{"id":124,"date":"2019-12-04T02:18:05","date_gmt":"2019-12-04T01:18:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/wordpress\/?page_id=124"},"modified":"2019-12-04T02:53:35","modified_gmt":"2019-12-04T01:53:35","slug":"alberich-und-mime-verachtete-und-rachsuechtige-zwerge","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/beitraege\/alberich-und-mime-verachtete-und-rachsuechtige-zwerge\/","title":{"rendered":"Alberich und Mime \u2013 Verachtete und rachs\u00fcchtige Zwerge?"},"content":{"rendered":"\n<p> <strong>von Doris Schweitzer<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p>Im\nzweiten Akt des &#8222;Siegfried&#8220; bewacht der Riese Fafner, in\nGestalt eines Drachens, den ihm teils durch Arbeit, teils durch\nBrudermord zugefallenen Nibelungenschatz. Alberich, der ehemalige\nSchatzbesitzer, der ihn durch Entsagung gewonnen und durch g\u00f6ttliche\nList und Erpressung gleich wieder verloren hat, versucht Fafner zur\nHerausgabe des Rings zu \u00fcberreden. Darauf erwidert dieser lapidar in\ninsgesamt sieben W\u00f6rtern auf vier T\u00f6nen: &#8222;Ich lieg und besitz;\n&#8211; lass mich schlafen!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"980\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Doris-Schweitzer.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-125\" srcset=\"https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Doris-Schweitzer.jpg 980w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Doris-Schweitzer-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.nibelungenlied-gesellschaft.de\/nlg\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/Doris-Schweitzer-768x383.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 980px) 100vw, 980px\" \/><figcaption>Color Illustrations for Wagner\u2018s Ring, Arthur Rackham, 1912<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Geld\nund Besitz, dieses Thema zieht sich wie ein Leitmotiv durch Wagners\n\u00c4u\u00dferungen, von den Schriften der Revolutionsjahre 1848\/49 bis zu\nBemerkungen, die Cosima in den letzten Wochen vor seinem Tod\naufgeschrieben hat. Seine Einstellung dazu hat sich nie ge\u00e4ndert.\nAus seinen letzten Monaten in Venedig stammt seine \u00c4u\u00dferung, der\nKampf des &#8222;Nicht-Besitzenden gegen die Besitzenden&#8220; sei\n&#8222;der allergerechtfertigste&#8220;. So spricht er im selben Jahr\n1881 vom &#8222;verh\u00e4ngnisvollen Ring des Nibelungen als\nB\u00f6rsenportefeuille&#8220; und w\u00fcnscht sich eine &#8222;Interpretation\ndes Zyklus nach der Bedeutung des Goldes und des Untergangs einer\nRace daran.&#8220; Besitz und Herrschaft h\u00e4ngen bei Wagner aufs\nengste zusammen. Dieser Aspekt des Besitzens wird im &#8222;Ring des\nNibelungen&#8220; der entscheidende: Im Kampf um den Hort geht es\nimmer nur um die Macht, die sich mit Hilfe des Rings aus\u00fcben l\u00e4sst\nund fast nie um seinen materiellen Wert. Dabei wird aber immer nur\ndavon geredet wie m\u00e4chtig der Ring macht, kein Ringbesitzer, und das\nsind nacheinander: Alberich, Wotan, Fafner, Siegfried, Br\u00fcnnhilde,\nwieder Siegfried, wieder Br\u00fcnnhilde, schlie\u00dflich die Rheint\u00f6chter,\n\u00fcbt damit wirklich Macht aus. Der Besitz des Ringes ist ein Symbol\nf\u00fcr Herrschaft. Besitz ist nicht ein blo\u00dfes Instrument der\nHerrschaft, sondern ist mit ihr identisch. Der Ring der Macht zielt\nauf Alleinherrschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie kam\nnun Alberich zum Ring? \n<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nVorabend zur Operntetralogie hei\u00dft &#8222;Rheingold&#8220; und ist dem\nAnfang allen \u00dcbels gewidmet: Im Rhein schlummert ein beachtlicher,\nbislang von keinem Unredlichen angetasteter Goldschatz. Ihn h\u00fcten,\ndie in der Wasserwelt des Rheins lebenden, verf\u00fchrerischen,\nneckischen und unbeschwerten Rheint\u00f6chter. Dem Schwarzalben Alberich\ngelingt es, den Rheint\u00f6chtern den Goldschatz zu rauben, nachdem sie\nihm ein Geheimnis verraten haben. Nur wer der Liebe entsagt, ist\nf\u00e4hig, mit Hilfe des Rheingoldes h\u00f6chste Macht zu erringen. Darauf\nl\u00e4sst sich der r\u00e4uberische Alberich ein. Er schw\u00f6rt der Liebe ab\nund schafft sich aus dem geraubten Gold einen Ring, der ihm\nunermessliche Macht \u00fcber andere gew\u00e4hrt. So zwingt er die\nNibelungen f\u00fcr ihn zu arbeiten, was ihm seinen Reichtum betr\u00e4chtlich\nmehrt. Alberichs Bruder Mime, ein exzellenter Schmied, schafft ihm\n\u00fcberdies einen Tarnhelm, der Unsichtbarkeit erm\u00f6glicht und damit\nerhebliche Kontrollgewalt vermittelt. Die ihres Goldes beraubten\nRheint\u00f6chter bitten die G\u00f6tter um Hilfe, doch die haben gerade\nandere Sorgen. Der oberste Lichtalbe Wotan hat sich von den Riesen\nFasolt und Fafner die G\u00f6tterburg &#8222;Walhall&#8220; bauen lassen,\nohne \u00fcber die daf\u00fcr erforderlichen Mittel zu verf\u00fcgen. Nun\nverlangen die Riesen ihren Lohn, der ihnen von Wotan zugesagt wurde.