{"id":133,"date":"2019-12-04T02:32:39","date_gmt":"2019-12-04T01:32:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/wordpress\/?page_id=133"},"modified":"2019-12-04T02:32:39","modified_gmt":"2019-12-04T01:32:39","slug":"siegfried-bei-wagner-und-im-nibelungenlied","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/siegfried-bei-wagner-und-im-nibelungenlied\/","title":{"rendered":"SIEGFRIED Bei Wagner und im Nibelungenlied"},"content":{"rendered":"\n<p>J\u00fcrgen\nLodemann<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wan\ndaz in twang ir minne<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong>SIEGFRIED Bei Wagner und im Nibelungenlied <\/strong> <br><strong>Ein Vergleich, als Neudeutung des Epos <\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Lebenslang\nsetzt mir eine Frage zu, die nicht nur meine Generation betrifft.\nGeboren bin ich 1936. Wie nur konnte es im Deutschen kommen zu\nm\u00f6rderischem Rassen-Hass, zu entsprechend uns\u00e4glichen Taten. Meine\nAntwortversuche f\u00fchrten mich fr\u00fch zu zwei Literaturfiguren, die\nmehr als 100 Jahre Leitfiguren waren. Siegfried im Nibelungenlied,\nSiegfried in Wagners \u201eRing des Nibelungen\u201c. Ignoriert blieb, wie\nstark beide sich unterscheiden. Wie Krieg und Frieden.  \n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Juergen-Lodemann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-134\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Juergen-Lodemann.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Juergen-Lodemann-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Juergen-Lodemann-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Gegen Drachen. Reden eines Freib\u00fcrgers, Buch von J\u00fcrgen Lodemann, Ausschnitt Titelseite<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das\nNibelungenlied entstand um 1200, zehntausend mittelhochdeutsche\nLangzeilen. Richard Wagners vier Opern im \u201eRing des Nibelungen\u201c,\nuraufgef\u00fchrt mehr als 600 Jahre sp\u00e4ter, dauern gut 20 Stunden. Wann\nimmer Siegfried Thema wird, herrschen Unklarheiten. Wenn Bayreuths\nFestspiele nahen, liest man in gro\u00dfen Feuilletons (FAZ, SZ),\nSiegfried sei ein \u201edeutscher Horror-Held\u201c. Oder man liest, er sei\nein \u201edeutsches Idol\u201c, \u201eurdeutsch\u201c. Obwohl um 1200 das Wort\n\u201edeutsch\u201c l\u00e4ngst in Gebrauch war, etwa beim S\u00e4nger Walther von\nder Vogelweide, wird Siegfried im Nibelungenlied kein einziges Mal\n\u201edeutsch\u201c genannt. \u201eDeutsch\u201c kommt auch in Wagners \u201eRing\u201c\nnicht vor. Aber Kritiker warnen bei Siegfried vor \u201edeutschem\nWabern\u201c, fordern, sogar stabreimend, bei Siegfried m\u00fcssten \u201edie\ndeutschen D\u00e4monen demoliert\u201c werden. Und warum? Und bei welchem\nSiegfried? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Schon\nkurz nach dem Jahr Null teilte Tacitus mit (in \u201eAnnales\u201c), die\nGermanen widmeten ihrem Sieger im \u201eTeutoburger Wald\u201c\nSiegesges\u00e4nge, dem Arminius der Cherusker. Bei den Cheruskern hie\u00df\nFeldherr Arminius <em>Sigurd<\/em>,\nund bei ihnen kam es zum Mord, Sigurd wurde get\u00f6tet, von Verwandten.\nAus diesem Mord, hei\u00dft es, wuchs \u00fcber Jahrhunderte das\nNibelungenlied. Zitieren werde ich hier aus der Fassung, die in der\nGermanistik als meisten gesch\u00e4tzt wird, aus der Handschrift B, der\nSt. Galler, gefeiert als \u201eUnesco-Weltkultur-Erbe\u201c. Soviel vorweg:\ndarin hab ich es nicht gefunden, das \u201edeutsche Horror-Monster\u201c,\nmit dem Weltkriege zu befeuern waren, zun\u00e4chst nur Opern-Weltkriege.\nIm gro\u00dfen alten Nibelungenlied erschien mir die Hauptfigur\ntats\u00e4chlich<em>\nlobebaer<\/em>,\n\u201er\u00fchmenswert\u201c, sogar ritterlich human, sogar tatkr\u00e4ftig\nfriedfertig.<\/p>\n\n\n\n<p>Anders\nim 19. Jahrhundert die Zentralfigur im \u201eRing\u201c Wagners. Der hat\ndie Idee seines \u201eGesamtkunstwerks\u201c ausf\u00fchrlich er\u00f6rtert.\n\u201eDichtung\u201c wie Komposition seien da gleich bedeutend, die\nerkl\u00e4rten einander. Wagner hat geradezu gefordert, seine Opernworte\nbeim Wort zu nehmen. Das geschieht leider so gut wie nie. Der K\u00f6nig\nim \u201eLohengrin\u201c singt ohne Protest aus dem Publikum: \u201eDeutsches\nLand \u2026 stelle Kampfesscharen!\n\u2026 Mit Gott! f\u00fcr deutschen Reiches Ehr!\u201c St\u00fcrmischer Beifall,\nauch in Bayreuth. Auch von Kanzlerin und Verteidigungsministerinnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wagner\nerfand Siegfried vollkommen neu, verkn\u00fcpfte daf\u00fcr nordische\nMythologien und Sagen als ein eigener Mythen-Baumeister. Seinen\nSiegfried sieht er (Z.:) als \u201ewahren Menschen \u00fcberhaupt\u201c. Bevor\ner ihn auftreten l\u00e4sst, inszeniert sein \u201eRing\u201c in zwei gro\u00dfen\nOpern G\u00f6tter, Halbg\u00f6tter und mythische Elemente in einem enormen \nKampf, der ausdr\u00fccklich \u201eKrieg\u201c hei\u00dft, Kampf um einen magischen\nRing. Der garantiert Besitz und Macht. Sehr lange vor Siegfrieds\nerstem Auftritt agieren da Lichtfiguren gegen Nachtfiguren, erz\u00e4hlen\nund kommentieren ausf\u00fchrlich Siege oder Niederlagen, Streit mit\nallen Mitteln, mit Betrug, mit Mord, auch mit Doping. Sehr starke\nFiguren begehren da noch\nmehr St\u00e4rke. Oberster aller G\u00f6tter ist Wotan, Siegfrieds Gro\u00dfvater.\nDer f\u00fchrt den \u201eKrieg\u201c um den Ring gegen Alberich, den F\u00fcrsten\nder Nachtwelt. Krieg um die Weltherrschaft, und zwar in \u201ez\u00e4hem\nHass\u201c, wei\u00df Hagen. Der muss es wissen, bei Wagner ist Hagen der\nSohn des Alberich. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nLichtgott Wotan und Nacht-Alb Alberich um die Welt ringen, ist \u201eWelt\u201c\nnicht Europa, sondern das Dasein \u00fcberhaupt. Gestritten wird aber\nauffallend kleinlich. Oft in Gez\u00e4nk, auch zwischen Spitzeng\u00f6ttern.\nNicht nur zwischen Wotan und Lieblingstochter Br\u00fcnnhilde, auch\nzwischen Wotan und dessen Ehefrau. Frau Fricka r\u00fcgt zum Beispiel\nEhebruch. Und zwar bei den Zwillingen, die Wotan mit Urmutter Erda\ngezeugt hat, bei Sieglinde und Siegmund. Als die den Siegfried\nzeugten, da trieben Sieglinde und Siegmund au\u00dfer Inzest auch\nEhebruch. Sieglindes Ehemann ist Hunding. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wagners\nSiegfried entsteht auf jeden Fall sehr eigen, aus Ehebruch und\nInzest. Und unter Drogen. F\u00fcr ungest\u00f6rten Beischlaf mit Bruder\nSiegmund narkotisiert Sieglinde ihren Ehemann mit einem Spezialtrunk.\nG\u00f6ttin Fricka r\u00fcgt nun aber nicht etwa diese K.O.-Tropfen, sondern\nden Ehebruch, verlangt sogar die Todesstrafe, und zwar f\u00fcr den\nm\u00e4nnlichen Ehebrecher (Z.): \u201eDer W\u00e4lsung (also Siegmund) f\u00e4llt\nmeiner Ehre!\u201c Dieses \u201ef\u00e4llt\u201c oder \u201eFallen\u201c, das ist ein\nWort, das wenig sp\u00e4ter auftauchen wird in hunderttausenden\nTodesanzeigen. In drei Europa-Kriegen. Und \u201eF\u00e4llt meiner Ehre\u201c,\nda steht \u201eEhre\u201c im Dativ, besitzanzeigend. Mir nahm einst mein\nLehrer den Malstift weg mit dem Wort \u201eJetzt ist er mir.\u201c\nSiegfrieds Vater Siegmund \u201ef\u00e4llt\u201c also f\u00fcr den Ehr-Besitz\nseiner Stiefmutter. Waltet da irgendein Tiefsinn? Ich gestehe, mir\nblieb er verborgen. Zumal nicht die bet\u00e4ubende Sieglinde \u201efallen\u201c\nmuss, sondern der m\u00e4nnliche der beiden Ehebrecher. Und Gro\u00dfvater\nWotan gehorcht. Im Kampf Siegmunds gegen Hunding l\u00e4sst Wotan nun\nnicht Hunding \u201efallen\u201c,\nsondern den eigenen Sohn, Siegmund. Danach \u201ef\u00e4llt\u201c Gro\u00dfvater\nfreilich auch den Hunding. Mit einem einzigen Wort: \u201eGeh!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gro\u00dfkritiker\nJoachim Kaiser riet zu \u201eh\u00f6chstem Respekt\u201c vor Wagners Worten. In\nWagners Opern-Weltkrieg t\u00fcrmen sich R\u00e4tsel, mit jedenfalls. Kann\nsein, da folgte Wagner nicht nur nordischen Mythen, sondern auch dem\nromantischen Baron Fouqu\u00e9, auch der nutzte in seinem Drama \u201eDer\nHeld des Nordens\u201c \u201eVergessenstr\u00e4nke\u201c, schon Heine monierte da\n\u201emagere Charakterisierungen\u201c der Personen. Auch Fouqu\u00e9 schrieb\nOperntexte, f\u00fcr E.T.A. Hoffmann eine \u201eUndine\u201c, im Todesfinale\nfragt diese Undine den Ritter: \u201eNicht einen einen Kuss?\u201c Drauf\nder Ritter: \u201eJa, Liebste, weil ich muss.\u201c Alsdann: \u201eIch bin\nverloren, bin vernichtet. Oh l\u00e4gen Tote rings geschichtet.\u201c\nETA.Hoffmann vertonte das. Und \u201eTote, rings geschichtet\u201c, kennen\nwir das nicht? \n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\nWagners Siegfried, also f\u00fcr den \u201ewahren Menschen \u00fcberhaupt\u201c\ngilt nichts \u00dcbliches. Im \u201eRing\u201c wird er durchweg gefeiert, als\nLichtgestalt. Als \u201esiegendes Licht\u201c. Erst in der dritten\nRing-Oper ist, wie gesagt, sein erster Auftritt, da kommt Wagners\nSiegfried nicht aus Xanten, sondern aus Wald und H\u00f6hle, kommt da als\nKraftmensch mit einem B\u00e4ren, den er losl\u00e4sst, um einen Zwerg zu\nerschrecken. Das Loslassen eines B\u00e4ren gibt\u2019s auch im\nNibelungenlied, aber wie anders. Da ist das Siegfrieds letzter\nAuftritt, und da wendet Siegfried das nicht gegen einen Schwachen,\nsondern gegen die oberste Wormser Herrschaft. Kurz bevor die ihn\nt\u00f6tet, treibt Siegfried im Nibelungenlied nochmal Eulenspiegel-Sp\u00e4\u00dfe\n\u2013 Spa\u00df bei Wagner? scheint undenkbar \u2013 da schreckt der mit der\nBestie keinen Zwerg, sondern Burgunds H\u00f6here, treibt die in\n<em>ungemach<\/em>,\nweil es danach nichts mehr zu trinken gibt, der B\u00e4r hat alle F\u00e4sser\numgekippt. Bleibt nur noch die Quelle. An der ermorden sie ihn dann,\nihren \u00fcberaus hilfreichen St\u00f6renfried. