{"id":128,"date":"2019-12-04T02:24:12","date_gmt":"2019-12-04T01:24:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/wordpress\/?page_id=128"},"modified":"2019-12-04T02:29:51","modified_gmt":"2019-12-04T01:29:51","slug":"dr-ellen-bender-frouwen-ziehen-der-koeniginnenstreit-aus-genderorientierter-perspektive","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/dr-ellen-bender-frouwen-ziehen-der-koeniginnenstreit-aus-genderorientierter-perspektive\/","title":{"rendered":"Dr. Ellen Bender: \u201e\u2018frouwen ziehen\u2018. Der K\u00f6niginnenstreit aus genderorientierter Perspektive\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Im\nMittelpunkt meiner Interpretation steht die enge Verbindung von\ngeschlechtsspezifischer Figurenkonzeption und Textstrategie. Meiner\nThese zufolge sind die Erz\u00e4hlstrukturen des Nibelungenlieds,\ninsbesondere der Frauenstreit, eng mit den unterschiedlichen\nEntw\u00fcrfen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit verbunden. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Gender\nals Analysekategorie im Nibelungenlied<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gleich\nzu Beginn des Nibelungenlieds wird uns die h\u00f6fisch erzogene\nKriemhild in allen Handschriften mit Ausnahme von C, D und d als\nerste Rollenfigur vorgestellt: \u201eEz wuohs in Burgonden ein vil edel\nmaged\u00een\u2026\u201c Die Fokussierung auf die weibliche Hauptgestalt ist\nf\u00fcr ein Werk in heldenepischer Tradition keineswegs\nselbstverst\u00e4ndlich. Kampfhandlungen (wie beim Sachsenkrieg oder am\nHunnenhof) dominieren n\u00e4mlich die Heldenepik. Sie formieren eine um\nm\u00e4nnliche Protagonisten gepr\u00e4gte Sph\u00e4re, in der den Frauenfiguren\ntraditionell nur eine marginale Bedeutung zukommt: Frauen sind ja\naufgrund ihres Geschlechts nicht wehrf\u00e4hig und deshalb aus dem\nBereich des Kampfes ausgeschlossen. Dennoch nimmt Kriemhild eine\nzentrale Stellung im Text ein. Deren lange Zeit negative Wertung\nl\u00e4sst sich vor allem auf die Weiblichkeitsvorstellungen ihrer\nInterpreten zur\u00fcckf\u00fchren.<sup>\n<\/sup>Schon\nim Mittelalter des 13. Jahrhunderts wurde die ungehorsame, aufm\u00fcpfige\nEhefrau eine <em>\u00fcbeliu\nKriemhilt<\/em>\ngescholten \u2013 wie in Sibotes \u201eFrauenzucht\u201c.<a href=\"#sdendnote1sym\"><sup>i<\/sup><\/a>\n\n<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Ellen-Bender.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-129\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Ellen-Bender.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Ellen-Bender-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Ellen-Bender-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Streit der K\u00f6niginnen, Wandbild auf der Drachenburg, Frank Kirchbach, um 1884<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bis\nin unsere 1970er Jahre ging man von einer nahezu unver\u00e4nderlichen\nBestimmung des Weiblichen aus. Die r\u00e4chende Kriemhild passte nicht\nzum universell g\u00fcltigen \u201eSein der Frau\u201c. Gegen solche\nVorstellungen von einem unver\u00e4nderlichen Wesen der Geschlechter\nwendet sich die moderne Unterscheidung zwischen biologisch fundiertem\nGeschlecht (<em>sex<\/em>)\nund den soziokulturell konstruierten Geschlechterzuschreibungen\n(<em>gender<\/em>).\n<em>Gender<\/em>\nist eine gesellschaftliche Konstruktion. Eine genderorientierte\nErz\u00e4hltextanalyse versucht, Erz\u00e4hltexte aus dem\ngeschlechterspezifischen Blickwinkel zu interpretieren. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Genderorientierte\nStudien zum Nibelungenlied<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFrauenfiguren im Nibelungenlied werden aus einer neuen Perspektive\nbetrachtet.<a href=\"#sdendnote2sym\"><sup>ii<\/sup><\/a><\/p>\n\n\n\n<p><em>Jerold\nFrakes<\/em>\n<a href=\"#sdendnote3sym\"><sup>iii<\/sup><\/a>\nsetzte 1994 erstmals anhand der Kategorie <em>gender<\/em>\ndas Geschlechterverh\u00e4ltnis im Nibelungenlied in Beziehung zu den\nMacht- und Besitzverh\u00e4ltnissen der im Text konstruierten\nGesellschaftsstrukturen. Die Kontrolle von Besitz sei ein zentraler\nPunkt bei der Artikulation der Geschlechterbeziehung, da den\nFrauenfiguren im Nibelungenlied zwar partiell Machtm\u00f6glichkeiten\noffen st\u00fcnden, politische Macht und Autorit\u00e4t jedoch  &#8211; neben der\nBeeinflussung des Ehemannes \u2013 nur \u00fcber materiellen Besitz ausge\u00fcbt\nwerden k\u00f6nnten. <em>Frakes<\/em>\nbeschreibt, wie sich die Frauenfiguren des Nibelungenlieds gegen das\npatriarchale System stellen, indem sie um ihren Besitz k\u00e4mpfen. Das\ntun sowohl Br\u00fcnhild bei ihrem Abschied von Isenstein, &#8211; als sie nur\nunter Widerstand Teile ihres Verm\u00f6gens und ihres Hofstaats mitnehmen\nkann-, als auch Kriemhild bei ihrer Erb- und Hortforderung, w\u00e4hrend\ndie m\u00e4nnlichen Figuren sie enteignen und damit entmachten wollen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Stephanie\nB. Pafenberg<\/em><a href=\"#sdendnote4sym\"><sup>iv<\/sup><\/a>\nr\u00fcckt in ihrer Analyse 1995 erstmals auch die geschlechtsspezifische\nKonstruktion der m\u00e4nnlichen Hauptfiguren in den Vordergrund. Sie\narbeitet mit dem schon lange in der Forschung konstatierten Gegensatz\nzwischen heroischen und h\u00f6fischen Normen und verbindet diese mit\nzwei verschiedenen Modellen von M\u00e4nnlichkeit. Das h\u00f6fische Modell\nsei durch seine Anbindung an den Frauendienst auf Gewaltverzicht\nangelegt, w\u00e4hrend das heroische auf Gewaltaus\u00fcbung zum Zwecke der\nMachtgewinnung basiere. Im Nibelungenlied repr\u00e4sentiere der\nangeblich friedliebende Gunther das h\u00f6fische M\u00e4nnerbild, da er\nw\u00e4hrend des Sachsenkrieges bei den Frauen am Hof zur\u00fcckbleibe. Im\nzweiten Teil des Textes setze sich das Konzept des Kriegers durch,\nwelches M\u00e4nnlichkeit als gewaltgeleitete Herrschaft \u00fcber K\u00f6rper\nund Eigentum bestimme (<em>heroische\ngender-Definition<\/em>).\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Weiterhin\nist das Buch von <em>Maren\nJ\u00f6nsson<\/em>\n(2001) hervorzuheben: \u201eOb ich ein ritter waere\u201c.<a href=\"#sdendnote5sym\"><sup>v<\/sup><\/a>\nSie deutet die Genderentw\u00fcrfe der Einzelfiguren im Nibelungenlied\nals soziale Konstruktionen, wodurch eine Gesellschaftskritik\nersichtlich werde. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kerstin\nSchmitt<\/em><a href=\"#sdendnote6sym\"><sup>vi<\/sup><\/a>\nfokussiert 2002 das genderspezifisch gepr\u00e4gte Verh\u00e4ltnis der\nweiblichen Hauptfiguren zu ihren Personenverb\u00e4nden. Das\nNibelungenlied f\u00fchre anhand der Kriemhildfigur vor, welche\nLoyalit\u00e4ts-Konflikte die Position der Ehefrau im patriarchalen\nVerwandtschaftssystem beinhalte. Kriemhild stehe tendenziell zwischen\nihrer Familie und ihrem Ehemann, und zwar sowohl in ihrer Ehe mit\nSiegfried als auch in ihrer Ehe mit Etzel.