\nDa Wotan diesen nicht bezahlen kann, verpf\u00e4ndet er zun\u00e4chst die\nG\u00f6ttin Freia an die Riesen. Ohne Freias \u00c4pfel verlieren die G\u00f6tter\nallerdings ihre Jugend und auch Fricka, Wotans Ehefrau und Freias\nSchwester, ist mit diesem Gesch\u00e4ft nicht einverstanden. Da kommt\nWotan die Bitte der Rheint\u00f6chter, Alberich das geraubte Gold wieder\nabzunehmen gerade recht. Zusammen mit dem zwielichtigen und\nlistenreichen Loge, steigt er in Alberichs Reich hinab, um den R\u00e4uber\nzu berauben. Das ist nicht ganz so einfach, denn Alberich hat den\nRing der Macht und den Tarnhelm. Als Alberich demonstriert, dass er\nsich nicht nur in einen Lindwurm verwandeln kann sondern auch in eine\nkleine Kr\u00f6te, packen Wotan und Loge zu und bringen Alberich zu den\nG\u00f6ttern. Nun muss sich Alberich seine Freiheit mit seinem Gold\nerkaufen. Nachdem er auch noch Ring und Tarnhelm herausr\u00fccken muss,\nverflucht er alle, die k\u00fcnftig den Ring besitzen werden. Die beiden\nRiesen wiegen nun Freia mit Gold auf, fordern aber von Wotan auch den\nRing und den Tarnhelm, der das Gew\u00fcnschte nur sehr widerwillig\n\u00fcbergibt. Durch den Hinweis Loges auf die Bedeutung des Ringes\nverf\u00fchrt, will nun jeder der Riesen den Ring f\u00fcr sich allein haben.\nFafner l\u00f6st das Problem kurz und effektiv, indem er seinen Bruder\nFasolt erschl\u00e4gt. Der ist also das erste Opfer von Alberichs Fluch.\nDie G\u00f6tter ziehen, von dem Geschehen unbeeindruckt und vor allem\nschuldenfrei, \u00fcber eine Regenbogenbr\u00fccke in ihre neue Burg ein. Nun\nhat Fafner den Ring, den sowohl Alberich als auch Wotan wollen. Wotan\nist allerdings an den Vertrag mit den Reisen gebunden und kann Fafner\nnicht einfach den bezahlten Lohn wieder abnehmen. Er muss also jemand\nfinden, der aus freien St\u00fccken Fafner \u00fcberwindet und ihm den Schatz\nabnimmt. (Heinz Krejci)<\/p>\n\n\n\n<p>In der\ngermanischen Mythologie geh\u00f6ren Zwerge zu den Elben. Snorri meint in\nseiner Edda mit den Dunkelelben, mit den d\u00f6kkalfar, ebenso Zwerge.\nWagner nennt sie im &#8222;Ring&#8220; Schwarzalben. Die Zwerge\nerscheinen im Volksglauben vorwiegend als die kunstreichen Elben, als\ndie Schmiede. Die Zwerge sind fast immer missgestaltig, dickk\u00f6pfig,\nalt, graub\u00e4rtig, h\u00f6ckrig, von bleicher Gesichtsfarbe, zuweilen\nenten- oder gei\u00dff\u00fc\u00dfig, unscheinbar gekleidet. Nur die K\u00f6nige\ntragen pr\u00e4chtige Gewandung. Die Zwerge sind so gro\u00df wie ein drei-\noder vierj\u00e4hriges Kind, manchmal noch kleiner. Sie sind geschickt,\nklug und listig. Sie machen sich mit einer Kapuze unsichtbar. Gemeint\nist wohl ein Zaubernebel, in dem sie selber verschwinden oder mit dem\nsie die anderen verblenden. Die T\u00e4tigkeit der Zwerge besteht nun\ndarin, dass sie edle Steine und  Metalle ausgraben, zu gro\u00dfen\nSch\u00e4tzen anh\u00e4ufen und zu Geschmeide aller Art verarbeiten. Sie sind\nBergknappen und Schmiede zugleich. Auch nach dem &#8222;Liede vom\nh\u00fcrnen Seyfrid&#8220; ruht Nibelungs Hort von den Zwergen geh\u00fctet im\nBerge. Nach der &#8222;V\u00f6lsunga saga&#8220; war der Zwerg Andwari so\nzauberkundig, dass er zuweilen als Fisch im Wasser lebte. Loki fing\nihn und verlangte, dass er, um sein Leben zu l\u00f6sen, alles Gold\nausliefern solle, das er habe. Der Zwerg gab all sein Geld her, doch\nbarg er in seiner Hand einen kleinen Goldring. Das sah Loki und\nverlangte, dass er auch diesen Ring ihm \u00fcbergab. Der Zwerg bat, ihm\ndiesen Ring nicht fortzunehmen, da er durch ihn seinen Besitz wieder\nvermehren k\u00f6nne. Loki aber sagte, er d\u00fcrfen nichts zur\u00fcck\nbehalten, nahm ihm den Ring fort und wandte sich zum Gehen. Da sprach\nder Zwerg, dass der Ring jedem, der ihn besitzt, den Tod bringen\nwerde. So berichten die &#8222;Regins mol&#8220; und die &#8222;Skaldskapar\nmol&#8220; der