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wagners\nSiegfried dagegen hasst einen Zwerg, qu\u00e4lt den ausf\u00fchrlich, obwohl\ndieser Kleine ihm einst das Leben rettete und das Schmieden\nbeibrachte, Zwerg Mime fand ihn als S\u00e4ugling und zog ihn auf, indem\ner \u201edas zullende Kind\u201c irgendwie n\u00e4hrte. Nun aber befiehlt\nWagners Jung-Siegfried dem B\u00e4ren, den Zwerg zu fressen. \u201eFriss\nihn, den Fratzenschmied!\u201c Mit \u201eFratze\u201c ist Mimes Gesicht\ngemeint, das f\u00fcr die Lichtgestalt h\u00e4sslich ist. Seinen Lebensretter\nverh\u00f6hnt er, indem er ihm Eisenst\u00fccke in die Glut wirft: \u201eDa hast\ndu die St\u00fccken, h\u00e4sslicher St\u00fcmper, h\u00e4tt\u2019 ich am Sch\u00e4del sie\ndir erschlagen! \u2026 W\u00e4r mir nicht schier zu sch\u00e4big der Wicht, ich\nerschmiedete ihn selbst \u2026 den alten albernen Alp!\u201c Textdichter\nWagner macht aus dem Wort \u201eerschlagen\u201c das Wort \u201eerschmieden\u201c.\nPoetisch? Sch\u00f6pferisch? Was nur hat sein Siegfried gegen den\nWinzling? W\u00e4re das die Goldgier, dann m\u00fcsste diese \u201ewahre Mensch\u201c\nin den vier Opern alle erschlagen. Denn Gier nach Gold plagt da\njeden. F\u00fcr Mime nennt er als Mordmordmotiv, der sei \u201ealt\u201c,\n\u201esch\u00e4big\u201c, \u201eh\u00e4sslich\u201c. Hassenswert? Was wenig sp\u00e4ter\n\u201elebensunwert\u201c war? \n<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4sslichkeit\nreicht offenbar, \u201eMinderwertige\u201c \u201ein St\u00fccke\u201c zu schlagen.\n(Z.:) \u201eBeim Genick m\u00f6cht ich den Nicker packen, den Garaus geben\ndem garstigen Zwicker\u201c. F\u00fcr Wagners Leit- und Lichtfigur verdienen\nH\u00e4ssliche also den \u201eGaraus\u201c. Er erschl\u00e4gt Mime dann\ntats\u00e4chlich. Singt freilich: \u201eNothung streckte den Strolch\u201c, das\nSchwert mordete. Wagner dachte und w\u00fcnschte sich Siegfried als\n\u201eabsolut frei\u201c, frei auch von R\u00fccksicht, auch \u201evon Furcht\u201c.\nWeil nur wahrhaft Freie \u201ewahrhaft Liebende\u201c sein k\u00f6nnen.\nSiegfried ist f\u00fcr ihn so was wie \u201efreie\u201c Natur. Der besingt sein\nSchwert \u201eNothung\u201c als \u201eneidliches\u201c Schwert, Metall also als\nneidgetrieben. (Z.:) \u201eNothung streckte den eklen Schw\u00e4tzer\u201c.\nMaterie hat Mordlust. An den Kriegen seit 70\/71 war Kruppstahl\nschuld? (Z.:) \u201eNothung! Neidliches Schwert \u2026 trotzig und hehr \u2026\nseine Sch\u00e4rfe schneidet hart \u2026 f\u00e4lle den Schelm!\u201c Das F\u00e4llen\nvon Schelmen, das F\u00e4llen und Fallen schaffen hier Schwerter wie von\nallein. Zwerg Mime ist halt wenig wert, nur, gef\u00e4llt zu werden, das\nkapiert schon pure Natur. Bayreuths Festschrift 1933 belehrte. (Z.:)\n\u201eSiegfried f\u00fchlt gegen Mime blutsm\u00e4\u00dfige Abneigung\u201c.1933, immer\nmal wieder sind auch Programmhefte hilfreich. Und Siegfried Mordmotiv\nist \u201eh\u00e4sslich\u201c, \u201esch\u00e4big\u201c, \u201eFratze\u201c, ja, so was gr\u00f6len\nsie nun wieder Horden, eine darunter hei\u00dft \u201eNibelungen\u201c. Neue\nNazis.<\/p>\n\n\n\n<p>Bevor\nim \u201eRing\u201c Siegfried auch den Drachen erschl\u00e4gt, r\u00fchmt auch der\nDrache die Lichtfigur (Z.): \u201ehell\u00e4ugiger Knabe \u2026 rosiger Held\u201c.\n\u201eHell\u00e4ugig\u201c? \u201eRosig\u201c? Meint das etwa jene wei\u00dfe\nPhantom-Rasse, die sich f\u00fcr die st\u00e4rkste und beste hielt und h\u00e4lt?\nGro\u00dfvater Wotan schickt nicht umsonst sein g\u00f6ttliches Licht auf den\nSchaft, aus dem Siegfried Nothung schmiedet, mordgierig. Auch Wotan\npreist Siegfrieds \u201elichte Art\u201c. Und diese \u201eArt\u201c, die lebt\nun\u00fcberh\u00f6rbar nach dem Gesetz, wonach der St\u00e4rkere der Bessere ist\nund Recht hat. Siegfried first. Wo er ist, ist vorn, ist oben. Das\nfeiert Verbrecherisches als Natur, als \u201ewahres\u201c Grundgesetz. Auch\nHagen singt: Br\u00fcnnhilde geh\u00f6re \u201eeinem St\u00e4rkeren nur\u201c. F\u00fcr\ndieses Prinzip wird im \u201eRing\u201c sieben Mal gemordet. Dagegen hat\nJahrhunderte fr\u00fcher das Nibelungenlied \u2013 im vermeintlich finsteren\nMittelalter \u2013 f\u00fcr die Siegfried-Handlung nur einen Mord. Den an\nSiegfried.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nimmer Wagners Siegfried mordet, er wird besungen, wird gefeiert als\n\u201esiegendes Licht\u201c, als Vorbild, als \u201eHerrlicher\u201c. Auch Wotans\nTochter Br\u00fcnnhilde \u2013 bei Wagner Siegfrieds Tante \u2013 auch sie\nr\u00fchmt Siegfried als \u201eHort der Welt!\u201c, \u201eHeil dir, Siegfried!\u201c\nBr\u00fcnnhilde liebt ihren Neffen, so liest man, \u201ebr\u00fcnstig\u201c,\noffenbar ur-nat\u00fcrlich. Br\u00fcnnhilde wie Siegfried sind in Wagners\nText st\u00e4ndig umstrahlt von Lichtmetaphern, laut Igor Strawinsky \u201ein\nchronischer Aufgeblasenheit\u201c. Offenbar kommt f\u00fcr Wagner Licht ins\nDunkel der Welt allein durch UrNatur. Und die ist m\u00f6rderisch, ist\nKrieg. Wenn Br\u00fcnnhilde Siegfried preist als \u201ehehrsten Helden der\nWelt\u201c, dann sieht Siegfried sich auch selber so, denn als \u201eWalter\nder Welt\u201c r\u00fchmen ihn sogar die Waldv\u00f6gel. Dies penetrante\nBeschw\u00f6ren von St\u00e4rke wirkt irritierend simpel. Das schm\u00fcckt\nWagners Siegfried \u00e4hnlich seltsam wie das unentwegte Selbstlob im\nSuperlativ, wie es derzeit dem Pr\u00e4sidenten Amerikas entf\u00e4hrt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\nPrinzessin Gutrune r\u00fchmt Siegfried als \u201em\u00e4chtigsten Mann\u201c, will\nnur ihn\nbesitzen. Doch Br\u00fcnnhilde, die \u201ehehrste Frau\u201c, begehrt den\nNeffen zuerst, hehrst, will den \u201ehehrsten Helden\u201c noch st\u00e4rker\nals Gutrune, was immer \u201ehehrst\u201c hei\u00dft. Das hei\u00dft h\u00f6chst,\nherrlichst, ja, auch Tante Br\u00fcnnhilde f\u00fchlt sich (Z.) \u201edem\nSt\u00e4rksten nur bestimmt\u201c, sie und Siegfried kommen nun mal als\n\u201eHehrste\u201c daher.\nGeh\u00f6ren\neinander. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hagen,\nSohn des Alberich, r\u00e4t Br\u00fcnnhilde (Z.): \u201eNach St\u00e4rkerem sp\u00e4h,\nwillst du den St\u00e4rksten bestehen\u201c. Wer also Siegfried gewinnen \u2013\noder morden \u2013 will, muss noch\nst\u00e4rker sein als der St\u00e4rkste. Dieses Denken und Handeln in\nSt\u00e4rke-Kategorien, es f\u00e4llt mir schwer, das wenigstens komisch zu\nfinden. Auf mich wirkt es be\u00e4ngstigend. Bestialisch, \u201eblutsm\u00e4\u00dfig\u201c.\nWenn am Ende der vier \u201eRing\u201c-Opern der Hehrste gegen alles Recht\ndes St\u00e4rkeren dennoch ermordet wird, von Alberichs Sohn Hagen, dann\nwird geklagt zu ersch\u00fctternder Trauermusik. \u201eDer Reinste war er\u201c.\nTrauer um eine Gestalt, deren Worte mir Erinnerungen wecken an fr\u00fche\nLese-Texte, erstes Radio-H\u00f6ren, an Ausgrenzendes, Fanatischstes. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Weil\naber K\u00f6nig Gunthers Schwester den St\u00e4rksten zum Mann wollte, musste\ndieser St\u00e4rkste die Br\u00fcnnhilde vergessen. Nutzt auch Hagen\n\u201ebet\u00e4ubenden Sud\u201c als \u201eVergessenstrank\u201c. Als ob Menschen nur\nim Dope andere verg\u00e4\u00dfen. Kaum hat Siegfried den Sud geschluckt, ist\nalles ganz und gar dahin, \u201eder G\u00f6tter heiliger Himmelsnebel\u201c,\nsogar das zuvor besungene \u201eewig \u2026 siegende Licht\u201c, alles\nbislang Ewige ist pl\u00f6tzlich perdu, samt Tante Br\u00fcnnhilde. Loriot\nkonnte sich lustig machen \u00fcber diese R\u00fcckgriffe aufs\nKasperle-Theater. Zumal dann erst ein \u201eWieder-Erinnerungs-Trank\u201c\nden Siegfried zur\u00fcck holt in sein \u201eewiges\u201c Singen und Trachten\nRichtung Br\u00fcnnhilde. Waren also die vielen gemeinsamen Heil-Rufe gar\nnichts wert? bedeutungslos? schlicht wegpustbar? Nach dem\n\u201eWieder-Erinnerungs-Trank\u201c macht nun aber Br\u00fcnnhilde nicht mehr\nmit, von nun an ist \u201eG\u00f6tterd\u00e4mmerung\u201c. Wotans Tochter fordert\nRache, verr\u00e4t Hagen die Schwachstelle in Siegfrieds R\u00fccken. F\u00fcr\nMord Nummer Sieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Kapitalverbrechen\nunter G\u00f6ttern und Halbg\u00f6ttern. Erzwungen vom \u201eRing\u201c? Der \u201eRing\u201c\nschafft laut Br\u00fcnnhilde \u201ealler G\u00f6tter ewig w\u00e4hrendes Gl\u00fcck\u201c.\nLaut Machtfachmann Hagen \u201eungeheure Macht\u201c. Auch Siegfried wei\u00df,\nder Ring macht ihn \u201ezum Walter der Welt\u201c (\u201eG\u00f6tt.\u201c, III.),\nschafft \u201eheiliges\u201c Beuterecht, versichert Hagen (\u201eG\u00f6tt.\u201c,\nIII). Bei \u201eBeuterecht\u201c h\u00f6re ich Polens \u201cGeneralgouverneur\u201c\nHans Frank, der massenhaft Polen foltern und morden lie\u00df (Zitat Hans\nFrank (w\u00f6rtlich bezeugt vom Sohn)): \u201eDer Beutetrieb ist nun mal\nein Urtrieb des Menschen. Von Juden reden wir erst gar nicht\u201c. Bei\nWagner ist \u201eBeuterecht\u201c nicht nur Urtrieb, sondern auch\n\u201eMannesrecht\u201c. An Frauen. F\u00fcr seinen Siegfried wie f\u00fcr seinen\nGunther. K\u00f6nig Gunther ist stolz auf seine \u201eErstlingsart\u201c, schon\ndie \u201eArt\u201c schafft Beischlafsrecht, auch bei Br\u00fcnnhilde.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Hagens\nMord wird begleitet von Raben-Schreien: \u201eDer Raben Geraune, Rache\nraten sie mir!