie diu liebe leide z&#8217;aller jungeste git<\/p>\n\n\n\n<p>(Leidvoll ging des K\u00f6nigs Fest zu Ende,<br>wie stets die Liebe schlie\u00dflich zum Leid f\u00fchrt.)<\/p>\n\n\n\n<p>Bereits in der 17. Strophe der 1.\nAventiure, in Kriemhilds Falkentraum, wird dieses Motiv gesetzt:<\/p>\n\n\n\n<p>ez ist an manegen wiben vil dicke worden sin,<br>wie liebe mit leide ze jungest lonen kan.<\/p>\n\n\n\n<p>(Es hat sich an vielen Frauen immer wieder gezeigt,<br>wie Liebe schlie\u00dflich mit Leid belohnt wird.)<\/p>\n\n\n\n<p>Und das Motiv kehrt wieder am Ende des\nTextes als Res\u00fcmee von \u201eder Nibelungen Not\u201c: \u201eDiu liute heten\nalle jamer unde not. (Alle Leute befanden sich im Zustand von Jammer\nund Elend.) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der Untergang wird als Not erfahren und\nist eine folge von Liebe, die in Leid endet.  Der Autor feiert die\nNot nicht, aber er wendet sie auch nicht, wie wohl er M\u00f6glichkeiten\ndazu anlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wieso? Das wei\u00df ich nicht und werde\ndiesmal auch nicht weiter danach fragen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus heutiger Sicht w\u00fcrde man\nvielleicht einen Widerspruch von Liebe und Politik im Besonderen und\nvon  Eros und Realit\u00e4t im Allgemeinen formulieren. Die ganze moderne\nLiteratur seit dem b\u00fcrgerlichen Trauerspiel hat sich an diesem Thema\nabgearbeitet, aber nach dem Sturz der feudalen Gesellschaft,\nzumindest an der Oberfl\u00e4che, nicht mehr an mittelalterlichen\nVerkn\u00fcpfung von Familie und Herrschaft, auch wenn im Untergrund die\nalten Modelle als Sehnsucht nach autorit\u00e4ren Strukturen bis heute\nlebendig sind und auf Grund ihrer Regellosigkeit zu noch gr\u00f6\u00dferer\nGewalt neigen als im Mittelalter. Aber auch wenn in der\nmittelalterlichen Realit\u00e4t Heiraten in den Herrscherfamilien in der\nRegel aus politischem Kalk\u00fcl und nicht aus Liebe geschlossen werden,\nregt sich, gerade in der Literatur, bereits deutlich Widerstand\ndagegen, nicht nur im Minnesang, sondern auch im Epos. Die Liebe ist\noft ein St\u00f6rfaktor f\u00fcr die Politik, sei es die verbotene Liebe bei\nTristan und Isolde oder Lancelot und Ginevra oder die nibelungische\nDoppelbeziehung von Siegfried\/Kriemhild und Gunther\/Br\u00fcnhild. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Aber sowohl in der politischen Realit\u00e4t\ndes Mittelalters als auch in der Literatur gibt es nicht nur die\nM\u00f6glichkeit gewaltt\u00e4tiger Zuspitzung zu Racheketten, sondern auch\ndie M\u00f6glichkeit zur vers\u00f6hnenden Vermeidung gewaltt\u00e4tiger\nDestruktion. F\u00fcr die sozialen Regeln des Umgangs hat das vor allem\nGerd Althoff ausgef\u00fchrt.<sup><a href=\"#sdfootnote4sym\"><sup>4<\/sup><\/a><\/sup>\nIm Nibelungenlied empfiehlt Hagen in Strophe 101 der 3. Aventiure den\nangriffslustigen Siegfried durch Einbindung in burgundische Politik\nund Familie zu z\u00e4hmen (Sachsenkrieg, Heirat mit Kriemhild). Hagen\nist lange Zeit vorausschauend, was m\u00f6gliche Konflikte angeht und\nmacht immer wieder pragmatische Vorschl\u00e4ge zur Gewaltvermeidung.\nErst mit dem aus Staatsr\u00e4son begr\u00fcndeten Mord an Siegfried kippt\nsein Verhalten. Damit sind wir durchaus in der Gegenwart angelangt,\nsowohl was die Medienkultur (bad news are good news sowie Hassmails\nund Twittergewitter) als auch die Unlust am Merkelismus als\npolitischem Leitbild angeht. Und in gegenw\u00e4rtigen Inszenierungen\neines mittelalterlichen Stoffs geht es um das Spiel von Alterit\u00e4t\nund Identit\u00e4t und damit von Mehrdeutigkeiten auf verschiedenen\nEbenen. Das Marketing ist es meist, dass falsche Kurzschl\u00fcsse in die\nWelt setzt, die den Besucher dann notwendigerweise entt\u00e4uschen, die\nWissenschaft dagegen \u00fcberbetont gern die Alterit\u00e4t und vergisst\ndabei den ebenso zwangsl\u00e4ufigen wie berechtigten Prozess des\nVerstehens. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>2. Katharsis und Mimesis \u2013\nTheaterp\u00e4dagogik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der\naristotelischen Poetik bedeutet Katharsis die Reinigung von Affekten\nin der Trag\u00f6die durch das Miterleben von R\u00fchrung und Schrecken.