Edda. Elbengewirk, das in Menschenhand ger\u00e4t, ist\n\u00f6fters Segen und Fluch bringend. Doch mehr als in Schmucksachen\nzeichnen sich die Zwerge durch Anfertigung ber\u00fchmter und begehrter\nWaffenst\u00fccke aus. Der Schmied Regin war geschickter als alle\nMenschen und seinem Wuchse nach ein Zwerg. Er war klein, grimmig und\nzauberkundig. Zu ihm kam Sigurd in Unterweisung und Lehre. Regin\nfertigte ihm das Schwert Gram. In der &#8222;Thidreks saga&#8220; hei\u00dft\nder Schmied Mimir. Zu ihm kommt auch Welent in die Lehre, dass er\nEisen zu schmieden lerne. In Wagners &#8222;Ring&#8220; lernt Siegfried\nbei Mime das Schmieden. Die besten Waffen in deutschen Heldensagen\nsind Zwergenarbeit. Wird aber die Arbeit erzwungen, so legen die\nZwerge ihren Fluch darauf. (Wolfgang Golther)<\/p>\n\n\n\n<p>Zwerge\nund Riesen geh\u00f6ren seit jeher zum Personenarsenal von M\u00e4rchen und\nSagen. Auf der Opernb\u00fchne sind sie eher selten zu finden wie in\nFerdinand Hummels &#8222;Rumpelstilzchen.&#8220; Zemlinskys &#8222;Geburtstag\nder Infantin&#8220; nach Oscar Wilde gilt als Meisterwerk der\nsogenannten Zwergenoper. In der Literatur der Romantik gelangen die\nZwerge zu neuer Popularit\u00e4t in den Dichtungen von Tieck und Hofmann,\nvon Fouqu\u00e9 und Heine und anderer. Diese Werke waren Wagner nat\u00fcrlich\nbekannt, aber er griff bei seiner &#8222;Ring&#8220; Dichtung\nhaupts\u00e4chlich auf die altnordischen Lieder der Edda, insbesondere\nauf die &#8222;V\u00f6lsunga saga&#8220; und die &#8222;Thidreks saga&#8220;\nzur\u00fcck. In der &#8222;Snorra-Edda&#8220;, benannt nach dem\nSkaldenlehrbuch des Isl\u00e4nders Snorri Sturlusons, wird erz\u00e4hlt, wie\nsich die G\u00f6tter erinnerten, auf welche Weise die Zwerge im Staub \nund tiefer in der Erde lebendig geworden waren wie Maden im Fleisch.\nDie Zwerge hatten sich zuerst gebildet und Leben gewonnen im Fleisch\ndes Rmir und waren dazumal wirklich Maden, aber durch den Spruch der\nG\u00f6tter bekamen sie Verstand und menschliche Gestalt, hausten aber\ndoch in der Erde und in Felsen. Bei Wagner liest sich das 1848 in\nseinem &#8222;Entwurf zu einem Drama&#8220;, aus dem der &#8222;Ring&#8220;\nsp\u00e4ter hervorgehen sollte, folgenderma\u00dfen: &#8222;Dem Scho\u00dfe der\nNacht und des Todes entkeimte ein Geschlecht, welches in Nibelheim\n(Nebelheim), d. i. in unterirdischen d\u00fcsteren Kl\u00fcften und H\u00f6hlen,\nwohnt: sie hei\u00dfen Nibelungen, in unsteter, rastloser Regsamkeit\ndurchw\u00fchlen sie (gleich W\u00fcrmern im toten K\u00f6rper) die Eingeweide\nder Erde: sie gl\u00fchen, l\u00e4utern und schmieden die harten Metalle.&#8220;\nWichtig ist der Bezug den Wagner zwischen dem zun\u00e4chst\nnaturgegebenen und bald schon mythisch-sagenhaft gedeutetem Gegensatz\nvon Tag und Nacht und den konkret politischen und \u00f6konomischen\nVerh\u00e4ltnissen des 19. Jahrhunderts herstellt, der sich im\n&#8222;Rheingold&#8220; in Alberichs Diebstahl und in Wotans\nMachtverlangen manifestiert. &#8222;Ob Alberichs Raub des Rheingolds,\ndie &#8222;Urs\u00fcnde&#8220; des Wagnerschen Welt-Mythos auf die V\u00f6luspa\nzur\u00fcckgeht, ist h\u00f6chst fraglich \u2013 sie ist wohl seine eigene\nInterpretation des Weltgeschehens aus der Sicht des Kommunistischen\nManifests, das er wohl durch Vermittlung von Georg Herwegh kannte.&#8220;\n(Udo Bermbach)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGegensatz von Dunkel und Helle, Nacht und Licht, Unten und Oben\nbestimmt den Beginn des Rheingold: &#8222;Auf dem Grunde des Rheines,\nwo Alberich, wie die Regieanweisung lautet, aus einer finsteren\nSchlucht&#8212; an einem Riffe klimmend, dem Abgrunde entstiegen ist: Er\nh\u00e4lt, noch vom Dunkel umgeben an und schaut dem Spiele der\nWasserm\u00e4dchen mit steigendem Wohlgef\u00fchl zu.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Alberich:\n&#8222;He he! Ihr Nicker! \/ Wie seid ihr niedlich, \/ neidliches Volk!\n\/ Aus Nibelheims Nacht \/naht&#8216; ich euch gern, \/ neiget ihr euch zu\nmir.&#8220; &#8222;Wie scheint im Schimmer \/ ihr hell und sch\u00f6n! \/ Wie\ngern umschl\u00e4nge \/ der Schlanken eine mein Arm, \/ schl\u00fcpfte hold sie\nherab!