\u201c Auch Br\u00fcnnhilde will nun den t\u00f6dlichen Sto\u00df in\nSiegfrieds R\u00fccken. Menschen operieren hier wie Raben. Als h\u00e4tten\nalle Weisen nicht seit je Natur bewundert, als symbiotischen Zauber\nim Mischen, Erg\u00e4nzen, St\u00fctzen und Gemeinschaft-Leisten, Sicherheit\nvor Gefahren in vielf\u00e4ltigem Teilen. W\u00f6rter wie \u201eTeilen\u201c, im\n\u201eRing\u201c stiften sie \u201eKrieg\u201c. Im uralten Nibelungenlied\ndagegen, da erkl\u00e4rt K\u00f6nig Gunther gleich in seiner ersten \u00c4u\u00dferung\n(Strophe 127, Z.): <em>allez\ndaz wir h\u00e2n \u2026 daz s\u00ee iu undert\u00e2n und s\u00ee mit iu geteilet<\/em>\n\u2013 \u201ealles, was wir besitzen, das steht euch zur Verf\u00fcgung, das\nsei mit euch geteilt.\u201c Und verk\u00fcndet dann sogar den Feinden,\nnachdem die von Siegfried wunderbar befriedet wurden (Str. 310, Z.):\n<em>m\u00een\nguot, daz will ich mit iu teilen, des h\u00e2n ich willigen muot<\/em>\n\u2013 \u201emeinen Besitz, den will ich mit euch teilen, das will ich\naufrichtig\u201c. Und da antworten die von Siegfried Vers\u00f6hnten: <em>\u00ea\ndaz wir widder r\u00eeten heim in unser lant, wir <\/em><em>g\u00earn<\/em><em>\nstaeter suone<\/em>\n\u2013 \u201eehe wir wieder heimreiten in unser Land, w\u00fcnschen wir\nbleibenden Frieden\u201c. Um 1200 humane Wege, Vernunftwege, erm\u00f6glicht\ndurch Siegfried. In Wagners Romantik Mord-Wege. Nicht nur Hitler war\nvon Wagner \u201ehin und weg\u201c. Auch heute noch oder wieder, viele,\nauch Intelligente.<\/p>\n\n\n\n<p>Sir\nSimon Rattle, am Ende doch auch mal Wagner-Dirigent, pries sehr die\nMusik, fand den Text aber \u201eeher st\u00f6rend\u201c. Wagner las seine\n\u201eRing-Dichtung\u201c wiederholt vor, stundenlang. 1848 will Wagner\ntiefe Einsichten gesammelt haben f\u00fcr den \u201eRing\u201c. R\u00e4tselhaft,\ndieser Bezug zum Freiheitsversuch 1848. Wo k\u00f6nnte im \u201eRing\u201c\niregndein Echo sein auf diesen V\u00f6lkerfr\u00fchling, auf Visionen,\nAustausch, Teilen, Solidarit\u00e4t, R\u00fccksicht, Verst\u00e4ndigung,\nKompromiss, Integration \u2013 was einen \u201ewahren Menschen\u201c denn\ndoch, f\u00fcr Momente, \u00fcber Bestialisches hinausheben kann. Wo bleibt\nim \u201eRing\u201c eine Spur von all den 1848 quer durch Europa\nerwachenden Hoffnungen auf menschenw\u00fcrdiges Miteinander. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zuf\u00e4llig\nin den gleichen Monaten, in denen Wagner 1848 erste\n\u201eSiegfried\u201c-Entw\u00fcrfe notiert, in eben diesen Monaten entsteht\nvon einem sehr anderen Komponisten Text und Musik zu einer sehr\nanderen, zur ersten und einzigen klassisch-romantischen\nArbeiter-Oper. Bis heute ignoriert. In gro\u00dfem Ernst getextet (Z.):\n\u201edenn leiden soll kein Mensch auf Erden\u201c. Komponiert von einem\nvor Wagner, Lortzing. Der beginnt sein Echo auf 1848 mit einem\nLohn-Streik der Arbeiter, dann folgen Brandschatzung der Fabrik und\nSelbstmordterror \u2013 und alles in allem die Paulskirchen-Botschaft\nEinigkeit, Recht, Freiheit.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\n\u201eRing\u201c fehlt alles, was an Menschenrechte erinnern k\u00f6nnte.\nWagner nennt seinen Siegfried \u201edeutschen Rebell\u201c. Auch noch sein\n\u00e4ltester Enkel (Z.:) \u201eDie Schachtanlagen und H\u00fcttenwerke des\nRuhrgebiets, im \u201eRing\u201c werden sie zu den Werkst\u00e4tten\nNibelheims.\u201c Just das h\u00e4tte Grundlegendes zeigen k\u00f6nnen,\nGewaltenteilung, Gewinnbeteiligung, Arbeitsteilung, Solidarit\u00e4t.\n1849, in der ersten Phase der Planungen schreibt Wagner seiner\nEhefrau: \u201e\u2026dass ein wirklich siegreicher Revolution\u00e4r g\u00e4nzlich\nohne alle R\u00fccksicht verfahren muss \u2013 der darf nicht an Weib und\nKind denken. Sein einziges Streben ist: Vernichtung.\u201c Und\nBr\u00fcnnhilde hat dann tats\u00e4chlich zu singen (Z.): \u201eNacht der\nVernichtung, neble herbei!\u201c \u201eMordliches Ringen\u201c waltet im\n\u201eRing\u201c. Kampf um Weltmacht. Wotan weiht den \u201eherrischen Schaft\u201c\nf\u00fcr \u201eNothung\u201c ausdr\u00fccklich dem \u201eKrieg\u201c. Jeder provoziert da\nKrieg. Auch Alberich: \u201eDer Welt walte dann ich\u201c. Und Wotan (Z.:)\n\u201eDes Rings waltet, wer ihn gewinnt\u201c. Als der Ring noch im Besitz\ndes Drachen ist und Siegfried den Drachen erschlagen hat, beginnt\nWagners Siegfried zu gr\u00fcbeln (Z.:) Es \u201egr\u00e4mt mich schier, dass\nviel \u00dcblere UNerschlagen noch leben\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr\ndiesen \u201eRing\u201c war 1876 ein eigenes Festspielhaus entstanden,\nnicht in Berlin oder M\u00fcnchen, schon gar nicht im Ruhrgebiet, sondern\nin Bayreuth. Und wer kam und h\u00f6rte zu? Wie bei den fr\u00fchesten Opern\nund wie in Bayreuth noch heute: Prominenz, M\u00e4chtige. Zur\nUrauff\u00fchrung kam der Kaiser, wie in den Anf\u00e4ngen der Oper.\nHerrschende fanden sich von Grund auf best\u00e4tigt, in ihrem \u201eGottes\nGnadentum\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\n\u201eRing\u201c ist weder ein Echo von 1848 noch irgendetwas vom\nNibelungenlied, von der vermeintlichen Vorlage. In der Vorlage fehlen\nG\u00f6tter, fehlt alles \u201eHehrste\u201c und ist Siegfried einer, der\nsystematisch Kriege vermeidet. Da wei\u00df von Archaischem allein Hagen,\nein erster Kanzler am Rhein, erster Propagandaminister. Und nutzt das\nVorzeitliche zum Rufmord. Bevor Kriemhilds Traum-Ritter aus Xanten in\nWorms auftaucht \u2013 der kommt da nicht aus Wald und H\u00f6hle \u2013 bevor\nder K\u00f6nigssohn vom Niederrhein Unruhe stiftet am Oberrhein, also in\nder sch\u00f6nen Burgunderprinzessin, da behauptet Hagen, der Xantener\nh\u00e4tte \u201esiebenhundert Recken\u201c erschlagen, einen Drachen und au\u00dfer\nden nibelungischen Riesen auch einen Zwerg, der sich t\u00fcckisch zu\ntarnen wusste. Hagen stellt den potentiellen Bewerber um Kriemhild\nvorweg in zweifelhaftes Licht. Die Autoren des Epos dagegen, die\nPassauer M\u00f6nche erz\u00e4hlen von Siegfrieds Jugend kein Wort,\n\u00fcberlassen das Hagen. Drachenkampf und Gewalt stehen da ausdr\u00fccklich\nin Anf\u00fchrungszeichen, ab Strophe 86: <em>Als\u00f4\nsprach do Hagene (Doppelpunkt, Anf\u00fchrungszeichen). <\/em>Und\ndas endet 13 Strophen sp\u00e4ter nach Punkt und Abf\u00fchrungszeichen:\n<em>So\nsprach von Hagene Tronege. <\/em>Die\nErz\u00e4hler selber berichten in der Zehntausend-Zeilen-Dichtung vom\nDrachenkampf \u2013 nichts.<\/p>\n\n\n\n<p>14\nTage nach meiner Geburt in einer Krupp-Klinik in Essen legte mein\nVater ein Tagebuch an, begr\u00fc\u00dfte mich als seinen dritten Sohn (als\nFaksimile in www.j\u00fcrgen-lodemann.de), und der Vater w\u00fcnscht dann:\n\u201eWerde einst ein ganzer Mann!\u201c Was das sei, sagt der Bauernsohn\nnicht. Statt auf dem ererbten Heidehof Landwirt zu sein, studierte er\ndie um 1900 weltweit aufstrebende Elektrotechnik und nun \u2013 im M\u00e4rz\n1936, im Willkommen zu meiner Geburt und in gro\u00dfem Ernst \u2013\nschw\u00e4rmt er \u201evom gr\u00f6\u00dften Siege, vom Sieg des Friedens. Vergiss\nnie, dass das deutsche Volk diesen Sieg Adolf Hitler zu danken hat,\ndem Manne, dem du danken kannst, dass du lebst. Ohne ihn w\u00e4re\nDeutschland nicht, w\u00e4rest du nicht.\u201c \n<\/p>\n\n\n\n<p>1965,\nin Frankfurt liefen die Ausschwitz-Prozesse, schickte mir der\n70j\u00e4hrige fast hundert handgetippte Seiten unter dem Titel: \u201eDer\ngro\u00dfe Irrtum\u201c. Darin Worte wie \u201eGrauenhaftigkeit\u201c und\n\u201eunvorstellbar\u201c. \u201eGegen das gr\u00f6\u00dfte Verbrechen der Menschheit\u201c\nsei er geblendet gewesen von L\u00fcgen, auch von Friedensl\u00fcgen.\nWirksamste Propaganda berauschte in der Tat Millionen, und zwar so\nsehr, dass Goebbels und Co ihre L\u00fcgen am Ende selber glaubten.\nPsychologie ermittelte, dass L\u00fcgen, die der L\u00fcgner selber glaubt,\nbeste Chancen haben, geglaubt zu werden. Nach dem Tod meines Vaters\nwurde sein \u201eDer gro\u00dfe Irrtum\u201c ein beachtetes Buch, Vorwort\nHarald Welzer. Kann sein, schon Hagen glaubte seine Drachen-Sagen\nselber. Wie sonst h\u00e4tten er und Kriemhild die Schwachstelle in\nSiegfrieds R\u00fccken so vehement glauben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder gr\u00f6\u00dften deutschen Stadt, in der St\u00e4dtestadt Ruhr stand meine\nKindheit unter vaterlands-berauschten Ges\u00e4ngen, noch jetzt h\u00f6re ich\nsie, all die emp\u00f6rten Radio-Redner, dann aber Alarme und Bomben\ndicht nebenan. Die zehn und acht Jahre \u00e4lteren Br\u00fcder schw\u00e4rmten\nvon Siegfried, schrieben mir ins Tagebuch, das erstes Lied, das ich\ngesungen h\u00e4tte, ginge um eine \u201eSiegfried-Linie\u201c samt \u201eBomben\nauf Engel-Land\u201c, \u201eEngelland\u201c h\u00e4tte ich gesungen, mit f\u00fcnf. Im\nWinter 42\/43 verkaufte ich auf der Stra\u00dfe Siegfried, Hagen und\nGunther als kleine Holzfiguren f\u00fcr Geld \u201ean die Ostfront\u201c, wo,\nwie ich verstand, \u201eunsere Soldaten j\u00e4mmerlich frieren mussten, in\nsibirischer K\u00e4lte\u201c. In der \u201eNS-Frauenschaft\u201c strickte die\nMutter Pullover und Socken und lie\u00df mich singen. Im Krieg l\u00e4hmt den\nEinzelnen idiotisches Unwissen, Falschwissen. Und seit langem ist\ndarunter ein fatal gef\u00e4lschtes Siegfried-Bild.