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch\n<em>Jan-Dirk\nM\u00fcller<\/em>\n<a href=\"#sdendnote7sym\"><sup>vii<\/sup><\/a>\nsieht die Konzeption der Figuren durch ihre enge Anbindung an einen\nPersonenverband gepr\u00e4gt, dessen Strukturen und Regeln an die\nadligen, patriarchal organisierten Verwandtschaftsverb\u00e4nde des\nfr\u00fchen Mittelalters erinnern. <em>M\u00fcller<\/em>\nbestimmt (1998) den Personen- bzw. Herrschaftsverband als den\neigentlichen Handlungstr\u00e4ger des Nibelungenlieds. Dieser\nPersonenverband basiere auf den personalen <em>triuwe\n<\/em>(Treue)-Bindungen\nzwischen Verwandten und <em>friunden<\/em>,\ndie jedoch bereits durch lehnsrechtliche Verpflichtungen \u00fcberlagert\nw\u00fcrden. <a href=\"#sdendnote8sym\"><sup>viii<\/sup><\/a>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Aus\ngenderspezifischer Sicht ist zu erg\u00e4nzen, dass M\u00e4nner und Frauen\nauf unterschiedliche Weise in den Personenverband eingebunden sind. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nBindung der Frau an den Herrschaftsverband konstituiert sich zumeist\n\u00fcber die patriarchale Ehe, die den Wechsel von einem Familienverband\nzu einem anderen beinhaltet. Die Positionierung der Frauenfiguren im\nNibelungenlied dient derHerrschaftskonsolidierung\nund Erweiterung der Personenverb\u00e4nde,die\nbeiden Ehen Kriemhilds genauso wie die Ehe Gunthers mit Br\u00fcnhild. \u2013\nMan(n) heiratet zum Ruhm der Dynastie! Die feudaladlige\nEheschlie\u00dfungspraxis, die der Frau kaum einen Handlungsspielraum\nl\u00e4sst, beinhaltet Konflikte. Im Nibelungenlied kommt es zweimal zu\nfolgenschweren Konflikten zwischen den durch Kriemhilds\nEheschlie\u00dfungen verbundenen Verwandtschaftsgruppen (Burgonden \u2013\nNiederl\u00e4nder; Burgonden \u2013 Hunnen). Die Eheschlie\u00dfungen im\nNibelungenlied setzen die Katastrophe in Gang. \u2013 Sie beginnt mit\ndem \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>K\u00f6niginnenstreit\n(in der 14. Av.). Er ist der Brennpunkt. <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nburgundische Hof hatte das Xantener Ehepaar Siegfried und Kriemhild\nzu einem gro\u00dfen Fest nach Worms an den Rhein geladen. Br\u00fcnhild\nhatte nach Jahren des Gr\u00fcbelns \u00fcber Siegfrieds Standesidentit\u00e4t\nund seinen unterbliebenen Dienst die Einladung initiiert. W\u00e4hrend\nder Festlichkeiten wartet Br\u00fcnhild nun auf eine Gelegenheit, die\nWahrheit \u00fcber Siegfrieds personalen Status in Erfahrung zu bringen.\nSie r\u00e4tselt nach wie vor: <em>\u201ewie\ntreit et als\u00f4 h\u00f4he vrou Kriemhilt den l\u00eep?\u201c<\/em>\n(724,2: \u201eWie kann eigentlich Frau Kriemhild so stolz sein?\u201c) Am\nelften Tag der <em>h\u00f4hgez\u00eete<\/em>\nkommt es zur Konfrontation der beiden K\u00f6niginnen Kriemhild und\nBr\u00fcnhild. Die Bedeutung des Frauenstreites hebt der Erz\u00e4hler\nbereits einleitend hervor. Beider Frauen <em>n\u00eet<\/em>\n(Feindschaft) wird als Ursache der Untergangskatastrophe angef\u00fchrt:\n<em>si\nsturben s\u00eet j\u00e2merl\u00eeche von zweier edelen frouwen n\u00eet<\/em>\n(6,4) Auch der Erz\u00e4hlerkommentar in 876,4 f\u00fchrt das\nUntergangsgeschehen auf den Frauenstreit zur\u00fcck: <em>von\nzweier vrouwen b\u00e2gen wart vil manic helt verlorn. <\/em>(Durch\nden Streit zweier Frauen kamen viele K\u00e4mpfer ums Leben.) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nAuseinandersetzung zwischen den beiden adligen Damen beginnt w\u00e4hrend\neines Turniers im Burghof. Beide sitzen zur <em>vesperz\u00eete<\/em>\n(814,1) vertraulich beisammen und schauen zu, wie die M\u00e4nner sich\nmit <em>ritterschefte<\/em>\n(814,3) vergn\u00fcgen. Kriemhild bewundert die \u00fcberragenden Qualit\u00e4ten\nihres Mannes Siegfried beim Ritterspiel und verbindet damit einen\n\u00fcbergreifenden Herrschaftsanspruch: \u201e<em>ich\nh\u00e2n einen man, daz elliu disiu r\u00eeche ze s\u00eenen handen solden st\u00e2n<\/em>\n(815,2-3: \u201eIch habe einen Mann, dem alle diese Reiche untert\u00e4nig\nsein m\u00fcssten.\u201c) Ihre Worte werden zum Ausl\u00f6ser des Streits.\nKriemhilds Lob, das den Geliebten verherrlicht, k\u00f6nnte als\nMachtanspruch verstanden werden. Demgegen\u00fcber konstatiert Br\u00fcnhild\nGunthers Vorrang: Siegfried k\u00f6nne, solange Gunther am Leben sei,\nnicht der Rangh\u00f6chste sein (816). Kriemhild f\u00e4hrt mit ihrer\nGattenschw\u00e4rmerei fort, Br\u00fcnhild beharrt auf ihrer Behauptung,\nGunther m\u00fcsse der Rangh\u00f6chste sein. Ein zun\u00e4chst harmlos wirkendes\nPrahlen um die Tugenden der M\u00e4nner weitet sich zu einer\nexistenziellen Auseinandersetzung aus. Der Rangstreit um die M\u00e4nner\nist dabei untrennbar mit dem Rangstreit um die eigene Person\nverbunden, der die \u00f6ffentliche Auseinandersetzung regelrecht\nfordert. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Wichtiger\nals die vieldiskutierte Frage, ob Kriemhild in naiv-stolzer\nGattenbewunderung oder als gezielte Provokation den Streit in die\nWege leitet, ist der bemerkenswerte Genderentwurf, dass sich hier\nzwei Frauen in einem Streitgespr\u00e4ch gegen\u00fcberstehen und latent\ngegebene, aber von den M\u00e4nnern verschwiegene Kontroversen und\nKonflikte blo\u00dflegen wollen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild\nnimmt dann ihre Gattenschw\u00e4rmerei etwas zur\u00fcck und betont\nSiegfrieds Ebenb\u00fcrtigkeit Gunther gegen\u00fcber (819,4: \u201eGlaub mir,\nBr\u00fcnhild, er ist Gunther ebenb\u00fcrtig\u201c). Sie r\u00fchrt damit unbewusst\nan eine f\u00fcr Br\u00fcnhild existenzielle Frage. Eine Ebenb\u00fcrtigkeit ist\nf\u00fcr die Wormser K\u00f6nigin angesichts der Vorf\u00e4lle auf Isenstein\nausgeschlossen. Unter Berufung auf das dortige Werbungsgeschehen\nformuliert sie Siegfrieds Status eines Dienstmanns: <em>des\nh\u00e2n ich in f\u00fcr eigen, s\u00eet ich in h\u00f4rte jehen<\/em>\n(821,3: \u201eIch halte ihn f\u00fcr einen Eigenmann, weil ich es ihn sagen\nh\u00f6rte.\u201c) In ihrer Funktion als Feudalherrin erhebt sie Anspruch\nauf Siegfried als ihren <em>eigenman.