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Wapnewski\nschrieb dazu 1995: &#8222;Der dunkle Zwerg Alberich, unterirdischen\nErdtiefen entstammend, will triebhafte Gier ausleben, will sich die\nschmucken Schwimmerinnen zur Lust nehmen \u2013 oder doch eine von\nihnen. Ein Begehren, das sich als nicht ganz unverst\u00e4ndlich erweist,\nwenn man h\u00f6rt und sieht, wie die koketten M\u00e4dchen den\nt\u00e4ppisch-tappenden Werber narren mit flirrenden T\u00f6nen\nverf\u00fchrerischer Lockung.&#8220; (Peter Wapnewski)<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem\nauch die dritte Rheintocher Flosshilde Alberich zur\u00fcckst\u00f6\u00dft,\nkreischt der entt\u00e4uschte Zwerg: &#8222;Wehe! Ach wehe! \/ O Schmerz! O\nSchmerz! \/ Die dritte, so traut, \/ betrog sie mich auch? \/Ihr\nschm\u00e4hlich schlaues, liederlich schlechtes Gelichter! \/ N\u00e4hrt ihr\nnur Trug, ihr treuloses Nickergez\u00fccht?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nMusik unterstreicht Alberichs Klage, die nicht dem Lustentzug sondern\ndem Liebesverlust gilt, der dreifachen Zur\u00fcckweisung und der\nErkenntnis, verachtet und verlacht zu sein: &#8222;Lacht ihr B\u00f6sen\nmich aus?&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;Er\nverbleibt in sprachloser Wut, den Blick aufw\u00e4rts gerichtet, wo er\ndann pl\u00f6tzlich von folgendem Schauspiele angezogen und gefesselt\nwird. Durch die Flut ist von oben her ein immer lichterer Schein\ngedrungen, der sich nun an einer hohen Stelle des mittleren Riffes zu\neinem blendend hell strahlenden Goldglanze entz\u00fcndet; ein zauberhaft\ngoldenes Licht bricht von hier durch das Wasser.&#8220;\n(Regieanweisung)<\/p>\n\n\n\n<p>Woglinde:\n&#8222;Des Goldes Schmuck \/ schm\u00e4hte er nicht, \/w\u00fc\u00dft&#8216; er all seine\nWunder!&#8220; Wellgunde: &#8222;Der Welt Erbe \/ gew\u00e4nne zu eigen, \/\nwer aus dem Rheingold \/ sch\u00fcfe den Ring, \/ der ma\u00dflose Macht ihm\nverlieh&#8216;.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Woglinde:\n&#8222;Nur wer der Minne \/ Macht versagt, \/ nur wer der Liebe \/ Lust\nverjagt, \/ nur der erzielt sich den Zauber \/ zum Reif zu zwingen das\nGold.&#8220;  Alberich, so die Regieanweisung, die Augen starr auf das\nGold gerichtet, hat dem hastigen&#8216; Geplauder der Schwestern wohl\ngelauscht: &#8222;Der Welt Erbe \/ gew\u00e4nn ich zu eigen durch dich? \/\nErzw\u00e4ng ich nicht Liebe, doch listig erzw\u00e4ng&#8216; ich mir Lust?\nFurchtbar laut: &#8222;Spottet nur zu! \/ Der Niblung naht eurem\nSpiel!&#8220; Alberich auf der Spitze des Riffes, die Hand nach dem\nGolde ausstreckend: &#8222;Bangt euch noch nicht? \/ So buhlt nun im\nFinstern, \/ feuchtes Gez\u00fccht! \/ Das Licht l\u00f6sch&#8216; ich euch aus, \/\ndas Gold entrei\u00df&#8216; ich dem Riff, \/ schmiede den r\u00e4chenden Ring: \/\ndenn h\u00f6r es die Flut &#8211; \/ so verfluch&#8216; ich die Liebe!&#8220; W\u00e4hrend\nnun Alberich der Liebe entsagt und daf\u00fcr das Gold an sich rei\u00dft,\nerlebt Wotan eine midlife-crisis: &#8220; Als junge Liebe \/ Lust mir\nverblich, \/ Verlangte nach Macht mein Mut \/ Von j\u00e4her W\u00fcnsche \/\nW\u00fcten gejagt, \/ Gewann ich mir die Welt.&#8220; Der Sehnsucht der\nG\u00f6tter nach dem Sch\u00f6nen, stehen ihre Lustgier und ihr Leichtsinn\ngegen\u00fcber. Was sie aus \u00dcbermut und Langeweile unternehmen, tat der\nNibelung &#8222;aus schm\u00e4hlicher Not, \/ in des Zornes-Zwange.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Patrice\nCh\u00e9reau deutet in seiner Ringinszenierung 1976 in Bayreuth, die\nsp\u00e4ter als Jahrhundertring bezeichnet wird, aber bei ihrer Premiere\nheftige und wochenlange Proteste in Bayreuth ausgel\u00f6st hat,\nfolgenderma\u00dfen: &#8222;Die erste Szene des Ring ist im Text voller\nBoshaftigkeit. Drei M\u00e4dchen verf\u00fchren jemanden aus Spott, verletzen\nihn und sind sehr grob, obwohl sie ihm vorher Z\u00e4rtlichkeiten\nversprochen haben\u2026.Ohne die Provokation der Rheint\u00f6chter h\u00e4tte\nAlberich die Liebe vielleicht nicht verflucht. Ich meine\u2026., dass\nman nicht wei\u00df, wer Alberich war, bevor die ersten Worte im\nRheingold gefallen sind. Man wei\u00df von ihm nur das, was er uns vor\nAugen f\u00fchrt: Fassungslos schauen wir der ungeheuerlichen Umwandlung\neines Menschen zu, der die Liebe suchte und sich anschickt, sich\nselbst zu verst\u00fcmmeln und endg\u00fcltig auf das Vergn\u00fcgen zu\nverzichten, um sich die Welt zu erobern. Nur eine schreckliche\nFrustration \u2013 sie kann nicht nur von dieser einzigen Szene\nherr\u00fchren, die wir gesehen haben \u2013 nur ein langes Leben in\nErniedrigung k\u00f6nnen dahin f\u00fchren und k\u00f6nnen die Brutalit\u00e4t und in\nder Folge auch die Machtgier Alberichs verst\u00e4ndlich machen, seine\nUmwandlung in den &#8222;Herrn&#8220; seiner Gleichgestellten, seine\nUmwandlung in den scharfen Gef\u00e4ngnisaufseher.