\nLessing hat das als Mitleid und Furcht \u00fcbersetzt. Die Potenzierung\ndes Schreckens in der Kunst der Moderne l\u00e4sst Zweifel zu, ob das\nMiterleben von Gewalt, oft ohne R\u00fchrung, die erhoffte\nPublikumsreaktion erzeugt, n\u00e4mlich es anders, besser machen zu\nwollen. Neben der Katharsis kennt Aristoteles auch das Prinzip der\nMimesis, der Nachahmung. Und das scheint sich heutzutage mindestens\nso stark zu verbreiten wie das der Katharsis, gerade in der\nMassenkultur. Der Religionsphilosoph Ren\u00e9 Girard hat den\nMimesisprozess der Gewalt beschrieben: St\u00e4rkung der eigenen\nIdentit\u00e4t durch Abspaltung von Einzelnen und Minderheiten,\nInfizierung ganzer Gruppen durch nachahmende Gewalt bis zur\nAusblutung der Exzesse in einem Ersch\u00f6pfungsfrieden. Daher scheint\nes mir an der Zeit, sowohl Mitleid als auch<\/p>\n\n\n\n<p>Best practice\n(Vorbildverhalten) nicht so sehr als sentimentalen Kitsch abzutun.\nMehrdeutigkeiten sind angesagt und derzeit herrscht ein Mangel an\nProbleml\u00f6sungsmut. Dekonstruktion gibt es dagegen im \u00dcberfluss<\/p>\n\n\n\n<p><strong>3. Langeweile<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nicht\nnur Dekonstruktion finde ich mittlerweile todlangweilig, sondern auch\nden immer gleichen Ablauf der Nibelungendramaturgie. Neubearbeitungen\nm\u00fcssen keineswegs am Handlungsverlauf des mittelalterlichen Stoffs\nfesthalten. Der anonyme Autor hat ihn als seinen Standpunkt\npr\u00e4feriert, aber er hat zahlreiche andere M\u00f6glichkeit angelegt und\ndann ausgelassen. Man sollte ihm eher widersprechen wollen als ihn\nnur nachzuahmen. Allerdings geh\u00f6rt Entdeckermut zum Einbruch in\neinge\u00fcbte Grundmuster. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Weggabelungen und alternative\nWendungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Je fr\u00fcher man in die bekannte\nDramaturgie einsteigt, desto offener sind  die m\u00f6glichen Wege.<\/p>\n\n\n\n<p>Immer wieder tauchen andere, oft\nbereits  bekannte Dramaturgien auf. Es gibt in der Kulturgeschichte\nso etwas wie ein narratives Magazin, das vielf\u00e4ltig verwendbar,\nkombinierbar und gestaltbar ist<\/p>\n\n\n\n<p><strong>a. Falkentraum<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bereits ganz am Anfang, in der ersten\nAventiure, w\u00e4re eine andere Wendung der Dramaturgie m\u00f6glich, und\nzwar in Strophe 13, wenn Kriemhild ihren Falkentraum erz\u00e4hlt: Sie\nsah, wie sie einen sch\u00f6nen, starken und wilden Falken abrichtete,\nden ihr pl\u00f6tzlich zwei Adler schlugen. Das Mitansehen empfand sie\nals gro\u00dfes Leid. Ihre Mutter Ute deutet den Falken als Geliebten,\nden Kriemhild schnell verliert. Daraufhin \u00fcberlegt Kriemhild , auf\ndie Liebe eines Kriegers zu verzichten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es w\u00e4re also durchaus m\u00f6glich, dass\nsie bei dieser Haltung auch dann bleibt, als Siegfried am\nBurgunderhof auftaucht und dass sie ihn nicht nur abweist, sondern,\nauch ohne Erlaubnis der Familie, bewusst mit Blick auf ihre\nTraumahnung auf erotische Liebe verzichtet und Mitglied einer\nBeginengemeinschaft oder eines Frauenordens wird. Ein solcher\nVerzicht war im Mittelalter nicht nur eine der wenigen M\u00f6glichkeiten\nselbstbestimmten Lebens und gesellschaftlichen Einflusses f\u00fcr adlige\nFrauen (z.B. Hildegard von Bingen), sondern hat auch mythologische\nWurzeln im Bild der jungen Frau, die sich M\u00e4nnern verweigert, sei es\nim Artemismythos, im Amazonennarrativ oder auch in der Br\u00fcnhildfigur,\nquer durch die Kulturen. Aber damit m\u00fcsste die Geschichte nicht zu\nEnde sein. Es w\u00e4re denkbar, dass Siegfried ein rheinisches Reich\nerrichtet, das zwischen R\u00f6mern und Hunnen, aktualisiert Franzosen\nund Preu\u00dfen unter die R\u00e4der zu geraten droht. Das erlebt Kriemhild\nmit und entschlie\u00dft sich zu handeln, etwa nach dem Vorbild der\nJungfrau von Orleans. Sie greift in den