<\/em>\nKriemhild reagiert auf Br\u00fcnhilds entehrende Worte auffallend ruhig,\nbezieht aber den Vorwurf sogleich auf sich selbst: Sie k\u00f6nne nicht\ndie Frau eines Eigenmannes sein; ihre Br\u00fcder h\u00e4tten sie niemals mit\neinem <em>eigenman<\/em>\nverm\u00e4hlt (822). Sie bittet Br\u00fcnhild um die Beendigung des Geredes\n(822,3f.). Br\u00fcnhild aber versch\u00e4rft den Konflikt. Sie fordert die\nDienstleistung von Siegfrieds Ritterschar (823). Diese Provokation\nstellt ganz bewusst die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen\nWorms und Xanten und die <em>triuwe<\/em>-B\u00fcnde\nauf den Pr\u00fcfstand; sie will eine Parteinahme herbeirufen, die\nKlarheit \u00fcber den Sachverhalt verschaffen soll. Kriemhild reagiert\nzornig (823,4). Indem sie die ausgebliebenen Zinszahlungen\nthematisiert, macht sie deutlich, dass Siegfried Gunther nicht zum\nDienst verpflichtet ist. Er sei auch rangh\u00f6her als Gunther (824f.).\nIn einer ersten Beleidigung bezichtigt sie Br\u00fcnhild der <em>\u00fcberm\u00fcete<\/em>\n(825,4: \u201eDeinen Hochmut bin ich leid.\u201c Darauf Br\u00fcnhild: \u201e<em>Du\nziuhest dich ze h\u00f4he<\/em>\u201c\n(826,1: \u201eDu \u00fcberhebst dich!\u201c)Br\u00fcnhild\ngeht nicht auf das zentrale Argument der Zinszahlung ein. Sie\nverlagert stattdessen das Wortgefecht auf den Streit um den Rang der\nFrauen. Sie fordert eine \u00f6ffentliche Auseinandersetzung um die\nweibliche Rangfrage: \u201eJetzt will ich doch sehen, ob man dich\ngenauso ehrenvoll behandelt wie mich.\u201c (826,2f.) Die K\u00f6niginnen\nbeschlie\u00dfen, mit ihrem Gefolge getrennt zum M\u00fcnster zu ziehen,\nwobei es darum geht, wer als Vornehmste zuerst das M\u00fcnster betreten\nd\u00fcrfe (827).<\/p>\n\n\n\n<p>Beide\nK\u00f6niginnen machen ihren \u00dcberlegenheitsanspruch vom Status ihrer\nEhem\u00e4nner abh\u00e4ngig. Sie definieren ihre soziale Identit\u00e4t\nvorrangig \u00fcber ihre Relation zum Ehemann. Hier wird deutlich, dass\ndie standesrechtliche Identit\u00e4t der adligen Frau an den Rang des\nMannes gebunden ist. &#8211;<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild\nnimmt sofort den Fehdehandschuh auf: \u201eHeute wirst du merken, dass\nich aus freiem Geschlecht (<em>adelvr\u00ee<\/em>)\nbin und dass mein Mann ein h\u00f6heres Ansehen genie\u00dft als der\nDeine\u2026.Noch heute Abend wirst Du sehen, wie Deine Leibeigene\n(<em>eigene\ndiu d\u00een<\/em>)\nvor allen Rittern am Hof in Burgund auftritt.\u201c (828,1-829,1) Durch\ndie angebliche Unfreiheit Siegfrieds (als Dienstmann Gunthers) w\u00fcrde\nKriemhild gleicherma\u00dfen zur unfreien Dienerin, zur Leibeigenen (mhd.\n<em>eigendiu<\/em>)\ndegradiert. Jetzt will die emp\u00f6rte Kriemhild demonstrieren, dass sie\nkeine <em>eigendiu<\/em>,\nsondern frei und adelig ist. Sie will beim Kirchgang mit ihrem\nGefolge den Vortritt vor Br\u00fcnhild in das M\u00fcnster erzwingen.\nKriemhild h\u00e4lt an ihrer Identit\u00e4t als Freie und Adelige ihres\nangestammten burgundischen Familienverbandes fest.<\/p>\n\n\n\n<p>Von\nnun an herrscht Hass zwischen den Frauen (829,4).<a href=\"#sdendnote9sym\"><sup>ix<\/sup><\/a>\nKriemhild agiert jetzt gezielt angreifend, wodurch im Frauenstreit\neine Umkehrung stattfindet. Br\u00fcnhild wird in die Rolle des Opfers\ngedr\u00e4ngt. Die Kleidung der K\u00f6niginnen indiziert beim Auftritt vor\ndem M\u00fcnster visuell den Rang der Gegenspielerinnen. Repr\u00e4sentative\nKleidung wird zum Ausdruck des Rangstreites. Br\u00fcnhild zieht sich\nnicht um, wohl weil sie es als Wormser K\u00f6nigin nicht f\u00fcr n\u00f6tig\nh\u00e4lt. Kriemhild hingegen schm\u00fcckt sich und ihr weibliches Gefolge\nmit gro\u00dfer Pracht und schreitet demonstrativ zur Kirche. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nbeiden Kontrahentinnen treffen vor dem gro\u00dfen M\u00fcnster aufeinander,\num ihren Vorrang zu demonstrieren. Die Trennung des Gefolges der\nK\u00f6niginnen visualisiert im Nibelungenlied das Ende der h\u00f6fischen\nHarmonie. Der Erz\u00e4hler verbindet die Trennung mit einer negativen\nVorausdeutung (831,3-4):<\/p>\n\n\n\n<p><em>daz si b\u00ee ein ander niht giengen alsam \u00ea,<\/em> <br><em>d\u00e2 von wart manigem degene s\u00eet vil sorcl\u00eechen w\u00ea. <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>(Dass\nsie nicht wie fr\u00fcher nebeneinander gingen, daraus entstand sp\u00e4ter\ngro\u00dfes Leid f\u00fcr viele K\u00e4mpfer.) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Kriemhild\nkommt mit ihren Frauen. Sie tragen Prachtgew\u00e4nder als sichtbares\nZeichen f\u00fcr Macht und Reichtum. In ihrerKleiderpracht\nbeabsichtigt Kriemhild bewusst, Br\u00fcnhild zu verletzen und zu\n\u00fcbertrumpfen (837,4). Der Rechtsanspruch wird durch die optische\nPrunkentfaltung und Zurschaustellung des h\u00f6fischen Glanzes\nverst\u00e4rkt. Indem Kriemhild Br\u00fcnhild vor dem M\u00fcnster an Pracht\n\u00fcbertrumpft, hat sie ihren Vorrang damit \u2013 ohne rechtliche\nBeweisf\u00fchrung \u2013 bereits durchgesetzt (Vorrangdemonstration).<\/p>\n\n\n\n<p>Br\u00fcnhild\nwiederholt jetzt \u00f6ffentlich gegen\u00fcber Kriemhild den Vorwurf der\n<em>eigendiu<\/em>\n(838,4) und will ihr den Vortritt verwehren. Da schleudert ihr\nKriemhild zornig einen unwahren, aber vernichtenden Trumpf entgegen:\n\u201e<em>wie\nm\u00f6hte mannes kebse werden immer k\u00fcneges w\u00eep?<\/em>\u201c\n(839,4: \u201eWie h\u00e4tte die Beischl\u00e4ferin eines Unfreien je die Frau\ndes K\u00f6nigs werden k\u00f6nnen?\u201c) Sie beschimpft also Br\u00fcnhild als\n<em>kebse<\/em>,\ndenn Siegfried, der doch unfrei sei, habe sie zuerst geliebt;\nSiegfried, nicht etwa Gunther, habe ihr \u201edie Unschuld genommen\u201c.\nDie Kebsenbeschimpfung wird zur unvers\u00f6hnlichen Beleidigung. Die\ntief getroffene Br\u00fcnhild weint. Sie kann den Worten nichts\nentgegnen. Ihre <em>\u00eare<\/em>\nwird in Frage gestellt. Kriemhild hingegen rauscht triumphierend an\nihr vorbei ins M\u00fcnster.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\ndes Gottesdienstes findet die erregte burgundische K\u00f6nigin keine\nRuhe zur Andacht. Der Erz\u00e4hler verweist auf Br\u00fcnhilds Gedanken und\nGef\u00fchle (844,3): <em>ir\nwas vil tr\u00fcebe der l\u00eep und ouch der muot<\/em>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>und 845,2-4:  <br><em>si ged\u00e2hte: \u201emich muoz Kriemhilt m\u00eare hoeren l\u00e2n,<\/em><br><em>des mich s\u00f4 l\u00fbte z\u00eehet daz wortraeze w\u00eep<\/em><br><em>h\u00e2t er sichs ger\u00fcemet, ez g\u00eat an S\u00eefrides l\u00eep.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Sie dachte: \u201eKriemhild muss mir genauer sagen,<br>was sie mir mit scharfer Zunge so laut vorwirft,<br>und wenn Siegfried damit geprahlt hat, soll es ihm ans Leben gehen.