&#8220; \n<\/p>\n\n\n\n<p>Alberichs\ngrenzenlose Entt\u00e4uschung, dass sich keine der Rheint\u00f6chter auch nur\nandeutungsweise \u00e4u\u00dfern k\u00f6nnte, was in der Zwergen-Oper Zemlinskys\ndie Zofe Gita als ihren Wunsch ausspricht: &#8222;Die Menschen mit\nmeiner Liebe begl\u00fccken, die freudlos und h\u00e4sslich sind&#8220;, macht\naus Alberich den Gef\u00e4ngnisaufseher, wie wir ihn in der dritten Szene\ndes Rheingold sehen. In einer unterirdischen Kluft knufft und schl\u00e4gt\nAlberich seinen Bruder Mime, der ihm den Tarnhelm schmieden soll.\n&#8222;Dank, du Dummer! \/ Dein Werk bew\u00e4hrt sich gut.-\/ Hoho! Hoho! \/\nNibelungen all, neigt euch Alberich! \/ \u00dcberall weilt er nun, euch zu\nbewachen; \/ Ruh und Rast \/ ist euch zerronnen; ihm m\u00fcsst ihr\nschaffen, \/ wo nicht ihr ihn schaut; \/ wo ihr nicht ihn gewahrt, \/\nund seiner gew\u00e4rtig: \/ untertan seid ihr ihm immer! \/ Hoho! Hoho! \/\nH\u00f6rt ihn, er naht, \/ der Nibelungen-Herr!&#8220; Nun ist Alberich im\nBesitz des Rings und des Tarnhelms, aber nicht lange, denn Wotan, der\nsich an der Seite Frickas langweilt und zudem den Riesen den\nversprochenen Lohn bezahlen muss, kommt Loges Vorschlag, Alberich um\nsein Gold zu erleichtern, gerade recht. In Nibelheim treffen sie\nzuerst auf Mime, der sich bitter beklagt: &#8222;Wer hilft mir? \/\nGehorchen muss ich \/ dem leiblichen Bruder, \/ der mich in Bande\ngelegt. \/Mit arger List \/ schuf sich Alberich \/ aus Rheines Gold \/\neinen gelben Reif; \/ seinem starken Zauber \/ zittern wir staunend; \/\nmit ihm zwingt er uns alle, \/ der Nibelungen n\u00e4chtiges Heer.-\/\nSorglose Schmiede, schufen wir sonst wohl \/ Schmuck unseren Weibern,\n\/ wonnig Geschmeid, \/ niedlichen Nibelungentand: \/ wir lachten lustig\nder M\u00fch&#8216;, \/ Nun zwingt uns der Schlimme \/ in Kl\u00fcfte zu schl\u00fcpfen,\n\/ f\u00fcr ihn allein \/ uns immer zu m\u00fchn, \/Durch des Ringes Gold \/\nerr\u00e4t seine Gier, \/ wo neuer Schimmer \/ in Sch\u00e4chten sich birgt: \/\nda m\u00fcssen wir sp\u00e4hen, \/ sp\u00fcren und graben, \/ die Beute schmelzen \/\nund schmieden den Gu\u00df, \/ ohne Ruh und Rast \/ den Hort zu h\u00e4ufen dem\nHerrn.&#8220; Alberich grimmig auf Wotan und Loge zutretend: &#8222;Die\nin linder L\u00fcfte Wehn \/ da oben ihr lebt; \/ lacht und liebt: \/ mit\ngoldener Faust \/ euch G\u00f6ttliche fang&#8216; ich mir alle! \/ Wie ich der\nLiebe abgesagt, \/ alles was lebt\/ soll ihr entsagen; \/ mit Golde\ngekirrt, \/ nach Gold nur sollt ihr noch gieren. \/ Auf wonnigen H\u00f6hn\n\/ in seligem Weben \/ wiegt ihr euch, \/ den Schwarz-Alben \/ verachtet\nihr ewigen Schwelger: -\/ Habt Acht vor dem n\u00e4chtlichen Heer, \/\nentsteigt des Nibelungen Hort \/aus stummer Tiefe zu Tag!&#8220; Wotan\nund Loge gelingt es mit einer List, Alberich gefangen zu nehmen. Nun\nmuss er sich freikaufen. Als Wotan ihm den Ring, mit heftiger Gewalt,\nso die Regieanweisung, vom Finger zieht, schreit Alberich gr\u00e4sslich\nauf: &#8222;Weh! Zertr\u00fcmmert! Zerknickt! \/ Der Traurigen traurigster\nKnecht!&#8220; Als letztes Mittel, mit W\u00fctendem Lachen\n(Regieanweisung) verflucht Alberich den Ring: &#8222;Bin ich nun frei?\n\/ wirklich frei? &#8211; \/ So gr\u00fc\u00df&#8216; euch dann \/ meiner Freiheit erster\nGru\u00df! -\/ Wie durch Fluch er mir geriet, \/ verflucht sei dieser Ring!\n\/ Gab sein Gold \/ mir \u2013 Macht ohne Ma\u00df, \/ nun zeug&#8216; sein Zauber \/\nTod dem \u2013 der ihn tr\u00e4gt!&#8220; Die Gefahr f\u00fcr die unmenschlichen\nG\u00f6tter kommt von unten, aus der Tiefe und aus der Nacht. Gegens\u00e4tze\nzu Wagners positiven Bildern von H\u00f6he und Wahrheit. Natur und die\nWahrheit gegen die Unnatur und die L\u00fcge. Allerdings \u2013 und das\nmacht die Zweideutigkeit der Figur Alberichs aus \u2013 bedient er sich\nder gleichen fatalen Mittel zum alten Zweck: Alberich, der von unten\nkommt, will voller Protest gegen die Herrschaft der G\u00f6tter nichts\nanderes werden als ein anderer Wotan. Wagner hat beide als parallele\nFiguren konstruiert. Alberich ist Wotans Spiegelbild \u2013 das dunkle\nMachtstreben von unten gegen die Machtaus\u00fcbung des Gottes im Hellen.