Kampf ein, indem sie\nSiegfried, wie auch immer, unterst\u00fctzt. Am Ende m\u00fcsste sie nicht\nverraten werden, sondern k\u00f6nnte kurz vor einer endg\u00fcltigen\nNiederlage der Rheinl\u00e4nder mit Siegfried in einen Liebesgarten\nfliehen, der in einem m\u00e4rchenhaften Wald liegt, etwa nach Motiven\nder Artussage. Am Ende k\u00f6nnte eine Rosenhecke um das Paar wachsen. \nDas w\u00fcrde dann immer noch auf eine anders geartete Erl\u00f6sung dr\u00e4ngen\nund w\u00e4re doch ein vorl\u00e4ufiges plausibles Ende dramatischer\nHandlung, ein vor\u00fcbergehendes zur Ruhe Kommen. An welcher Stelle man\neinen wie auch immer gearteten Schluss dieser neuen Story setzt,\nlasse ich offen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>b. Siegfried und Worms<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie bereits angedeutet, kennt Hagen\nSiegfrieds Vorgeschichte und sch\u00e4tzt auch seine Herrschaftsabsichten\nrichtig ein. Er k\u00f6nnte ihn von Worms fern halten, indem er die Tore\nschlie\u00dfen l\u00e4sst und ihn auf eine andere F\u00e4hrte bringt, eine\nreichere Burg, eine sch\u00f6nere Frau \u2013 im NIbelungenlied entflammen\nja alle an Erz\u00e4hlungen. Worms w\u00e4re damit raus aus der Geschichte,\naber es w\u00fcrde eine andere Siegfriedgeschichte beginnen. Die k\u00f6nnte\nauch eher parzivalartig als Erziehungsroman verlaufen.  Nach einer\nmehr oder weniger gegl\u00fcckten Erziehungsphase k\u00f6nnte Siegfried aller\nIllusionen entt\u00e4uscht sein und nach Worms zur\u00fcckfinden, um\nKriemhild zu begegnen. Aber \u00e4hnlich wie bei Kafkas \u201eVor dem\nGesetz\u201c bliebe das Wormser Tor verschlossen und er stirbt wartend. \nDenkbar w\u00e4re aber auch, dass Siegfried in Worms Einlass findet und\nsich nicht auf die Br\u00fcnhildintrige einlassen muss, weil Kriemhild\nkluge Prinzessin spielt und ihm drei Aufgaben stellt, die zu\nerledigen sind. Ein M\u00e4rchenausgang wie ein Scheitern w\u00e4ren\nerz\u00e4hlbar, aber auch ein Abbruch mittendrin, indem Siegfried\nKriemhild raubt und mit nach Xanten nimmt. Dort wird dann eine\nKom\u00f6die nach dem Modell \u201eDer Widerpenstigen Z\u00e4hmung\u201c gespielt,\nein in Mittelalter und fr\u00fcher Neuzeit beim Publikum beliebtes Motiv,\ndas auch in Hollywoodfilmen wieder auftaucht, z.B. in Filmen von\nKatharine Hepburn. Denkbar w\u00e4re aber auch, dass Hagen Gunther von\nder Br\u00fcnhildidee abbringt \u2013 er r\u00e4t ja anfangs tats\u00e4chlich davon\nab \u2013 und eine Heirat mit der Schwester von Siegfried vermittelt. Es\nkommt zu einer Doppelhochzeit und zu einer Vereinigung beider\nK\u00f6nigreiche, die dann aber politisch in Konflikt geraten zwischen\nWest und Ost, ohne dass die Familie von innen entzweit wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>c. Aufstand der Frauen statt\nZickenkrieg<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der 14. Aventiure wird der\nK\u00f6nginnenstreit erz\u00e4hlt. Kriemhild und Br\u00fcnhild definieren sich\ndurch den Rang ihrer M\u00e4nner. Dadurch dass der Streit am Nordportal\nals einem klassischen Rechtsort ausgetragen wird, wird alles\n\u00f6ffentlich und beeintr\u00e4chtigt damit die Stellung Gunthers.\nSiegfried beeidet, seiner Frau nicht gesagt zu haben, er habe\nBr\u00fcnhild zu seiner Geliebten gemacht.  Gunther spricht ihn daraufhin\nauf einer \u00f6ffentlichen Gerichtsversammlung der Burgunder  frei.\nDamit w\u00e4re die Sache nach dem Gesetz bereinigt gewesen. Siegfried\nsagt: \u201eMan soll Frauen so erziehen, dass sie \u00fcberm\u00fctiges Gerede\nbleiben lassen.