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine\nKindheit stand fast 10 Jahre im Zeichen vom Drachen. Und vom\nSiegfried in Wagners Fassung. Wichtig f\u00fcr Lehrer war ab 1934 die\nZeitschrift \u201ePolitische Unterrichtspraxis\u201c. Die pries Siegfried\nw\u00f6rtlich als (Z.) \u201egl\u00fcckhafte Verk\u00f6rperung rassischer\nHochwerte\u201c. Schon im Weltkrieg I nannte die Milit\u00e4rf\u00fchrung\nFrontlinien \u201eSiegfriedlinien\u201c. Wenn schon keine Gener\u00e4le,\nGermanistik h\u00e4tte kl\u00e4ren k\u00f6nnen \u2013 m\u00fcssen \u2013 dass Siegfried im\nEpos keinen Krieg f\u00fchrt, sondern Kriege blockiert. Und dass er da\nniemanden ermordet. Nicht mal Drachen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kaum\nwaren ab 1750 die alten Handschriften entdeckt, wurden sie verkl\u00e4rt.\nZu Urkunden der deutschen Nation. Und die wollte St\u00e4rke. Schon im\n\u201eJahrhundert der Aufkl\u00e4rung\u201c wurde das entstellt. Johannes von\nM\u00fcller, 1750 Entdecker der St.Galler Handschrift, teilte mit, dies\nsei eine \u201eteutsche Ilias\u201c. Friedrich von der Hagen, erster\nGermanist, feierte den Fund als \u201eUrkunde des unvertilgbaren\nteutschen Karakters.\u201c Der sehr erfolgreiche Theaterdichter Kotzebue\nmeint, Siegfried sei \u00fcber die Deutschen gekommen \u201ewie ein\ndeutscher Napoleon\u201c. 1870, im Krieg gegen Frankreich, erkl\u00e4rte\nGermanist Karl Simrock, Herausgeber des Nibelungenlieds, das Lied sei\neine \u201eFeld- und Zeltpoesie\u201c. Mit dem k\u00f6nne man \u201eArmeen aus der\nErde stampfen\u201c, gegen die \u201eVerw\u00fcster des Reiches, die gallischen\nMordbrennern und ihrer r\u00f6mischen Anma\u00dfung\u201c. Gemeint waren da\nFrankreich und die Kirche in Rom. Keinen Moment st\u00f6rte es Professor\nSimrock, dass in den zehntausend alten Zeilen Siegfried kein einziges\nMal deutsch genannt wird. Auch Hebbel nannte sein Nibelungen-Drama\n\u201eDeutsches Trauerspiel\u201c. Nannte das den \u201egewaltigsten aller\nGes\u00e4nge von deutscher Kraft und deutscher Treue\u201c. Das st\u00e4rkt\nmeinen Verdacht, auch Wagner und Hebbel, sie kannten vom\nNibelungenlied nur, was sie sich w\u00fcnschten. Mythen, Ger\u00fcchte.\nDrachensagen, St\u00e4rke. So, wie Gr\u00f6\u00dfenwahn das wollte und \u2013 die\nRegime. \n<\/p>\n\n\n\n<p>1907\ndurchquerte die Reichshauptstadt des Kaisers Auto mit Hupen-Gedr\u00f6hn\nnach Wagner-Motiven. 1907 feierte der Philosoph Wilhelm Dilthey das\n\u201enationale Epos\u201c, als \u201ewahrste Darstellung von Heldentum und\nNation\u201c. Im Weltkrieg I markierte Milit\u00e4rf\u00fchrung au\u00dfer\nSiegfriedfronten auch \u201eHagen-Stellungen\u201c. Und das \u201egemeine\nVolk\u201c litt Hirn-Risse. \u201eJeder Sto\u00df ein Franzos\u201c. \u201eJeder\nSchuss ein Russ\u201c. Noch nach Weltkrieg II nennt Heiner M\u00fcller den\nNibelungenstoff den \u201edeutschesten aller deutschen Stoffe\u201c.\nSiegfried sieht er in einem \u201eTotenhaus\u201c. Dabei wird im\nNibelungenlied ausf\u00fchrlich geschildert, wie Siegfried Verwundeten\nhilft und wie er Festspiele stiftet. Doch wer heute von Siegfried\nredet, meint den des Richard Wagner, z.B. Heiner M\u00fcller in &#8222;Die\nKinder der Nibelungen&#8220;. Noch j\u00fcngst, in der sehr guten\nZeitschrift \u201eVolltext\u201c und bei Suhrkamp kann Sibylle Lewitscharow\npublizieren: (Z.) \u201eSiegfried ist ein \u2026 Schlagetot, nicht mehr. \u2026\nein Schlagetot, der bei der ersten Gelegenheit zum Schwert greift.\u201c\nSchon Ernst J\u00fcngers Kriegsbuch \u201eIn\nStahlgewittern\u201c\nwurde begeistert begr\u00fc\u00dft als \u201eSiegfried-Buch\u201c, und was das\ndamals hie\u00df, sagte Freisch\u00e4rler J\u00fcnger gen\u00fcgend deutlich: \u201eUnsere\nArbeit ist t\u00f6ten, und es ist unsere Pflicht, diese Arbeit gut und\nganz zu tun.\u201c Ja, \u201eVernichtung nebelt\u201c. Dichter und Germanist\nFelix Dahn verk\u00fcndete: \u201eUnd lachend, wie der grimme Hagen, so\nspringet in\ndie Schwerter, in\nden Tod! \u2026 So\nsoll Europa stehn in Flammen!\u201c Das gelang dann ja zweifellos,\nEuropa in Flammen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wagner\nhat nat\u00fcrlich Kriegslust und Judenverfolgung nicht initiiert, hat\nnur einen vorhandenen Strom einzigartig verst\u00e4rkt. Weniger mit\nseinen Ausf\u00e4llen gegen die Konkurrenten Meyerbeer oder Mendelssohn.\nSondern mit der ungeheuren Wirksamkeit seiner Musik. Zu fatalen\nTexten.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn\nlive \u00fcbertragen wird von den Wagner-Festspielen, dann gellen am Ende\nSchreie. Aus welcher Begeisterung? Das Nibelungenlied las ich\ninzwischen abermals neu, zehntausend Zeilen. Daneben Wagners Text.\nSchon weil ich zum Ende meines Lebens doch wenigstens ahnen will, von\nwas deutsche V\u00f6lkermorde kommen konnten. Vom Popanz unbesiegbarer\n\u00dcberlegenheit \u00fcber alle anderen? Vom \u201eganzen Mann\u201c im Sinne\nSiegfrieds, der auch ich werden sollte? Nie solle ich vergessen,\nmahnte der Vater, dass ich Hitler zu danken h\u00e4tte, dass ich lebe.\nWird gemacht, Alter. \n<\/p>\n\n\n\n<p>1918\nwurde das \u00fcberaus wirksame Bild vom Sto\u00df in Siegfrieds R\u00fccken zum\nSto\u00df in den R\u00fccken Deutschlands. Gesto\u00dfen von \u201eUndeutschen\u201c.\nIn Hitlers \u201eMein Kampf\u201c. (Z.:) \u201eSo lange wurde\u201c \u2013 1918 \u2013\n\u201egehetzt und gew\u00fchlt, bis endlich der k\u00e4mpfende Siegfried dem\nhinterh\u00e4ltigen Dolchsto\u00df erlag.\u201c  \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber\nden 900 Seiten meines Siegfried-Buchs steht als Widmung die letzte\n\u00c4u\u00dferung eines 19j\u00e4hrigen. Der schrieb den Eltern am 8. 9. 1914,\nkurz bevor er fiel: \u201eGlaubt mir, ich beneide keinen, der mit heilem\nFell davonkommt und \u00fcbrig bleibt. Irgendwas stimmt an unserer Zeit\nnicht. Irgendwas stimmt an ganz Deutschland nicht.\u201c In fast allen\nVolksausgaben des Nibelungenlieds operierte Siegfried wie der des\nRichard Wagner. Vorbildlich, verheerend, als Totschl\u00e4ger,\nunbezwingbar, \u201erassisch hochwertig\u201c. Nicht nur Hitler war von\nSiegfried begeistert (Z.): \u201eWir ben\u00f6tigen Soldaten, die gl\u00e4ubig\nsind.\u201c Sein Glaubenskrieg kostete 50 Millionen. \u201eGefallene\u201c.\nMenschen. 25 Millionen russische, ukrainische. Zw\u00f6lf Millionen\ndeutsche. Sechs Millionen j\u00fcdische, Ermordete. Sechs Millionen\npolnische, Ermordete. F\u00fcr die aktuellen Jugendbetr\u00fcger\n\u201eVogelschiss\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\n1945, als gebe es Scham, haben Germanisten von Siegfried eher\ngeschwiegen. Immerhin lernte ich in Freiburg sieben Jahre lang\nAltdeutsch, bei Siegfried Grosse, bei Siegfried Gutenbrunner.\nFriedrich Maurer, dort gleichfalls verehrt als Altgermanist, h\u00f6rte\nich 1956 in der gef\u00fcllten Aula (Z.:) \u201eHauptfigur im Nibelungenlied\nist eindeutig Kriemhild\u201c. Von was aber und von wem erz\u00e4hlt dann\ndas gro\u00dfe Epos? F\u00fcr mich von Kriemhild und\nSiegfried. Und nicht von G\u00f6ttern und Halbg\u00f6ttern, sondern von Welt\nund Menschen, so real wie zeitlos. H\u00f6chste Zeit, in Sachen Siegfried\nendlich die beste, die genaueste, die St. Galler Handschrift B \u2013 zu\nlesen. Die ersten zwei Zeilen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Uns ist in alten maeren \/ wunders vil geseit <\/em> <br><em>von helden lobebaeren \/ von grozer arebeit.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUns\nwird in alten Berichten viel Wunderliches gesagt. Aber auch von\nHelden, die man loben k\u00f6nnte, von schwerer Arbeit.\u201c Als Vorwort zu\neiner riesigen Begebenheit nur zwei Zeilen. Aber wie grandios und wie\ngenau. Auf drei Zeit-Ebenen werde erz\u00e4hlt: von <em>maeren<\/em>,\nvon <em>wunders\nvil<\/em>,\nvon <em>grozer<\/em>\n<em>arebeit.<\/em>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Maeren\n<\/em>sind\nnicht M\u00e4rchen, sondern das, was heute Nachricht hei\u00dft, schon damals\ngern bezweifelt. Lieders\u00e4nger Walther: <em>der\niu maere bringet, daz bin ich<\/em>.\nUnd wenn sp\u00e4ter Luther seinen Engel singen l\u00e4sst, ich \u201ebring euch\ngute neue M\u00e4r!\u201c, so meint das nicht M\u00e4rchen, sondern Hoffnungen.\nHistoriker sind sich einig, das Nibelungenlied spiegelt auch die\nerste nachweisliche \u201eV\u00f6lkerwanderung\u201c, <em>meginfart\nmichil<\/em>,\nblutige \u201eV\u00f6lkerflucht\u201c quer durch Europa. Mit ihr kriegt\nSiegfrieds <em>arebeit<\/em>\nzu tun, mit Sippen und V\u00f6lkern, die auch damals bessere Regionen\nerreichen wollten oder mussten, Sachsen, Franken, Burgunder, West-\nund Ostgoten, Vandalen, Alemannen.\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Groze\narebeit<\/em>\nmeint ritterliche M\u00fchsal gegen den Krieg. Auch in dem, was das\nFinale einzigartig erz\u00e4hlt als Untergang aller im Bann des\nBesitzdrachen. \u2013 <em>Wunders\nvil <\/em>ist\ndann diese Sagenwelt von Riesen und Drachen, die im Nibelungenlied\nnur einer verbreitet, Hagen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\ndiesem ersten Weltspiegel deutscher Sprache machen schon die zwei\nersten Zeilen Mitteilungen wie ein moderner Riesen-Roman. Sie sagen\ngleichzeitig drei Welten an, drei Zeiten. Erz\u00e4hlt wird von den <em>alten\nZeiten<\/em>\nder V\u00f6lkerwanderung, von aktueller Kriegs-Gegenwart und\nvon Zukunft, schon Zeile 3 wei\u00df von <em>weinen\nunde klagen.<\/em>\nObendrein gibt <em>Aventiure<\/em>\nEins in der letzten Zeile denkw\u00fcrdigen Vorausblick (das Wort <em>s\u00een<\/em>\nmeint Siegfried, Z.): <em>\u201eDurch\n<\/em><em>s\u00een<\/em><em>\neines sterben starb vil maneger muoter kind\u201c.<\/em>\n\u201eDas Sterben dieses Einzig(artig)en sorgte f\u00fcrs Sterben der Kinder\nunz\u00e4hlbar vieler M\u00fctter\u201c. Das wurde wahr. Und dann millionenfach.