\nDer Schwarzalbe und der Lichtalbe unterscheiden sich nicht in ihren\nMachtgel\u00fcsten, es gibt aber doch einen entscheidenden Unterschied:\nDie G\u00f6tter sind an der Macht, die Nibelungen nicht. In Wagners\nfr\u00fchsten Notizen zum &#8222;Siegfried&#8220; erscheinen die Nibelungen\nals Masse auf der B\u00fchne und protestieren gegen die Unterdr\u00fcckung\ndurch Alberich. Dieser, genau wie sein ihm verfeindeter Bruder Mime,\nversprechen den Nibelungen die Freiheit, wenn sie denn nur helfen,\nden Ring zur\u00fcck zu bekommen, der nun im Besitz Siegfrieds ist.\nWagner hat diese realistische Version schnell wieder verworfen und\ndie Nibelungen nur als passiv Leidende ins &#8222;Rheingold&#8220;\neingef\u00fcgt, danach erscheinen sie nicht mehr. Wagners \u00c4nderung macht\nallerdings Sinn im Hinblick auf Alberich. Er erscheint nun als\nRepr\u00e4sentant des Volkes &#8222;unten&#8220; und wird damit zur\npositiven Figur. Alberich steht f\u00fcr die heraufkommende Klasse: die\nbisher Unterdr\u00fcckten, die sich allerdings derselben Mittel bedienen\nwie die Herrschenden, um die Macht zu erlangen und dabei genauso\nschuldig werden: weil sie die revolution\u00e4re Umw\u00e4lzung nur begreifen\nals eine \u00dcbertragung der Herrschaft auf sich. Und weil solche\nHerrschaft \u2013 so Wagner \u2013 \u00fcberhaupt b\u00f6se ist, scheitert eben\nauch Alberich, er bekommt den Ring nicht. Als Richard und Cosima bei\neiner Konzertreise mit einem Schiff \u00fcber die Themse fahren, da\nreferiert sie Wagners Satz: &#8220; Der Traum Alberich&#8217;s ist hier\nerf\u00fcllt, Nibelheim, Weltherrschaft, T\u00e4tigkeit, Arbeit, \u00fcberall der\nDruck des Dampfes und Nebel.&#8220; Da verschmelzen in der Bewunderung\nf\u00fcr die moderne Industriestadt London Gegenwart und Zukunft:\nWeltherrschaft und Arbeit. Das erinnert an Wagners Prophezeiung \u00fcber\ndie k\u00fcnftige f\u00fchrende Rolle der Arbeiterklasse. \n<\/p>\n\n\n\n<p>In\nseiner ersten Darstellung des &#8222;Nibelungenmythus&#8220; steht in\nBr\u00fcnnhildes Schlussansprache: &#8222;gel\u00f6set sei der\nNibelungen-Knechtschaft, der Ring soll sie nicht mehr binden. Nicht\nsoll ihn Alberich empfangen; der soll nicht mehr euch knechten; daf\u00fcr\nsei er selbst aber auch frei wie ihr.&#8220; Erst bei der endg\u00fcltigen\nFassung wird Alberich nicht mehr erw\u00e4hnt. Alberich ist f\u00fcr Wagner\neine zentrale Figur, sie muss \u00fcberleben, weil sie f\u00fcr die Gegenwart\nund die Zukunft der Menschen steht. Robert Donnington hat in seiner\npsychologischen Deutung des &#8222;Rings&#8220; darauf hingewiesen,\ndass Zwerge in der Mythologie f\u00fcr ungehemmte Sexualit\u00e4t stehen.\nAber auch f\u00fcr den &#8222;Logos&#8220;, das typisch m\u00e4nnliche Prinzip\ndes Unterscheidungsverm\u00f6gens und der Vernunft, im Gegensatz zu Eros,\ndem typisch weiblichen Prinzips des einigenden Gef\u00fchls. Die\n&#8222;ungeb\u00e4rdige Kraft m\u00e4nnlicher Sexualit\u00e4t&#8220; zeigt sich in\nAlberichs Gewaltausbr\u00fcchen, ja, sie sind geradezu sexuelle\nErsatzhandlungen. Alberichs Auftritte von dem Gerangel mit den\nRheint\u00f6chtern bis hin zum Gespr\u00e4ch mit seinem Sohn Hagen in zweiten\nAkt der &#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220; sprechen von seiner Sehnsucht\nnach Liebe und Zuneigung. Als ihm diese nicht zuteil wird, wendet er\nauch seine Sexualit\u00e4t in Gewalt. (Robert Donnington) \n<\/p>\n\n\n\n<p>Alberichs\neinziger Sexualkontakt von dem im &#8222;Ring&#8220; berichtet wird,\nist nicht ganz eindeutig. Er hat mit Grimhilde, der Mutter von Gunter\nund Gutrune, im au\u00dferehelichen Verkehr seinen Sohn Hagen gezeugt.\nWotan hat mit einer Menschenfrau die Zwillinge Siegmund und Sieglinde\ngezeugt, damit Siegmund als freier Mensch die G\u00f6tter rette. Auch\nHagen soll f\u00fcr seinen Vater dessen h\u00f6chstes Ziel verwirklichen, den\nRing und damit die Macht \u00fcber die Welt zu gewinnen. In der &#8222;Walk\u00fcre&#8220;\nerz\u00e4hlt Wotan, dass sich Alberich des Goldes bedient h\u00e4tte, um\nGrimhilde gef\u00fcgig zu machen, aber das hatte er ja zu diesem\nZeitpunkt nicht mehr. Hagen spricht von einer &#8222;List&#8220; seines\nVaters, der seine Mutter erlegen sei. Wenn man davon ausgeht, dass\nweder Gold noch Gewalt im Spiel war, dann muss es zwischen Alberich\nund Grimhilde so etwas wie Liebe gegeben haben wie auch zwischen\nWotan und der namenlosen Menschenfrau, wobei beide M\u00e4nner sicher\nweniger die Liebe als ein bestimmtes Ergebnis im Auge hatten. Das\nmusste folgerichtig schief gehen, weder Wotans noch Alberichs Plan\ngeht auf. Wagner hat Alberich mit allen M\u00f6glichkeiten und\nEigenschaften eines menschlichen Lebewesens ausgestattet: grausam und\n\u00e4ngstlich, stark und schwach, gewaltt\u00e4tig und liebesf\u00e4hig. Wie in\nallen seinen Figuren sah Wagner auch in Alberich sich selbst.