\u201c)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGedankeneinblick kann zugleich als Voraussage gewertet werden, dass\nSiegfried mit seinem Leben f\u00fcr das Unrecht zu b\u00fc\u00dfen habe, sollten\nsich die Beschuldigungen bewahrheiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nhandelt sich hier um eine der wenigen zentralen Stellen, an denen der\nErz\u00e4hler die Innensicht der weiblichen Figur vermittelt. Ihr\nEntschluss, <em>ez\ng\u00eat an S\u00eefrides l\u00eep<\/em>,\nmarkiert ihren Vorsatz, Siegfried gegebenenfalls t\u00f6ten zu lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach\ndem Gottesdienst verlangt Br\u00fcnhild, die mit ihren Damen vor dem\nM\u00fcnster wartet, Beweise. Kriemhild zeigt triumphierend die\nvermeintlichen Beweisst\u00fccke, Ring und G\u00fcrtel der K\u00f6nigin, die\nSiegfried aus dem Brautgemach mitgenommen und sp\u00e4ter seiner Frau\ngeschenkt hatte. \u2013 Bewiesen ist trotz dieser Memorialzeichen\nnichts. Br\u00fcnhild kann lediglich anmerken, Ring und G\u00fcrtel seien ihr\neinst gestohlen worden (848). &#8211; Die symbolische Aussagekraft der\nGegenst\u00e4nde reicht jedoch aus, die \u00f6ffentliche Entehrung der\nburgundischen K\u00f6nigin herbeizuf\u00fchren. Die Provokation durch die\n\u201aBeweisst\u00fccke\u2018 ist eine Szene der Dem\u00fctigung!<\/p>\n\n\n\n<p>Durch\nKriemhilds Behauptung: \u201e<em>j\u00e2\nwart m\u00een S\u00eefrit d\u00een man<\/em>\u201c\n(846,4: \u201eAlso war doch mein Siegfried dein Mann\u201c) ist Br\u00fcnhild\ndie \u00f6ffentlich Entehrte; sie ist gesellschaftlich vernichtet; mit\nihr sind Hof und Reich gesch\u00e4ndet.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Weinend\n(850,3) ruft Br\u00fcnhild Gunther zu Hilfe. Die Entehrung der K\u00f6nigin\nfordert den \u00f6ffentlichen Rechtsprozess. Hierdurch verschiebt sich\nder Konflikt auf die Ebene der m\u00e4nnlichen Protagonisten mit ihren\nListen und Geheimnissen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Exkurs:\nDie Tr\u00e4nen der K\u00f6nigin.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Das\nWeinen Br\u00fcnhilds, diese emotionale K\u00f6rpergeste, ist weder als\nunmittelbarer Gef\u00fchlsausdruck noch als spezifisch weibliches\nVerhaltensmuster zu verstehen. Im Sinne<em>Gerd\nAlthoffs <\/em><a href=\"#sdendnote10sym\"><sup>x<\/sup><\/a>handelt\nes sich bei dem Weinen der K\u00f6nigin vielmehr um die Inszenierung\npolitischen Handelns: Die ritualisierte K\u00f6rpergeste dr\u00fccktdie\nDringlichkeit ihrer Bitte f\u00fcr alle sichtbar aus,um\nso die Zustimmung des burgundischen Herrschers, den sie ruft, zu\nerwirken.Ihre\nTr\u00e4nen sind nicht nur eine Best\u00e4tigung ihres Anliegens, n\u00e4mlich\nihre Ehre wiederherzustellen -, sie dr\u00fccken auch die Bedrohung ihrer\nherrschaftlichen Autorit\u00e4t aus. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nhistorischen Zeugnissen greift selbst der K\u00f6nig zu diesem \u201ead\u00e4quaten\nund \u00fcblichen Ausdrucksmittel\u201c und \u201edokumentiert durch die\nvergossenen Tr\u00e4nen, wie ernst und wichtig ihm die Angelegenheit\nist.\u201c <a href=\"#sdendnote11sym\"><sup>xi<\/sup><\/a>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nBruch zwischen beiden Frauen ist vollzogen. Nicht jedoch zwischen\nGunther und Siegfried. Als Gunther die Ursache von Br\u00fcnhilds Tr\u00e4nen\nerfahren m\u00f6chte (852), formuliert sie nicht den Rangstreit, sondern\nKriemhilds Behauptung, Siegfried habe sie <em>gekebset<\/em>\n(853,4).Gunther\nzeigt sich erstaunt \u00fcber Kriemhilds \u201aEnth\u00fcllung\u2018. Zugleich\nimpliziert diese \u201aEnth\u00fcllung\u2018 eine Beleidigung seiner Ehre und\neine Gef\u00e4hrdung seiner politischen Vorherrschaft. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nBezug auf die Geschlechterzuschreibung (<em>gender<\/em>)\nist bemerkenswert, dass Br\u00fcnhild ihren Ehemann nicht nach den\nwirklichen Vorg\u00e4ngen der Brautnacht fragt, sondern die\nWiederherstellung ihres \u00f6ffentlichen Ansehens verlangt. Vielleicht\nwill Br\u00fcnhild auch gar nicht mehr so genau wissen, ob an Kriemhilds\nBehauptungen etwas Wahres ist und glaubt der Rivalin im Grunde ihres\nHerzens. Umso offensichtlicher will sie verhindern, dass auch die\n\u00d6ffentlichkeit Kriemhild glaubt. Der Frauenstreit rei\u00dft n\u00e4mlich\neine Wunde auf, die nicht heilen konnte: die auf Betrug beruhende\nEheschlie\u00dfung des Wormser Herrscherhauses, welche letztendlich die\nSchw\u00e4che des K\u00f6nigs blo\u00dflegen w\u00fcrde. Keiner der m\u00e4nnlichen\nProtagonisten m\u00f6chte die Wahrheit enth\u00fcllen. Br\u00fcnhild verlangt von\nGunther, dass er sie \u00f6ffentlich gegen den Vorwurf seiner Schwester\nverteidige: \u201e<em>daz\nich ie wart geborn, daz riuwet mich vil s\u00eare, dune beredest, k\u00fcnic,\nmich, der vil gr\u00f4zen schande<\/em>;\u201c\n(854,2ff.: \u201eDass ich \u00fcberhaupt geboren wurde, ist mir verhasst,\nwenn Du, K\u00f6nig, mich nicht von dieser gro\u00dfen Schande befreist.\u201c)\nGerade die rechtliche Stellung der Frau, ihre <em>\u00eare<\/em>,\nsteht hier als zentraler Genderentwurf zur Diskussion.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nK\u00f6nig ist gezwungen, vor aller Augen zu handeln. Als Br\u00fcnhilds\nEhemann muss er f\u00fcr sie agieren und die Anklage gegen Siegfried\nerheben.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nFolgehandlung demonstriert das Ungen\u00fcgen eines Rechtssystems, in dem\ndie weiblichen Protagonisten bestenfalls \u00fcber m\u00e4nnliche F\u00fcrsprecher\nGenugtuung erfahren k\u00f6nnen. Als Br\u00fcnhilds Vormund (<em>munt<\/em>)\nist Gunther dazu verpflichtet, seiner Frau Schutz zu gew\u00e4hren. Er\nger\u00e4t dadurch in eine prek\u00e4re Situation, denn er wei\u00df als einziger\nau\u00dfer Siegfried um die Wahrheit der Brautnacht und somit auch um\nSiegfrieds Mitt\u00e4terschaft und \u201aUnschuld\u2018. Die Verschleierung der\nWahrheit liegt folglich in seinem Interesse. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Der\nEid.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Gunther\nl\u00e4dt Siegfried vor das K\u00f6nigsgericht (855) und bringt die Klage vor\n(857). Da Br\u00fcnhild die Frage nach der Wahrheit nicht gestellt hat,\nkann Gunther von Siegfried fordern, lediglich zu beeiden, dass er\nsich <em>nicht\n<\/em>der\nDefloration der K\u00f6nigin ger\u00fchmt habe. Die Memorialzeichen, Ring und\nG\u00fcrtel der K\u00f6nigin, spielen in diesem Rechtsprozess keine Rolle\nmehr, bleiben unbeachtet, auch wenn sie den Worten widersprechen. F\u00fcr\nGunther ist es wichtig, dass im \u00f6ffentlichen Prozess die Behauptung\nund nicht die Sache an sich zu einer rechtlichen Frage erhoben wird\n(857). Er verschiebt den Akzent der Fragestellung derart, dass\nKriemhilds Glaubw\u00fcrdigkeit anfechtbar erscheint. Siegfried weist die\nBehauptung seiner Frau, er habe mit Br\u00fcnhild geschlafen, zur\u00fcck und\nerkl\u00e4rt sich sofort zum \u201aunverf\u00e4nglichen\u2018 Eid bereit (858 f.).