\n \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aventiure<\/em>\nEins r\u00fchmt Burgunderprinzessin <em>Kriemhild<\/em>,\ndie habe in Worms von einem Falken getr\u00e4umt. In ihrem Flugtraum wird\nder get\u00f6tet, so wie dann im Epos Siegfried. <em>Aventiure<\/em>\nZwei erz\u00e4hlt vom Prinzen in Xanten. Als der von der sch\u00f6nsten aller\nPrinzessinnen h\u00f6rt, erkl\u00e4rt er den Eltern, er erstrebe <em>hohe\nminne<\/em>.\nUm 1200 steht Minne in Europa in h\u00f6chstem ritterlichen Ansehen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Aventiure\n<\/em>Drei\nerz\u00e4hlt, wie Burgunds Heermeister Hagen in Worms \u201eWunderliches\u201c\nerz\u00e4hlt, Siegfrieds T\u00f6ten von Drachen und Riesen. Immerhin habe der\nauch Schmieden gelernt. In Worms ist Schmieden Sache des Heer- und\nWaffenmeisters. Nun naht da einer, der Waffen noch besser beherrscht?\nDer, sagen die Erz\u00e4hler, ist Minne-Ritter. <em>Er<\/em>\n<em>versuchte\nvil der r\u00eeche<\/em>,\nbesuchte \u201eviele Reiche\u201c. Just das sagen sie auch von Hagen, fast\nwortgleich. Auch dem <em>sint\nkunt diu r\u00eeche<\/em>.\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Als\nSiegfried in Worms erscheint, erschreckt er Burgunds Regierende wie\nein Muhamad Ali des Mittelalters, prahlt aber nicht etwa, dass er\nVorzeitmonster besiegt h\u00e4tte, das h\u00e4tte doch nun bestens gepasst,\nnein, Wunderliches bleibt Sache des ersten deutschen\nPropaganda-Fachmanns. Jung-Siegfried, prahlend wie ein fr\u00fcher\nSpitzensportler, erkl\u00e4rt, er k\u00f6nnte Burgund im Nu besitzen und\nbesetzen. Im Zeichen <em>hoher\nminne<\/em>\nist das nur schlechtes Benehmen, \u00e4ndert sich aber sofort, wenn er an\nKriemhild denkt. (Str.123):<em>Do\nged\u00e2hte Sivrit an die herl\u00ecchen meit <\/em>(Str.131):<em>\ner het uf hohe minne s\u00eene sinne gewant. <\/em>\u201eDa\nhatte Siegfried seine Sinne gewendet, auf <em>hohe\nminne\u201c. <\/em>Im\nDenken an Kriemhild wird er h\u00f6flich \u2013 erste Lehre des gro\u00dfen\nLehrst\u00fccks. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nzwischen Kriemhild und Siegfried, was passiert bei ihrer ersten\nh\u00f6fischen Begr\u00fc\u00dfung? (Str.293):<em>Bi\nder hende si in vie,<\/em>\n\u201ebei den H\u00e4nden nahm sie ihn\u201c. Pr\u00e4ziser \u00fcbersetzt: bei den\nH\u00e4nden \u201efing\u201c sie ihn: <em>si\nin<\/em>\n<em>vie\n<\/em>\u2013\nsie fasst den jungen Mann an, ber\u00fchrt ihn. Kriemhild, von dem Gast\nfasziniert, fesselt ihrerseits. Im alten Epos geht es um vielfaches\nFesseln. <em>Wan\ndaz in twang ir minne<\/em>\n\u2013 \u201eh\u00e4tte ihn nicht ihre Liebe gefesselt\u201c, hier mit der\nDoppel-Bedeutung von \u201eihre\u201c, das beide zugleich meint, es\nbegehren ja beide. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild\nsieht ihn lange nur fern. Statt Minnedienst leistet er Kriegsdienst,\neinen dringend n\u00f6tigen. Und bald auf sehr eigene Weise. Denn da\ngelingt ihm nichts weniger, als Kriege zu umgehen, ausfallen zu\nlassen. <em>Da\nwolder wesen herre f\u00fcr allen den gewalt, des in den landen vorhte,\nder degen k\u00fcen unde balt \u2013<\/em>\n\u201eda war dieser mutige und k\u00fchne Ritter bereit, s\u00e4mtliche Gewalt\nzu beherrschen, alle Bedrohungen des Landes\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nPatriarchat wird Burgunds Prinzessin nicht einfach hergegeben, vorweg\nverlangen die Regierenden <em>arebeit<\/em>,\nKriegsdienst. Und wie leistet die der Xantener? <em>Die\nmeistec hat verhouwen des k\u00fcenen Sivrides hant<\/em>,\n\u201edie meisten hat er verhauen, eigenh\u00e4ndig\u201c. Kriemhild <em>kunden\ndisiu maere nimmer lieber ges\u00een,<\/em>\n\u201eKriemhild konnte davon nie genug h\u00f6ren\u201c. Fasziniert ist sie von\ndem Kerl, von seiner sp\u00f6ttischen, fast schon eulenspiegeligen\nHaltung, wenn er etwa vor\neinem der K\u00e4mpfe dem K\u00f6nig Gunther r\u00e4t: Herr K\u00f6nig,<em>\nbel\u00eebet ir bi den frouwen und traget hohen muot<\/em>,\n\u201ebleibt Ihr hier bei den Frauen und besch\u00e4ftigt euch mit euerem\nhohen Mut\u201c \u2013schon\ndiese Hauptfigur des Nibelungenlieds war ein erster \u201eTyll\u201c. <em>Hoher\nmuot<\/em>\nwar um 1200 \u00e4hnlich angesagt wie <em>hohe\nminne<\/em>,\nman k\u00f6nnte Siegfrieds Spott so \u00fcbersetzen: \u201eLest ihr nur weiter\neure edlen Feuilletons, ich mache so lang da drau\u00dfen die\nDrecks-Arbeit\u201c. Im Nibelungenlied ist Siegfried alles andere als\ntumber Tor aus dem Wald, der Siegfried des Mittelalters agiert\nritterlich, sp\u00f6ttisch spielerisch, besiegt angreifende Wanderv\u00f6lker\nsportlich. Nicht erschlagend, sondern \u201efesselnd\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nalten Epos geht es pr\u00e4zise ums WIE des Erz\u00e4hlens. Das WAS, vor\nallem das t\u00f6dliche Finale, das ist bekannt von Beginn an, schon\ndurch den Falkentraum, schon Zeile 3 wusste von <em>weinen\nunde klagen<\/em>.\nDas Ende wird als Katastrophe st\u00e4ndig vorausgesagt, erz\u00e4hlerisch\nwird da alles getan f\u00fcr das WIE \u2013 wie das hat kommen k\u00f6nnen, wie\nintensiv die Hauptfigur in der H\u00e4lfte Eins der Dichtung Unheil und\nKrieg zu verhindern wei\u00df, Kriege. Um so fataler, dass dieses\nBesondere des Nibelungenlieds so gut wie ignoriert wurde, Aventiuren\n4 und 5 spielten bei Germanisten selten eine Rolle \u2013 die M\u00fchsal\ngenauen Erz\u00e4hlens im Passauer Kloster blieb umsonst, vergeblich die\nMethoden der Hauptfigur, obwohl ihn die Erz\u00e4hler schon in Zeile 2\nhervorhoben als \u201eHelden, den man loben sollte\u201c, ach, schon der\nerste Herausgeber und Germanist Karl Simrock \u00fcbersetzte das <em>lobebaer<\/em>\nmit \u201epreiswert\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nneu kommt es im Text auch auf kleinste Silben an, wenn es etwa in\nStr. 207 hei\u00dft, dass er von den Sachsen <em>so\nmanegen sluoc<\/em>,\ndas ist kein \u201eirslac\u201c, kein Erschlagen, sondern \u201eSchlagen\u201c.\nWie im Trotz gegen grauenhafte Epochen k\u00e4mpft Siegfried nie\nm\u00f6rderisch, auch dann nicht, wenn 40 000 Sachsen angreifen (Strophe\n181). Lediglich wehren muss er sich da, <em>werl\u00eeche\nsluoc er <\/em>(Str.191),\n\u201eabwehrend\u201c, in t\u00f6dlicher Umzingelung rettet er sein Leben gegen\nvielfache \u00dcbermacht, <em>werliche<\/em>,\nin Notwehr. Und seine grandiosen Erfolge erzwingt er dann dadurch,\ndass er sich jeweils zum gegnerischen K\u00f6nig oder Herzog durchschl\u00e4gt\nund vom F\u00fchrenden die alte ritterliche \u00dcbung Zweikampf fordert. Und\ndies Duell, der <em>Tjost<\/em>\nder Ritter, hat prompt Publikum bei Angreifern wie Verteidigern. Und\nZweik\u00e4mpfe gewinnt dieser Kerl immer, auch im blutigen Ernst. Die\nBesiegten jedoch t\u00f6tet er nicht wie damals \u00fcblich, auch noch im\nAlten Testament, nein, Siegfried fesselt die Geschlagenen und\n\u00fcberstellt dann die gefangenen F\u00fchrer dem K\u00f6nig Burgunds. In der\nBlut-Epoche der V\u00f6lkerwanderung ist da einer nicht auf Massaker aus,\nsondern auf Waffenstillstand, auf Vers\u00f6hnung, Frieden \u2013 eine\nsolit\u00e4re Leistung, von der Nachwelt ignoriert, folgenreich von den\nNazis endg\u00fcltig, von Germanisten geh\u00fctet wie einGeheimnis, als sei\ndas eine peinliche Schw\u00e4che des Superhelden.<\/p>\n\n\n\n<p>Obwohl\ndas Epos Deutschlands Anf\u00e4nge so schildert, als h\u00e4tten die Autoren\ndie tausend Seiten des Johannes Fried gekannt: \u201eDie Anf\u00e4nge der\nDeutschen\u201c. Frieds enorme Faktensammlung kommt zu dem Fazit:\n\u201eUnersch\u00f6pflich das Betrugsarsenal\u201c. Streit, Betrug, Mord,\nMassaker. Nur selten Kluges \u2013 B\u00fcndnisse, Vertr\u00e4ge, Heiraten,\n\u00dcbereinkunft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\nNibelungenlied ertragen kampfbereite D\u00e4nen <em>vil\ngrimme leit<\/em>,\nsehen pl\u00f6tzlich ihren K\u00f6nig bezwungen, zwar nicht erschlagen, aber:\n\u201egefesselt\u201c, entsetzt sind sie (Z.:) <em>Ir\nherre was <\/em><em>gefangen<\/em>\n(Str.192\/93). Werden am Ende als<em>\nsigelosen recken ze Tenemarke r\u00eeten<\/em>,\nalso \u201esieglos zur\u00fcck reiten nach D\u00e4nemark\u201c. Nicht anders ergeht\nes den Sachsen unter <em>Liudeger<\/em>,\nauch der wird vom Xantener gleichfalls nicht get\u00f6tet, sondern\ngefesselt: <em>vrides\nbat der<\/em>,\npl\u00f6tzlich fleht auch Herzog <em>Liudeger<\/em>\num \u201eFrieden\u201c, der wird auch ihm gew\u00e4hrt. <em>Do\nmuos Liudeger werden g\u00eesel in Gunthers land<\/em>,\n\u201eauch Ludger muss Gefangener sein im Lande Gunthers\u201c. Bei all dem\nist der Xantener nach den geographischen Gegebenheiten so was wie ein\nerster Ruhrschmied, 2010 geh\u00f6rte zu \u201eEuropas Kulturhauptstadt\nRuhr\u201c auch Xanten, und wo sonst war das Schmieden besser zu lernen\nwenn nicht an der Ruhr, im S\u00fcden Bochums, im S\u00fcden Essens\n(\u201eEschen-Ort\u201c), wo die Arch\u00e4ologie alte und \u00e4lteste Werkst\u00e4tten\ndokumentiert. Dieser Schmied bringt nun<em>\nr\u00eeche g\u00eesel in daz Guntherez lant, <\/em>\u201eschafft\nreichlich Gefangene in Gunthers Land\u201c: <em>als\u00f4\nh\u00f4her g\u00eesel gewan nie ein k\u00fcnec m\u00ear<\/em>,\n\u201ederma\u00dfen hochgestellte Gefesselte gewann ein K\u00f6nig nie\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\n<em>Aventiuren<\/em>\nVier und F\u00fcnf, sie sind entscheidend f\u00fcr die gro\u00dfe Lehrdichtung\nNibelungenlied, das heute h\u00f6chstens noch bekannt ist mit seinem\nfinalen Blutbad \u2013 als w\u00e4re nicht weit wichtiger die Entwicklung\ndavor, das WIE vor dem Untergang. Wie konnte das kommen. Wie\nhilfreich w\u00e4re es gewesen, Generationen junger Leute h\u00e4tten auch\ndie Anf\u00e4nge gekannt, die vernunftnah glanzvollen Gegenbilder.