\nHeinrich Porges, Wagners Freund und Festspiel-Assistent, hat in\nseinem Bericht \u00fcber die &#8222;Ring&#8220; Proben 1876 von Wagners\n&#8222;wahrhaft d\u00e4monischer Gabe&#8220; gesprochen &#8222;sich in alle\nm\u00f6glichen Gestalten zu verwandeln&#8220;, was besonders in der\ndritten Szene des &#8222;Rheingolds&#8220; deutlich wird. Alberich, das\nunedle Wesen, ist eben doch das leidensf\u00e4hige Gesch\u00f6pf, mit\nSehnsucht begabt und der Erl\u00f6sung bed\u00fcrftig. (Dieter Schickling)<\/p>\n\n\n\n<p>Der\nGegensatz Alberich \u2013 Wotan kehrt im &#8222;Siegfried&#8220; in der\nKonstellation Mime \u2013 Siegfried wieder. Die entscheidenden Szenen\n\u00fcbernahm Wagner aus der Snorra-Edda, wo Mime als Schmied beim K\u00f6nig\nin Diensten steht und noch Regin hei\u00dft. Er erzog als Pflegevater\nSigurd und erz\u00e4hlte ihm von seinem Bruder Fafnir, der auf dem Golde\nlag, und reizte ihn an, das Gold zu erwerben. Dazu schmiedete er das\nSchwert Gram. Sigurd grub auf dem Weg Fafnirs zum Wasser eine Grube\nund setzte sich hinein. Als Fafnir \u00fcber die Grube kam, stie\u00df ihm\nSigurd das Schwert in den Leib. Sigurd briet auf Anweisung Regins das\nDrachenherz. Als er seine blutbefleckten Finger ableckte, verstand er\nauf einmal die Sprache der V\u00f6gel. Zwei Meisen sprachen: &#8222;Da\nliegt Regin \/ Ber\u00e4t mit sich; \/ Den, der ihm traut; \/ Betr\u00fcgen will\ner; \/ Finster sinnt er \/ Falschen Anschlag: \/ Den Bruder r\u00e4chen \/\nWill der R\u00e4nkeschmied.<\/p>\n\n\n\n<p>Da ging\nSigurd zu Regin und erschlug ihn, dann ging er zu seinem Pferd Grani\nund ritt, bis er zur H\u00f6hle des Fafnir kam, nahm das Gold heraus,\nlegte es dem Grani auf den R\u00fccken, stieg selbst auf und ritt seines\nWeges.&#8220; Bis auf ein paar \u00c4nderungen \u00fcbernimmt Wagner diese\nVorlage: den Namen Siegfried entnimmt er dem Nibelungenlied, aus den\nMeisen wird der Waldvogel und Fafner ist bei Wagner nicht mehr der\nBruder Mimes. Dessen Darstellung unterscheidet sich deutlich von dem\nknappen Bericht der Vorlage. \u00dcber das von Siegfried Mime entgegen\ngeschleuderte &#8222;Ich kann dich ja nicht leiden&#8220; bis hin zu\nden Regieanweisungen Wagners: &#8222;mit kl\u00e4glich kreischender\nStimme&#8220;, &#8222;in h\u00f6chster Angst&#8220;, &#8222;erschrocken&#8220;,\n&#8222;kleinm\u00fctig in sich&#8220;, &#8222;er sinkt schreiend hinter dem\nAmboss zusammen&#8220;, unterstreichen sie die Verachtung, die\nSiegfried seinem Pflegevater gegen\u00fcber empfindet. Auch die\nGrobheiten, die er ihm an den Kopf wirft, belegen dies:\n&#8222;Fratzenschmied&#8220;, &#8222;sch\u00e4ndlicher St\u00fcmper&#8220;, &#8222;der\nWicht&#8220;, den alten albernen Alb&#8220;, &#8222;garstiger Gauch&#8220;,\n&#8222;r\u00e4udiger Kerl&#8220;, &#8222;Mime, du Memme&#8220;, &#8222;ekliger\nSchw\u00e4tzer&#8220;. Der aus Rachsucht f\u00fcr erlittenes Unrecht, und das\nnicht nur durch Siegfried, sonder insbesondere durch Alberich,\ngespeiste Machttrieb beherrscht den Zwerg zunehmend: &#8222;Alberich\u2026\/\nDer einst mich band, \/ zu Zwergenfrone \/ Zwing ich ihn nun; \/ Als\nNibelungenf\u00fcrst \/ Fahr ich darnieder: \/ Gehorchen soll mir \/ Alles\nHeer !- \/ Der verachtete Zwerg, \/ Wie wird er geehrt! \/ Vor meinem\nNicken \/ Neigt sich die Welt, \/ Vor meinem Zorne \/ Zittert sie hin!&#8220;\nMime plant Siegfried, nachdem dieser Fafner get\u00f6tet hat, mit einem\nTrank zu vergiften und so selbst in den Besitz des Hortes und des\nRings zu gelangen. Da Siegfried aber vom Waldvogel gewarnt wird,\nerschl\u00e4gt er seinen Ziehvater und begeht damit seine &#8222;uns\nbeseligende Tat&#8220;, wie sie Wagner 1848 nennt. In der\nrevolution\u00e4ren Perspektive von einst siegen deshalb Wahrheit und\nLicht nicht nur auf der B\u00fchne, sondern auch im Zuschauerraum als\nVersprechen, mit dem Zwerg zugleich einen Teil vom &#8222;Ungest\u00fcm\nder chaotischen Urmacht besiegt und erlegt&#8220; zu haben. (Stefan\nBodo W\u00fcrffel)<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend\nMime sterben muss, wird Alberich in den folgenden Szenen von Mal zu\nMal menschlicher. Wagner hat gegen\u00fcber Alberich fast immer Sympathie\nempfunden. Als er die Stelle komponiert, wo Siegfried Br\u00fcnnhilde\n\u00fcberw\u00e4ltigt und ihr den Ring entrei\u00dft, denkt er an Alberich und\ndessen Schicksal: &#8222;das edelste Wesen leidet dasselbe wie der\nUnedle, der Wille ist in jedem Gesch\u00f6pf eins.