\u201c Das w\u00e4re dann aber das Ende der Handlung. Aber\ndie Geschichte k\u00f6nnte auch von beiden Frauen ganz anders angegangen\nwerden. Statt dass die beiden K\u00f6niginnen sich \u00fcber den Rang ihrer\nM\u00e4nner zerstreiten, w\u00e4re es nat\u00fcrlich auch m\u00f6glich, dass sie sich\nnicht \u00f6ffentlich, sondern privat treffen und \u00fcber das Geheimnis der\nHochzeitsnacht und den doppelten Tarnkappenbetrug an Br\u00fcndhild\naustauschen und sich gegen die M\u00e4nner solidarisieren. Das k\u00f6nnte\nauch vermittelt werden durch eine neu eingef\u00fchrte starke\nFrauengestalt, die wie Hagen die M\u00e4nner ihrerseits die Frauen ber\u00e4t,\nz.B. eine Abtissin. Aus der Aussprache k\u00f6nnte sich ein Frauenb\u00fcndnis\nentwickeln, das zu einer Rebellion der Frauen f\u00fchrt, z.B. durch eine\ngemeinsame und sich als Aktion im ganzen Burgund verbreitende\nBeischlafverweigerung mit dem Ziel, den Betrug zu s\u00fchnen, \u00f6ffentlich\nzu machen, Macht abzugeben, einen Frauenrat mit politischen\nEinspruchsrechten am Hof zu installieren etc. Es w\u00e4re denkbar, dass\nsich diese Frauenbewegung in Auseinandersetzungen mit anderen\nK\u00f6nigreichen bew\u00e4hrt, u.a. indem die tempor\u00e4re \nVerweigerungsstrategie sich weiter verbreitet. Vorbild k\u00f6nnte das\npazifistische Drama Lysistrata von Aristophanes sein. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>d. Br\u00fcnhild durchschaut die List,\nBauernaufstand gegen Gunther<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Siegfried sich mit einer Tarnkappe\nunsichtbar machen kann, w\u00e4re es der ebenfalls besonders  starken\nBr\u00fcnhild nat\u00fcrlich m\u00f6glich, diese Tarnung mit einem anderen Zauber\naufzuheben. Dabei k\u00f6nnten ihr isl\u00e4ndische Zwerge oder andere\nElementarwesen helfen. Sie k\u00f6nnte sich zum Schein auf den Betrug\neinlassen, um dann bereits auf Island oder aber erst in Worms das\nGeheimnis gegen\u00fcber den burgundischen Gefolgsleuten zu l\u00fcften und\neinen Bauernaufstand gegen Gunther anzuzetteln, der gelingt. Denkbar\nw\u00e4re entweder, dass sie Hagen, der eher als eine Art Merlin\ngezeichnet werden k\u00f6nnte, auf ihre Seite bringt und ihn heiratet, um\ngemeinsam mit ihm zu herrschen. Aber sie k\u00f6nnte sich auch Siegfried\nzuwenden und ihn mit Kriemhild zum burgundischen K\u00f6nig machen, wenn\ner sich als ihr Lehensmann verpflichtet. Gunther w\u00fcrde dann des\nLandes verwiesen. Damit w\u00fcrde sie allerdings die zun\u00e4chst von ihr\npropagierte Idee einer Bauernrepublik verraten. Es entst\u00fcnde eine\nglobale Spannung zwischen einer Weltenherrscherin auf Island und\neinem einzelnen versto\u00dfenen Mann. Aber auch da k\u00f6nnte sich die\nMacht wieder verschieben durch eine Reinigung von Gunther, der\ngel\u00e4utert als eine Art Missionar zur\u00fcckkehrt und neue\nrepublikanische Gesetze f\u00fcr und mit den Bauern aufstellt, die\nWormser Republik. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>e. Kreuz an falscher Stelle<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Kreuz, das Kriemhild Siegfried auf\nden R\u00fccken n\u00e4ht, k\u00f6nnte aus Absicht \u2013 weil sie Hagen durchschaut\noder aus Zufall, weil das Hemd beim Trinken verrutscht \u2013 an\nfalscher Stelle sein, so dass Siegfried Hagens Attacke bemerkt und\nihn t\u00f6tet. Siegfried und Kriemhild \u00fcbernehmen das K\u00f6nigreich, alle\nMitwisser des Komplotts werden ausgeschaltet, wie auch immer. Es\nk\u00f6nnten zum einen Schwierigkeiten aus der Feindseligkeit der\nAusgeschalteten entstehen, es k\u00f6nnte sich aber auch der Falkentraum\nwieder andeuten. Kriemhild ahnt das daraus folgende Unheil gegen\u00fcber\nden Imperien in West und Ost. Es gelingt ihr durch geschickte\nDiplomatie einen kulturell bedeutsamen Hof am Rhein zu etablieren,\nder als Br\u00fccke zwischen den Imperien dient und respektiert wird. Es\nk\u00f6nnte aber auch sein, dass Siegfried diesen Weg nicht gehen will\nund auf seine kriegerischen Kr\u00e4fte setzt und dabei umkommt, eine\nandere Falle, auch als Zufall denkbar. Kriemhilds K\u00f6niginnenreich\nwie oben beschrieben k\u00f6nnte dann erst erst danach Wirklichkeit\nwerden. Es w\u00e4re auch denkbar, dass Kriemhild sich auf eine Rolle als\n\u00c4btissin zur\u00fcckzieht. Eine andere Variante w\u00e4re, dass erst die\nKinder von Siegfried und Kriemhild nach der verschwiegenen\nVorgeschichte suchen und bei der Entdeckung des Geheimnisses ein\nanerzogenes Trauma l\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>f. Kriemhild wird mit Schatz\nabgefunden<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hagen versenkt