\nSchnell herrscht wieder Einverst\u00e4ndnis zwischen den beiden Rittern:\n<em>d\u00f4\ns\u00e2hen zuo z\u2019ein ander die guoten ritter gemeit.<\/em>\n(861,4: Da blickten einander die edlen, stattlichen Ritter \u201ain\nstillem Einvernehmen\u2018 an.<a href=\"#sdendnote12sym\"><sup>xii<\/sup><\/a>)\nDie beiden M\u00e4nner agieren manipulativ. Ihnen ist bewusst, wie\nwichtig ein Verschweigen der Vorg\u00e4nge f\u00fcr die beiden\nHerrscherh\u00e4user ist. Es liegt ganz im Interesse m\u00e4nnlicher\nMachterhaltung, wenn Gunthers Niederlage in der Brautnacht und\nSiegfrieds Betrug an Br\u00fcnhild geheim gehalten werden. Mit einer\numfassenden Offenbarung w\u00fcrde das ganze manipulative L\u00fcgengeb\u00e4ude\nzusammenst\u00fcrzen (und sie m\u00fcssten wom\u00f6glich die gemeinsame Rache\nBr\u00fcnhilds und Kriemhilds f\u00fcrchten!?) Parallel zu anderen\nEideshandlungen im Nibelungenlied auf Isenstein und bei der\nHortversenkung sind \u201adie M\u00e4nner\u2018 sogleich bereit, einen Eid zu\nleisten, wenn es um die Wahrung eines Betrugsgeheimnisses einer Frau\ngegen\u00fcber geht. \u2013 Das ist Teil der Textstrategie. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nRing der M\u00e4nner tritt zusammen, um den Eid rechtsg\u00fcltig werden zu\nlassen (859,4). Siegfried hebt die Hand zum Schwur (860,1). Ehe er\naber etwas beeidet, bricht Gunther das Verfahren ab und spricht ihn\nfrei (860): \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>S\u00eefrit der vil k\u00fcene zem eide b\u00f4t die hant.<\/em> <br><em>d\u00f4 sprach der k\u00fcnic r\u00eeche: \u201emir ist s\u00f4 wol bekant <\/em> <br><em>iuwer gr\u00f4z unschulde; ich will iuch ledic l\u00e2n<\/em><br><em>des iuch m\u00een swester z\u00eehet, daz ir des niene habt get\u00e2n.\u201c<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>(Siegfried, der K\u00fchne, hob die Hand zum Schwur.<br>Da sagte der m\u00e4chtige K\u00f6nig: \u201eIch wei\u00df jetzt sicher,<br>dass Ihr unschuldig seid. Ich spreche Euch von allem frei.<br>Was meine Schwester \u00fcber Euch sagt, das habt Ihr nicht getan.\u201c)  <\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Forschung finden sich kontroverse Debatten um diesen Eklat und\nseine Folgen. Man k\u00f6nnte der Auffassung sein, Siegfried deute den\nEid nur an, leiste ihn aber nicht, weil er von Gunther unterbrochen\nwird. Das k\u00f6nnte auf Siegfrieds schlechtes Gewissen verweisen.<a href=\"#sdendnote13sym\"><sup>xiii<\/sup><\/a>\n<em>Otfrid\nEhrismann<\/em>\ndeutet den Text dahingehend, dass nicht nur Siegfrieds Prahlen,\nsondern auch der Inhalt des Prahlens zur Beeidigung anstehe. Eine\nderartige Leseweise k\u00f6nnte den Abbruch erkl\u00e4ren: Gunther spricht\nSiegfried von der Tat, aber nicht von der Behauptung des Prahlens\nfrei, obwohl es im Eid gerade um die Behauptung, um das \u201a<em>r\u00fcemen\u2018,<\/em>\ngeht (860,3-4)  \u2013 und Gunther gar nicht wissen kann, ob Siegfried\nsich der Defloration Br\u00fcnhilds vielleicht doch ger\u00fchmt hat.  \n<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nhandelt sich um ein unzul\u00e4ngliches Gerichtsverfahren. Br\u00fcnhild ist\n\u00f6ffentlich von Kriemhild beleidigt worden. Sie verlangt die\nWiederherstellung ihrer Ehre. Der K\u00f6nig h\u00e4tte entschlossen f\u00fcr ein\ngeregeltes Gerichtsverfahren eintreten m\u00fcssen. Dass Gunther das\nVerfahren abbricht, bei dem er selbst als einer der Hauptschuldigen\nh\u00e4tte entlarvt werden k\u00f6nnen, demonstriert erneut seine Position\nals <em>rex\niniquus<\/em>,\nder unf\u00e4hig ist, Recht zu sprechen. Die Szene verdeutlicht zugleich\ndie rechtsunm\u00fcndige Position seiner Frau, deren Rechtsschutz in der\nHand ihres Mannes liegt, wobei dieser selbst schuldhaft am Vergehen\nbeteiligt ist. <a href=\"#sdendnote14sym\"><sup>xiv<\/sup><\/a>\n\n<\/p>\n\n\n\n<p>Gunther\nbewirkt durch sein Zur\u00fcckweichen einen unklaren und unbefriedigenden\nAusgang des Prozesses, was sich an der Betroffenheit der Umstehenden\nund an Br\u00fcnhilds Weinen ablesen l\u00e4sst: \u201e<em>d\u00f4\ntr\u00fbret als\u00f4 s\u00eare  der Pr\u00fcnhilde l\u00eep, daz ez erbarmen muose die\nGuntheres man.<\/em>\u201c\n(863,2 f.)Das\nemotionale Signal des Weinens der K\u00f6nigin forderte\nunmissverst\u00e4ndlich ein Eingehen auf den Konflikt. Der K\u00f6nig h\u00e4tte\nalles daran setzen m\u00fcssen, den Konflikt g\u00fctlich zu regeln. Der\nburgundischen K\u00f6nigin musste an einer klaren und von Siegfried\nbeeideten Beseitigung des Verdachts gelegen sein. So aber bedeutet\ndas Zur\u00fcckweichen des Herrschers vor dem Reinigungseid (Siegfrieds),\ndass er auf ausreichende Genugtuung f\u00fcr Br\u00fcnhild verzichtet. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Bedeutsam\nbez\u00fcglich der Geschlechterzuschreibung (<em>gender<\/em>)\nist, dass die m\u00e4nnlichen Protagonisten Gunther und Siegfried erneut\nkooperativ der Enth\u00fcllung der Wahrheit und damit den Frauenfiguren\nentgegenwirken. Der M\u00e4nnerbund wird best\u00e4rkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nKonflikt verlagert sich auf die konkret k\u00f6rperliche Handlungsebene:\nSiegfried will seine Frau z\u00fcchtigen, er k\u00fcndigt ihre Bestrafung an.\nKriemhild muss zum Schweigen gebracht werden. Er meint, seine Frau\nmit Pr\u00fcgeln \u201aerziehen\u2018 zu k\u00f6nnen und nimmt sich das Recht\nheraus, ihr mit Gewalt \u201aangemessenes\u2018 Verhalten beizubringen\n(862): \n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e<em>Man sol s\u00f4 vrouwen ziehen\u201c, sprach S\u00eefrit der degen,<\/em>      <br>\u201e<em>daz si \u00fcppecl\u00eeche spr\u00fcche l\u00e2zen under wegen.<\/em><br><em>verbiut ez d\u00eenem w\u00eebe, der m\u00eenen tuon ich sam.<\/em><br><em>ir gr\u00f4zen ungef\u00fcege ich mich waerl\u00eeche scham.\u201c <\/em> <\/p>\n\n\n\n<p>(\u201eMan soll Frauen so erziehen\u201c, fuhr Siegfried, der Held, fort,<br>\u201edass sie \u00fcberm\u00fctiges Gerede bleiben lassen.<br>Verbiet\u2018 es Deiner Frau! Ich verbiete es der meinen.<br>Wahrlich, ich sch\u00e4me mich f\u00fcr ihre Ungezogenheit.\u201c)  <\/p>\n\n\n\n<p>Selbstherrliche\nM\u00e4nnlichkeit tr\u00e4gt Siegfried zur Schau. Die <em>\u201e\u00fcppecl\u00eechen\nspr\u00fcche\u201c<\/em>\nseiner Frau macht er ver\u00e4chtlich; sie habe <em>ungef\u00fcege<\/em>,\n\u201aungezogen\u2018 gehandelt. Siegfrieds Schelte an Kriemhild deckt den\nZusammenhang zwischen Sprache und Gewalt auf: Durch physische Gewalt\nbringt er sie zum Schweigen. Sie wird nach dem Streit von Siegfried\n\u201e<em>zerblouwen<\/em>\u201c,\n\u201averbl\u00e4ut\u2018 (894,2).