&#8220; Alberich ist f\u00fcr\nWagner in vielf\u00e4ltiger Weise eine zentrale Figur, sie muss \u00fcberleben\nund es ist eine seiner gr\u00f6\u00dften musikdramatischen Leistungen\nAlberichs \u00dcberleben als Hoffnung erscheinen zu lassen und nicht als\nGefahr. Der Bildungsb\u00fcrger Wagner rechnet allein auf die ganz unten,\nweil nur sie genug Substanz haben, um das Versprechen der Liebe am\nEnde der Welt nach diesem Ende zu erwidern. Die Musik, die Alberich\numgibt, gewinnt \u00fcber die Rheingold-Szenen und die D\u00e4monie der\nGewalt in der Nibelheim-Szene bis zum H\u00f6hepunkt des Hagen-Gespr\u00e4chs\nimmer mehr verzweifelten Ernst. In dieser Szene zeigt sich Alberich\nals besorgter Vater, der um die Liebe seines Sohnes wirbt. Aber er\nstrebt auch immer noch nach dem Ring. W\u00e4hrend Wotan sich schon lang\nzur\u00fcckgezogen hat und nicht mehr in die Geschehnisse eingreift,\nSiegfried wei\u00df noch nicht einmal, dass er Wotans Enkel ist, erinnert\nAlberich Hagen: &#8222;den goldenen Ring, \/ den Reif gilt&#8217;s  zu\nerringen!&#8220; In diesem Gespr\u00e4ch befreit sich Alberich von seiner\nd\u00fcsteren Rolle und \u00fcbertr\u00e4gt sie auf Hagen, der ja dann auch mit\nder alten Welt untergeht. Alberichs Gesang gewinnt zunehmend an\nLeichtigkeit als ob ein Gewicht von ihm abfallen w\u00fcrde. Keine der\nheroischen Figuren \u00fcberlebt die &#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220;, sie\nf\u00fchren nur den Untergang herbei oder sie sind Opfer auf dem Weg zur\nFreiheit. Die Freiheit kann nur erreichen, der schon immer Opfer war\nund der durch alle H\u00f6hen und Tiefen gegangen ist. Alberich \u00fcberlebt,\ndamit die Mechanismen der alten Welt in der Erfahrung aufbewahrt\nbleiben k\u00f6nnen. Unten im K\u00f6rper und unten in der Gesellschaft \u2013\ndas hat f\u00fcr Wagner miteinander zu tun. Wer sich beider Lagen bewusst\nwird, kann f\u00fcr eine neue Menschheit \u00fcberleben. Er ist nicht ihr\nErl\u00f6ser, aber er wird vielleicht zu ihr erl\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Udo\nBermbach (Hrsg.) &#8222;Alles ist nach seiner Art&#8220;, Metzler,\nStuttgart 2001<\/p>\n\n\n\n<p>Udo\nBermbach, Dieter Borchmeyer (Hrsg.) &#8222;Der Ring des Nibelungen.\nAnsichten des Mythos&#8220;, Metzler, Stuttgart 1995<\/p>\n\n\n\n<p>Carl\nDahlhaus &#8222;Richard Wagners Musikdramen&#8220;, Reclam, Stuttgart\n1996<\/p>\n\n\n\n<p>Robert\nDonington &#8222;Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine\nSymbole&#8220;, Reclam, Stuttgart 1995<\/p>\n\n\n\n<p>Martin\nGeck &#8222;Wagner&#8220;, Siedler Verlag, M\u00fcnchen 2012<\/p>\n\n\n\n<p>Wolfgang\nGolther &#8222;Germanische Mythologie&#8220;, Marix Verlag, Wiesbaden\n2011<\/p>\n\n\n\n<p>Martin\nGregor-Dellin &#8222;Richard Wagner&#8220;, Piper, M\u00fcnchen 1980<\/p>\n\n\n\n<p>Heinz\nKrejci &#8222;Siegfrieds Kalaschnikow oder der missachtete Wagner&#8220;,\nVerlag Manz, Wien 2013<\/p>\n\n\n\n<p>Barry\nMillington &#8222;Der Magier von Bayreuth&#8220;, Primus Verlag,\nDarmstadt 2012<\/p>\n\n\n\n<p>Dieter\nSchickling &#8222;Abschied von Walhall. Richard Wagners erotische\nGesellschaft&#8220;, Knaur, Stuttgart 1983<\/p>\n\n\n\n<p>Richard\nWagner &#8222;Rheingold&#8220;, &#8222;Siegfried&#8220;,\n&#8222;G\u00f6tterd\u00e4mmerung&#8220;, Reclam, Stuttgart 1997<\/p>\n\n\n\n<p>Peter\nWapnewski &#8222;Der Ring des Nibelungen. Richard Wagners\nWeltendrama&#8220;, Piper, M\u00fcnchen 1998<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Doris Schweitzer Im zweiten Akt des &#8222;Siegfried&#8220; bewacht der Riese Fafner, in Gestalt eines Drachens, den ihm teils durch Arbeit, teils durch Brudermord zugefallenen Nibelungenschatz. Alberich, der ehemalige Schatzbesitzer, der ihn durch Entsagung gewonnen und durch g\u00f6ttliche List und Erpressung gleich wieder verloren hat, versucht Fafner zur Herausgabe des Rings zu \u00fcberreden. 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