<\/p>\n\n\n\n<p>Dazu\ngeh\u00f6rt nicht nur das G\u00fcter-\u201eTeilen\u201c mit den Feinden oder die\nBilder davon, wie da die Verwundeten gepflegt werden, auch und sogar\ndie Verletzten der Besiegten, der Feinde, wie man auch die aus dem\nSchlachtfeld heraus nach Worms bringt, auf blutigen Bahren, <em>r\u00f4te\nb\u00e2re<\/em>\nhei\u00dft es da (Strophe 239): <em>Man\nbr\u00e2hte sie ze ruowe und scuof in \u00eer gemach. Den wunden man gebettet\nvil g\u00fcetl\u00eechen sach. <\/em>\u201eMan\nsorgte f\u00fcr ihre Ruhe, f\u00fcr ihr Wohlbefinden. Die Verwundeten sah man\nbesonders liebevoll gebettet.\u201c (Z.:) <em>Man\nschancte den gesunden met und guoten w\u00een. D\u00f4 kunde das gesinde\nnimmer vroel\u00eecher s\u00een<\/em>.\n\u201eDen Unverletzten, denen schenkte man Met und guten Wein. Da ging\nes unter den Leuten bald so fr\u00f6hlich zu wie selten\u201c. <em>Wunne\n\u00e2ne m\u00e2zen, mit vreuden \u00fcberkraft heten al die liute<\/em>\n(270). \u201eUnermessliche Wonne, ja, \u00fcbersch\u00e4umende gute Laune\u201c \u2013\nja, alle. Siegfried<em>\nhiez der wunden h\u00fceten und scaffen guot gemach \/ wol man s\u00eene\ntugende an s\u00eenen vianden sach <\/em>(Str.248)<em>.<\/em>\nSiegfried \u201elie\u00df die Verwundeten pflegen und f\u00fcr Wohlbefinden\nsorgen, wunderbar erwies er seine Tugenden an seinen Feinden\u201c.\nSeine Tugenden, sie waren menschenfreundlich.\nKaum sind alle wieder gesund, gibt\u2019s abermals Ritter-Turniere: <em>An\neinem pfinxtmorgen sah man f\u00fcre gan f\u00fcnftausend oder m\u00eare d\u00e2 zer\nh\u00f4hgez\u00eet \/ sich huop diu kurzew\u00eele an manegem ende wider str\u00eet\n<\/em>(Str.271).\n\u201eAn einem Pfingstmorgen sah man gut f\u00fcnftausend in die Festspiele\nziehen \u2013 ja, in Wormser Festspiele, der Sache nach erfunden und\nbegr\u00fcndet von der Siegfriedfigur. Als \u201eKurzweil\u201cgegen\nden Krieg\u201c \u2013 <em>wider\nstrit<\/em>.\nDas vermeintlich blo\u00df blutige Epos mit seinem grausigsten Finale, es\nbeginnt ungew\u00f6hnlich human.<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nerst nach ausgiebigen Vers\u00f6hnungen d\u00fcrfen all die zuvor\nfeindseligen St\u00e4mme heimziehen, siegfriedfertig. Auch dieser\nAbschied denkw\u00fcrdig (Str.218, Z.): <em>Mit\ngemeinem rate so l\u00eeezen si den str\u00eet.<\/em>\nErst \u201enach gemeinsamen Beratungen beenden sie den Krieg\u201c, also\nnicht etwa unter Diktat der Sieger, etwa nur die Burgunder \u201eberieten\u201c\nda unter sich, nein, nach \u201egemeinsamen\u201c Beratungen, mit\nden Angreifern, erst dann lassen sie das K\u00e4mpfen. Dann wird mit\nD\u00e4nen oder Sachsen ausgiebig gefeiert, bei gl\u00e4nzenden Festspielen,\nspannenden Turnieren, mit\nden Ex-Feinden. Der zum Kriegstreiber verf\u00e4lschte Siegfried, im\nNibelungenlied schafft er Willkommenskultur. (Z.:) <em>manegen\nungesunden sah man vroelichen s\u00eet,<\/em>\n\u201eviele Verwundete sah man seitdem wieder lebensfroh\u201c. Das sind\ndoch noch Mitteilungen \u2013 Wagner dagegen l\u00e4sst als Nummer eins\nSiegfrieds Vater Siegmund erschlagen, f\u00fcr das Ehrgef\u00fchl seiner\nStiefmutter. Und Wagners Held bedauert dann, dass die Welt \u00fcbervoll\nsei mit noch Unerschlagenen.\nIm Nibelungenlied stattdessen festliches Gelage mit denen, die als\nFeinde kamen. Siegfried verschenkt in Worms seinen Hort-Besitz. Und\nK\u00f6nig Gunther \u201eteilt\u201c tats\u00e4chlich, schenkt jedem <em>bi\nf\u00fcnf hunderten marken, und etsl\u00eechen baz, <\/em>jedem\n\u201eetwa 500 Mark und etlichen mehr\u201c. Kriemhild ist endg\u00fcltig\nentz\u00fcckt. Weniger Machtmensch Hagen. \n<\/p>\n\n\n\n<p>H\u00e4tten\ndoch so etwas auch meine \u00e4lteren Br\u00fcder gewusst. Die<\/p>\n\n\n\n<p>mussten\nnoch im April 1945 \u2013 17- und 19j\u00e4hrig \u2013 an die \u201eOstfront\u201c,\nsollten und\nwollten, wie Reserve-Siegfriede, \u201egegen den Russen\u201c die \u201eFestung\nBerlin\u201c verteidigen, \u201eden F\u00fchrer vorm Iwan retten\u201c. Kannten\nnicht nur nicht das gro\u00dfe Epos, kannten Siegfried \u2013 wie ich \u2013\nnur als Totschl\u00e4ger. Wie schrieb jener 19j\u00e4hrige als Letztes:\n\u201eIrgendwas stimmt nicht an unserer Zeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unbekannt\nblieb Siegfried auch als ritterlicher Berater, am Hof Burgunds. <em>D\u00f4\ngie der k\u00fcnec Gunther, d\u00e2 er Sifriden vant.<\/em>\n\u201eDa ging der K\u00f6nig Gunther umher, bis er Siegfried fand.\u201c<em>\n\u201eN\u00fb r\u00e2t et, wie ich tuo!\u201c<\/em>\n\u201eNun ratet mir, wie ich handeln soll!\u201c Und da r\u00e4t ihm Siegfried,\nheute nur bekannt als Raufbold, Muskelprotz oder Wagnerscher Simpel,\nim gro\u00dfen Epos dagegen r\u00e4t Siegfried dem K\u00f6nig, sich von den\nfr\u00fcheren Feinden vor\nderen Abzug \u201eSicherheiten\u201c geben zu lassen (Z., Str.218): <em>Ir\nsult sie ledecl\u00eechen hinnen l\u00e2zen varn \/ daz die recken edele m\u00eare\nwol bewarn v\u00eeentl\u00eechez r\u00eeten her in iuwer lant des lat iu geben\nsicherheit.<\/em>\n\u201eIhr solltet Freiheit gebennur\nunter der Bedingung, dass diese wackeren K\u00e4mpfer es in Zukunft\nunterlassen, feindlich in euer Land einzufallen, dazu lasst euch\nSicherheiten geben\u201c. Das Wort Sicherheit ist hier w\u00f6rtliche Rede\nSiegfrieds, f\u00fcr Feuilletons freilich, da bleibt er offenbar ewig\n\u201edeutsches Horrormonster\u201c, in Wahrheit w\u00e4re er so was wie eine\nLeitfigur Europas. Bei Wagner w\u00e4ren Friedensschl\u00fcsse wie im\nNibelungenlied undenkbar. Im tausendj\u00e4hrigen Epos steht das\nmenschen-schonende Wort \u201eSicherheit\u201c Buchstabe f\u00fcr Buchstabe so\nwie noch heute im Duden, in Parteiprogrammen. Dazu dann K\u00f6nig\nGunther: <em>Des\nr\u00e2tes will ich volgen<\/em>.\nUnd dann <em>l\u00eeezen\nsie den str\u00eet,<\/em>\n\u201ebeendeten den Krieg.\u201c  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Immer\nmal wieder gib\u2019s in der Germanistik das Staunen, wozu Geistliche\nein so blutiges Epos verfassen konnten. Da wird gemutma\u00dft, auch\nM\u00f6nche h\u00e4tten halt Bed\u00fcrfnis nach Unterhaltung. Schlie\u00dflich\nbietet ja die Siegfried-H\u00e4lfte auch eine Hochzeitsnacht, in der\nBr\u00fcnhild den Br\u00e4utigam an die Wand h\u00e4ngt. W\u00fcrde endlich das WIE\nregistriert, Siegfrieds <em>arebeit<\/em>\nf\u00fcr Frieden, gegen Krieg, dann beantwortete sich von selbst, warum\nfromme M\u00f6nche der alte Stoff so fesselte, dass sie am Beginn\ndeutscher Literatur ein vielf\u00e4ltiges Ungeheuer an Werk schaffen\nkonnten. Aber sieh da, auch sie hatten biblisch eine Vorlage, und\nwelch eine denkw\u00fcrdig aktuelle. Siegfrieds Methoden des\nFriedenstiftens findet man Schritt f\u00fcr Schritt im Alten Testament.\nDer Zweite Brief \u201eK\u00f6nige\u201c berichtet von einem Sieg des\nisraelischen Heers \u00fcber das der Syrer. Prophet Elisa verhindert da,\ndass nach dem Sieg die Besiegten nicht \u2013 wie auch damals \u00fcblich \u2013\ngek\u00f6pft wurden  (Zitat Bibel (6, 8 bis 21ff)): \u201eUnd da sprach der\nK\u00f6nig von Israel zu Elisa: Soll ich sie erschlagen? \u2013 Da\nantwortete Prophet Elisa: \u201eDu sollst sie nicht erschlagen.\nErschl\u00e4gst du denn die, die du mit Schwert gefangen hast? Setze\nihnen Brot und Wein vor, lass sie essen und trinken, auf lass sie zu\nihrem\nHerrn zur\u00fcckziehen. \u2013 Da wurde ein gro\u00dfes Mahl bereitet. Und als\nsie gegessen und getrunken hatten, lie\u00df er sie frei. Seitdem kamen\nSyrer nicht mehr in das Land Israel\u201c. Und so ziehen auch im Epos\nalle Besiegten ab, befriedet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\n\u201emit Schwert\u201c Bezwungenen \u201enicht erschlagen\u201c, sondern \u201emit\nSchwert gefangen nehmen\u201c, so sagt das Elisa \u2013 geht friedliches\nFreilassen noch paralleler zur Dichtung der Geistlichen? Noch\naktueller? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Doch\ndann bittet K\u00f6nig Gunther seinen Berater um eine weitere <em>arebeit<\/em>.\nAuch Gunther tr\u00e4umt, seine Traumfrau ist Brunhild auf Island. Die\nhabe aber, wei\u00df man, alle Bewerber, die Br\u00fcnhilds Pr\u00fcfungen nicht\nbestanden, exekutieren lassen. Dennoch sehnt Gunther sich nach einer\nso sagenhaften Kraft-Frau. Der Xantener verspricht Beistand, als\nBrautwerber, auch jetzt Kriemhild zuliebe, <em>daz\nist nach iuwern hulden<\/em>\nerkl\u00e4rt er ihr (304). Ein Schiff mit Burgunds Herren steuert der\nNiederl\u00e4nder \u00fcbers Nordmeer, und in Island kommt es zur \u201enordischen\nKombination\u201c, scheinbar besiegt Gunther die Br\u00fcnhild, weil ihm\ndieser fr\u00fche Trick-Sportler Siegfried mit T\u00e4uschungen hilft und auf\ndiese Weise allen das Leben rettet. Br\u00fcnhild, bei Wagner Br\u00fcnnhilde,\nsie wurde im Zuge der Frauen-Bewegung fast zur Ikone, als Betrogene\nund Leidende, was gleichfalls nur m\u00f6glich wurde jenseits von\nText-Kenntnissen. Im Nibelungenlied erkl\u00e4rt sie den G\u00e4sten aus\nWorms w\u00f6rtlich: \u201eWenn Gunther den Kampf zu bestehen wagt, ja, dann\nwerde ich seine Frau\u201c, und dann, mittelhochdeutsch: \u201e\u2026unt ist,\ndaz ich\ngewinne, ez get iu allen an den l\u00eep\u201c, \u201efalls aber ich gewinne,\ngeht es euch allen ans Leben\u201c. Dann erblicken die Burgunder den\nSpeer, <em>den\ntruogen k\u00fbme drie man<\/em>,\n\u201eden konnten kaum drei M\u00e4nner tragen\u201c. Hagen flucht: \u201eDer ir\nda g\u00eart ze minnen, die ist des tiuvels w\u00eep!\u201c Aber der Xantener,\ner hilft auch jetzt, clever getarnt, so dass Brunhild glauben muss,\nGunther habe gesiegt. Siegfried vermeidet auf Island abermals\nvielfaches Kopf-ab, Kriemhild zuliebe. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Listig\nnennt er sich Gunthers<em>\nEigenman<\/em>,\nschon unterwegs riet er, sie sollten<em>\nwan einer rede jehen<\/em>,\n\u201ereden mit einer Zunge\u201c: <em>Gunther\ns\u00ee m\u00een herre und ich s\u00ee s\u00een man<\/em>\n(386) \u2013 \u201eals sei Gunther mein Herr und ich sein Untertan\u201c. Und\nim deutschen UrKrimi spricht dann am Ende alles so sehr f\u00fcr K\u00f6nig\nGunther, dass Brunhild mitf\u00e4hrt nach Worms, freilich im Schiff der\nFrauen. Dann in Worms: Doppelhochzeit! Siegfried und Kriemhild mit\n<em>wunne\n\u00e2ne m\u00e2zen.<\/em>\nAber Gunther mit Brunhild, da wird die Nacht anders, auch Brunhild\nfesselt, n\u00e4mlich ihren Mann in der Hochzeitsnacht, umg\u00fcrtet, h\u00e4ngt\nihn an einen Nagel. Gestehen soll er, dass auf Island betrogen wurde,\nverspricht ihm mehr solcher N\u00e4chte, wenn er weiter l\u00fcgt. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Tags\ndrauf fleht Gunther den Xantener an, ihm noch einmal zu helfen.<em>Tuo\nir, swaz du wellest<\/em>,\n\u201emach mit ihr, was du willst\u201c. Und der tut eine letzte <em>groze\narebeit<\/em>,\nKriemhild zuliebe, <em>wan\ndaz in twang ir minne<\/em>.\nHelfen kann er Kriemhilds Bruder nur, indem er Brunhild den\nKraftg\u00fcrtel raubt, und da handelt er auch jetzt in Treue, treu zu\nKriemhild wie zu Gunther, auch hier lohnt es sich sehr, die\nHandschrift genau zu lesen, denn da schafft er es im Dunkel, als\nvermeintlicher Gunther, der neuen K\u00f6nigin Burgunds den sagenhaften\nG\u00fcrtel zu entwenden, und zwar so, dass sie abermals glauben muss,\nGunther habe das geschafft. Brunhild (Str. 678) stammelt dann: <em>ich\ngew\u00e9r mich nimmer m\u00eare der edelen minne din<\/em>.\nSie werde \u201esich seiner Minne nie mehr erwehren\u201c. Und dann,\nentscheidend: <em>S\u00eefrit\nstuont <\/em><em>dannen<\/em><em>\n\u2013 <\/em>\u201eSiegfried\ntrat beiseite\u201c. <em>ligen<\/em><em>\nliez er die meit <\/em>\u201eliegen\nlie\u00df er die Jungfrau\u201c <em>..<\/em>.\n<em>dar\nzuo nam er ir g\u00fcrtel<\/em>\n\u2013\u2026 und ergriff ihren G\u00fcrtel.\u201c <em>Meit<\/em>\nmeint nun mal in jenen Zeiten \u201eJungfrau\u201c. Nein, im Epos schl\u00e4ft\nSiegfried nicht\nmit Brunhild, sondern sobald er den G\u00fcrtel besitzt, geht er zur\nSeite, <em>stuont\ndannen<\/em>\u2026\n<em>Done\nwas ouch si niht sterker dann ein ander wip, <\/em>\u201edanach\nwar auch sie nicht st\u00e4rker als andere Frauen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Noch\nin derselben Nacht schenkt der verspielte Xantener und fr\u00fche Tyll\nEulenspiegel Brunhilds magischen G\u00fcrtel seiner Kriemhild, die\nerkennt das St\u00fcck, ist sich sicher, ihr Liebster habe mit der\nIsl\u00e4nderin geschlafen. Am n\u00e4chsten Tag, als in Worms wieder Turnier\nist und Siegfried wieder alles gewinnt, kommt es unter den\nzuschauenden K\u00f6niginnen zur Frage, welche dieser beiden Frauen dem\ngro\u00dfartigeren Mann verm\u00e4hlt sei. Brunhild sagt, in Island habe\nSiegfried sich Gunthers <em>Eigenman<\/em>\ngenannt, Untertan des K\u00f6nigs. Da protestiert Kriemhild, Siegfried\nsei keinem\nuntertan. Ist f\u00fcr sie Weltb\u00fcrger. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Im\n\u201eSachsenspiegel\u201c, dem \u00e4ltesten deutschen Gesetzbuch, entstanden\nwie das Nibelungenlied um 1200, in diesem fr\u00fchesten Vorl\u00e4ufer\nunseres wunderbaren Grundgesetzes formuliert sein Autor Eike von\nRepkow: \u201e\u2026 kann ich es niemals f\u00fcr Wahrheit halten, dass jemand\neines anderen Menschen Eigentum sein sollte.\u201c Da wird Freiheit\nerstmalig deutsch formuliert, nicht als Recht des St\u00e4rksten, nicht\nals Beuterecht wie im \u201eRing\u201c, sondern als Grundrecht eines jeden.<\/p>\n\n\n\n<p>In\nWorms will dann Brunhild, dass Kriemhild beim Betreten des Doms ihr,\nder K\u00f6nigin, den Vortritt l\u00e4sst. Da zeigt Kriemhild \u00f6ffentlich, an\nihrem eigenen Leib, Brunhilds G\u00fcrtel, den habe ihr letzte Nacht ihr\nLiebster geschenkt. Offenbar schlafe Br\u00fcnhild auch mit denen, die\nsie f\u00fcr Untertanen halte, sei eine <em>kebse<\/em>,\nn\u00e4mlich Nebenfrau ihres geliebten Siegfried.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem\nsoll der Xantener \u00f6ffentlich abschw\u00f6ren, und das tut er, nie habe\ner Brunhild entehrt. Aber Hagen von Tronje erkl\u00e4rt nun, dass K\u00f6nig\nGunther l\u00e4cherlich wird, sagt in geheimer Beratung, dass Siegfried\nnur noch Schaden stifte, und das m\u00fcsse ein Ende haben, auch wenn der\n<em>gouch<\/em>,\n\u201eder Narr\u201c, noch so oft hilfreich war. Sch\u00e4digen ist im\nr\u00f6mischen Recht Kapitalverbrechen. Hagens Mordplan stimmt K\u00f6nig\nGunther zu. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Zu\nf\u00fcrstlichen Festen geh\u00f6rt eine Jagd, in Worms dort, wo das durch\nJahrhunderte \u00fcblich war, s\u00fcdlich der Stadt, nicht hoch im Odenwald,\nvon Wettklettern erz\u00e4hlt das Epos nichts, sondern vom Gel\u00e4nde der\nTiere, vom wildernden Wasser am Rheinstrom, wo nun auch Siegfried\neinen B\u00e4ren an blo\u00dfer Hand herbeizwingt und eulenspiegelig\nlosl\u00e4sst, nicht etwa, um einen Zwerg zu schocken und zu qu\u00e4len,\nsondern um die Wormser Jagd- und Hofgesellschaft heimzusuchen mit\n<em>\u00fbngemach<\/em>,\nda der B\u00e4r auch<em>\ndurch die kuchen <\/em>rumpelt\nund alle F\u00e4sser umkippt, den Wein versch\u00fcttet. Siegfried schl\u00e4gt\nBurgunds Herren ein Wettrennen vor, wer erster ist bei einer starken\nQuelle, Forscher sagen, \u00fcber dieser Quelle stehe heute die\nGro\u00dfkl\u00e4ranlage der BASF \u2013 welch ein Mord-Ort. Siegfried schultert\nals zus\u00e4tzliche Last den Speer, kommt trotzdem als Erster an, l\u00e4sst\ndann aber zuerst die Herrschaften trinken, trinkt h\u00f6flich,\nals Letzter. Da greift Hagen Siegfrieds mitgeschleppten Speer, st\u00f6\u00dft\nden Kriemhilds unendlich geliebtem Mann in den R\u00fccken. Die Leiche\nl\u00e4sst Hagen nachts ablegen vor Kriemhilds Kammer. Als sie das\nentdeckt, <em>d\u00f4\nbegonde Kriemhilt vil harte unmaezl\u00eeche klagen. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nzweite Epos-H\u00e4lfte ist ihr gro\u00dfer Versuch Richtung Recht. Und\nendet, wie es unter Habgier-Drachen enden muss. Im Blutbad. Kriemhild\nhat den Hunnenk\u00f6nig geheiratet, Attilasohn Etzel. Beim Hochzeitsmahl\ntafelt man hochh\u00f6fisch, doch liest man hier von Kriemhild: <em>Wie\nsie ze R\u00eene saeze, sie ged\u00e2ht\u2019 ane daz \/ b\u00ee ir edelen manne; ir\nougen wurden naz \/ si hetes vaste haele. <\/em>\u201eWie\nes gewesen w\u00e4re, wenn sie auch jetzt am Rhein s\u00e4\u00dfe, daran dachte\nsie, wie es nun immer noch h\u00e4tte sein k\u00f6nnen mit ihrem\neinzigartigen Mann. Ihre Augen wurden nass. Sorgf\u00e4ltig hielt sie ihr\nWeinen geheim.\u201c Mit Absicht. Kriemhilds Verletzung ist endlos. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Sie\nl\u00e4dt die Wormser ein in den Orient. Schon unterwegs ahnen die, wie\ndas endet, nennen sich nun selber <em>Nibelunge<\/em>,\nFurcht verbreitend, dieser Name hat ja nun, dank Hagen, mit T\u00f6ten zu\ntun. \u00dcber der Donau, auf Etzels Burg Esztergom kommt es zur\ngrausigsten aller Saalschlachten, tagelang, n\u00e4chtelang. In\nbrennender Halle sind die Wormser aussichtslos isoliert, haben zum\nTrinken nur das Blut der Gefallenen. Zuletzt leben Gunther und Hagen,\ngefesselt. Da Gunther den Mord an Siegfried nicht bereut, k\u00f6pft die\nneue Hunnenk\u00f6nigin den Bruder. Als Hagen gleichfalls nicht bereut,\nauch nicht verr\u00e4t, wo er im Rhein Siegfrieds Geschenk, wo er den\nHort versenkt hat, k\u00f6pft sie auch ihn. Da gibt Dietrich von Bern\nAltmeister Hildebrandt einen Wink, der enthauptet Kriemhild. Letzte\nZeile:<em>\n\u201eHie hat daz maere ein ende: daz ist der Nibelunge not\u201c.<\/em>\n \n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nm\u00f6nchische Lehrst\u00fcck \u00f6ffnet in der ersten H\u00e4lfte in ritterlicher\nVernunft humane Wege, zu Vers\u00f6hnungen mit Feinden, auch mit denen,\nvon denen es hie\u00df, <em>di<\/em>\n<em>suochent\nher, <\/em>\u201edie\nsuchen zu verheeren\u201c.<em>\nUnd tragent grozen hazz<\/em>,\n\u201ebelastet von gro\u00dfem Hass\u201c. Die Sankt Galler Handschrift, die\nbeste Verschriftlichung eines uralt historischen, eines europ\u00e4ischen\nStoffs, die ben\u00f6tigt weder G\u00f6tter noch Halbg\u00f6tter, f\u00fcr die\nKatastrophe reichen realistische Menschen im Besitzwahn. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wagner\nwollte nach 1848 einen \u201eurdeutschen Mythos\u201c schaffen, einen\nHelden \u201evollkommen frei\u201c. Den ruft er noch 70\/71 an: \u201eWann\nkommst du wieder, herrlicher Siegfried!\u201c Im Vergleich mit dem Epos\nspricht fast alles gegen seinen Untergangsmarathon, schon weil der\nkonsequent mit 1848 die Praxis des Mitleidens, des Solidarischen\nignorier, stattdessen, als Argumente, Hitler-Kurzschl\u00fcsse,\nBrutalit\u00e4t und Fressen oder Gefressen-Werden. Wenn Tony Morrisson,\nLiteraturnobelpreis-Tr\u00e4gerin, ihren rassistischen, ihren\nmenschenfeindlichen Pr\u00e4sidenten Trump einen \u201efaschistischen\nIdioten\u201c nennt, da f\u00e4llt es schwer, nicht auch Wagners Siegfried\nso zu sehen, primitiv, h\u00f6rig den \u201eGesetzen des Blutes\u201c, nicht\netwa irgendeiner Partie des Hirns, \n<\/p>\n\n\n\n<p>Erst\nk\u00fcrzlich fand sich ein Wagner-Brief von 1848, entstanden mitten in\nder Phase seiner ersten Entw\u00fcrfe zum \u201eRing\u201c. Sein Schreiben an\nden K\u00f6nig Sachsens definiert Monarchie als g\u00f6ttliches Erbe, als\nAbwehr gegen Demokratie, vor der er, Wagner, Angst habe, weil sie\nVolks-Wahn f\u00f6rdere. Weil (Z.:) \u201e\u2026das Wesen eines Freistaats\u201c\nkeineswegs darin begr\u00fcndet sein d\u00fcrfe, \u201edass die h\u00f6chste\nStaatsgewalt in periodischem Wechsel an Einzelne aus dem Volk zu\nerteilen sei, sondern weil im Gegenteil das erbliche K\u00f6nigtum seiner\nNatur nach Freiheit dann am vollkommensten gew\u00e4hrleiste, wenn der\nK\u00f6nig in sich die Freiheit ALLER vereinigt. Dieser Gedanke riss mich\nmit k\u00fcnstlerischer Begeisterung hin, als Ideal meines\nFreiheits-Begriffs, als Begl\u00fcckung des Menschengeschlechts.