den Schatz nicht im\nRhein, sondern Gunther findet Kriemhild mit dem Schatz und einem\nAnteil aus dem Burgunderschatz, einem Viertel, ab. sie heiratet nicht\nEtzel und \u00fcbt auch keine Rache \u2013 materielle Abfindungen sind auch\nbei Mord im Mittelalter denkbar \u2013, sondern gr\u00fcndet einen\nFrauenstaat. Vorbild k\u00f6nnte Christine de Pizans \u201eStadt der Frauen\u201c\naus dem 15. Jahrhundert sein. Die zu erbauende Stadt soll ein\nSchutzraum f\u00fcr Frauen sein, der zeigt, dass die Frauen nicht, wie in\nzeitgen\u00f6ssischen Motiven behauptet, M\u00e4nner zu Krieg und Zerst\u00f6rung\nanstiften, sondern im Gegenteil durch ihre ethischen Grunds\u00e4tze und\nihre Klugheit Frieden stiften. Es ist ein utopischer Entwurf, der\ndurchaus in die h\u00f6fische Zeit passt. Es ist nicht nur ein\nGegenentwurf zu Motiven der Rosenromane, sondern \u2013 ohne Bezug zu\nnehmen \u2013 auch auf das Nibelungenlied, in dem es bereits in Strophe\n6  \u00fcber die Burgunderk\u00f6nige hei\u00dft, sie w\u00fcrden am \u201eHa\u00df zweier\nK\u00f6niginnen kl\u00e4glich zugrunde gehen.\u201c In Strophe 2371 nennt Hagen\nKriemhild eine \u201evalandinne\u201c, eine Teufelin. Diese Sicht der\nDinge, die auch heute immer wieder befremdet, wird in der den\nHandschriften oft angeh\u00e4ngten Nibelungenklage relativiert. Das Thema\nweiblicher Rache und ihrer besonderen Entstehung, ihres besonderen\nVerlaufs und ihrer besonderen Heilung bliebe dennoch ein spannender\nStoff, z.B. indem ein Mord an einem Kind oder einem Geliebten\nRachefantasien einer herrschenden Frau in der utopischen Stadt\nausl\u00f6st, die aber bew\u00e4ltigt werden in einem Heilungsprozess, der\ndie Verwandlung der r\u00e4chenden Person und ihres Umfelds zum B\u00f6sen\ndrastisch vor Augen f\u00fchrt, um dann in der Wirklichkeit eine andere\nL\u00f6sung zu suchen, sozusagen eine Katharsis in einem St\u00fcck im St\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>g. Hagens wiederholte Warnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hagen warnt vor Siegfried ebenso wie\nvor Br\u00fcnhild, aber auch vor der Heirat mit Etzel und vor der Reise\nan den Hunnenhof auf Einladung Kriemhilds. Er ist nicht nur der\nVertreter der Staatsgewalt, der sich mit der Ermordung Siegfrieds\n\u00fcbers Gesetz stellt, sondern \u2013 und das viel h\u00e4ufiger \u2013 ein\nvorausschauender Warner.  Es w\u00e4ren also an all seinen\nWarnungseingriffen alternative Handlungen m\u00f6glich. So k\u00f6nnte er die\nHeirat mit Etzel verhindern und auch die Burgunder von der Reise an\nden Hunnenhof abhalten, z.B. indem er die christliche Kirche nutzt,\num eine Verbindung von Christen und Nicht-Christen auszuschlie\u00dfen.\nDaraus k\u00f6nnte dann allerdings wieder ein Konflikt mit den Hunnen\nentstehen. Historisch fanden sich Burgunder sowohl auf Seiten der\nHunnen als auch auf der Seite ihrer r\u00f6mischen Gegner. Das w\u00e4re dann\nein ganz anderer Konflikt, sozusagen um die Vorherrschaft Europas\nzwischen West und Ost. Dementsprechend gibt es ja auch zwei\ngegens\u00e4tzliche Etzel\u00fcberlieferungen, die vom gastfreundlichen\nHerrscher wie im Nibelungenlied, einem edlen Wilden, der an der\nBildung des Westens interessiert ist und entt\u00e4uscht wird \u2013 das\nentspricht in der Historie teilweise der imperialen Pax hunnica \u2013\nund der vom mordl\u00fcsternen Wilden, der die westliche Kultur zerst\u00f6rt\nwie in der nordischen und der venezianischen \u00dcberlieferung, der\nGefahr aus dem Osten, ein Motiv, das sich mit den Ungarn der\nottonischen Zeit, den Mongolen des Mittelalters, den T\u00fcrken der\nfr\u00fchen Neuzeit und gegenw\u00e4rtig mit den Chinesen fortsetzt.