\n\u2013 Die Ehefrau ist dem Z\u00fcchtigungsrecht des Mannes unterworfen. Die\nSzene unterstreicht die Problematik der rechtlichen Stellung der\nFrau, die durch die physische Gewaltanwendung demonstriert wird. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Siegfrieds\nZ\u00fcchtigung.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>In\nSiegfrieds Genderentwurf zeigen sich Z\u00fcge, die auf die\nzeitgen\u00f6ssische Wirklichkeit hinweisen. Die k\u00f6rperliche Z\u00fcchtigung\nder Frau wird als selbstverst\u00e4ndliches Recht des Mannes angesehen.\n<em>Otfrid\nEhrismann<\/em>spricht\nin Bezug auf die Z\u00fcchtigung von Siegfrieds \u201ePflicht und Recht\u201c.<a href=\"#sdendnote15sym\"><sup>xv<\/sup><\/a>\nDie zeitgen\u00f6ssische soziale und \u00f6konomische untergeordnete Position\nder Ehefrau, die dem Mann patriarchalische Dominanz zugesteht, tritt\nin der mittelalterlichen Literatur h\u00e4ufig durch Beispiele sexueller\nN\u00f6tigung und Z\u00fcchtigung zu Tage. So r\u00e4t beispielsweise <em>Reinmar\nvon Zweter<\/em>\ndazu, eigenwillige Ehefrauen mit \u201e<em>einem\ngr\u00f4zen kn\u00fctel\u201c<\/em>\n(Kn\u00fcppel) zur Raison zu bringen (105, 7-12). <a href=\"#sdendnote16sym\"><sup>xvi<\/sup><\/a>Hinter\nder h\u00f6fischen Fassade begegnet uns hausherrliche Gewalt. Der Ehemann\nverf\u00fcgt \u00fcber den K\u00f6rper der Frau. Kriemhild wird mit Schl\u00e4gen f\u00fcr\nihr \u201aGerede\u2018 bestraft. Die nordischen Stoffbearbeitungen kennen\nkeine Z\u00fcchtigung Kriemhilds durch Siegfried. Das Pr\u00fcgelmotiv passt\nnicht zum Idealbild des Minnepaares, zur <em>amour\ncourtois<\/em>\n(zur h\u00f6fischen Liebe), die insbesondere bei der ersten Begegnung des\nPaares aufgerufen wird. <em>Bert\nNagel <\/em><a href=\"#sdendnote17sym\"><sup>xvii<\/sup><\/a>\nsieht in der Z\u00fcchtigung allerdings keine Minderung der\nLiebesbeziehung. Es stellt sich aber die Frage, ob die Z\u00fcchtigung\nnicht doch ein anderes Licht auf die idealisierte Liebesbeziehung\nwirft. Die Pr\u00fcgelung Kriemhilds deckt sich zweifellos mit Siegfrieds\nGewaltanwendung Br\u00fcnhild gegen\u00fcber und seinen frauenverachtenden\nReden auf Isenstein. F\u00fcr Siegfried ist die Z\u00fcchtigung von Frauen\nein konsequenter Ausdruck seiner patriarchalen Denk- und\nVerhaltensweise. So konstituiertsich\nSiegfrieds Genderentwurf im Nibelungenlied als \u00dcberlegenheitsanspruch\ndurch physische St\u00e4rke und Kraft. Frauen werden machtlos gehalten.\nMachtteilhabe wird ihnen verweigert. Der Erz\u00e4hler schildert mehrfach\nSiegfrieds eheliche Dominanz bzw. die Missachtung der W\u00fcnsche seiner\nFrau. Man denke an Siegfrieds Widerstreben gegen Kriemhilds\nErbforderung, als er versucht, ihren Anteil am burgundischen Erbe\nauszuschlagen oder an das Ignorieren ihres Heimwehs nach 10 Jahren in\nXanten sowie an die Missachtung ihrer Warntr\u00e4ume beim letzten\nAbschied: Siegfried schenkt Kriemhilds verzweifelten Worten kein\nGeh\u00f6r. Auch sieht er nach dem K\u00f6niginnenstreit \u2013 kontrastierend\nzu Kriemhild \u2013 von seiner eigenen Schuld ab. Aber trotz aller\nHinweise auf ein \u00fcberm\u00fctiges und ignorantes Verhalten Siegfrieds\nscheint das Verh\u00e4ltnis zu Kriemhild dennoch ungetr\u00fcbt. Siegfried\nselbst bezeichnet Kriemhild als seine <em>triutinne<\/em>,\nseine Geliebte (919,1; 923,1). \u2013 Umgekehrt ist f\u00fcr Kriemhild ihr\nLebensgl\u00fcck ganz und gar auf Siegfried ausgerichtet und abh\u00e4ngig\nvon der Zuwendung des einzigartigen Helden, der \u00fcber seinen Tod\nhinaus ihr gesamtes Handeln bestimmt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl\nBr\u00fcnhild als auch Kriemhild werden im Nibelungenlied durch\nk\u00f6rperliche Z\u00fcchtigungen ihren M\u00e4nnern unterworfen und widersetzen\nsich diesen physischen Machtdemonstrationen nicht. Die physische und\n\u00f6konomische Unterwerfung der Protagonistinnen macht deutlich, dass\ndiese immer wieder in die Grenzen der bestehenden mittelalterlichen\nGesellschaftsstruktur, in die Subordination, zur\u00fcckgedr\u00e4ngt werden.\nDazu tragen die m\u00e4nnlichen Akteure entscheidend bei. Das gilt\nwesentlich f\u00fcr die Z\u00fcchtigung Kriemhilds, indem Siegfried seine\nFrau f\u00fcr etwas bestraft, wof\u00fcr er im Grunde genommen selbst\nverantwortlich ist.- Durch Siegfrieds Z\u00fcchtigung sowie durch die\nEntmachtung der Frauenfiguren (die systematisch bestohlen werden)\nwird im Nibelungenlied der Aspekt der Subordination der Frau in der\nzeitgen\u00f6ssischen Wirklichkeit thematisiert und aktualisiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Es\nstellt sich die Frage, ob es den m\u00e4nnlichen Protagonisten in erster\nLinie darauf ankommt, bedrohlich wirkende Frauen in die Subordination\nzur\u00fcckzudr\u00e4ngen, oder ob es sich im Grunde genommen um eine\nAuseinandersetzung der M\u00e4nner untereinander handelt. Denn der\nZusammenhalt des Herrschaftsverbandes beruht auf den <em>triuwe<\/em>-Bindungen\nder k\u00f6niglichen Schw\u00e4ger. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Um\nBr\u00fcnhild zu erwerben, hatte Gunther mit Siegfried paktiert und\ngegenseitige <em>triuwe<\/em>\nvereinbart. Hat Siegfried das Geheimnis der Bezwingung Br\u00fcnhilds\nverraten? Nicht Siegfrieds eventuelle Taten, sondern dass er nicht\nstillgeschwiegen hat, sich m\u00f6glicherweise in der intimen Sph\u00e4re mit\nKriemhildder\nDefloration Br\u00fcnhilds ger\u00fchmt hat und somit ein \u201aStaatsgeheimnis\u2018\npreisgab, macht ihn f\u00fcr Gunther und den burgundischen Hof zu einer\npotentiellen Bedrohung. Hat Siegfried durch sein \u201aGeplapper\u2018 das\nVertrauen Gunther gegen\u00fcber gebrochen? Gunther d\u00fcrfte sp\u00e4testens\nzu diesem Zeitpunkt bewusst geworden sein, wie gef\u00e4hrlich Siegfrieds\nWissen um das Spiel aus L\u00fcgen und T\u00e4uschungen werden k\u00f6nnte. Es\nkommt zu einem Konflikt zwischen den beiden M\u00e4nnern. \u00d6ffentlich und\nformalrechtlich scheint der Konflikt mit dem Rechtsakt des\nangedeuteten Eides zun\u00e4chst beigelegt. Gunther hat sich mit\nSiegfrieds Wort zufrieden gegeben. \n<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nEntehrung der burgundischen K\u00f6nigin kann aber nicht r\u00fcckg\u00e4ngig\ngemacht werden und beh\u00e4lt ihre politische Brisanz. Nach einer so\nschweren Kr\u00e4nkung fordert Br\u00fcnhild die Bestrafung des Beleidigers\nihrer <em>\u00eare<\/em>.