\u201c \u2013\nIn eben diesen Tagen entstehen erste Notizen zu seinem \u201efreien\u201c\n\u201eSiegfried\u201c. Zur Premiere l\u00e4dt er auch Ludwig II. nach Bayreuth\nein, zu einem \u201ek\u00fchnen K\u00f6nigsbau\u201c. Wagner als F\u00fcrsten-F\u00fchrer. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Weltber\u00fchmt\nwurde nicht der Siegfried, der aus geistlicher Friedensbotschaft\nentwickelt worden war, stattdessen ein hirnfrei kriegerischer. Der\nhat den Friedfertigen ganz offenkundig und endg\u00fcltig versch\u00fcttet,\nnoch mehr, als er sowieso verdunkelt wurde als Nationalfigur seit der\nEntdeckung der Handschriften, in der Epoche der \u201eAufkl\u00e4rung\u201c. Da\nhalf dann auch nichts mehr, dass in \u00e4lteren Quellen der Drache Namen\ntrug wie <em>NidGir<\/em>,\n\u201eNeidGier\u201c. In einer isl\u00e4ndischen Handschrift sieht man \u00fcber\n<em>NidGir<\/em>\ndie Esche <em>Yggdrasil<\/em>,\nden Weltenbaum \u2013 mitten im Sommer ohne Bl\u00e4tter, tot, denn am Baum\nder Welt nagt Nidgir, der verk\u00f6rperte Neid. Und am Weltenbaum wuselt\naber auch ein Eichh\u00f6rnchen, emsig besch\u00e4ftigt (Z.:), \u201emissg\u00fcnstige\nNachrichten zu verbreiten\u201c. Fr\u00fche Kunst war nicht nur nicht\nd\u00fcmmer, sie war weiser, fand fr\u00fch Bilder f\u00fcr die \u201eMedien\u201c, f\u00fcr\ndas \u201eVermitteln\u201c, von dem wir alle abh\u00e4ngen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aufschlussreich\nauch die allererste Rezension des Epos, die \u201eKlage\u201c, schon den\nalten Handschriften angeh\u00e4ngt, energisch beklagt die das Verurteilen\nKriemhilds als \u201eS\u00fcnderin\u201c. F\u00fcr sie habe es Richtung Recht keine\nanderen Wege gegeben. Teuflisch bleibe allein die <em>avaritia\n\u2013 <\/em>die\nHabgier als Ursache f\u00fcr den Mord an Siegfried, f\u00fcr das Unrecht an\nKriemhild. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Fr\u00fch\nhatte es sehnlichste Friedensw\u00fcnsche gegeben. Wolfram von\nEschenbach, der das Nibelungenlied kannte, berichtet im Fragment\n\u201eWillehalm\u201c vom Gemetzel der Kreuzz\u00fcge, von Schlachten zwischen\nAbend- und Morgenland. Sein Fazit: <em>Ouw\u00e9\nnu des mordes \/ der da geschach ze b\u00eader s\u00eet<\/em>.\n\u201eWeh \u00fcber das Morden auf beiden Seiten\u201c. Geht es noch aktueller?\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Das\nNibelungenlied als Friedens-Appell? Schon \u00e4ltestes Deutschsprachiges\nappelliert so. Und raunt dabei exakt von den Methoden, die Siegfried\nim Nibelungenlied Punkt f\u00fcr Punkt realisiert. \u00c4ltestes Deutsch\nerz\u00e4hlt pr\u00e4zise vom \u201eFesseln\u201c:<\/p>\n\n\n\n<p>        <em>Eiris sazun idisi<\/em> \u2013 \u201eeinst sa\u00dfen Zauberfrauen\u201c,<br>        <em>Suma hapt heptidun<\/em> \u2013 \u201eeinige legten Fesseln\u201c   <br>        <em>Suma klubodun<\/em> \u2013 \u201eandere \u00f6ffneten Fesseln\u201c<br>        <em>Suma heri lezidun<\/em> \u2013 \u201eeinige bremsten das Heer\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Da\nblockieren Idisi, da \u201efesseln\u201c kluge Frauen das Milit\u00e4r. Das\nbetet ein \u201eMerseburger Zauberspruch\u201c, als Eintrag in ein fast\nantikes Buch mit frommem Latein. Als sei dies \u00e4lteste Deutsch\nnotiert worden von dem, der ja, so hei\u00dft es, historisch existiert\nhaben k\u00f6nnte, notiert vom klugen Sohn der Sieglinde. \n<\/p>\n\n\n\n<p>So\nwie der lebensfrohe Friedenspraktiker Siegfried des Epos versch\u00fcttet\nwurde, verf\u00e4lscht zu Wagners egomanem  Welt\u00fcberw\u00e4ltiger \u2013 in\nsolcher F\u00e4lschung musste er auf\u2019s Interesse der Nazis sto\u00dfen. Und\nso wird auch die Hauptfigur des Nibelungenlieds noch heute immer neu\nmissverstanden, ahnungslos verwechselt mit der Zentralfigur Wagners,\nbleibt auch in klugen Gazetten \u201edeutsches Horrormonster\u201c. Auf\neiner Tagung \u00fcber das Nibelungenlied h\u00f6rte ich jetzt Deutschlehrer\nwieder mal seufzen \u00fcber das \u201eNazi-Zeug\u201c.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Je\nmehr Wagners Musik fasziniert, desto wunderlicher, warum keiner ruft,\nder Kaiser der romantischen Oper, der trage als Dichter keine\nKleider. Statt schl\u00fcssiger Sprache eine irritierend simple. Laut Sir\nSimon Rattle eine \u201eeher st\u00f6rende\u201c. Wagners Sprache, auf\nEinbahnstra\u00dfen in vorfaschistischem Nebel, klammert sich bis ins\nFinale an \u201eheiligstes Beuterecht\u201c, an \u201ereinster\u201c,\n\u201eechtester\u201c, \u201ehehrster Held\u201c, \u201etapferste Tat\u201c, \u201etreueste\nLiebe\u201c, \u201em\u00e4chtigste Minne\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Und\nHelden sehe ich da, wo Kriege nicht gewonnen, sondern vermieden\nwerden. Weltmeister aber wurde eine Musik, die Siege feiert, St\u00e4rke,\nGold, Licht, g\u00f6ttliche Weltherrschaft. Mythen-Baumeister Wagner\nmissbrauchte dazu die Aura der W\u00f6rter wie \u201eSiegfried\u201c und\n\u201eNibelungen\u201c, f\u00fcr einen \u201eFreiheits-Rebellen\u201c mit\nm\u00f6rderischen Konsequenzen.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wie\nwunderbar dagegen der Wortlaut der mittelalterlichen Poesie, ihre\ngl\u00e4nzenden Gegen-Szenen. Lebenslustbilder voller <em>\u00fcber<\/em><em>m\u00fceten,\n<\/em>voller<em>\nvreuden <\/em><em>\u00fcber<\/em><em>kraft<\/em>\nsamt alttestamentarischer Lehre, dies unerh\u00f6rte\nGedicht vom radikalen Untergang im Bann des Drachen Besitzgier. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nurspr\u00fcngliche Hauptfigur der fr\u00fchen gro\u00dfen Dichtung wurde\nsozusagen ein zweites Mal ermordet. Endg\u00fcltig? Vorerst verschwand im\n\u00f6ffentlichen Bewusstsein ein Einzigartiger, aus hellsichtigen\nSchreibstuben des Mittelalters. Ein Dokument, das endlich wortgetreu\nganz vorn hingeh\u00f6rte in unser Ged\u00e4chtnis. In Europas Grundgesetz.<\/p>\n\n\n\n<p>1)\nWagners fr\u00fcher Freund Devrient kriegt von W. <strong>1848<\/strong>\nden ersten Prosa-Entwurf. Devrient moniert die \u201epolit.\n\u00dcberfrachtung\u201c, \u201eWagner holt immer zu weit aus, knetet seine\nmodernen Ansichten ein\u201c. \u2013 Beachtlich der Entstehungsbeginn im\nDezember 1848. Wagner selbst nennt in einer Antwort an Devrient\nSiegfried einen \u201eurdeutschen Mythos\u201c. \n<\/p>\n\n\n\n<p>2)1854:\n\u201e\u2026die Liebe zu Br\u00fcnnhilde ist Garantie daf\u00fcr, dass der stets\nliebende Siegfried zum <strong>vollkommensten\nMenschen<\/strong>\nwird\u201c.  (Wagner brieflich). \n<\/p>\n\n\n\n<p>3)\nAuch noch in einem (einladenden) Schreiben an K\u00f6nig Ludwig II. nennt\nW. vor der Urauff. (1876 in Bayreuth) die Tetralogie einen \u201ek\u00fchnen\n<strong>K\u00f6nigsbau<\/strong>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>4)\n<strong>1933<\/strong>\nteilt die Bayreuther Festschrift mit: \u201eSiegfried f\u00fchlt gegen Mime\nblutsm\u00e4\u00dfige Abneigung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>5)\nWagners allerletzter Satz, bei dessen Niederschreiben ihn in Venedig\nder t\u00f6dliche Schlag traf: \u201eGleichwohl geht der Prozess der<strong>\nEmanzipation des Weibes<\/strong>\nnur unter ekstatischen Zuckungen vor sich \u2013 \u201c (dazu mein \u201eWagner\nin der Vorh\u00f6lle\u201c in \u201eIm deutschen Urwald\u201c (1978)).<\/p>\n\n\n\n<p>6)\nWagner in \u201eEine Mitteilung an meine Freunde\u201c: \u201eMeine Studien\ntrugen mich so durch die Dichtungen des Mittelalters hindurch bis auf\nden Grund des alten urdeutschen Mythos \u2026 Was ich hier ersah, war\nnicht mehr die historisch konventionelle Figur \u2026 sondern der\nwirkliche, nackte Mensch, an dem ich \u2026 in uneingeschr\u00e4nktester,\nfreiester Bewegung erkennen durfte: <em><strong>der\nwahre Mensch \u00fcberhaupt<\/strong><\/em>\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>7)\n1967 zitiert Theodor W. Adorno in der Uni Frankfurt Wagner. \u201eWei\u00dft\ndu, was Wotan will? \u2013 Das Ende.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Lodemann Wan daz in twang ir minne SIEGFRIED Bei Wagner und im Nibelungenlied Ein Vergleich, als Neudeutung des Epos Lebenslang setzt mir eine Frage zu, die nicht nur meine Generation betrifft. Geboren bin ich 1936. Wie nur konnte es im Deutschen kommen zu m\u00f6rderischem Rassen-Hass, zu entsprechend uns\u00e4glichen Taten. Meine Antwortversuche f\u00fchrten mich fr\u00fch &#8230; <span class=\"more\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/siegfried-bei-wagner-und-im-nibelungenlied\/\">[Read more&#8230;]<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":18,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=133"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":135,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/133\/revisions\/135"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/18"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=133"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}