\nGeschildert w\u00fcrde die Spaltung der burgundisch Gesellschaft am Rhein\nund deren Folgen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>h. Etzel durchschaut Kriemhilds\nRachepl\u00e4ne<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der Betonung seiner\nGastfreundschaft k\u00f6nnte Etzel durchaus in der Lage sein oder in die\nLage versetzt werden, Kriemhilds Rachepl\u00e4ne zu durchschauen, sei es\ndurch seine h\u00f6fische Spionageabwehr, durch seine Reflexion der\nBeziehung als Mann, durch eine schamanistische Seherin oder einen\nBerater wie Dietrich von Bern \u2013 vergleichbar Hagen auf\nburgundischer Seite \u2013 oder weil er Volker vom Untergang singen\nh\u00f6rt. Da ihm in erster Linie an seinem Thronfolger gelegen ist,\nw\u00fcrde er dann Ortlieb in Sicherheit bringen. Er k\u00f6nnte die\nAnwesenheit der mit ihm famili\u00e4r verbundenen Burgunder gezielt\nnutzen, um einen Aufstand im Osten niederzuschlagen. Nehmen wir an,\ndass dabei Gunther, Hagen und Gernot fallen und sich Etzel mit\nGiselher, der mit Gotelind, der Tochter seines Markgrafen R\u00fcdiger\nverheiratet ist, ein dauerhaftes B\u00fcndnis schlie\u00dft. Kriemhilds\nTodeswunsch gegen\u00fcber Hagen w\u00e4re dadurch obsolet. Es w\u00e4re denkbar,\ndass sie dann  mit Mitteln beider K\u00f6nigsh\u00e4user zur\nVergangenheitsbew\u00e4ltigung eine Art Siegfriedstiftung errichtet mit\ndem Ziel, Witwen zu unterst\u00fctzen, eine neue Verfassung zu entwickeln\netc. Denkbar ist auch, dass sie sich nach dem Tod Hagens einer\nschamanistischen oder einer christlich-kl\u00f6sterlichen Heilung\nunterzieht. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>i. Hagen erschl\u00e4gt Ortlieb nicht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Ermordung Ortliebs treibt\nHagen die Untergangsdramaturgie voran, er provoziert die\nSichtbarmachung von Kriemhilds Racheplan, eine wie bei Volker\nm\u00f6gliche Variante m\u00e4nnlich-heldischen Verhaltens, das Entscheidung\nsucht. Andrerseits ist das eine mehr als unkluge Haltung, die\nkeineswegs zu seinem bisherigen Verhalten passt, schon gar nicht in\nseine Rolle als Bewahrer burgundischer K\u00f6nigsherrschaft. Er k\u00f6nnte\ndiese Tat also auch unterlassen, vielleicht sogar weil er in Ortlieb\nso etwas wie einen eigenen, ihm bisher versagten \u2013 oder fr\u00fcher\neinmal verstorbenen \u2013 Sohn sieht. Er k\u00f6nnte Bu\u00dfe tun wollen und\nk\u00f6nnte sich Etzel als gerechtem Herrscher anvertrauen und sich als\nOpfer f\u00fcr einen Frieden anbieten. Dann k\u00f6nnte Etzel eine\n\u00f6ffentliche Verhandlung anberaumen, bei der Hagen und Kriemhild in\nPl\u00e4doyers ihre Rollen erkl\u00e4ren und durch geschickte richterliche\nNachfragen die dunklen Flecken ihres Handelns erkennen. Bei Hagen\nl\u00e4ge das bereits auf der Hand, er w\u00fcrde eher seine politischen\nMotive noch einmal darstellen k\u00f6nnen, bei Kriemhild w\u00fcrde das Motiv\nvon Eifersucht und Geltungsdrang im K\u00f6nginnenstreit deutlich sowie\ndie Unm\u00e4\u00dfigkeit ihrer Rachelust. Am Ende k\u00f6nnte Etzel Hagen eine\ns\u00fchnende Bu\u00dfe auferlegen und Kriemhild den Schatz zusprechen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>j. R\u00fcdiger als Diplomat statt als\nOpfer<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>R\u00fcdiger wird im Epos als Figur\nzwischen den St\u00fchlen ohne Ausweg aus seinem doppelten\nLoyalit\u00e4tskonflikt dargestellt. Es k\u00f6nnte aber auch sein, dass er\nals geschickter Diplomat im Auftrag Etzels zwischen beiden Seiten\n(Burgunder und Kriemhild) vermittelt. So w\u00e4re es denkbar, dass er \u2013\nselbst noch nach der Ermordung Ortliebs &#8211;  zum einen Bl\u00f6del als\nHelfer Kriemhilds isoliert und zum Anderen die Burgunder dazu bringt,\neine Versammlung abzuhalten, in der sie insbesondere Hagen und\nGunther die Gefolgschaft in den anstehenden Untergang verweigern. Sie\nw\u00e4hlen einen neuen K\u00f6nig, am sinnvollsten Giselher wegen seiner\nHeirat mit Gotelind, \u00fcbergeben Hagen als M\u00f6rder Ortliebs an Etzel\nund erhalten daf\u00fcr freien Abzug. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>k. Das fehlende Dritte<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im System des Nibelungenlieds fehlt\neine unabh\u00e4ngige und respektierte Justiz. Dinge werden zugespitzt\nund konfrontativ einander gegen\u00fcbergestellt und damit wird\nAusweglosigkeit gegen\u00fcber Gewalt und Untergang suggeriert. Nicht nur\nh\u00f6here Instanzen, auch zuf\u00e4llige Eingriffe Dritter, welche die\nKonfrontation ablenken, werden erz\u00e4hlerisch ausgeschlossen. Ich\ndenke dabei immer an die dramaturgische Anlage Kafkas von kleiner\nFabel aus dem Jahr 1920: \u201eAch\u201c, sagte die Maus, \u201edie Welt wird\nenger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, da\u00df ich Angst hatte,\nich lief weiter und war gl\u00fccklich, da\u00df ich endlich rechts und links\nin der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell\naufeinander zu, da\u00df ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im\nWinkel steht die Falle, in die ich laufe.\u201c \u2013 \u201eDu mu\u00dft nur die\nLaufrichtung \u00e4ndern\u201c, sagte die Katze und fra\u00df sie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Was, wenn die Katze abgelenkt werden\nw\u00fcrde? So etwas habe ich selbst erlebt, als ich im Spiel einer Katze\nmit einer Maus als Beobachter in die Situation eingriff und der Maus\ndadurch die M\u00f6glichkeit zur Flucht gab.  Sowohl fr\u00fchere oder\nsp\u00e4tere richterliche Eingriffe k\u00f6nnten so etwas darstellen, aber\nauch andere Ablenkungen wie eine Wetterkatastrophe auf der Reise an\nden Hunnenhof, ein pl\u00f6tzlicher Tod Hagens oder Kriemhilds, ein\nAngriff Dritter auf die Hunnen, was zu einer Solidarisierung der\nbeiden Gruppen f\u00fchren k\u00f6nnte etc. Wie aus der Geschichte bekannt,\nw\u00e4ren solch unerwartete Wendungen genauso plausibel und geschickt\n(schicksalhaft) wie die konsequente Fortsetzugn der bin\u00e4r angelegten\nUntergangsdramaturgie. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>l. Giselher und Gotelind<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das junge Paar wird von R\u00fcdiger\nversteckt und \u00fcberlebt, macht damit einen Neuanfang m\u00f6glich,\nvielleicht zusammen mit den in Worms verbliebenen Kindern der beiden\nPaare am Burgunderhof. Das Thema w\u00e4re die schwierige Aufarbeitung\nvon Gewaltgeschichte\/n in Familien-zusammenh\u00e4ngen \u00fcber \nGenerationen (siehe Holocaust, V\u00f6lkermord an Armeniern etc.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>m. Kampfpause und Verbr\u00fcderung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Weihnachtsfrieden\nwar eine von der Befehlsebene nicht autorisierte Waffenruhe am 24.\nDezember 1914 an einigen Abschnitten der Westfront, bei der vor allem\nDeutsche und Briten fraternisierten. \u00c4hnliches schildert auch\nFriedrich Christian Laukhard in seinen Lebenserinnerungen aus der\nBelagerung von Mainz im Jahr 1793. Es w\u00e4re nun denkbar, dass sich\nzwischen Burgundern und Hunnen in einer Kampfpause eine solche\nFraternisierung ergeben k\u00f6nnte, aus der sogar eine Revolution mit\nAbsetzung der Herrscher auf beiden Seiten folgen k\u00f6nnte. Das w\u00e4re\ndann sozusagen die vielleicht letztm\u00f6gliche Wendung der\nUntergangserz\u00e4hlung. \n<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schluss<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Nibelungenlied selbst sind\nErz\u00e4hlvarianten angelegt, die der anonyme Autor nicht ausgef\u00fchrt,\nbzw. mit immer neuer Richtungsweisung auf das Scheitern durchkreuzt\nhat. Dar\u00fcber hinaus k\u00f6nnen weitere Varianten von au\u00dfen an den\nStoff herangetragen werden. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Anders als bei propagandistischen\nNutzungen von Narrativen besteht die Qualit\u00e4t der Vorlage in der\nAmbivalenz der Figuren und den Potenzialen des Erz\u00e4hlens. Das sollte\nauch f\u00fcr Neubearbeitungen gelten. Dramatische Bewegung entsteht im\nLeben wie in der Literatur \u2013 und nat\u00fcrlich insbesondere auf der\nB\u00fchne \u2013 durch die Konfrontation von Gegens\u00e4tzen und Befremdungen.\nThemenkomplexe wie Liebe und Leid sind dabei \u00fcber die Zeiten hinweg\naktuell und verstehbar, auch wenn sie zu jeder historischen Zeit und\nin jeder Kultur anders konnotiert sind. Es gibt aber im narrativen\nSchatz der Weltliteratur mehr als einen Weg, diesen Themenkomplex zu\nerz\u00e4hlen und es gibt auch viele Varianten eines vorl\u00e4ufigen\nErz\u00e4hlendes. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Seit der Dominanz\ningenieurwissenschaftlichen Denkens in der vom Westen dominierten\nglobalen Denkkultur richtet sich das Alltagsbewusstsein vieler\nMenschen auf Systeme der Wiederholbarkeit, die einem analytischen\nDenken entspringen. Diesem der Lebenswelt Hinterherdenken offenbart\nsich aber eben nur der wiederholbare Teil der Wirklichkeit, der sich\nim Seelisch-Geistigen als Gewohnheit manifestiert. Es ist immer ein\nDenken ins Vergangene. Es gibt aber auch ein Denken ins Zuk\u00fcnftige,\nauch im Alltag der Gegenwart, ein Entwerfen, ein Gestalten, ein\nWagen, dessen Impuls hoffend und dessen Ausgang offen ist. Vor der\nLogik kommt das Denken, vor der Grammatik das Sprechen.  Und diese\nNeuanf\u00e4nge k\u00f6nnen \u2013 auch in scheinbar aussichtslosen Situationen\n\u2013 sowohl erfolgreich sein als auch scheitern. \u00dcber einen solchen\nbin\u00e4r diktierten Dualismus hinaus gibt es aber auch Varianten wie\nein kurzfristiges Scheitern einer Idee, das mittel- und langfristig\ndann doch erfolgreich ist, auch \u00fcber die Todesgrenze einzelner\nMenschen hinaus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Daher ist es immer m\u00f6glich \u2013 und\nLiteratur ist per se ein Feld von M\u00f6glichkeiten \u2013 anders als\ngewohnt zu erz\u00e4hlen. Im Angesicht eingefahrener, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandter\nund b\u00f6sartiger Erz\u00e4hlmuster wie im v\u00f6lkischen Nationalismus der\nGegenwart ist die Methode des Anders Erz\u00e4hlens vorgefundener Stoffe\nin Richtung einer befreienden Utopie &#8211; wie sie beispielsweise von\nHeine oder Bloch meisterhaft vorgef\u00fchrt wurden &#8211;  meines Erachtens\nsogar eine Pflichtaufgabe demokratisch engagierter Kunst und Kultur. \n<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote1anc\">1<\/a>Thomas\n\tBauer, Die Vereindeutigung der Welt. \u00dcber den Verlaust an\n\tMehrdeutigkeit und Vielfalt, 11. Auflage, Ditzingen, 2018<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote2anc\">2<\/a>Bauer,\n\tebenda, S. 12<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote3anc\">3<\/a>Herfried\n\tM\u00fcnkler, Siegfrieden. Politik mit einem deutschen Mythos, Reinbek,\n\t1990; siehe auch mein Vortrag \u201eDer dunkle Siegfried\u201c von 2018\n\tauf <a href=\"http:\/\/www.nibelungenlied-geselslchaft.de\/\">www.nibelungenlied-gesellschaft.de<\/a>\n\t\t<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdfootnote4anc\">4<\/a>\n\tGerd Althoff, Spielregeln der\n\tPolitik im Mittelalter. Kommunikation in Frieden und Fehde.\n\tWissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997; Die\n\tMacht der Rituale. Symbolik und Herrschaft im Mittelalter. 2., mit\n\teinem neuen Vorwort versehene Auflage. Wissenschaftliche\n\tBuchgesellschaft, Darmstadt 2013;  Kontrolle der Macht. Formen und\n\tRegeln politischer Beratung im Mittelalter. Wissenschaftliche\n\tBuchgesellschaft, Darmstadt 2016<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Volker Gall\u00e9 Vorbemerkung Die Idee zu diesem Text ist \u00fcber Jahre der Besch\u00e4ftigung mit den Inszenierungen der Nibelungenfestspiele gereift, der Entschluss zum Vortrag wurde im Sommer 2018 gefasst und er wurde geschrieben, ohne das Festspielst\u00fcck von Thomas Melle von 2019 zu kennen. Dem Untergang zu widersprechen war schon immer \u2013 auch bei der intensiven &#8230; <span class=\"more\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/der-aufhaltsame-untergang-alternative-wendungen-zur-dramaturgie-des-nibelungenstoffes\/\">[Read more&#8230;]<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":18,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/150"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=150"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/150\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":152,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/150\/revisions\/152"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/18"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=150"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}