\nAus Sicht des burgundischen Hofes ist die Ehre der K\u00f6nigin durch\nSiegfrieds Weiterleben in Frage gestellt. Fortan betreibt Hagen als\nRepr\u00e4sentant der Wormser Ordnung die Wiederherstellung des Ansehens\ndes burgundischen K\u00f6nigshauses. Er r\u00e4umt den Rivalen um die Macht\naus dem Weg. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Fazit\ndes K\u00f6niginnenstreites <\/em>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Ist\nder rote Faden der Handlung der Macht-Konflikt zwischen den M\u00e4nnern?\nHandeln die Frauen stellvertretend f\u00fcr die M\u00e4nner, die ihren\nKonflikt nicht austragen k\u00f6nnen? Das w\u00fcrde zum Krieg f\u00fchren, der\nerst sp\u00e4ter durch Kriemhild ausgel\u00f6st wird. Der Rangstreit\noffenbart den doppelten Konflikt \u2013 den der Frauen und den der\nM\u00e4nner!<\/p>\n\n\n\n<p><em>Erstens<\/em>.\nDer mittelalterliche Personenverbandsstaat ist auf die pers\u00f6nlichen\nBeziehungen zwischen M\u00e4nnern angewiesen. Die im Schlussteil des\nNibelungenlieds pathetisch beschworene <em>triuwe<\/em>\nunter Kriegernzielt\nauf den unbedingten Zusammenhalt einer m\u00e4nnlichen Kampfgemeinschaft.\nHier wird ein M\u00e4nnlichkeitsideal in den Raum gestellt, das sich auf\nm\u00e4nnlich heroische Normen wie Tapferkeit, kriegerische Kampfkraft\nund Solidarit\u00e4t st\u00fctzt. <em>Jan-Dirk\nM\u00fcller<\/em>:\n\u201eAuch wenn sich die Frauenfiguren nicht gegen die heldenepische\nm\u00e4nnliche Solidarit\u00e4t durchsetzen k\u00f6nnen, bleibt doch zu\nuntersuchen, ob die m\u00e4nnliche Kriegerethik am Ende ungebrochen als\nepisches Ideal etabliert wird.\u201c <a href=\"#sdendnote18sym\"><sup>xviii<\/sup><\/a>\nDas Nibelungenlied zeichnet ein ausgesprochen ambivalentes Bild von\nder m\u00e4nnlichen Solidarit\u00e4t, die den Zusammenhalt und das\nFunktionieren des Herrschaftsverbandes garantieren soll.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Zweitens.<\/em>\nM\u00e4nnliche Solidarit\u00e4t soll sich als episches Ideal in dem Mythos\nM\u00e4nnerb\u00fcndnis beweisen. <a href=\"#sdendnote19sym\"><sup>xix<\/sup><\/a>\nDas M\u00e4nnerb\u00fcndnis zwischen Gunther und Siegfried bei der Erwerbung\nBr\u00fcnhilds ist jedoch durch Geheimnisse geschmiedet. Nur durch List\ngelingt es, Br\u00fcnhild zu bezwingen. Gunther ist auf Siegfrieds Hilfe\nim Verborgenen angewiesen. M\u00e4nnlichkeit bzw. m\u00e4nnliche\n\u00dcberlegenheit wird \u00fcber eine stillschweigende Kooperation im\nVerborgenen generiert. Siegfried gew\u00e4hrleistet diese und erhebt sich\nso \u00fcber Gunther. Er ist der Einzige, der um den Betrug und damit\nauch um Gunthers Insuffizienz wei\u00df. Die M\u00e4nner haben Erfolg mit\nihren Listen, T\u00e4uschungen, Geheimnissen. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Drittens.<\/em>\nEs wird eine gesellschaftliche Struktur aufrechterhalten, die auf\nB\u00fcndnissen zwischen M\u00e4nnern beruht, durch Geheimnisse gekn\u00fcpft &#8211;\nund auf der Verweigerung der Machtteilhabe von Frauen<strong>.\n<\/strong>\n<\/p>\n\n\n\n<p>Offenbar\nspiegelt sich in dieser Struktur die Abneigung des Erz\u00e4hlers und der\nm\u00e4nnlichen Rollenfiguren gegen selbst\u00e4ndige Frauen, die ihre\n\u201aMacht\u2018 gegen m\u00e4nnliche Normvorstellungen gebrauchen \u2013wie\nBr\u00fcnhild, die Amazone, die eigenst\u00e4ndig handelte. Weibliches\nHandeln sollte ja aus Sicht der Gesellschaft der Konsolidierung des\nHerrschaftsverbandes dienen. Da aber den Protagonistinnen aufgrund\ndes Gesellschaftsgef\u00fcges die direkte Handlungsbefugnis verwehrt ist,\nbeschr\u00e4nkt sich<\/p>\n\n\n\n<p><em>Viertens<\/em>\nder Handlungsspielraum der Frauen auf die indirekte und damit auf die\nverbale Ebene. Es ist bezeichnend, dass ein Konflikt zwischen Frauen\nin erster Linie verbal als Redehandlung ausgetragen wird. Ein \u201aKampf\nmit Worten\u2018 wurde in der altnordischen Literatur \u201aSenna\u2018\ngenannt. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>F\u00fcnftens.<\/em>\nDas sprachliche Handeln der Frauen, die ja Verborgenes enth\u00fcllen,\nl\u00e4uft den Interessen der M\u00e4nner zuwider.\n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Sechstens.<\/em>\nWeibliches Handeln entgegen dem Interesse des Mannes widerspricht dem\n<em>ordo<\/em>,\nder gesellschaftlichen Ordnung. Br\u00fcnhild und Kriemhild sind zwei\nFrauen, die sich nicht der den Frauen vorgezeichneten Daseinsform\ninnerhalb der feudalen Gesellschaftsordnung anpassen wollen, die \u00fcber\nihre Rolle hinaus handeln, ja sogar m\u00e4nnliche Attribute annehmen,\nwenn es n\u00f6tig wird, ihr bedrohtes Recht zu verteidigen. Das tat\nBr\u00fcnhild, die um ihre Jungfr\u00e4ulichkeit, verbunden mit ihrer\npolitischen Macht, k\u00e4mpfte. Das tut Kriemhild, als sie nach\nSiegfrieds Ermordung und dem Raub des Hortes ihr Recht verlangt. \u2013 \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nder Senna wird emotionsgeladen auf weiblicher Ebene der Streit um\nStandesidentit\u00e4ten, zun\u00e4chst im privaten, dann im \u00f6ffentlichen\nRaum ausgetragen. Als sich die Auseinandersetzung auf die m\u00e4nnlichen\nAkteure verschiebt, werden die Argumente der Frauen von Gunther und\nSiegfried bagatellisiert. Die beiden M\u00e4nner decken einander im Eid\nund agieren der Wahrheitsenth\u00fcllung entgegen. Der K\u00f6niginnenstreit\nl\u00e4sst sich folglich nicht als ein auf Eifersucht beruhendes\nFrauengeschw\u00e4tz, als \u201eZickenstreit\u201c, abtun. Vielmehr wird die\nunvermeidliche Konfrontation planm\u00e4\u00dfig in die Wege geleitet: Das\nist die Textstrategie (!)<\/p>\n\n\n\n<p><em>Siebtens.<\/em>\nWeshalb wird dem Streit so viel Raum in der Dichtung gew\u00e4hrt? Der\nhier gezeichnete Genderentwurf der Hauptfiguren kann als Kritik <a href=\"#sdendnote20sym\"><sup>xx<\/sup><\/a>\nverstanden werden: Im Zuge der Handlungsentwicklung entsprechen\nFiguren nicht l\u00e4nger ihren sozialen Rollen. Sie spielen stattdessen\nmit ihnen, rebellieren dagegen oder \u00fcberheben sich. So eignet sich\nKriemhild die m\u00e4nnlich determinierte Rolle der Rache an. \n<\/p>\n\n\n\n<p><em>Achtens.<\/em>Derartige\nVerst\u00f6\u00dfe der gesellschaftlichen Ordnung rei\u00dfen alle in den\nUntergang. Darin zeigt sich eine Fragilit\u00e4t der Ordnung und\nInstabilit\u00e4t der Gesellschaft. In der Darstellung dieser Vorg\u00e4nge\nwird die Gesellschaftskritik des Nibelungenliedes offenbar. \n<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote1anc\">i<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tDie \u201eFrauenzucht\u201c ist eine Reimpaarerz\u00e4hlung (Schwank) des\n\tMeisters Sibote von Erfurt (gest. 1266).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote2anc\">ii<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. die \u00e4lteren Arbeiten von Ingrid <em>Bennewitz<\/em>: Das Nibelungenlied \u2013 ein \u2019Puech von Crimhilt\u2018? Ein geschlechtergeschichtlicher Versuch zum \u201eNibelungenlied\u201c und seiner Rezeption. <br><br>In: 3. P\u00f6chlarner Heldenliedgespr\u00e4ch: Die Rezeption des \u201eNibelungenliedes\u201c, hg. von Klaus Zatloukal, Wien 1995 (=Philologica Germanica 16), S. 32-52; Katharina <em>Freche<\/em>: <em>Von zweier vrouwen b\u00e2gen wart vil manic helt verlorn<\/em>.<br><br>Untersuchungen zur Geschlechterkonstruktion in der mittelalterlichen Nibelungendichtung, Trier 1999 (= Literatur, Imagination,  Realit\u00e4t; Bd. 21).<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote3anc\">iii<\/a><sup>\u0002<\/sup> Jerold <em>Frakes<\/em>, Brides and Doom. Gender, Property, and Power in Medieval German Women\u2019s Epic, Philadelphia 1994<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote4anc\">iv<\/a><sup>\u0002<\/sup> Stephanie B. <em>Pafenberg<\/em>, The Spindle and the Sword: Gender, Sex, and Heroism in the \u201cNibelungenlied\u201d and \u201eKudrun\u201c. In: GR 70, 1995, S. 106-115<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote5anc\">v<\/a><sup>\u0002<\/sup> Maren <em>J\u00f6nsson<\/em>, \u201eOb ich ein ritter waere\u201c. Genderentw\u00fcrfe und genderrelatierte Erz\u00e4hlstrategien im Nibelungenlied, Uppsala 2001.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote6anc\">vi<\/a><sup>\u0002<\/sup> Kerstin <em>Schmitt<\/em>, Poetik der Montage. Figurenkonzeption und Intertextualit\u00e4t in der \u201eKudrun\u201c, Berlin, Erich Schmidt Verlag, 2002, in: Philologische Studien und Quellen 174<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote7anc\">vii<\/a><sup>\u0002<\/sup> Jan-Dirk <em>M\u00fcller<\/em>, Motivationsstrukturen und Identit\u00e4t im \u201eNibelungenlied\u201c. Zur Gattungsdiskussion um \u201aEpos\u2018 und \u201aRoman\u2018. In: Nibelungenlied und Klage, S. 221-256<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote8anc\">viii<\/a><sup>\u0002<\/sup>Jan-Dirk\n\t<em>M\u00fcller<\/em>, Spielregeln f\u00fcr den Untergang. Die Welt des\n\tNibelungenliedes, T\u00fcbingen 1998<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote9anc\">ix<\/a><sup>\u0002<\/sup> Br\u00fcnhild (830,1-3): <em>\u201ewiltu niht eigen s\u00een,\/s\u00f4 muostu dich scheiden mit den vrouwen d\u00een\/von m\u00eenem ingesinde,<\/em> <em>d\u00e2 wir zem m\u00fcnster g\u00e2n.\u201c<\/em> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote10anc\">x<\/a><sup>\u0002<\/sup> Gerd <em>Althoff<\/em>, Der K\u00f6nig weint: rituelle Tr\u00e4nen in \u00f6ffentlicher Kommunikation, 1996. In: \u201eAuff\u00fchrung\u201c und \u201eSchrift\u201c in Mittelalter und fr\u00fcher Neuzeit, S. 239-252, hier S. 247-250   <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote11anc\">xi<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tGerd <em>Althoff<\/em>,\n\ta.a.O., S. 249; S. 251<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote12anc\">xii<\/a><sup>\u0002<\/sup> \u00dcbersetzung gem\u00e4\u00df Ursula <em>Schulze<\/em> (Das Nibelungenlied nach der Hs. C, 2005) und Joachim <em>Heinzle<\/em> (Das Nibelungenlied und die Klage nach der Hs. B, 2013)<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote13anc\">xiii<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tForschungs\u00fcbersicht bei Otfrid <em>Ehrismann<\/em>, Nibelungenlied:\n\tEpoche, Werk, Wirkung, M\u00fcnchen 1987, S. 146<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote14anc\">xiv<\/a><sup>\u0002<\/sup> Vgl. Roswitha <em>Wisniewski<\/em>, Das Versagen des K\u00f6nigs. Zur Interpretation des Nibelungenliedes. In: Dietrich <em>Schmidtke<\/em> (Hrsg.), Festschrift f\u00fcr Ingeborg <em>Schr\u00f6bler<\/em> zum 65. Geburtstag, T\u00fcbingen 1973, S. 170\u2013186, hier S. 180; 182<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote15anc\">xv<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tOtfrid <em>Ehrismann<\/em>, a.a.O., 1987, S. 147<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote16anc\">xvi<\/a><sup>\u0002<\/sup> <em>Du solt dir d\u00eene g\u00fcete l\u00e2n entsl\u00eefen\/<\/em><br><em>und solt n\u00e2ch einem gr\u00f4zen kn\u00fctel gr\u00eefen:\/<\/em><br><em>den soltu ir zem rugge mezzen\/<\/em><br><em>ie baz und baz n\u00e2ch d\u00eener craft,\/<\/em><br><em>daz si dir jehe der meisterschaft;\/<\/em><br><em>heiz si dir swern, si welle ir \u00fcbele vergezzen!\/<\/em><br>Ed. Gustav <em>Roethe<\/em>, Leipzig 1887, Nr. 105,7-12.<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote17anc\">xvii<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tBert <em>Nagel<\/em>, Das Nibelungenlied. Stoff-Form-Ethos, Frankfurt\n\t1965, S. 200<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote18anc\">xviii<\/a><sup>\u0002<\/sup> Zitiert nach Jan-Dirk <em>M\u00fcller<\/em>, Spielregeln f\u00fcr den Untergang, a.a.O., S. 389-434 zur unterschiedlichen Relevanz des H\u00f6fischen und Heroischen im Nibelungenlied<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote19anc\">xix<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tSimon <em>Gaunt<\/em>,\n\tGender and Genre in Medieval French Literature, Cambridge 1995<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"#sdendnote20anc\">xx<\/a><sup>\u0002<\/sup>\n\tMaren <em>J\u00f6nsson<\/em>, a.a.O., S. 327; 339.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mittelpunkt meiner Interpretation steht die enge Verbindung von geschlechtsspezifischer Figurenkonzeption und Textstrategie. Meiner These zufolge sind die Erz\u00e4hlstrukturen des Nibelungenlieds, insbesondere der Frauenstreit, eng mit den unterschiedlichen Entw\u00fcrfen von M\u00e4nnlichkeit und Weiblichkeit verbunden. Gender als Analysekategorie im Nibelungenlied Gleich zu Beginn des Nibelungenlieds wird uns die h\u00f6fisch erzogene Kriemhild in allen Handschriften mit Ausnahme &#8230; <span class=\"more\"><a class=\"more-link\" href=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/dr-ellen-bender-frouwen-ziehen-der-koeniginnenstreit-aus-genderorientierter-perspektive\/\">[Read more&#8230;]<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":18,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/128"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=128"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/128\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":132,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/128\/revisions\/132"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/18"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=128"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}